Ein spannender Monat ist vorbei. Auf meine Frage zur achten Runde der NPO-Blogparade sind einige interessante Antworten eingegangen, die den Horizont wieder ein bisschen erweiterten. Im Sinne der Blogparade also ein voller Erfolg. Doch wie sahen die Antworten nun aus?

Gefragt hatte ich nach Motivationsstrategien zur politischen Online-Partizipation und eingeladen diese Fragestellung aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Wie können also Bürgerinnen und Bürger zu mehr Partizipation über das Internet bewegt werden? Kurz gefasst könnte man die meisten Antworten so zusammenfassen: „Die Politik ob im Verband, der Organisation oder den Parlamenten muss sich ändern.“

Ludger Brenner bspw. nähert sich dem Problem aus einer marketing-orientierten Perspektive. Brenner sieht die größte Herausforderung in der Vermarktung des Produkts “Politik” – oder eben deren Ergebnisse. Er spielt dabei aber nicht nur auf bekannte Beispiele im und über das Internet geführter Wahlkämpfe an, sondern nennt die ständige “Identifizierung des Verbrauchers mit dem Produkt”, die im Mittelpunkt des Marketings steht und der Einheit von “Vision, Mission, Transformation”, die nebst aller Lebensbereiche für ein “Meta-Marketing” die Voraussetzungen bilden.

Der PR-Indianer weißt ebenfalls darauf hin, dass die politischen Themen im Alltag (zu) häufig an der Lebenswirklichkeit der Bürgerinnen und der Bürger vorbei gehen. Entsprechend dem Konzept des Meta-Marketing sieht er dies als zentrales Problem und schlägt vor politische Kommunikation – über welche Tools auch immer — an Habermas’ Bedingungen für die Möglichkeiten von Verständigung zu messen bzw. auszurichten (Kommunikativa, Konstativa, Repräsentativa bzw. Expressiva und Regulativa).

Brenner resümiert: “Die Integration und damit die vermehrte Teilhabe der Öffentlichkeit an politischen Themen und der gewünschten Teilnahme erfolgt ausschließlich über eine eindeutige und klare Information und nicht über den Weg der ‘Verschleierung’.”

Karin Janner bezieht sich in ihrer Antwort auf eben die von Brenner indirekt geforderte ehrliche Kommunikation und schreibt, dass Mobilisierung (zu was auch immer) “im Web 2.0 nur [funktioniert], wenn ich die Philosophie hinter dem ‘Web 2.0’ verstanden habe und auch lebe.” Sie schreibt damit den “Hard-And-Havy-Usern” der Szene (wie sie vielleicht Ronald Hitzler beschreiben würde) bestimmte Eigenschaften zu, die die eben von Brenner genannte Verschleierung noch nicht einmal als mögliche Option der Web-Kommunikation zulässt.

Resultierend aus der Überlegung der verstandenen Philosophie des Web 2.0 nennt Karin Janner drei Grundvoraussetzungen für eine erfolgreiche Web-Mobilisierung: (a) “die eigene Begeisterung für das Thema”, die sich sicherlich auch im Habitus erfolgreicher Social Web User(innen) widerspiegelt und deren größte Motivation ist, (b) die “ernst gemeinte Kommunikation”, die potentiell Interessierte nicht frustrierend oft gegen die weiße Wand des Elfenbeinturms anschreien lässt und (c) “echtes Interesse”, was auf potentielle Wähler(innen)/ Kund(innen)/ Besucher(innen) sowieso eher anziehend als abstoßend wirkt — behaupte ich jetzt mal.

Noch einen Schritt weiter geht Christian Henner-Fehr. Der Kulturmanager sieht vor allem in dem Social Web innewohnenden Prinzip der kreativen Gestaltung neuer Inhalte eine große Chancen Bürgerinnen und Bürger zur Online-Partizipation zu bewegen. Dabei müssen aber zwei Dinge klar sein: Erstens müssen politisch agierende Organisationen mit dem Kontrollverlust umzugehen wissen, den diese Form der Teilhabe mit sich bringt und zweitens, schreibt der Kulturmanager, sind der (Online-) Partizipation Grenzen gesetzt. Gemeint sind nicht etwa nur die Grenzen, die eine Organisation um ihre Satzung, ihre Leitbilder oder ihr informelles Selbstverständnis zieht, sondern die, die die Online-Nutzung selbst mit sich bringt. In Bezug auf eine FORRESTER’S STUDIE von 2006 zeigt Henner-Fehr auf, dass die wenigsten Userinnen und User ihre passive — lediglich konsumierende Rolle — zu verlassen bereit sind.

