Karin Buchner und Frank Weller veröffentlichten kürzlich im Blog „Projekt Ehrenamt“ einen Beitrag zur Zukunft der Freiwilligentätigkeit und fragten, ob die neuen Formen des freiwilligen Engagements das Ende des Ehrenamts bedeuten.* Vor allem das sporadische Engagement in informellen Gruppen und Initiativen weist ihrer Ansicht nach darauf hin. Nach der Zukunft der Vereinsarbeit — und damit auch der des Ehrenamts in Vereinen — fragt auch Brigitte Reiser in ihrem aktuellen Beitrag. Sie beschäftigt sich mit der Frage, wie Vereine in Deutschland so zu stärken sind, dass sich wieder mehr Verantwortungsträger!nnen finden lassen und mahnt mehr Demokratie in der Vereinsarbeit an.

Auch mir scheint die Frage nach der Zukunft ehrenamtlicher Vereinsarbeit von hoher Relevanz. Ein Blick in den Freiwilligensurvey genügt, um festzustellen, dass Vereine mit großem Abstand die häufigste Organisationsform freiwilligen Engagements sind. Zwar verzeichnet der aktuelle Freiwilligensurvey für die letzten fünf Jahre einen leichten Anstieg des freiwilligen Engagements in Gruppen und Initiativen (2004: 10%, 2009: 13%), doch lässt sich auf dieser Basis noch keine Zunahme postulieren, wie sie sich bei Buchner und Weller lesen lässt. Eher Umgekehrtes scheint der Fall: Es weisen einige Indizien darauf hin, dass die Organisation freiwilligen Engagements seitens engagierter wie auch engagementinteressierter Menschen verstärkt der öffentlichen bzw. (ehrenamtlich) organisierten Ebene des Dritten Sektors angetragen wird, womit eben nicht davon auszugehen ist, dass sich die Bürger- oder Zivilgesellschaft in absehbarer Zeit zu einem sich selbst organisierendes Vehikel für die Akkumulation „öffentlichen Sozialkapitals“ entwickeln wird (siehe dazu Jähnert/Breidenbach/Buchmann 2011: 40).

Wie ist es nun aber bestellt um das Ehrenamt in Vereinen und die stete Verantwortungsübernhame in Form freiwilligen Engagements? Viele Vereine und Organisationen haben seit Jahren mit schwindenden Mitgliederzahlen zu kämpfen. Brigitte Reiser schreibt, dass in den letzten zehn Jahren allein im Sport  650.000 Engagierte verloren gegangen sind. In Politik und Gewerkschaft ist der Rückgang noch gravierender: Dathe, Priller und Thürling schrieben im zweiten WZ-Brief Zivilengagement 2010 dass CDU und SPD im allein im Jahr 2009 zusammen zirka 16.000 Mitglieder verloren — den Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) haben im selben Jahr sogar 106.000 Mitglieder verlassen. Das hier also nicht erst in ferner Zukunft  die Frage nach neuen Verantwortungsträger!nnen gestellt werden muss, ist offenkundig.

Aus heutiger Sicht ist schwer zu sagen, ob es sich bei diesem Rückgang nur um eine zyklische Verschiebung der Themen öffentlicher Beteiligung und freiwilligen Engagements handelt (von Politik, zu Selbsthilfe, zu Ökologie, zu Sozialem) oder ob die Freiwilligenarbeit auf Grund massenhaftem Rückzug ins Private insgesamt generell abnimmt (dazu Dathe 2011: 42). Fakt ist allerdings, dass vor allem junge Menschen (und ganz besonders junge Frauen) im freiwilligen Engagement unterrepräsentiert sind, was neben traditionellen Geschlechterrollen mit dem Bündel an Herausforderungen einher gehen könnte, mit dem sie sich in ihrem Alter i.d.R. konfrontiert sehen (Studium, Berufsausbildung, Familiengründung, Berufseinstieg usf.).

