Am Donnerstag vergangener Woche wurde der ‘neue’ Freiwilligensuvey veröffentlicht. Auf der Pressekonferenz im Bundesfamilienministerium stellte der Staatssekretär Ralf Kleindiek die Erhebung von 2014 — wie zu erwarten war — großen Worten vor:

Immer mehr Bürgerinnen und Bürger teilen ihre freie Zeit, um mitzumachen und Verantwortung zu übernehmen. Über 40 Prozent der Menschen ab 14 Jahren engagieren sich freiwillig. Das sind zehn Prozent mehr engagierte Bürgerinnen und Bürger als noch vor 15 Jahren.

Ich war natürlich sehr neugierig, was bei der nun vierten Welle dieser größten Repräsentativerhebung zum freiwilligen Engagement in Deutschland genau rausgekommen ist. Besonders den Stand der Dinge zum Online-Volunteering erwartete ich mit gewisser Spannung. Um es folgenden Beiträgen zum deutschen Freiwilligensurvey vorwegzunehmen: Ja, das Online-Volunteering wurde im Rahmen des neuen Freiwilligensurvey mit erhoben. Und: nein, euphorisch stimmen die bloßen Zahlen nicht. Nicht einmal 3% der Deutschen engagieren sich ausschließlich oder überwiegend im Internet. Das sind immerhin neunmal mehr als derzeit einen Freiwilligendienst leisten. Allerdings weichen die 3% Online-Volunteers so krass von dem ab, was ich erwartete, dass ich der Sache etwas gründlicher nachgehen will. Später also mehr dazu.

Mein erster Blick auf politisch geframte Studien wie den Freiwilligensurvey gilt ohnehin nicht den Spezialfragen sondern der allgemeinen Herangehensweise. Ohne diesen ersten Blick ist es kaum möglich, die Ergebnisse richtig einschätzen zu können. Dieses Richtig-Einschätzen-Können ist beim Freiwilligensurvey besonders wichtig, weil es sich eben nicht um irgendeine Statistik, sondern die Grundlage für die Sozialberichterstattung zum freiwilligen Engagement in Deutschland handelt. Kaum abzuschätzen, wie oft wir in den nächsten Jahren hören, dass sich schon 30 Mio. Bundesbürgerinnen und -bürger freiwillig engagieren.

43,6% freiwilliges Engagement in Deutschland sind viel zu viel.

Eine Faustregel für die Glaubhaftigkeit eine Statistik ist, ist der Grad, in dem man meint, das Ergebnis schon vorher gewusst zu haben. Ganz besonders Evaluierungen, die regelmäßig durchgeführt werden, macht das ziemlich unsexy. Überraschungen muss man eigentlich immer mit der Lupe suchen. Als Herr Kleindiek nun meinte, dass sich plötzlich über 40% der Deutschen freiwillig engagieren würden, war mein Misstrauen geweckt. Bei allen engagementpolitischen Bemühungen der frühen 2000er Jahre stieg die Engagementquote in Deutschland in den zehn Jahren zwischen 1999 bis 2004 um moderate 2%. In den fünf Jahren zwischen 2009 und 20014 sollen es nun über 10% gewesen sein?!

Die Autorinnen und Autoren des Freiwilligensurveys 2014 erklären den sprunghaften Anstieg des freiwilligen Engagements in Deutschland mit “gesellschaftlichen Veränderungen” und der “gestiegene Thematisierung des freiwilligen Engagements in Politik und Öffentlichkeit” (S. 15). Aber auch ihnen scheint die ermittelte Quote nicht so ganz geheuer zu sein. Und so erklären sie den übermäßigen Anstieg des freiwilligen Engagements mit der Methodik vorangegangener Erhebungen:

Das methodische Vorgehen in den früheren Wellen hat … dazu geführt, dass die Erhöhung der Engagementquote nicht in vollem Umfang sichtbar wurde (S. 15).

