Anfang Juli trafen sich zahlreiche Engagierte, Fach- und Führungskräfte aus der deutschen Nonprofit-Szene auf dem Ehrenamtskongress in Nürnberg. Thema war alles, was sich um die Engagementförderung in Deutschland dreht. Im Plenum wurde zur „Caring Community“ (Prof. Dr. Klie), „Beziehungen zwischen Nonprofits und Unternehmen“ (Willim) und Fundraising für den Verein (Mayer-Porzky) referiert. In den „Exkursionen“ wurden zahlreiche Engagement-Projekte und -Programme vorgestellt und in den Workshops praktische Fragen der Engagementförderung diskutiert.

Ich war eingeladen, über neue Wege des freiwilligen Engagements zu sprechen und will meinen Input zum Workshop und die anschließende Diskussion hier gern kurz zusammenfassen.

Zum Auftakt – Titeldreh

Gleich zu Beginn meines Workshops musste ich etwas klar stellen: Der Titel, den ich mir für das Programm ausgesucht hatte, gab die Intention meines Inputs genau falsch herum wieder. „Online-Volunteering, Micro-Volunteering, Crowdsourcing …“ klingt zwar irgendwie stimmig, macht aber den Eindruck, als würde das freiwillige Engagement mit dem Interneteinsatz zwangsläufig verkürzt und vercrowdet. Das muss freilich nicht so sein, kann aber passieren, wenn die Aufforderung dazu im Subtext der Präsentation ständig mitschwingt.

Ähnliches passiert Land auf Land ab mit dem projektbezogenen Engagement: Es wird angenommen, dass sich Engagementinteressierte – insbesondere jüngeren Jahrgangs – nicht mehr längerfristig binden wollen – was bei ihrem Einstieg ins Engagement natürlich nicht ganz falsch ist. In der Folge werden Mitgliedschaft, Gremienarbeit und alles andere, was das Engagement vermeintlich langweilig macht, aus dem Engagementprofil gestrichen. Im Ergebnis engagieren sich immer mehr Freiwillige nur noch projektbezogen, das ‘Engagement-Hopping’ nimmt über die Zeit zu und Vereine und Verbände klagen über sinkende Bereitschaft längerfristiger Bindung.

Die neuen Wege zum Engagement – das habe ich an der einen oder anderen Stelle schon deutlich gemacht – will ich nicht als neue Spielart der bloßen Beschäftigung freiwillig Engagierter verstanden wissen. Es sind neue Wege zum freiwilligen Engagement, die vom Freiwilligenmanagement als Trittstufen einer ladder of engagement oder Etappen einer supported journey zur zielgerichteten Entwicklung der Potentiale freiwillig Engagierter genutzt werden können.

Exkurs “Engagementkarriere”

Mit der „Ladder of Engagement“ und der „Supported Volunteer Journey“ meine ich hier „Engagementkarrieren“:

Mit dem Begriff der Ehrenamtskarrieren werden unterschiedliche Entwicklungsmöglichkeiten von Engagierten bezeichnet. Ehrenamtliche können sich im Laufe ihres Engagements zum Beispiel auf bestimmte Themen spezialisieren oder generell mehr Verantwortung übernehmen – im Personalmanagement wird das dann „Jobenrichment“ genannt. Als „Jobenlargement“ dagegen wird die dritte Möglichkeit von Engagementkarrieren bezeichnet: Mehr Zeit in sein Engagement zu investieren.

Crowdsourcing, Micro-Volunteering, Online-Volunteering – Beispiele, Beispiele, Beispiele

Anstatt, wie es sonst oft meine Art ist, die zentralen Begriffe meiner Präsentation haarklein zu definieren, habe ich mich diesmal dazu entschlossen, die Vorstellungen von Crowdsourcing, Micro- und Online-Volunteering etwas wilder wachsen zu lassen. Das hat – glaube ich – auch ganz gut funktioniert.

