Nun ist es schon wieder einige Zeit her, dass ich über die “Schubkästen für das Online-Volunteering” geschrieben habe. Am Anfang stand die Frage, wo in Deutschland eigentlich welche Formen des Online-Volunteerings zu suchen und zu finden sein könnten. Rausgekommen ist der erste Versuch einer Typisierung, den ich zwischenzeitlich mit einigen Leuten diskutiert und ‘geschliffen’ habe. Auch hatte ich seiner Zeit nach beispielhaften Geschichten von Online-Volunteers gefragt, mit denen ich die Typisierung noch weiter ‘auffüllen’ könnte (Frank Weller berichtete).

Was ich hier versuche ist eigentlich nichts anderes als qualitative Sozialforschung im Sinne Anselm Strauß‘. Im Blick habe ich natürlich nicht gleich eine ganze Theorie! Mir geht es vielmehr um ein Modell, eine Art Schablone, um  den Blick auf blinde Flecken zu lenken. Doch was auch immer am Ende rauskommen soll, das Gute an der Grounded Theory Strauß’scher Prägung ist, dass man nicht nur eigene, methodisch sauber erhobene, Daten in seine Forschung einbeziehen kann. Man kann auch auf Alltagswissen und Erkenntnisse aus anderen Bereichen zurückgreifen. Wichtig ist dabei nu, immer kritisch zu bleiben und nach dem zu suchen, was irritiert, anstelle dem, was die eigenen Vorannahmen bestätigt. Das ist es, was Strauß und Corbin (1996) als “besondere Art oder ein Stil” in der qualitativen Sozialforschung beschrieben.

heute will ich also mal schauen, inwiefern zwei britische Studien jüngeren Datums für die Erweiterung meines Modells nützlich sein könnten. Beide Studien sind beim Institute for Volunteering Research (IVR) erschienen und beschäftigen sich explizit mit dem Micro-Volunteering.

Doing some good through Smartphones

Die erste Studie erschien als 16-seitiges Research Bulletin im Juni 2012. Der Autor, Jonathan Paylor, konzentriert sich auf das ‘Engagement für die Hosentasche’ — sprich jenes über Smartphone Apps und hier speziell die Orange App “Do Some Good”. Trotz dieses begrenzten Radius’ zeigt Paylor eindrücklich, die Schwierigkeiten, die der bloßen Mobilisierung mit app-sized volunteering folgen: Micro-Volunteering wird zum Pausenfüller! Den allermeisten Usern von Do Some Good ist zwar bewusst, dass Micro-Volunteering nicht den selben Impact hat wie andere Formen des “wider volunteering” (S. 7), doch scheinen sie ihre Aktivitäten nicht entsprechend auszuweiten. Zu erklären ist das insbesondere mit der Möglichkeit, als Micro-Volunteer quasi nebenbei der Norm des aktiven Bürgers entsprechen kann.

Und auch noch andere Erkenntnisse finde ich bemerkenswert:

  • 26% der Befragen hatten sich vor ihrem Start als Micro-Volunteers noch nie freiwillig Engagiert. Von den restlichen 74% gaben knapp drei Viertel an, sich zuvor schon als Online-Volunteers engagiert zu haben. Gleicht man das mit anderen Erkenntnissen aus dieser Befragung ab — z.B. zur Bereitschaft sich informieren zu lassen oder die große Zahl der Erstnutzer!nnen — , scheint das Online-Volunteering als Engagementform insbesondere von jenen geschätzt, die sich bereits online engagierten, das aber nie “Online-Volunteering” nannten. Möglicher Weise avanciert das Online-Volunteering zu einer Art persönlichem ‘way of engagement’. Damit stehen Organisationen zukünftig vor der Herausforderung, online-engagierten Freiwilligen mehr Entscheidungs- und Gestaltungsspielraum einräumen zu müssen, weil diese sich auch in Zukunft nicht als On-Site-Volunteers engagieren.
  • 73% der Befragten haben von der Do Some Good App über das Marketing von Orange erfahren — gerade einmal 7%  über Mund-zu-Mund-Propaganda; aus der Engagementforschung sind umgekehrte Befunde bekannt. Das könnte ein Indikator dafür sein, dass das Online- und Micro-Volunteering — auch im angelsächsischen Raum — eine noch weitgehend unbekannte Engagementform ist.
  • Gerade 3% der Befragten gaben an, mehr Informationen über das Engagement-Projekt und dessen Fortgang bekommen zu wollen. Was die Vertrauensbildung per Transparenz anbelangt, scheinen Smartphone-Apps dementsprechend nicht das richtige Medium. Etwas mehr Erfolg scheint die Kennenlernen-Strategie — also die Entwicklung gegenseitiger Empathie — zu versprechen. Immerhin meinen 24% der Befragten auch an weiteren Engagementangeboten der Organisationen, die sie unterstützten, interessiert zu sein.