Schuld war die Prüfung der in den Interviews gemachten Selbstaussagen. Wäre die nämlich nicht so rigide gewesen, hätten die damaligen Quoten besser zum jetzigen Ergebnis gepasst (siehe Grafik). Prüfung? Das schreit nach Erläuterung!

FSW14_Engagementquote-mit-Pruefung

Der Proof of Engagement im deutschen Freiwilligensurvey

Die Frageführung im deutschen Freiwilligensurvey war immer schon recht einladend. Freiwilliges Engagement wird anhand möglicher Engagementfelder im Kontext der zivilgesellschaftlicher Teilnahme abfragt. Im Freiwilligensurvey 2009 standen ganze 14 Bereiche zu Auswahl, die 2014 noch etwas abgeändert und um die (Teil-) Frage “vereinfacht” wurden, ob noch nichts Passendes dabei gewesen sei (S. 58). Das steigert die Anzahl derjenigen Befragten, die angeben, irgendwie freiwillig engagiert zu sein, im Vergleich zu Studien, die “ehrenamtliches Engagement” als eine mögliche Freizeitbeschäftigung abfragen, über die Maßen (vgl. Emmerich 2012:44) und macht eine Prüfung der Selbstaussagen notwendig.

Diese Prüfung ist im Freiwilligensurvey eine Doppelte: Schon während des Interviews werden die Befragten gebeten, die eigenen Aussagen zu überdenken: “Üben Sie diese Tätigkeit [wirklich] ehrenamtlich oder freiwillig aus?” Sinn und Zweck dieser Interview-internen Prüfung ist es, anschließend die richtigen Fragen stellen zu können. Schlüpft ein eigentlich Nicht-Engagierter nämlich durchs Netz, sind viele seiner Angaben im weiteren Verlauf des Interviews nicht mehr aussagekräftig.

Der zweite Teil der Prüfung folgt nach Abschluss der Interviews. Hier wird anhand der offenen, stichpunktartigen Beschreibungen der Freiwilligentätigkeiten geprüft, ob sich die jeweilige Tätigkeit im Rahmen der vorgegebenen Definition bewegt. Im Freiwilligensurvey 2014 waren das insgesamt 25.530 Angaben, die jeweils von zwei Gutachter!nnen unabhängig voneinander auf der Grundlage konkreter Kriterien geprüft wurden. Im Freiwilligensurvey 2009 dagegen wurden die damals über 14.000 Angaben ohne exakte Prüfregeln ‘ausgesiebt’. Und eben hier setzt die Erklärung der hohen Prüfausfälle in 2009 an: Kritisiert wird schlicht, dass die Prüfkriterien nicht operationalisiert worden sind und so Engagierte und Nicht-Engagierte mehr oder minder nach Gutdünken der Prüfer!nnen voneinander getrennt wurden. Das neue Verfahren dagegen sah eine saubere Operationlisierung von Positivkriterien vor.

Die Prüfkriterien (S. 71 & 74)

Freiwilligensurveys 1999 bis 2009

kein freiwilliges Engagement wenn…

Freiwilligensurvey 2014

freiwilliges Engagement wenn…

  • es sich um private Hilfeleistungen in der Familie oder unter Freundinnen und Freunden handelt
  • reine Mitgliedschaften oder Aktivitäten beschrieben wurden
  • eine haupt- oder nebenberufliche Tätigkeit beschrieben wurde
  • es sich um innerbetriebliche Tätigkeit während der Arbeitszeit handelt
  • Aktiv — Es handelt sich um eine Tätigkeit, nicht bloß Mitgliedschaft
  • Unentgeltlich — Die Tätigkeit ist nicht auf materiellen Gewinn gerichtet
  • Öffentlich — die Tätigkeit findet im öffentlichen Raum, nicht ausschließlich im Freundes- oder Familienkreis, statt.
  • Gemeinschaftlich — Die Tätigkeit wird kooperativ bspw. im Team ausgeübt.

