Dass sich ehrenamtliches Engagement – online wie on-site – irgendwo zwischen „high-responsibility roles“ und „byte-sized assignments“ bewegt, dürfte bekannt sein.i Auf der einen Seite haben wir hochengagierte Gestalter der ‚Gesellschaft im Kleinen‘, auf der anderen Chorsänger, die wegen ihres ‚Teamplays‘ seit Neustem auch zu den freiwillig Engagierten zählen.ii Wenngleich nun die Fallzahl nur sehr sporadisch engagierter Menschen in den Daten des aktuellen Freiwilligensurveys besonders hoch erscheint, gehört doch auch zur Wahrheit, dass die Quote jener Engagierter, die nicht mehr als durchschnittlich zwei Stunden in der Woche für ihr bürgerschaftliches Engagement aufbringen, seit 1999 beständig steigt – von 50% in 1999 auf 56% in 2009 auf 58% in 2014. iii

Eine Vermutung, die in diesem Zusammenhang immer wieder anklingt, ist, dass die Internetnutzung im Engagement damit irgendetwas zu tun haben könnte. Der Vorwurf des ‚Click- oder Slacktivism‘ liegt da nicht fern. Online-Volunteers – so die Kurzform – zählen sich selbst zu den Engagierten, obwohl sie mit ihren paar trägen Klicks von der heimischen Couch aus wohl kaum einen nennenswerten Unterschied im gesellschaftlichen Miteinander machen.

Das dem im Allgemeinen nicht so ist, lässt sich anhand der Angaben zum zeitlichen Umfang des Engagements gut zeigen (s.u.). Da diese Quoten allerdings aus dem durchschnittlichen Zeitaufwand aller Engagierter errechnet werden, könnte der Click- oder Slacktivism in vergleichsweise kleinen Engagementfeldern wie Politik & politische Interessenvertretung oder Umwelt-, Natur- und Tierschutz – wo er bislang am ehesten vermutet wurde – verdeckt werden. Insofern scheint ein genauerer Blick auf den zeitlichem Umfang des Engagements und die Internetnutzung in den unterschiedlichen Engagementfeldern vielversprechend.

Die Findings im Überblick:

  • Click- oder Slacktivismus lässt sich zwar nicht vollständig ausschließen, ist in den Daten des Freiwilligensurveys aber kaum nachzuweisen.
  • Das Internet dient im freiwilligen Engagement vor allem der Vereinbarkeit des Ehrenamts mit anderen Anforderungen des Alltagslebens. 

Code for Good – die richtigen Variablen

Für den Freiwilligensurvey werden jene, die angaben, sich in den letzten zwölf Monaten ehrenamtlich engagiert zu haben, recht umfangreich zu ihrem zeitintensivsten Engagement befragt – gleichgültig, ob es sich um einen Kommunalpolitiker oder einen aktiven Fussball-Torhüter handelt. Unter anderem werden Sie gebeten, Angaben zur Internetnutzung in ihrem Engagement und dem zeitlichen Umfang ihrer Tätigkeit zu machen. Die Auswertung dieser Angaben nach den Engagementbereichen allerdings hat es etwas in sich.

Zunächst muss der gewichtete Datensatz mit der mitgelieferten Variable Engagementbereiche der zeitaufwändigsten Tätigkeit aufgeteilt werden. Die Einzelvariablen zu den Engagementfeldern, die im Freiwilligensurvey berichtet werden (S. 114), lassen sich hierfür nicht verwenden, weil sie bei der Befragung vor dem Teil zur zeitintensivsten Tätigkeit stehen und insofern Doppelnennungen enthalten.