Zusammenfassen lässt sich sagen, dass das ‘app-sized’ Online-Volunteering durchaus als ‘beschleunigtes Engagement’ verstanden und entsprechend kritisch betrachtet werden muss. Ich hatte mich damit in der merz schon einmal beschäftigt. Weiterhin sollte der Vermutung eines persönlichen ‘way of engagements’ nachgegangen werden. Interessant wäre z.B. welche anderen Determinanten den Engagement-Stil beeinflussen. Vielleicht könnte der von der Beratergruppe Ehrenamt entwickelte Fragebogen zur Identifizierung unterschiedlicher Engagemetntypen hierfür nützlich sein.

The value of giving a little time

Auch die zweite Studie stammt vom britischen Institute for Volunteering Research. Sie ist im November dieses Jahres erschienen und mit 76 Seiten wesentlich umfangreicher als die Do Some Good Studie. Joni Brown, Véronique Jochum und Jonathan Paylor nehmen hier die Möglichkeiten und Grenzen des Micro-Volunteerings sowie die organisationalen Herausforderungen unter die Lupe, die damit verbunden sind. Basis dieser qualitativen Studie waren u.a. Experteninterviews und call for evidences auf einschlägigen Webseiten (S. 9f.).

Hinsichtlich der Definition des Micro-Volunteerings ist die Studie von Brown, Jochum und Paylor etwas eigen: Definiert werden acht Hauptmerkmale des Micro-Volunteerings, von denen eins die Unabhängigkeit vom Medium ist. Micro-Volunteering britischer Prägung kann also sowohl online als auch on-site geleitet werden (S. 16) — ein Verständnis bei dem recht deutlich die Arbeit von Mike Bright, Gründer und Betreiber von Helpfromhome, durchscheint.  Doch auch wenn ich beim Online-Volunteering von einem Engagement spreche, dass orts- und ggf. zeitunabhängig unter Zuhilfenahme des Internets geleistet wird, heißt das nicht, dass “The value of giving a little time” ein grundsätzlich anderer wäre. In dieser Studie stecken wertvolle Erkenntnisse:

  • Brown, Jochum und Paylor  definieren vier funktionalen Kategorien für das Micro-Volunteering: “Campaigning & Communication”, “Fundraising”, “Research & Data” und “Practical help” (S. 13). Mit diesen Kategorien kann das Typenmodell, das ja im Moment lediglich mit fünf Feldern in der Horizontalen unterteilt wird, in der Vertikalen untergliedert werden (s.u.).
  • Weiterhin ist zu lesen, dass die Hoffnung, dass das Micro-Volunteering der Beginn einer Engagementkarriere sein kann, nicht unberechtigt ist (S. 36) Allerdings: “While this is possible, we found no evidence that this happens systematically” (S. 37). Hier scheint sich wieder ein spezieller ‘way of engagement’ abzuzeichnen, der durch geringe Zeitintensität, Niedrigschwelligkeit, Unmittelbarkeit, Bequemlichkeit, Unkompliziertheit, Ergebnisorientierung und Unverbindlichkeit gekennzeichnet ist (siehe Hauptmerkmale des Micro-Volunteering S. 16). Es ist aber ebenso möglich, dass keine Hinweise auf eine systematische Entwicklung von Micro-Volunteers gefunden werden konnten, weil auch von britischen Freiwilligenorganisationen noch keine entsprechenden Maßnahmen ergriffen werden.
  • Wie ich auch, machen Brown, Jochum und Paylor als Micro-Volunteers ‘neue Zielgruppen’ wie Menschen mit psychischen und physischen Behinderung oder Menschen mit Migrationshintergrund aus. Sie gehen allerdings noch einen Schritt weiter und beschreiben die Zielgruppen anhand unterschiedlicher Zugänge: Micro-Volunteering ist ihnen zufolge interessant für Menschen, die sich zuvor nicht freiwillig engagierten (“Einstieg”), Freiwillige, die ihr Engagement ausweiten wollen (“Engagementkarriere”) sowie Freiwillige, die Einblick in einen neuen Bereich bekommen wollen (“Schnupperern” | zu Letzterem passt z.B. Franks Geschichte).
  • Bzgl. der Motivation von Micro-Volunteers räumen Brown, Jochum und Paylor mit dem Gerücht auf, dass es sich bei sporadisch Engagierten Online-Volunteers um eher egoistisch motivierte Freiwillige ohne nennenswertes Commitment handelt:

Our findings indicate that micro-volunteering does not mean that participants are not committed to or engaged with an organisation or cause. Indeed, it allows committed people […] to show their continued support for an organisation or cause and remain involved, for example, if they have a busy lifestyle or if their personal circumstances change. Some research participants suggested that micro-volunteers […] could be regarded as particularly committed and altruistic because they find time to donate their existing skills without expecting some of the benefits associated with „traditional” volunteering, such as training and work experience (S. 28).

