An allen Ecken und Enden werden in Deutschland Fachkräfte gesucht. Bedingt durch die geburtenschwachen Jahrgänge Anfang der 1990er Jahre, der Einführung von Bachelor- und Master-Studiengängen, der teilweise unterirdischen Bezahlung und  mithin fehlender Aufstiegsperspektiven ist das headhunting besonders in sozialen Berufen sehr viel komplizierter geworden als es früher einmal war. Insbesondere für die Pflege und Kindererziehung — Berufe, denen in Deutschland bei Weitem nicht der Wert beigemessen wird, den sie eigentlich verdienen — werden gut qualifizierte Fachkräfte rar. Wie Julia Russau im Juni letzten Jahres schrieb, wird die Suche nach qualifiziertem Personal hier zunehmend zum Kunststück.

Ähnlich wie bei anderen Gewerben (wie bspw. dem Bäckerhandwerk) wird auch im Sozialbereich versucht, über Imagekampagnen soziale Berufe gut aussehen zu lassen — mit offenbar übersichtlichem Erfolg. Spätestens seit der Aussetzung des Wehr- und Wehrersatzdienstes scheint es zur Gewissheit zu werden: Die Entwicklung von  Lösungsansätzen, mit denen dem Problem des Fachkräftemangels entgegengewirkt werden kann, wurde lange Zeit nicht in Angriff genommen. Vielleicht ist dies ein Resultat der oft beklagten Fehlentwicklungen — weithin bekannt als Projektitis — in diesem Sektor, die besonders kleinere Dritt-Sektor-Organisationen eher kurz- denn langfristig agieren ließ — und wohl auch weiterhin agieren lässt. Doch nützt es nichts, in der Vergangenheit verpassten Chancen nachzuweinen, ohne wenigstens jetzt über neue Strategien der Fachkräftegewinnung für soziale Berufe nachzudenken.

Katrin Kiefer regt in der aktuellen NPO-Blogparade zu Personalmanagement und Online-Volunteering genau hierzu an. Was aber hat das freiwillige Engagement über das Internet, das Online- und Micro-Volunteering, mit Personalmanagement und -recruiting zu tun? Dazu ein recht erhellendes Zitat aus dem Studienband „Kompetenzerwerb im freiwilligen Engagement“ von Wiebken Düx, Gerald Prein, Erich Sass und Claus J. Tully:

So wie der Schulunterricht etwa im Fach Physik zu einem basalen Lernort für spätere Naturwissenschaftler werden kann, scheint das freiwillige Engagement im Jugendalter — neben dem [ausgesetzten] Zivildienst und Freiwilligendiensten — ein zentrales Rekrutierungsmilieu für Erziehungs-, Sozial- und Gesundheitsberufe zu sein (Düx et al. 2009: 268f.).

Im Vergleich zu früher nicht-engagierten Erwachsenen weisen vormals engagierte insbesondere bei kulturellen und sozialen Kompetenzen deutliche Vorsprünge auf. Sie haben es gelernt, sich in tradierten Strukturen zu bewegen, deliberative Team- und Gremientätigkeiten ‚auszuhalten‘ und aus wenig (oder manchmal gar nichts) viel zu machen. Sie haben sich — das ist eine Lesart dieses Findings — eine Art Habitus angeeignet, der zur Handlungslogik von Dritt-Sektor-Organisationen passt. Eine andere, ebenso mögliche, Lesart wäre, dass sie durch ihr Engagement im Jugendalter früh diszipliniert wurden. Begreift man die Institutionen des Bildungssystems nämlich als Anpassungsanstalten an gegebene Verhältnisse spricht dafür auch, dass sie „auch unter Ausschluss anderer Variablen, höhere Bildungsabschlüsse [erreichen]“ (Düx et al. 2009: 269).

Nun ist es auch ein gewisser Habitus bzw. ein gewisser Grad der Diszipliniertheit, der freiwilliges Engagement in traditionellen NPOs zu begünstigen scheint. Ich hatte bereits mehrmals die These vertreten, dass sich die heute Engagierten Deutschen eher in den traditionsorientierten Milieus der bürgerlichen Mitte, des traditionellen und des konservativ-etablierten Milieus finden als sie in der neuorientierten Mittel- und Oberschicht zu suchen wären. Hier — so meine These — finden sich wohl eher jene, die angeben „bestimmt“ oder „eventuell“ zum freiwilligen Engagement bereit zu sein bzw. sich zu neuen (bislang nur schlecht erfassten) Formen des eher informellen Engagements hingezogen fühlen. Mit dem Online- und Micro-Volunteering, das habe ich in meiner kürzlich abgeschlossenen Reihe zur Zukunft des freiwilligen Engagements gezeigt, könnten nun auch Engagementinteressierte aus diesen Milieus an freiwilliges Engagement und perspektivisch auch Ehren- und Hauptamt im sozialen Bereich herangeführt werden.  Doch wie kann das gelingen?

Vom sporadischen Micro-Volunteering bis zum steten (Haupt-) Amt?