Nicht mitgeliefert wird die Variable zum Umfang der zeitaufwändigsten Tätigkeit, was mir ehrlich gesagt etwas Kopfzerbrechen bereite. Geliefert werden nur die Variablen Stunden für gesamtes Engagement pro Jahr und Stunden für zeitaufwändigste Tätigkeit pro Jahr. Letztere bildet die Grundlage für die im Freiwilligensurvey berichteten Daten. Beide Variablen werden (etwas undurchsichtig) aus sehr differenziert abgefragten Schätzungen der Engagierten zum zeitlichen Umfang ihres (zeitaufwändigsten) Engagements  (in Stunden und Minuten pro Tag, Woche, Monat und Jahr) berechnet. Die Variable schließlich so nachzubauen, dass die Ausgabe dem Berichteten im Freiwilligensurvey (S. 339) gleicht, hat mich einige Mühe gekostet. Aber wie dem auch sei, schlussendlich hat es geklappt und ich präsentiere stolz die richtige PSPP-Syntax zum Nachbauen der Variable Wochenstunden für zeitaufwändigste Tätigkeit in drei Kategorien.iv

PSPP-Syntax_Wochenstunden-zeitaufwaendigste-Taetigkeit-in-3-Kategorien

Time to Volunteer – Zeitaufwand von Online- und Onsite-Engagierten

Die Darstellung der durchschnittlichen Wochenengagementzeit von Online- und Onsite-Engagierten ist eindeutig: Mindestens überwiegend „im Internet“ engagierte Personen investieren durchschnittlich mehr Zeit in ihr Engagement als Menschen, sie sich nicht über das Internet engagieren. Für die in Grafik genannten Kategorien von Online- und Onsite-Volunteers können folgende (grobe) Definitionen gelten:

  • Onsite-Volunteers, engagieren sich ausschließlich vor Ort – sie nutzen das Internet vielleicht für ihr Engagement, erledigen aber keine Aufgaben „im Internet“
  • Online-Volunteers, die sich nur teilweise über das Internet engagieren, wenden die meiste Zeit für ihr Engagement vor Ort auf, erledigen aber auch Aufgaben online
  • Online-Volunteers, die sich überwiegend über das Internet engagieren, wenden die meiste Zeit (>50%) für ihr Online-Engagement auf, engagieren sich aber auch vor Ort
  • Online-Volunteers, die sich ausschließlich über das Internet engagieren, wenden keine Zeit für das Engagement vor Ort auf.

Woechentlicher-Zeitaufwand-Online-Onsite-Volunteers_allgemeiner-Durchschnitt

Dass Online-Volunteers also über die Maßen viel Zeit vor dem Computer verbringen, trifft – wenn überhaupt – nur auf die sehr kleine Gruppe der ausschließlich online Engagierten zu (< 1%). Und auch hier liegt der wöchentliche Zeitaufwand eher im Rahmen des Üblichen: 50% mehr, 50% weniger als zwei Stunden in der Woche.v

Bei den anderen Online-Volunteers (überwiegend oder nur teilweise im Internet engagiert) scheint eher die These der Flexibilisierung ehrenamtlicher Arbeit durch die Internetnutzung zu greifen: Mit dem Internet lassen sich Beruf, Familie, Engagement und all die anderen Anforderungen des täglichen Lebens besser in Einklang bringen, weshalb es vielen überhaupt erst möglich wird, sich mehr als zwei Stunden in der Woche zu engagieren.

Heißt das nun, dass der Umkehrschluss gilt: Weniger Internet gleich weniger Zeitaufwand im Ehrenamt also? Nein, so einfach ist es sicher nicht. Neben der Möglichkeit, sich (auch) online zu Engagieren dürften schließlich noch ein paar andere Variablen, wie beispielsweise der jeweilige Engagementbereich, den zeitlichen Umfang des Engagements beeinflussen. Schauen wir also noch etwas genauer hin.

Fields of Engagement – Auf der Suche nach Clicktivisten

Die Darstellung des wöchentlichen Zeiteinsatzes für das Ehrenamt in den unterschiedlichen Engagementbereichen zeigt, dass in den allermeisten Bereichen etwas mehr als die Hälfte der Engagierten weniger als zwei Stunden in der Woche tätig ist. In einigen Bereichen allerdings sind die eher sporadisch Engagierten ganz deutlich in der Überzahl. Ausreißer, die den allgemeinen Durchschnitt senken, sind vor allem die mittelgroßen Bereiche Freizeit & Geselligkeit, Kirche & Religion und (ganz besonders) Schule & Kindergarten, in denen sich nicht gerade übermäßig viele Online-Volunteers finden. Doch was ist mit den anderen Bereichen?