Zusammenfassen lässt sich, dass sich die Erkenntnisse von Brown, Jochum und Paylor durch aus auf das Online-Volunteering übertragen lassen. Das liegt vor allem daran, dass hier die niedrige Zeitintensität des Micro-Volunteering und nicht die Techniken zur Zusammenarbeit in den Fokus genommen wurde. Damit ist insbesondere die funktionale Kategorisierung von Micro-Engagementangeboten mein Typenmodell interessant. Des Weiteren sollte auch den Engagement-Stilen und der -Motivation weiter nachgegangen werden.

Feld & Funktion — das Typenmodell für das Online-Volunteering

Im Folgenden will ich versuchen, einige der obigen Erkenntnisse in mein Typenmodell einzubauen. recht unkompliziert ist das mit den funktionalen Kategorien von Brown, Jochum und Paylor. Doch auch die anderen Findings lassen sich m.E. integrieren:

  • So lässt sich zunächst vermuten, dass der ‘way of engagement’ die Übergänge zwischen unterschiedlichen Feldern verhindert. Insbesondere Volunteers, die sich Crowd-Engagement-Programmen, Kampagnen und Social Entrepreneurs engagieren, werden kaum an Online-Engagement-Programmen etablierter Freiwilligenorganisationen oder institutionell gebunden Initiativen teilnehmen. Der Grund dafür könnte in den unterschiedlichen Mythen liegen, die in diesen  Feldern wirken. Bei Kampagnen, Social Entrepreneurs engagieren sich viele kleine Davids in der Crowd und es ist irgendwie jedes Mal eine Überraschung, wenn etwas dabei heraus kommt; verbunden mit ganz großer PR. Etablierte Freiwilligenorganisationen und institutionell gebundene Initiativen dagegen strahlen etwas mehr Selbstbewusstsein aus. Dass hier etwas brauchbares herauskommt wird, der erwarteten Professionalität des Managements wegen, eher unterstellt. Um so schlechter natürlich, wenn das nicht erfüllt wird!
  • Was den Erfolg bei der Rekrutierung von Online-Volunteers betrifft werden auf kurze Sicht Crowd-Engagement-Programme, Kampagenen-Organisationen und Social Media Entrepreneurs erfolgreicher sein als etablierte Freiwilligenorganisationen und institutionell gebundene Initiativen. Beispielhafte Berichte von der Young Caritas Berlin — deren Online-Beratungs-Programm [U25] ziemlich schnell viel Interesse fand — allerdings zeigen, dass das nicht an den potentiellen Unterstützer!nnen, sondern an der Zahl von Engagementangeboten liegt. Damit ist zu erwarten, dass etablierte Freiwilligenorganisationen und institutionell gebundene Initiativen über kurz oder lang die besseren Chancen haben.
  • Ähnliches gilt für die Gestaltung einer “volunteer journey” im Sinne der strategischen Entwicklung des Online-Volunteerings. Bei Social Media Entrepreneurs,  Kampagnenorganisationen und institutionell gebundenen Initiativen halten sich die Möglichkeiten von Engagementkarrieren per se in engerem Rahmen als bei etablierten Freiwilligenorganisationen. Das liegt zunächst daran, dass Social Entrepreneurs Unternehmen mit stark begrenzten Mitentscheidungsmöglichkeiten sind und Kampagnen zumeist von recht übersichtlichen Leader-Kreisen gesteuert werden. Bei institutionell gebundenen Initiativen dagegen steht einer umfassenden demokratischen Mitbestimmung zumeist die Förderung im Wege, an der sich alle Aktivitäten ausrichten müssen. Was das Crowd-Engagement anbelangt sind meine Vermutungen ambivalent. Bei der Wikipedia ist Mitbestimmung und Entscheidungsspielraum im System angelegt, bei Projekten zur Kartographierung der Marsoberfläche nicht.

Mit diesen Vermutungen zu den Übergangsschwierigkeiten und den Potentialen der Organisationen unterschiedlicher Felder im Hinterkopf will ich nun abschließend die Feld-Funktion-Matrix vorstellen. Ich habe mir je ein Beispiel herausgepickt und versucht, ein Online-Engagement-Angebot als Stichwort in jede Kategorie einzutragen.

Fehlendes darf gern in den Kommentaren ergänzt werden!