Herbert Schmidt
ergänzt diese Grenzen der Online-Partizipation und schreibt, dass vor allem die größer werdenden Gruppe der älteren Menschen, das Internet noch nicht in dem Maße nutzt, wie es für eine weitere Etablierung derartiger zivilgesellschaftlicher Internetaktivitäten notwendig wäre. Eine “Mobilisierung der Massen” durch die Möglichkeiten, die das Internet bietet, sind ihm zu folge daher noch einzelne Leuchtturmbeispiele.

Will man diese ersten Antworten zusammenfassen, müsste man tatsächlich sagen: „Die Politik muss sich drehen.“ Mit einem intransparenten Herumgewurschtel, das den interessierten Bürgerinnen und Bürgern mehr Informationen vorenthält, als es offen legt, sind die Forderungen nach mehr Bürgerbeteiligung und (kreativem, politischem) Engagement nicht zu erfüllen. Doch kann sich die Politik überhaupt „drehen“ oder ist sie als gesellschaftliches Funktionssystem – wie Gerald Czech meint – schlicht nicht anschlussfähig an den Rest der Welt?

Vielleicht waren es die vergangenen politischen Ereignisse in Österreich, die den Redcrosssocialist zu einer derart düsteren Prognose bewegten, begründet hat er sie auf jeden Fall ziemlich schlüssig: Er schreibt, dass Politikerinnen und Politiker gar nicht wirklich an einer direkten Teilhabe der Bürgerinnen und Bürger interessiert sein können. “Die Akkumulation von politischem Kapital oder auch von Macht, wenn man es platt sagen möchte, steht dieser Strategie [der zivilgesellschaftlichen Teilhabe] diametral gegenüber.”

Doch ist es – muss man hier widersprechen – bei Habermas’ gar nicht der Bürger oder die Bürgerin, deren Teilhabe von den Parlamenten zu dulden ist, sondern die bürgerliche Vereinigung oder Assoziation, die das immer wiederkehrende einlenken der Politik in verschiedensten Fragen bewirkt. Nicht ohne Grund sieht Günter Bresgun in der Weiterentwicklung engagementfördernder Projekte in Richtung Online-Partizipation große zivilgesellschaftliche Potentiale, deren Vorteile auf der Hand liegen: “Vernetzung zwischen den relevanten Akteuren ohne Reibungsverlust, Motivation durch unmittelbar erlebbare Einflussmöglichkeiten sowie Nachhaltigkeit in der Kommunikation der Inhalte durch öffentliche Diskussionen.“

Schließlich lässt sich dem parlamentarischen Komplex – besonders aber den Parteien der bürgerlichen Mitte – eine nachlassende Transformation demokratischer Prinzipien wie gesellschaftliche Mitgestaltung attestieren (meint auch Günter Bresgun), was zivilgesellschaftliche Vereinigungen unabdingbar macht. Czech schreibt dazu, das diese zivilgesellschaftlichen Aspekte tatsächlich integraler Bestandteil nicht-profitorientierter Organisationen sein müssten, weist aber (mit Verweis auf die Luhmann’sche Systemtheorie) darauf hin, dass der politische Einfluss von NPOs beschränkt bleibt, weil die Konflikte, die sie auszulösen im Stande sind, gesellschaftlich wenig Relevanz besitzen.

Vielleicht ist die Antwort Gerald Czechs tatsächlich etwas düster, wenn – wie man aus ihr herauslesen kann – zivilgesellschaftliche Werte offenbar nur in ihrer auf Symbolpolitik verschlagwortlichten Form mehrheitsfähig sind. (“Wir wollen mehr Demokratie wagen” [Willy Brandt]) Auf jeden Fall lässt Czech am Ende doch noch einen Lichtblick zu: Die politische Online-Partizipation vieler Bürgerinnen und Bürger, schreibt er, wird vielleicht noch eine Weile auf sich warten lassen, doch vor allem in der jüngsten Politiker(innen)generation ist eine Entwicklung zur Öffnung zum Social Web immer deutlicher zu erkennen – was ich nur bestätigen kann.

Brigitte Reiser, die sich in ihrer Antwort ausschließlich auf die Mobilisierung zum freiwilligen Engagement bezieht, geht die Frage aus einer anderen Perspektive an. Für sie ist es weniger die Politik die sich für Teilhabe und Partizipation öffnen muss als die Bürgerinnen und Bürger, die bei ihrem freiwilligen Engagement – und damit im Sinne Habermas auch zu zivilgesellschaftlicher Teilhabe – bessere Rahmenbedingungen seitens der Organisationen brauchen. Freiwillige, die sich für die ihre Belange, die Belange ihrer Nachbarschaft oder auch andere Angelegenheiten einsetzten, von denen sie meinen, dass sie sie betreffen, sind schließlich die Basis für eine funktionierende Bürgergesellschaft.

