Achtung, aufgepasst! Am 06. Oktober geht das BarCamp Frauen in die dritte Runde — für Berliner Verhältnisse grenzt das schon an Tradition. Als BarCamp organisiert bietet die Frauen(un)konferenz in der Berliner Kalkscheune Raum, um zuzuhören, mitzureden und sich einzubringen. Kurzum: Das BarCamp Frauen setzt ein relevantes Thema – nämlich Gleichstellung aller Geschlechter – auf die politische Agenda;

raus aus den Stuben der Politik und rein in die politische Debatte.

Soweit die Ankündigung, jetzt zur Realität: Auf dem BarCamp Frauen treffen sich — wen kann das überraschen — überwiegend Frauen. Auch wenn Männer hier und da angesprochen werden (z.B. mit dem Stichwort „Väter-Zeit“) sind die Herren der Schöpfung auf dem Frauenbarcamp dramatisch unterrepräsentiert. Will heißen, es wird — wenn überhaupt — eher über sie als mit ihnen gesprochen. Als ich letztes Jahr dort war, um dem mit aktiver Einmischung etwas entgegenzusetzen, war ich einer von insgesamt sechs Männern unter einer Heerschar von 150  — mithin bis zum Platzen selbstbewusster — Frauen.

Dementsprechend gestaltete sich natürlich auch der Sessionplan. Das ist ja das Prinzip eines BarCamps: Es wird diskutiert, was die Teilnehmenden diskutieren wollen. Im letzten Jahr waren das überwiegend Job-Themen: „Frauen in Wissenschaft und Forschung“, „Burnout“, „.. mein Leben, meine Pläne, mein Traumjob“ oder „die gläserne Decke“. Außerdem wurden — das fand ich sehr interessant — auch Orchideen-Themen angesprochen wie „Überleben als Single“ oder „radikal feministische Musliminnen“. Doch wie dem auch sei, die Sessions zu den Job-Themen, zu Karriere und Selbstverwirklichung fanden definitiv den meisten Zuspruch.

Und auch das passt zum BarCamp: Der Altersschnitt lag bei etwas über 30 Jahren. Da gründet frau gerade eine Familie und blickt — natürlicher Weise — mit Sorge auf die eigenen Chancen, sich in Job und Freizeit selbst zu verwirklichen. Darüber zu sprechen finde ich richtig und wichtig. Auch ich als Mann frage mich, ob ich mich in Zukunft mit Job und Familie noch selbst verwirklichen kann oder ob ich mich auf’s Geldranschaffen beschränken muss, um zusammen mit meiner weniger verdienenden Frau — wenn sie denn bei mir bleibt — den Kindern einen guten Start ins Leben zu ermöglichen. Wie die Zukunft wird, kann niemand wissen, darüber Austauschen kann man sich aber trotzdem.

Nun geht es aber bei politischen Debatten — auch in den Stuben der Politik — nicht nur darum, sich über eine ungewisse Zukunft auszutauschen. Es geht darum, Zukunft zu gestalten. Es geht darum, knappe Ressourcen zu verteilen. Und es geht darum, dabei möglichst vielen Menschen gerecht zu werden. Ein BarCamp ist dafür wohl nur bedingt geeignet. Hier geht es ja gerade nicht darum, an andere zu denken — hier ist man sich selbst der/die/das Nächste. Für mich geht es auf BarCamps um die Frage, was mich am meisten umtreibt; was ich diskutieren will. Während des BarCamps bilden sich dann i.d.R. ‚ad hoc Koalitionen‘, die die Wichtigkeit des Themas unterstützen oder in Abrede stellen. Die inhaltlichen Argumente treten dagegen nicht selten in den Hintergrund.

So geschehen bei meiner eigenen Session auf dem letzen BarCamp Frauen. Ich hatte ein Thema angeboten, dass mich auf einer eher theoretischen Ebene beschäftigte: „Gender Gap im Ehrenamt – Warum sind so wenige Frauen in ehrenamtlichen Führungspositionen?“ Mein Ziel war es Anregungen für eine Antwort auf diese Frage zu sammeln. Dafür musste ich den Teilnehmenden das Problem aber erst einmal verdeutlichen, also zeigen, warum eigentlich mehr Frauen in ehrenamtliche Führungs- und Leitungspositionen gelangen sollten. Ich musste — und auch das ist ein Prinzip des BarCamps — zur Teilnahme ‚verführen‘ und zwar nicht mit einschmeichelnden Worten sondernmit Empörung. Das gelang mir nicht wirklich. Erst später wurde mir gewahr, das die Schwerpunkte bei dieser Veranstaltung eben nicht auf politischer Mitgestaltung sondern Selbstverwirklichung und Karriere lagen und mein Thema auf dem BarCamp — wie ich als Mann selbst , der noch dazu die Frechheit besitzt, sich mit ‚Frauenthemen‘ zu befassen – ein Fremdkörper war.

Doch auch Fremdkörper sind in der Debatte um die Geleistellung aller Geschlechter von Bedeutung; ganz besonders dann, wenn sich die Diskutant!nnen in ihrer eigenen kleinen Welt so wohl fühlen, das es nicht mal für einen Blick über den eigenen Tellerrand reicht. Insofern ist es löblich, dass das Thema auf einer frauenpolitischen Veranstaltung der Friedrich Ebert Stiftung noch mal auf die Agenda gesetzt wurde, wenngleich ich hier nicht eingeladen war. Wie es dort angekommen ist, weiß ich — wohl meines mir angeborenen Geschlechts — nicht.

Fazit — oder warum ich dieses Jahr nicht hingehe

Für Frauen zwischen 20 und 35 Jahren ist die Frauen(un)konferenz am 06. Oktober in der Berliner Kalkscheune definitiv empfehlenswert. Auch dieses Jahr werden sich tolle Anregungen für die Selbstverwirklichung der Frau von heute finden. Wer allerdings darauf aus ist, ernsthaft über gesellschaftspolitische Themen zu debattieren, wird enttäuscht werden; insbesondere dann wenn er/sie/es hofft, mit der Debatte tiefer zu kommen als es die Tagespresse schafft. Ein BarCamp ist nicht darauf angelegt, anderen – „der Gesellschaft“ – gerecht zu werden. Es wird am besten seinen Teilnehmenden gerecht, weshalb das BarCamp auch definitiv zu den Erfolgsmodellen unserer Zeit zählt.

Doch haben auch BarCamps einen Haken: Unter den Teilnehmenden bilden sich ad hoc Koalitionen für oder gegen bestimmte Themen. Man ist sich unter sich eben einig, was interessant ist und was nicht. Das macht die Community freilich dynamisch und interessant, doch verschließt sie sich dadurch auch nach außen. Neue Ideen und Anregungen einzubringen, ist schwer. Ich für meinen Teil habe es letztes Jahr versucht und bin weitestgehend gescheitert. Dieses Jahr starte ich keinen zweiten Versuch. Einerseits mag ich nicht zwei Mal mit dem Kopf gegen dieselbe Mauer rennen, andererseits sehe ich meine Themen auf dem BarCamp Frauen deplatziert. Vielleicht betun sich viele Frauen tatsächlich gern unter Männern im sozialen Bereich. Sicher fühlen sich die engagierten Frauen bei ihrer Tätigkeit am Menschen wohl und überlassen Führung und Leitung deshalb lieber die Männer. Zur Selbstverwirklichung der Frau passt das soziale Engagement am Menschen ganz gut, zur politischen Mitbestimmung aber passt es nicht.