 

Der Trick mit den wissenschaftlichen Standards

Man kann sich nun zanken, ob es prinzipiell sinnvoller ist, Positiv- oder Negativkriterien für die nachträgliche Prüfung zu verwenden. Ich glaube ja, das hier die Form der Funktion folgt und man Negativkriterien setzt, wenn man Fälle aussieben will, während man von Positivkriterien das Gegenteil erwartet. Aber sei’s drum! Ich halte die Argumentationslinie, mit der der ungeheuerliche Sprung von 36% auf 44% freiwilliges Engagement in Deutschland ins rechte Licht gerückt werden soll, für ziemlich elegant. Ehre wem Ehre gebührt!

Bei einem Institutswechsel ist ohnehin von Abweichungen auszugehen und dass es der Nachfolger besser machen will als der Vorgänger, kann man ihm schwer verübeln. Es stimmt, dass die Interview-interne und nachträgliche Prüfung in den letzten Freiwilligensurveys unzureichend standardisiert wurde und kaum nachzuvollziehen ist, warum knapp 4% der Fälle ausgesiebt wurden. Alles in allem ist das aber vor allem eine wunderbare Gelegenheit, mit wissenschaftlichen Standards neue Maßstäbe zu setzen.

Nun sind aber wissenschaftliche Standards vor allem eins: Standards, die vielleicht den Prozess nachvollziehbarer, das Ergebnis aber nicht unbedingt besser machen. Neben dem schon erwähnten Wechsel von Negativ- zu Positivkriterien fällt nämlich auch auf, dass in den Prüfkriterien ein wesentlicher Punkt verändert wurde: Wurden in den Freiwilligensurveys von 1999 bis 2009 nämlich auch zivilgesellschaftliche Aktivitäten ausgesiebt, ist das 2014 nicht mehr so. Hier reichte es aus, dass es sich um eine gemeinschaftliche, öffentliche und unentgeltliche “Aktivität” handelt, die über die bloße Mitgliedschaft oder das Spenden hinausgeht. Um es bildlich etwas zu überspitzen: Waren bis 2009 nur die Organisator!nnen einer Demonstration freiwillig Engagierte sind es heute alle, die mitlaufen.

43,6% sind in der deutschen Zivilgesellschaft aktiv.

So elegant die Ausweitung des zugrundeliegenden Engagementbegriffs im neuen Freiwilligesurvey verschleiert wurde, so schade ist es, dass die allgemeine Engagementquote und alle daran anschließenden Sonderberechnungen nicht mehr mit den Vorausgegangenen zu vergleichen sind. Streng wissenschaftlich waren sie das zwecks fehlender Standardisierung zwar noch nie, aber glaubhaft waren sie zumindest. Der Schuss mit der 44%-Quote jedenfalls ist ziemlich nach hinten  losgegangen.

Wenn jetzt nicht mehr nur das freiwillige Engagement, das über die teilnehmende Aktivität hinausgeht, angegeben wird, sondern alles, was in der Zivilgesellschaft gemeinschaftlich, öffentlich und unentgeltlich irgendwie aktiv ist, sind die Quoten schlicht nicht mehr vergleichbar. Daran ändern auch die Quoten, ‘wie sie eigentlich hätten sein müssen’ (Grafik oben), nichts. Denn dafür müssten wir — streng wissenschaftlich — ja wissen, wie viele Teilnehmend-Aktive es 1999, 2004 und 2009 gab.

Andererseits sind auch die Quoten in groß angelegten Studien wie dem Freiwilligensurvey, für den in 2014 immerhin knapp 30.000 Menschen befragt wurden, immer auch Schätzwerte, die man besser nicht mit X Stellen nach dem Komma angibt. Und wenn man nun alles, was über die Architektur der neuen deutschen Engagementquote bekannt ist, anschaut, könnte man durchaus sagen: Ja, das freiwillige Engagement in Deutschland ist wieder ein bisschen mehr geworden.

tl;dr: Stunde null der 44% Engagementquote.