Im freiwilligen Engagement über das Internet sehe ich einen möglichen Weg, jenen die aktive Teilhabe in Form eines freiwilligen Engagements möglich zu machen, denen es auf Grund hoher oder sehr eingeschränkter Mobilität bisher versagt blieb. Dabei sehe ich durch aus die Gefahr, dass mit dem Einbeziehung freiwillige Engagierter über das Internet seitens der Organisationen versucht wird, vermeintlich freie Ressourcen abzugreifen und damit weniger echte Unterstützer!nnen als vielmehr unentgeltliche Dienstleister!nnen rekrutiert werden, denen kein weiteres Mitspracherecht und auch keine weitere Wirkungsmacht zugebilligt werden muss. Das ist m.E. ein fatales Missverständnis der unterschiedlichsten Überlegungen zu neuen Wegen des freiwilligen Engagements (Online-Volunteering, Service Learning, Corporate Volunteering usf.). Im Hinblick auf die für stetere Verantwortungsübernahme notwendigen Bindungseffekte, die sich mit Helmut Klages durch die sukzessive Ausweitung von Verantwortungsspielräumen erklären lassen (Klages 2001: 13), ist die bloße Rekrutierung unentgeltlicher Dienstleister!nnen ganz offenbar der falsche Weg.

Beim Beschreiten neuer Wege freiwilligen Engagements kann es m.E. also nicht vordergründig darum gehen, die Leistung freiwillig Engagierter für vorformulierte Ziele zu instrumentalisieren. Zwar ist die „Erfahrung ‚konkreter Nützlichkeit‘“ für den Verbleib im freiwilligen Engagement sehr wichtig (Düx 2011: 67), doch reicht das Versprechen, irgendetwas Nützliches zu tun zu bekommen, dafür bei Weitem nicht aus. Sinnvoller sind dürften hier selbst gewählte Themen und Projekte sein, für die sich Engagementwillige einerseits begeistern können und andererseits auch bereit sind Verantwortung zu übernehmen. Mit einer so verstandenen Engagementförderung können (langfristige) Lernprozesse initiiert werden, die bestenfalls dazu führen, dass das freiwillige, gemeinschaftliche Engagement in der Öffentlichkeit für die Belange, die sich im jeweiligen Lebensumfeld finden, als Selbstverständlichkeit angesehen wird. Damit könnte wirklich auf ein Mehr freiwilligen Engagements hingewirkt werden, das nicht nur die unabdingbare Verantwortungsübernahme für die Organisation zivilgesellschaftlicher Infrastruktur, sondern auch die Zivilgesellschaft selbst in den Blick nimmt.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die neuen Wege zu freiwilligem Engagement — insbesondere das Online-Volunteering —  m.E. nicht zwingend zum Ende des Ehrenamts führen. Vielmehr ist es der kurzsichtige Einbezug Freiwilliger als unentgeltliche Dienstleister!nnen, der dem zukünftigen Ehrenamt entgegen steht. Ohne Verantwortungs- und Gestaltungsspielräume für Freiwillige – ohne Demokratie und „echte Partizipation“ — avancieren neue Wege des freiwilligen Engagements eher zu bequemer Gewissenserleichterung für jene, die keinen Bock haben, sich mit anderen Menschen auseinander zu setzen, als dass damit tatsächlich zivilgesellschaftliches Engagement und Ehrenamt zu fördern wäre.

*Insbesondere wird von den beiden das Online-Volunteering angesprochen, das sie sowohl als freiwilliges Engagement über das Internet als auch als internetgestützte Vermittlung Freiwilliger verstehen. Es ist mir ein Anliegen an dieser Stelle anzumerken, dass ich die Vermittlung von Freiwilligen nur insofern als Online-Volunteering verstehe, als auch hier Freiwillige am Werk sein können, die sich von zu Hause, von Arbeit oder von unterwegs aus über das Internet für die Vermittlung Dritter engagieren 🙂