Was das freiwillige Engagement betrifft, ist die Stimmung in Deutschland gut. Freiwilliges Engagement und Ehrenamt genießen einiges Ansehen unter jung und alt. Einzig die Engagementquoten halten mit der Engagementbereitschaft nicht mit, weil die Angebote immer weniger der Nachfrage entsprechen. Man möchte sich ja engagieren, will aber auch wissen zu welchem Zweck man welche Fähigkeiten einbringen (oder erlernen) soll und wie lange es wohl dauert, bis das Ziel erreicht ist. Die inhaltlich wie zeitlich häufig unspezifischen Engagementangebote schrecken insbesondere die high potentials und busy people eher ab, als dass sie für sie eine ernstzunehmende Option der Freizeitgestaltung werden könnten. Erst mit der Familie und den größer werdenden Kindern hält das freiwillige Engagement im Kindergarten, in der Schule und im Sportverein dann Einzug in den Alltag. Für die Fachkräftegewinnung ist es dann aber zu spät.

Es ist also die Jugendphase, auf man sich hier konzentrieren sollte. Gerade hier aber, so konstatiert Klaus Farin im BBE-Newsletter (8/2012), gibt es wohl einige Probleme: Das jugendliche Engagement nämlich geht insbesondere an traditionellen NPOs des Dritten Sektors — gerade jenen, denen wohl die größte Disziplinierungskraft beigemessen werden kann — spurlos vorbei, weil sie „in ihrer autistischen Erstarrung“, wie es Farin (S. 6) ausdrückt, für Jugendliche zunehmend unattraktiv werden. Doch was ist nun nötig, um den Landeanflug vom sporadischen Micro-Volunteering zu stetem Haupt- und Ehrenamt zu gestalten, wie ich ihn im letzten Teil meiner Reihe zur Zukunft des freiwilligen Engagements beschrieb?

  1. Spezielle Rahmenbedingungen: Jugendliches Engagement braucht andere Rahmenbedingungen als das Engagement von Erwachsenen. Anders nämlich als Eltern, die sich im Beirat der Kita ihrer Kinder engagieren, steht jugendliches Engagement in unverhältnismäßig viel stärkerer Konkurrenz zu anderen Optionen der Freizeitgestaltung. Dementsprechend sind Friktionskosten, die aus taktischem Geplänkel, aus als bürokratisch wahrgenommener Deliberation (bspw. Gremienarbeit) oder der nicht akzeptierten Notwendigkeit von Schulungskursen entstehen Engagementkiller.
  2. Freiwilliges Engagement als Beziehungsarbeit: Wenn jugendliches Engagement zu mehr als kurzfristiger Befriedigung gieriger Organisationen führen soll, darf es sich nicht darauf beschränken die engagementinteressierte Jugend via Gamification u.ä. zu vercrowden. Das Crowdsourcing á la Wikipedia ist zwar hochgradig zweckdienlich für die Produktion von digitalen Gütern (bspw. Texten), doch weist es bei Weitem nicht die Bindungskraft freiwilligen Engagements auf, die als Beziehungsarbeit zwischen einer Organisation oder Gruppe und einem Individuum entworfen wird.
  3. Unterschiedliches und Mehr möglich machen: Jugendliche, davon ist unbedingt auszugehen, bringen viele Fähigkeiten und Kompetenzen mit, die sie abseits der Schulungskurse auch gern weiterentwickeln. Der eine kennt sich mit Videoschnitt aus, die andere mit Photoshop, Gimp und ähnlichem. Wer also jugendliches Engagement fördern will, sollte genau hier ansetzten und den diversen Interessen und Fähigkeiten jugendlicher gerecht werden. Per Online-Volunteering ‚nur‘ Texte zu übersetzen wird mit der Zeit langweilig und ausschließlich 5-Minuten-Engagements werden dem Ziel der Engagementförderung nicht gerecht. So muss es also darum gehen das Engagement sowohl vom inhaltlichen wie auch vom zeitlichen Anspruch her zu diversifizieren, um damit so viele Anknüpfungspunkte wie möglich zu schaffen.

Fazit

Das freiwillige Engagement in „Ernst- und Echtsituationen“ befördert nicht nur den Erwerb kultureller und sozialer Kompetenzen im Jugendalter. Es fördert auch die Inkorporation eines Habitus, der für die Arbeit in traditionellen Organisationen des Dritten Sektors anschlussfähig ist; es diszipliniert und zivilisiert. Dass nun insbesondere die traditionellen NPOs große Schwierigkeiten damit haben, neue Wege zum freiwilligen Engagement und Ehrenamt zu gestalten, ist ein großes Manko für ihre zukünftigen Rekrutierungsbemühungen. Allein mit Kampagnen das Image sozialer Berufe aufzuhübschen reicht nicht aus, weshalb neue Wege zum freiwilligen Engagement dort ansetzen müssen, wo es nicht mehr möglich erscheint, sich mit Althergebrachten gegen die Konkurrenzoptionen jugendlicher Freizeitgestaltung durchzusetzen. Immer zu bedenken ist dabei allerdings, dass diese neuen Wege auch tatsächlich zum freiwilligen Engagement und Ehrenamt führen müssen und nicht nur Mittel für kurzfristige Güterproduktion sein dürfen. Ganz kurz: Die „Crowd“ auszunutzen mag kurzfristig Profit versprechen, langfristig lassen sich die Positionen in haupt- und ehrenamtlichen Führungspostitionen aber nicht besetzen.