Bei den verschiedenen Versuchen Bürgerinnen und Bürger zum (immer auch politischen) Engagement zu bewegen, wird — ihr zu folge — “die Rolle der Organisationen, in denen das freiwillige Engagement geleistet wird, und deren (Mit)Verantwortung für den Erfolg und die Attraktivität von ehrenamtlichem Engagement” ausgeblendet. Aus — zu kurz geratenen — zivilgesellschaftlichen Überlegungen wird also der Schluss gezogen, dass von der Qualität und Quantität freiwilligen Engagements das Funktionieren oder Nicht-Funktionieren der Zivilgesellschaft abhängt. Dieser Denke folgend, müsse man eigentlich nur noch die 32% der deutschen Bevölkerung mobilisieren, die zum Engagement “bestimmt” bzw. “eventuell” bereit sind (Freiwilligensurvey 1999-2004) und sich für die restlichen “Engagementunwilligen” etwas überlegen. (Vielleicht ein unfreiwilliges Soziales Jahr?!)

Das dies freilich so nicht funktioniert, sollte auf der Hand liegen. Allem Engagement im Web zum trotz, engagieren sich die meisten Freiwilligen immer noch in traditionellen Organisationen wie bspw. der Kirche oder dem Roten Kreuz, in deren fest gefügten Organisationsstrukturen die inhaltliche Mitgestallten sehr schnell an die professionelle und hierarchische Grenzen stößt (B. Reiser) und so auch 43 Mio. Engagierte die Zivilgesellschaft nicht in dem Ausmaß stärken, wie es heute vielleicht angenommen wird.

Für eine effizientere Freiwilligenarbeit, die in Deutschland allen politischen Verlautbarungen zu folge, die Bürger- oder auch Zivilgesellschaft stärken soll, schlägt Brigitte Reiser schließlich eine “Selbstüberprüfung [vor], die ständig hinterfragt, welche Folgen das Handeln der eigenen Organisation für die Zivilgesellschaft hat.” Mit einem solchen Mainstreamgedanken kann freiwillig Engagierten tatsächlich die Chance gegeben werden, ihre Freiwilligen-Organisation und schließlich auch die sie betreffende Politik zu beeinflussen.

Zusammenfassung:
Wie oben angekündigt wurde die Frage nach möglichen Mobilisierungsstrategien zur zivilgesellschaftlichen Online-Partizipation auf vielerlei Weise und aus verschiedenen Blickwinkeln beantwortet. Zum einen wurde aufgezeigt, dass „die Politik“ sich trotz verschiedenster parteipolitischer Verlautbarungen mit Zähnen und Klauen gegen die direkte Teilhabe der Bürgerinnen und Bürger zu wehren scheint, zum anderen wurden von Herbert Schmidt aber auch Leuchtturmbeispiele der Einflussnahme wie die Zensursula- Petition genannt.

Eine Möglichkeit mehr Menschen zu politischer Online-Partizipation zu mobilisieren ist zweifellos eine Social Web- kompatible Politik, die ehrlich kommuniziert, an den Bürgerinnen und Bürgern interessiert ist und sich außerdem von diesen mitkreieren lässt (Brenner, Janner und Henner-Fehr). Eine andere ist, bürgerschaftliche Interessen über NPOs – die ja eigentlich auch dafür da sein sollten (Czech) – lautverstärkend in die politische Öffentlichkeit zu tragen (Bresgun), was allerdings auch bedeutet, dass sich Dritt-Sektor-Organisationen weiter öffnen müssen um die Freiwilligenarbeit (bzw. ihren Einfluss auf die Gesellschaft) effizienter zu gestallten (Reiser).

Mit dem persönlichen Fazit, dass die politische Online-Partizipation in einem Spannungsfeld zwischen symbolpolitisch notwendigen Verlautbarungen und den Schwierigkeiten praktischer Politik Tag für Tag neu ausgefochten werden muss und dies medienkompetente, mündige und emanzipierte Bürgerinnen und Bürger voraussetzt, gebe ich nun an Herbert Schmidt ab, der sich in der neunten Runde der NPO-Blogparade mit der Frage „eLearning mit und für Seniorinnen und Senioren, wie passt das zusammen?“ beschäftigen wird.