Engagementkarrieren beschreiben ich die individuellen Werdegänge von freiwillig Engagierten in einem Verein oder Verband. Sie unterscheiden sich von Engagementbiographien, die organisationsunabhängig, die aufeinander aufbauenden, ineinander verflochtenen oder auch parallel zueinander verlaufenden freiwilligen Tätigkeiten engagierter Menschen beschreiben. Auf der Grundlage meiner eigenen Erfahrung mit freiwilligem Engagement — als selbst Engagierter wie auch als Freiwilligenmanager — habe ich Engagementkarrieren bislang in drei Dimensionen betrachtet:

  • Die Engagementkarriere als Aufstieg in hierarchisch strukturierten Organisationen wie Vereinen und Verbänden.
  • Die Engagementkarriere als Ausweitung des Zeitinvestments in die Tätigkeit (job enlargement)
  • Die Engagementkarriere als Vertiefung der Expertise und Spezialisierung der Tätigkeit (job enrichment)

Um die erstgenannte Dimension von Engagementkarrieren soll es in diesem Beitrag gehen. Er bildet den Auftakt einer kleinen Reihe, deren Ziel es ist, praktische und strategische Hinweise für das Freiwilligenmanagement als Beziehungsmanagement zu sammeln.

Grundlage: Ehrenamtliche im Sport

Als Grundlage für diese Auseinandersetzung mit dem Aufstieg Ehrenamtlicher in hierarchisch strukturierten Organisationen wie Vereinen und Verbänden, sollen die Erkenntnisse aus dem Forschungsprojekt “Ehrenamtlichkeit in Fußballvereinen” des Instituts für Sportkultur und Weiterbildung der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster von 2003/2004 dienen. Evaluiert wurde das Programm “Brücke zur Basis” des Deutschen Fußballbundes (DFB), in dessen Rahmen der Aufbau des Freiwilligenmanagements in Fußballvereinen pilotiert wurde.

Delschen, Ansgar (2006): Ehrenamtliche im Sport. Eine qualitative Studie über ehrenamtliche Führungskräfte in Fußballvereinen. Münster.

Für die Programmevaluation wurden unter anderem 17 qualitative Leitfadeninterviews mit “Vereinsehrenamtsbeauftragten” (VEBs) geführt. Ansgar Delschen portraitiert diese Ehrenamtlichen in seiner Arbeit “Ehrenamtliche im Sport” und konstruiert daraus ein idealtypisches Phasenmodell von Ehrenamtskarrieren in Fußballvereinen, die ich im Folgenden kurz nachzeichnen möchte.

Inwiefern die Erkenntnisse aus dem organisierten Fußball auch auf andere Tätigkeitsfelder freiwilligen Engagements übertragbar sind, wird sich zeigen müssen. Sicherlich gibt es Unterschiede im sozialen oder kulturellen Bereich, in Umweltschutz oder Politik. Untersuchungen zu Ehrenamtskarrieren in diesen Tätigkeitsfeldern sind mir (noch) nicht bekannt. Mit Vorsicht zu genießen sind Delschens Schlüsse im Einzelnen überdies, weil sie die Werdegänge erwachsener Vereinsfunktionäre im Alter zwischen 32 und 64 Jahren aus der Retrospektive nachzeichnen. Es ist anzunehmen, dass die Zugänge zu Sportvereinen wie auch zum Sport insgesamt heute nicht mehr die Selben sind, wie noch vor 25 bis 55 Jahren.

Fünf Phasen der Engagementkarriere im Fußballverein

Die Ehrenamtskarriere im Fußballverein teilt Delschen in fünf idealtypische Phasen: (1) den Sportvereinsbeitritt in der frühen Kindheit, (2) die Aufnahme einer Wettkampfsportkarriere in der späten Kindheit, (3) die Übernahme einer Gruppenleitung in der Jugendphase, (4) die Übernahme einer Einstiegsfunktion in der Adoleszenz und (5) die Übernahme von Führungsämtern im Erwachsenenalter.