online-onsite-engagement_14-engagementbereiche-zzgl-zeitumfang-in-14-Engagementbereichen

Würde die eingangs vorgebrachte Vermutung zutreffen, dass sich Click- oder Slacktivisten in einzelnen (v.a. kleineren) Engagementfeldern finden, müsste sich das auch im jeweiligen Durchschnitt des wöchentlichen Zeitaufwands zeigen. Entsprechend müsste gelten:

Je mehr Online-Volunteers („nur teilweise“, „überwiegend“ oder „ausschließlich) in einem Engagementbereich tätig sind, desto größer der Teil jener Engagierten im selben Bereich, die sich weniger als zwei Stunden in der Woche engagieren.

Setzen wir nun als Marker für Ausreißer vom Durchschnittswert (58% = 55% „nur teilweise“ + 2% „überwiegend“ + 1% „ausschließlich“) +/- 10%, müssten sich in folgenden Engagementbereichen auch über- oder unterdurchschnittlich viele Engagierte finden, die sich im Schnitt weniger als zwei Stunden in der Woche engagieren.

Engagementbereiche mit überdurchschnittlich vielen Online-Volunteers

  • Politik & politische Interessenvertretung – 87% teilweise und 5% mindestens überwiegend online engagiert – 57% weniger als zwei Stunden in der Woche tätig
  • Berufliche Interessenvertretung – 74% teilweise und 4% mindestens überwiegend online engagiert – 69% weniger als zwei Stunden in der Woche tätig
  • Außerschulische Jugendarbeit & Erwachsenenbildung – 71% teilweise und 3% mindestens überwiegend online engagiert – 57% weniger als zwei Stunden in der Woche tätig
  • Sonstige bürgerschaftliche Aktivitäten – 62% teilweise und 7% mindestens überwiegend online engagiert – 56% weniger als zwei Stunden in der Woche tätig.
  • Umwelt-, Natur- & Tierschutz – 59% teilweise und 9% mindestens überwiegend online engagiert – 55% weniger als zwei Stunden in der Woche tätig

Engagementbereiche mit unterdurchschnittlich vielen Online-Volunteers

  • Unfall-, Rettungsdienst & freiwillige Feuerwehr – 45% teilweise online – 54% geben an, weniger als zwei Stunden in der Woche tätig zu sein
  • Justiz & Kriminalität – 44% teilweise online – 70% geben an, weniger als zwei Stunden in der Woche tätig zu sein*
  • Gesundheit – 43% teilweise online – 43% geben an, weniger als zwei Stunden in der Woche tätig zu sein

* Die Ausgabe zum Bereich Justiz und Kriminalität ist etwas fragwürdig, weil die Fallzahlen hier sehr gering sind. 

Setzen wir als Marker für Ausreißer beim zeitlichen Umfang des Engagements ebenso +/-10% vom 58%-Durchschnittswert der Engagierten, die weniger als zwei Stunden in der Woche tätig sind, wird deutlich, dass die oben formulierte These lediglich in den Bereichen berufliche Interessenvertretung und Gesundheit zutreffen kann, wo sich entsprechend der Vermutung über- bzw. unterdurchschnittlich viele Menschen weniger als zwei Stunden in der Woche engagieren.

Gilt in diesen Bereichen also mehr Internet = weniger Zeiteinsatz? Wahrscheinlich nicht. Sinnvoller scheint hier die These der biographischen Passung (Jakobs 2003). Dass also der Zeitaufwand für das Engagement mit dem Alter der Engagierten beziehungsweise deren aktueller Lebensphase zusammenhängt. In der beruflichen Interessenvertretung engagieren sich überwiegend Menschen im so genannten Familienhoch (35- bis 50-Jährige), das von zahlreichen Engagements zwischen Familie, Beruf und Freizeitbeschäftigung geprägt ist und insofern gar nicht all zu umfangreich sein kann. Im Gesundheitsbereich dagegen sind fast die Hälfte (47%) der Engagierten älter als 50 Jahre und damit eher jene ohne kleine Kinder oder Teenager im Haus. Hier ist entsprechend mehr Engagement möglich.

