Vor Kurzem ist mir dieses Paper des “Frauenhofer FOKUS”, ein Kompetenzzentrum für öffentliche Informationstegnologie, zugeflogen. Ulrike Hinz, Nora Wegener, Mike Weber und Jens Fromm stellen darin die Charakteristika digitalen bürgerschaftlichen Engagements, die sich bietenden Möglichkeiten und Mehrwerte der Digitalisierung der Bürgergesellschaft sowie Herausforderungen für Träger digitalen Engagements und mögliche Handlungsfelder für Engagierte dar.

Das Paper schien mir zunächst so ein “Ritter-inkognito-Ding” zu sein: Eine Hand voll Autor!nnen, von denen ich in diesem Zusammenhang noch nie gehört habe, schreiben über die Verbindung von Internet mit freiwilligem Engagement, tun dabei so, als seien sie selber darauf gekommen, dass das irgendwie in die Zeit passt und wuppen das Thema unversehens auf’s nächste Level — raus aus der Nische. Soweit so gut! Bei genauerem Hinschauen aber, fiel mir auf, das da der eine oder andere interessante Denkanstoß für’s Online-Volunteering drin steckt. Aber von vorn!

Fünf wohlbekannte Thesen zur Digitalisierung

Gleich auf Seite fünf, nach dem Inhaltsverzeichnis, werden im Paper fünf Thesen präsentiert, mit denen sich die Autor!nnen nicht eben weit aus dem Fenster lehnen:

  1. “Der Einsatz von Informationstechnologie (IT) stärkt das bürgerschaftliche Engagement” — die Schlagworte hier: niedrigschwelliger Einstieg ins Engagement und Zugänge zum freiwilligen Engagement über das Internet und die Welt der Sozialen Medien.
  2. “Flexibilisierung bürgerschaftlichen Engagements durch IT bedient einen gesellschaftlichen Bedarf” — das Schlagwort hier: Flexibilisierung des Engagements.
  3. “Die fortschreitende Digitalisierung bringt neue Formen des bürgerschaftlichen Engagements hervor” — die Schlagworte hier: Online-Volunteering und Micro-Volunteering
  4. “Organisationen profitieren von der aktiven Annahme der digitalen Herausforderung” — die Schlagworte hier: sinkende Verbindlichkeit des Engagements, Digital Divide sowie Senkung der Kosten für das Engagement und das Erschließen neuer Wissens-Ressourcen.
  5. “Digitales bürgerschaftliches Engagement verdient öffentliche Förderung und Anerkennung” — Diffusion kultureller Praktiken, Online-Volunteer-Management und digital Literacy.

An dieser Stelle sollte klar sein, wie mein erster Eindruck (s.o.) zu Stande kam. Keine dieser Thesen ist in meinem Blog oder im Kreis der NPO-Blogparade irgendwie neu, keines der Schlagworte wurde in den letzten sechs Jahren nicht aufgegriffen. Aber wie dem auch sei! Im Paper stecken, wie gesagt, auch neue Denkanstöße, die der Debatte (ob nun in Blogs oder anderen Kreisen) nicht schaden werden.

Fünf Handlungsfelder für Online-Volunteers

Nach ein bisschen Bla Bla über Bürgerschaftliches Engagement in Deutschland — 23 Mio. und so — und der Widergabe der Definition á la Enquete-Kommission “Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements” (gute Entscheidung!) stellen die Autor!nnen “Digitale Bausteine Bürgerschaftlichen Engagements” dar:

In Anlehnung an die Klassifizierungen zur Anwendung von E-Government (dazu von Lucke/Reinermann 2000: 3) unterscheiden Hinz et al. zunächst grundsätzlich zwischen der Unterstützung bürgerschaftlichen Engagements und digitalem bürgerschaftlichen Engagement (ebd.: 7ff.). Ersteres gliedert sich in Information, Vernetzung und Vermittlung/Assistenz auf, was recht gut zu den im Freiwilligensurvey eingeführten Anwendungsfeldern des Internets im freiwilligen Engagement (Gensicke/Geiss 2010: 242 ff.) passt.

Zweiteres — das digitale bürgerschaftliche Engagement — gliedern Hinz et al. in fünf Handlungsfelder auf: “Erstellung und Verbesserung von Inhalten”, “Kommunikation, Lehre und Beratung”, “Entwicklung technischer Lösungen”, “Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern” und “Crowdfunding (Finanzierung durch Viele)” (siehe ebd.: 10).

Baustein-digitale-MitarbeitBemerkenswert an dieser Klassifizierung finde ich, dass sie sich in die von mir oft verwendeten Tätigkeitsfelder für Online-Volunteers (siehe Jähnert 2012: 5) praktisch einpassen lässt:

  • Die Produktion digitaler Güter in kopierbarer Form ist hier in “Erstellung und Verbesserung von Inhalten” sowie “Entwicklung technischer Lösungen” untergliedert,
  • die Internetvermittelte Kommunikation mit “Kommunikation, Lehre und Beratung” widergegeben und
  • die Planung und Organisation mit “Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern” sowie “Crowdfunding” beschrieben.

Was bleibt vom FOKUS “White-Paper”

Zum Rest des Papers lässt sich eigentlich nicht viel sagen. Unter “Möglichkeiten und Mehrwerte der Digitalisierung” schreiben die Autor!nnen auf, warum ihre Thesen stimmen. Unter “Herausforderungen” geben Sie die üblichen Bedenken zum Interneteinsatz im freiwilligen Engagement wieder. Und im “Ausblick” fordern sie die umfassende Anerkennung der Digitalisierung als gesellschaftliche Realität und Teil des bürgerschaftlichen Engagements von heute.

Was bleibt ist ein nett gestaltetes, kurzes Paper vom Frauenhofer Institut in dem der ‘Siegeszug des Internets’ mit der Bürgergesellschaft in Verbindung gebracht und festgestellt wird, dass die Herausforderungen aktiv angegangen werden sollten. Insbesondere die im Ausblick geforderte Anerkennung freiwilligen Online-Engagements auf den Ebenen der Organisation und Finanzierung für Infrastrukrur bürgerschaftlichen Engagements (Stichworte Online-Volunteer-Management & Digital Literacy) klingt hoffentlich nach. Ich werde dazu berichten …

tl;dr:  Das Online-Volunteering wächst aus der Nische heraus — neue Impulse für dafür liefert das FOKUS-Paper “Digitales Bürgerschaftliches Engagement”