Letzte Woche Freitag (10. Sept. 2010) war ich zu Gast auf der stART conference in Duisburg. Die stART, die dieses Jahr zum zweiten Mal stattfand, lockte über 500 Teilnehmende in die Duisburger Mercatorhalle. Eingeladen waren mehr als 50 Sprecherinnen und Sprecher, die über den Einsatz des Web 2.0 im Bereich von Kunst und Kultur referierten. An zwei Konferenztagen wurden in Duisburg vor allem neue Ansätze für Geschäftsmodelle und der Einsatz des Mobile Webs im Kunst- und Kulturbetrieb erörtert.

Aber auch Grundlagen für den Social-Media-Einsatz in der Branche wurden angeboten. So referierte der Law-Blogger Henning Krieg über rechtliche Aspekte beim Einsatz von Social Media, die Autorin des beim O’Reilly-Verlag erschienenen Facebook-Buchs Annette Schwindt zeigte interessierten Teilnehmenden, wie eine professionelle Facebook-Seite aufzusetzen ist und bei Nicole Simon — Autorin des Bestsellers „Twitter – mit 140 Zeichen zum Web 2.0“ — konnte man mehr über die Möglichkeiten des wohl bekanntesten Microblogging-Dienstes erfahren.

Ich selbst referierte über das Online- und Micro-Volunteering — das Engagement für die Hosentasche. Mein Ziel war es zunächst auch die Engagementförderung in Gestalt des Online-Volunteering in das Blickfeld der Teilnehmenden zu rücken. Einige Vorträge auf der stART schrammten das Thema zwar, behandelten Geo- oder Imagetagging im Kunst- und Kulturbereich aber eher als Möglichkeit der (Besucher-)Beteiligung und des Crowdsourcing. Ich hatte hier im Blog schon einige Male geschrieben, dass ich etwas abgeneigt bin, die bloße Beteiligung oder das Crowdsourcing als Varianten freiwilligen Engagements zu begreifen. Einfach nur mitmachen oder über das Internet beteiligt werden hat meiner Ansicht nach nicht viel mit der Idee freiwilligen Engagements zu tun.

Freiwilligenarbeit als die nicht erzwungene, bewusste Entscheidung für das unentgeltliche Engagement in und für die Öffentlichkeit geht m.E. über die Konsumentenbeteiligung via Videowettbewerb oder auch das bloße Angebot einer (virtuellen) Feedback-Box hinaus. Sicherlich gibt es einige Parallelen — besonders was die Stakeholderbindung anbelangt, können soziale und kulturelle Einrichtung mit (Online-) Beteiligungsmöglichkeiten punkten — doch kann nur das freiwillige Engagement für Projekte und Initiativen das Gefühl vermitteln, etwas Eigenes geschaffen, einen wesendlichen Teil beigetragen zu haben.

Mit dem Micro-Volunteering — und auch das hatte ich schon betont — bewegen wir uns an der Grenze zwischen Crowdsourcing, Bürgerbeteiligung und Freiwilligenarbeit. Ja: Es bietet die Möglichkeit Engagementwillige, die sonst keine Zeit oder keinen Zugang zu einem interessanten Engagementprojekt haben, einzubinden; doch NEIN: — und diese Kritik richtet sich vor allem gen Westen — es ist nicht besonders günstig zu haben.

Shelley Berstein brachte es in ihrem inspirierenden Vortrag zu den Social-Media-Aktivitäten des Brooklyn-Museums auf den Punkt:

Setting up a Social Media project takes two or three days. However, to monitor and moderate it, is what requires a lot of time.(Nicht wörtlich)

Das lässt natürlich daran denken, dass freiwilliges Engagement — ob über das Internet oder vor Ort — weder kostenlos noch umsonst ist. Wenn die Extraordinaries also auf ihrer Website über die Vorteile des Micro-Volunteering schreiben

MICRO-volunteering. It’s the next step in the evolution of *how* nonprofits get help. It’s a kind of volunteer collaboration that happens entirely online: requiring less time from volunteers and more importantly *less management* by your nonprofit staff.

dann haben sie natürlich Recht damit, dass es Freiwilligen nicht mehr sonderlich viel Zeit abverlangt. Vielleicht haben sie auch damit Recht, dass das Micro-Volunteering der nächste Entwicklungsschritt auf dem Weg des freiwilligen NPO-Supports ist. Was m.E. aber an der Realität der Freiwilligenarbeit vorbei geht, ist die Behauptung, dass es weniger Management bedarf. Vor allem sporadisch engagierte Freiwillige müssen besonders gepflegt werden. Da sie sich nur punktuell, vielleicht auch in verschiedenen Projekten engagieren, ist es ja im Grunde so, dass sie jedes Mal das erste Mal dabei sind ­­und ein guter Start — das wissen wir alle — ist das A und O.

Ich vermute, dass die Macherinnen und Macher der Extraordinaries aus der Perspektive der vollständigen Digitalisierung von Freiwilligenarbeit argumentieren. Das Management würde tatsächlich obsolet, könnte man den Faktor Mensch aus dem freiwilligen Engagement streichen. Das geht aber nicht! Das geht vor allem nicht, weil die vollständige Digitalisierung nur „Ja“ und „Nein“, 0 und 1 zulässt. Das in der menschlichen Interaktion nur all zu häufige „Jain“ ist nicht vorgesehen. Wir könnten uns hier auch gern eines Argumentes aus der Debatte um den Datenschutz bedienen: Kritikerinnen und Kritiker meinen nämlich zur automatisierten Erfassung und Überwachung „Auffälliger“, dass die Digitalisierung und Automatisierung von Entscheidungen, den für unser Recht essentiellen Bestandteil des Ermessens ausschließt.

Alles in allem ist also festzuhalten, dass die Freiwilligenarbeit — ob nun über das Internet, das Mobiltelefon oder vor Ort in einer Organisation — Investitionen erfordert. Wer freiwilliges Engagement fördern will muss investieren, hat aber im Gegenzug auch einiges zu erwarten. Nicht nur, dass sich Vereine und GmbHs mit dem Label „Gemeinnützigkeit“ versehen lassen können, sie ankern auch besser im Gemeinwesen und legitimieren sich dort als soziale / kulturelle Organisation und nicht zu letzt werden aus sporadischen Micro Volunteers mithin auch Spenderinnen und Spender — wertvolle Stakeholder für unterschiedlichste Projekte.



Leider hat die Slidecast-Funktion von Slideshare.net bei unserem kleinen Micro-Engagement im Saal nicht ganz mitgemacht. Ein paar Folien musste ich deshalb raus nehmen.