Feld \ Funktion

Campaigning & Communication
 (ext. Bezug)
Fundraising
(int. Bezug)
Research & Data Practical help
Crowd-Engagement
(Bsp. Wheelmap)
Übersetzung der Wheelmap in div. Sprachen k.A. Pflege der Karte via Smartphone Vorstellung der Wheelmap in Webinaren
Digital Campaigning
(Bsp. Digitale Gesellschaft)
Weiterleitung von Informationen an ‘adoptierte’ Abgeordnete k.A. Recherche für Materialien für die Webseite Administration der Social Media Kanäle
Social Media Entrepreneurship
(Bsp. 2aid.org)
Weiterleitung und Verbreitung von Spendenaufrufen Organisation eines Online-Flohmarktes Erstellung von Verweisen (z.B. bei Wikipedia) Web- und App-Entwicklung
Etablierte NPOs
(Bsp. YoungCaritas)
Verbreitung von Informationen via Social Netzworks k.A. k.A. Online-Beratung für Suizid-gefährdete
Institutionell gebundene Initiativen
(Bsp. Cybermentor)
k.A. k.A. k.A. Online-Mentoring für Mädchen und junge Frauen.

Legende:

Crowd-Engagement-Programme sind laufende Vorhaben ohne konkrete Deadline (deshalb nicht ‘Projekte’), bei denen durch die ständige Verfügbarkeit der notwendigen Produktionsmittel, wie Software, Wissen, Rechenleistung etc., ein konkret benennbares Anliegen in eine nicht näher bestimmte Masse an Unterstützenden (die Crowd) ausgelagert wird.
Kampagnenorientierte Organisationen sind politisch motivierte Akteure, die mit Hilfe des Internets gesellschaftliche Wandlungsprozesse anzustoßen versuchen. Unterstützende werden über das Internet — insb. über die Sozialen Medien — angesprochen, mobilisiert und mit (Online-) Engagementmöglichkeiten versorgt.
Social Media Entrepreneurs sind netzaffine Akteure, die mit Hilfe des Internets und insb. mit Hilfe der Sozialen Medien mehr oder weniger konkrete Ideen umzusetzen versuchen. Sie unterscheiden sich von den Crowd-Engagement-Programmen insofern, als ihre Programme nicht zu Selbstläufern werden, weil z.B. die Produktionsmittel nicht in beliebiger Menge überall verfügbar sind.
Etablierte Freiwilligenorganisationen arbeiten schon länger mit freiwillig Engagierten zusammen — auch online. Sie haben i.d.R. entsprechende Strukturen ausgebildet (z.B. ein Freiwilligenmanagement eingerichtet) und Traditionen etabliert (Bspw. unterschiedliche Formen der Anerkennung).
Institutionell gebundene Initiativen sind hauptamtlich getragene und im Wesentlichen durch Förderinstitutionen finanzierte Initiativen, die sehr konkret bestimmte Themen mit Hilfe des Internets bearbeiten. Sie unterscheiden sich von etablierten Freiwilligenorganisationen insofern als sie sich ausschließlich mit einem Thema beschäftigen und (abgesehen von der Förderinstitution) keine Anbindung an eine übergeordnete Organisation erkennen lassen.
Campaigning & Communication bezeichnet Engagements mit dem Ziel das Anliegen, die Tätigkeiten und Botschaften der Organisation in der Öffentlichkeit zu verbreiten bzw. entsprechende Informationen zugänglich zu machen.
Fundraising bezeichnet Engagements mit dem Ziel, Zeit-, Geld- und /oder Know How-Spenden einzuwerben. Nicht eingeschlossen ist das Spenden selbst.
Research & Data bezeichnet Engagements, die die Bereitstellung von Informationen und Daten für die Arbeit der Organisation zum Ziel hat.
Practical help sind Engagements mit dem Ziel, Projekte der Organisation mit umzusetzen. Praktische Hilfe wird sowohl während der Projektenlaufzeit als auch bei der Vor- und Nachbereitung bzw. im Rahmen der Organisationsführung und -administration geleistet.

The End (?)

Ganz bestimmt nicht! Die Grounded Theory steht in der Tradition des amerikanischen Pragmatismus, einer Philosophie des panta rhei: Die Welt, wie auch die Theorien über sie, ist im ständigen Werden. Es ist nicht möglich diesen Pudding an die Wand zu nageln! Für die Grounded Theory heißt das, dass sie praktisch nicht abzuschließen ist. Der Weg wird endgültig zum Ziel.

In diesem Sinne: Ich würde mich freuen, den Weg weiter mit euch zu gehen und bin gespannt auf eure Geschichten, eure Meinung und eure Ergänzungen zum Modell.

tl;dr: Das Feld-Funktion-Typenmodell für das Online-Volunteering in Deutschland soll den Blick auf blinde Flecken lenken. Es hat jetzt schärfere Konturen.