Anhand der Beispiele ließ sich zeigen, dass mit dem Crowdsourcing eine unbestimmte Masse von Menschen (die Crowd) angesprochen wird, deren Engagement ziemlich selbstreferenziell ist. Zwar ist das Mapping barrierefreier Orte auf der Wheelmap ein Online-Engagement im öffentlichen Raum, doch referiert es eben nicht oder zumindest nur sehr schwach auf die Berliner SOZIALHELDEN als gemeinnütziger Verein. Nichtsdestotrotz schafft die Wheelmap Bewusstsein für Barrieren im öffentlichen Raum und bildet ein Zentrum der Gemeinschaft – der Szene –, deren Thema die Inklusion ist. Aus dem Netzwerk dieser Gemeinschaft wiederum lassen sich Online- und Micro-Volunteers gewinnen, die die Webseite dann bspw. ins Klingonische übersetzen.

Micro-Volunteering, das sollten die Projektbeispiele „The Extraordinaries“ und „Donate Your Brain“ zeigen, ist weniger selbstreferenziell als altruistisch angelegt. Mehr als das gute Gefühl, geholfen zu haben, bekommen die Freiwilligen nicht zurück. Wie auch das Crowdsourcing referiert das Micro-Volunteering nur schwach zum Engagementermöglicher – in diesem Fall Sparked.com und Techsoup.org – macht es aber möglich, Kandidat!nnen für weiterführende Engagementkarrieren zu identifizieren und anzusprechen.

Die Beispiele, die ich schließlich zum Online-Volunteering vorstellte, sollten zeigen, dass das Online-Volunteering im Grunde nichts anderes ist, als ‘ganz normales Ehrenamt’, bei dem sich die Volunteers eben flexibel, ortsunabhängig über das Internet engagieren. Und damit waren wir auch schon wieder beim Ausgangspunkt angelangt. So flexibel und projektbezogen sich das Online-Volunteering auch gestalten lässt, die Freiwilligen von allem vermeintlich Langweiligem fern zu halten, ist den folgenden Schritten zur Bindung Ehrenamtlicher an die Initiative, den Verein oder den Verband wenig zuträglich…

Zur Diskussion – Zeit es Auszuprobieren

Nach meinem Eindruck hat der Aufbau meines Inputs mit Beispielen zum Crowdsourding, Micro-Volunteering und Online-Volunteering wirklich gut geklappt. Die Botschaft, neue Freiwillige dort abzuholen wo sie stehen, mit Themen anzusprechen, die sie interessieren und ihnen Engagementgelegenheiten zu bieten, die sie kompetent wahrnehmen können, ist – zumindest nach meiner Wahrnehmung der anschließenden Diskussion – prinzipiell angekommen.

Exkurs: Freiwilligenkompetenz

Es lässt sich schwer abstreiten, dass für das freiwillige Engagement gewisse Kompetenzen notwendig sind. Gemeint sind hier aber nicht Fachkompetenzen! Gemeint sind die Grundkompetenzen, die es braucht, um …

  1. überhaupt zu wissen, dass freiwilliges Engagement in Vereinen und Verbänden möglich ist,
  2. prinzipiell auch dazu geneigt zu sein, mögliche Engagementgelegenheiten wahrnehmen zu wollen.
  3. durch eigene Recherche oder persönliche Netzwerke auf passende Gelegenheiten aufmerksam werden zu können.

Diskutiert wurden Möglichkeiten der praktischen Umsetzung dieser neuen Wege. Das Fazit lautete schließlich, man muss das einfach praktisch angehen und dafür – der Einwurf kam von einem Fundraiser – auch Personalressourcen frei machen, ohne einen konkreten Return on Investment versprechen zu können. Diskutiert wurde in dieser Richtung weiter über das interne Marketing für die Unterstützung freiwilligen Engagements und die Umsetzung neuer Ideen mit guten Geschichten und überzeugenden Zahlen…

Dann waren die 90 Minuten Workshop auch schon wieder vorbei und mir blieb nur die engagiert diskutierenden Teilnehmenden noch auf weiterführende Lektüre für die teils langen Heimreisen hinzuweisen:

  • Meine Blogbeiträge zum New Volunteer Management
  • Das LAST Virtual Volunteering Guidebook. Von Jayne Cravens und Susan J. Ellis (erhältlich bei www.energize.com)
  • sowie das Praxiskompendium zum Management von Online-Volunteers von Lisa Dittrich und mir (erhältlich bei der Akademie für Ehrenamtlichkeit Deutschland, www.ehrenamt.de)

tl;dr: Aus Klein mach Groß: Crowdsourcing, Micro-Volunteering, Online-Volunteering — Fragen und Anregungen gern hier in den Kommentaren.