  1. Der Beitritt zum Fußballverein im Kindesalter wird in der Regel über die Familie (insb. die Väter) und Peers wie Mitschüler und Nachbarschaftskinder vermittelt, was den Verein hinsichtlich der Grundorientierung seiner Mitglieder etwas stabilisiert und im weiteren Verlauf der Vereinssozialisation zur Berechenbarkeit für dessen Umwelt beiträgt — eine nicht unwesentliche Bedingung für die Langlebigkeit von Vereinen.
  2. Die Aufnahme einer Wettkampfsportkarriere ist im Mannschaftssport nicht selten. Im Breitensport Fußball ist der formale Zugang zum Wettkampfsport recht einfach zu bewältigen. Dauer und Intensität der Wettkampfteilnahme — also die Frage, ob man auf der Bank sitzt oder in der Startelf spielt — unterscheidet sich indes deutlich und dürfte großen Einfluss auf die spätere Übernahme eines Ehrenamts haben.
  3. Die Übernahme eines freiwilligen Engagements im sportpraktischen Bereich (z.B. Gruppenleitung) ist die logische — mit Delschen “automatische” — Folge der früh begonnenen Vereinssozialisation: Die Adaption vorbildlicher Verhaltensmuster ist im frühen Jugendalter oft zu beobachten. Diese dritte Stufe der Engagementkarriere im Fußballverein stellt eine Sollbruchstelle der Entwicklung ehrenamtlichen Engagements dar, denn es dürften bei Weitem nicht genügend Engagementgelegenheiten und entsprechende Vorbilder vorhanden sein, um allen Interessierten Wettkampfsportlern eine Perspektive im Verein bieten zu können.
  4. Auch die Übernahme einer Einstiegsfunktion in der Vereinsführung während der späteren Jugend folgt dem freiwilligen Engagement im sportpraktischen Bereich mehr oder weniger automatisch nach: “Durch die Ausübung eines ersten freiwilligen Engagements wird der weitere Karriereverlauf vorgespurt und eingeleitet” (S. 169). Auch hier spielen (erwachsene) Vorbilder eine wichtige Rolle, hinzu kommen allerdings noch Figuren, die man Förderer und Mentoren nennen könnte (“Ziehväter”). Delschen weißt hier darauf hin, dass sich der Verlauf von Engagementkarrieren in Vereinen und Verbänden ab diesem Punkt etwas unterscheidet: Während die Wege in Führungspositionen von Verbänden eher linear verlaufen, die Einstiegsfunktionen also thematisch auch etwas mit der späteren Führungsposition zu tun haben, lässt sich eine Systematik in der Abfolge von Vereinsämtern im untersuchten Sample nicht erkennen.
  5. Mit der Übernahme von Führungsämtern im Erwachsenenalter — auffällig oft vor Beendigung des vierten Lebensjahrzehnts (!) — endet die von Delschen beschriebene Engagementkarriere im Fußballverein nicht. Da nach dem Vereinsvorsitzenden allerdings kein weiterer Aufstieg im Verein selbst möglich ist, wird die Engagementkarriere zuweilen auf Kreis-, Landes- oder Bundesebene fortgesetzt.

Fazit: Schlüsse für das Freiwilligenmanagement

Das kurz umrissene Phasenmodell stellt eine Idealtypik dar, die im ‘echten’ Leben wohl nur selten anzutreffen ist. Im Sample der 17 Interviewten finden sich einige ‘Abweichler’ wie Quereinsteiger oder Vereinsgründer, deren Engagementkarriere durch entsprechend günstige Rahmenbedinungen möglich wurden.Es besteht also die Möglichkeit, ausgetretene Pfade zu verlassen und einige allgemeine Schlüsse für das Freiwilligenmanagement zu ziehen.

  • Ein erster Hinweis betrifft den Prozess der Engagementkarriere: Delschen sieht hier weniger ‘rationale’ Entscheidungen statt Automatismen, die die Engagierten von einer Stufe zur nächsten führen. Das deckt sich mit meinem Eindruck, dass von echten Entscheidungen für oder gegen ein Ehrenamt im Zuge des Verlaufes einer Engagementkarriere eigentlich immer weniger gesprochen werden kann. Was hier wirkt ist die soziale Kontrolle relativ homogener Gemeinschaften — Gemeinschaften, deren Mitglieder sich in ihrer Grundorientierung und ihrer Bildungsaspiration nur mäßig voneinander unterscheiden.
  • Ein zweiter Hinweis betrifft die Gelegenheitsstruktur für freiwilliges Engagement in solchen Gemeinschaften. Die Übernahme sportpraktischer Tätigkeiten auf der Stufe drei hat sich als Sollbruchstelle im Karriereverlauf — bzw. dessen sichtbaren Beginn — herausgestellt. ein vielfältiges Angebote von Engagementgelegenheiten scheint hier wichtig, allerdings meint das nicht nur das Vorhandensein von Engagementangeboten, sondern auch das von Vorbildern in entsprechenden Rollen.
  • Ein dritter Hinweis bezieht sich auf Figuren, die ich oben als Förderer und Mentoren bezeichnet habe. Insbesondere für Quereinsteiger oder Gründer sind diese von entscheidender Bedeutung, weil sie fehlende oder ungenügende Vereinssozialisation zumindest teilweise ausgleichen können. Das ist einerseits bei ganz praktischen Fragen im Ehrenamt und andererseits für die weitere Berechenbarkeit des Vereins wichtig.

Die hier auftauchenden Konzepte der sozialen Kontrolle, der Engagementgelegenheiten sowie der Förderer und Mentoren können als wesentliche Bedinungsfaktoren für Engagementkarrieren gesehen werden.Das Konzept der sozialen Kontrolle innerhalb engagierter Gemeinschaften hinterlässt bei mir das größte Fragezeichen. Was meint soziale Kontrolle eigentlich und wirkt sie? Ist soziale Kontrolle, so wie sie im Verein wirkt, auch in anderen Zusammenhängen — z.B. im Szene-Engagement — anzutreffen?

tl;dr: Mit Ansgar Delschen: “Es existiert scheinbar weniger der Weg zum Ehrenamt, während es im Ehrenamt offensichtlich einen Weg gibt.”