Final – ‘Clicktivismus wird nicht angewendet’

Der Blick auf den zeitlichen Umfang des Engagements von Online- und Onsite-Volunteers hat gezeigt, dass kein linearer Zusammenhang zwischen Internetnutzung und sporadischem Engagement besteht. Vielmehr scheint es, als würde das Internet zur flexiblen Ausweitung des Engagements genutzt werden, was insbesondere bei der Hebung interner Engagementpotentiale – also jener bereits engagierter Ehrenamtlicher, die (sicher oder vielleicht) bereit wären, ihr Engagement auszuweiten – helfen könnte.

Was den Click- oder Slacktivism betrifft, kann man sagen, dass es – abgesehen von der beruflichen Interessenvertretung – keinen Engagementbereich gibt, in dem dieses Phänomen messbar um sich greift. Dass es deshalb aber keine Click- oder Slacktivisten in Engagementbereichen wie zum Beispiel der politischen Interessenvertretung oder dem Natur-, Umwelt & Tierschutz gibt, ist damit noch nicht sicher.

Die drei Kategorien in denen der zeitliche Umfang des Engagements im Freiwilligensurvey – wie auch hier – dargestellt wird, sind dafür schlicht zu grob. Unter den 50% der mindestens teilweise online engagierten Freiwilligen, die weniger als durchschnittlich zwei Stunden in der Woche für ihr Engagement aufbringen, könnten sich zahlreiche engagierte finden, die sich in den letzten zwölf Monaten nicht mehr als eine Stunde engagiert haben.

So richtig wahrscheinlich ist das aber nicht! Unter allen mindestens teilweise online engagierten Freiwilligen müssten sich nämlich über die Maßen viele finden, die sich weniger als durchschnittlich eine Stunde in der Woche engagieren. Und das ist nicht der Fall. Anhand der „Rohvariable“ Stunden für gesamtes Engagement pro Jahr kann man einfach (ohne extra Variable) ausrechnen, dass etwa 25% aller Engagierten weniger als durchschnittlich eine Stunde in der Woche tätig sind. Lässt man sich diese Zahlenkolonne nur für die Online-Volunteers (teilweise, überwiegend & ausschließlich) ausgeben, zeigt sich das nur 20% der Online-Volunteers zu diesen sehr sporadisch Engagierten gehören.

Literatur:

Cravens, Jayne / Ellis, Susan J. (2014): The Last Virtual Volunteering Guidebook. Fully Integrating Online-Service into Volunteer Involvement. Philadelphia

Jakobs, Giesela (2003): Biographische Strukturen bürgerschaftlichen Engagements. Zur Bedeutung biographischer Ereignisse und Erfahrungen für ein gemeinwohlorientiertes Engagement. In: Munsch, Chantal (Hrsg.): Sozial Benachteiligte engagieren sich doch. Über lokales Engagement und soziale Ausgrenzung und die Schwierigkeiten der Gemeinwesenarbeit. Weinheim, S. 79-96.

iZu den engl. Begriffen siehe Cravens & Ellis 2014: 29ff.

iiSiehe „Zu fantastisch, um wahr zu sein“ taz-online (5.12.2016)

iii Der zeitliche Umfang des Engagements wurde im Freiwilligensurvey 2004 – anders als 1999, 2009 und 2014, nur für das gesamte Engagement, nicht für die zeitaufwändigste Tätigkeit, erhoben.

ivFür tatkräftige Unterstützung und wertvolle Hinweise danke ich Holger Krimmer von ZiviZ und Nicole Hameister von Forschungsdatenzentrum des DZA

v Wenngleich die sehr geringe Fallzahl der ausschließlich im Internet engagierten Freiwilligen kaum Verallgemeinerungen zulassen, ist die Verteilung der 75 Fälle auf die drei Kategorien doch nicht uninteressant: 35 dieser Online-Volunteers engagieren sich weniger als zwei Stunden in der Woche, 17 mehr als drei aber weniger als fünf und 19 mehr als sechs Stunden. Einen Trend je mehr online desto mehr Zeiteinsatz scheint es also nicht zu geben.