Seit kurzem darf ich mich im DRK-Generalsekretariat auch beruflich mit Themen befassen, die mich hier im Blog schon länger beschäftigten. Seit 1. Februar arbeite ich im neu geschaffenen „Cluster“ soziale Innovation & Digitalisierung. Wem jetzt der Begriff „Cluster“ nichts sagt, sei getröstet: Ich bin mir dessen Bedeutung auch nicht 100%ig sicher. Für mich steht er bisschen für die Vision einer in sich stark vernetzten Organisation, die sich nur der Transparenz wegen noch im Medium eines Organigramms – also mit Bereichen, Teams und Sachgebieten, ähh!! „Clustern“ – darstellt, sich im Innern aber durch fluide Zusammenarbeit an den thematischen Schnittstellen der Fachgebiete auszeichnet.

Diese Vorstellung finde ich ziemlich spannend, zumal wir hier vom Bundesverband des Deutschen Roten Kreuzes sprechen – einer Organisation, die sich sonst recht ministerial gibt und auch kulturell entsprechend geprägt ist (so mit Dresscode und so). Persönlichi empfinde ich aktuell einen Flair, der in krassem Gegensatz zum traurigen Ambiente leerer werdender Flure in Zeiten personeller Konsolidierung des letzten Jahres steht. Ich hoffe dieser Eindruck hält noch ein bisschen an. Aktuell zumindest sieht es so, aus als stünde das Jahr 2017 für mich unter dem Motto „Aufbruch“.

Aufbruch

Jetzt gerade schreibe ich einen Blogpost über meine Arbeit im DRK-Generalsekretariat. Das habe ich noch nie gemacht und es fühlt sich wirklich wie ein Wagnis an. Jeden Satz lese ich zig-mal, um nicht versehentlich doch jemandem auf den Schlips zu treten … Doch wie dem auch sei! Ich habe mich dazu entschlossen, es einfach mal zu riskieren. Vielleicht fühlt es sich ja später gar nicht mehr so gewagt an, den Teil meines Stellenprofils zu „Netzwerkarbeit“ auf die Art mit Leben zu füllen, wie ich das mit meinem Blog und über Twitter nun bald schon zehn Jahre mache: Ich schreibe darüber, was ich tue und lerne und komme mit Leuten, die sich dafür interessieren ins Gespräch.

Wie gesagt, ich habe das die letzten Jahre meiner Freizeit so gemacht! Ob bei Twitter, auf Facebook bei Google+ oder Xing / LinkedIn habe ich mich mit Einblicken in meine tägliche Arbeit schwer zurück gehalten. Das soll sich ändern! Doch wie gibt man diesem privat-beruflichen Gezwitscher so einen Rahmen, dass sich auch andere Kolleg!nnen aus der Deckung trauen – Kolleg!nnen, die sich vielleicht erst seit Kurzem mit Social Media beschäftigen? Klar: Mit einer Social Media Policy und Unterstützungsangeboten auf dem Weg durch den Kulturschock Social Web. Beides nehmen wir im DRK-Generalsekretariat gerade leichtfüßig in Angriff.

Innovationslabor

Als einer von zwei Referenten DRK-Generalsekretariat, die sich in Vollzeit mit den Themen Soziale Innovation und Digitalisierung befassen, organisiere ich ein Innovationslabor – ein drei-jähriges Projekt zur Innovationsförderung. Im Grunde geht es dabei um die Identifizierung guter Rahmenbedingungen für soziale Innovation in der freien Wohlfahrtspflege beziehungsweise der Wohlfahrts- und Sozialarbeit im DRK. Keine ganz banale Angelegenheit! Zwar sind schon einige Eckpunkte wirksamer Innovationsförderung aus der Hochschulentwicklung der Literatur zum Social Entrepreneurship bekannt, doch vermute ich ganz stark, dass das Setting in der freien Wohlfahrtspflege doch ein etwas anderes ist, als das in der Szene der Social StartUps …

Aktuell stecke ich natürlich bis Oberkante Unterlippe in den Vorbereitungen. Im Sommer soll‘s los gehen: Die Auftaktveranstaltung wird hoffentlich der Knaller und bringt den Stein ins Rollen, sodass wir von Projektideen nur so überschüttet werden. Im Herbst dann die Pitches, zu denen hoffentlich viele interessierte Leute – und Förderer (!) – kommen werden, sodass auch Teams, die nicht ins Labor passen, ihre Chance bekommen. Und schließlich dann der Kick-Off mit den ausgewählten Projekten – Businessplanung, Meilensteine, Planung von Feebackloops … Mal sehen, was das Motto 2018 wird.

Digitalisierung

Was die Digitalisierung betrifft, haben meine Kollegin und ich es mit Grundlagenarbeit par excellence zu tun. Auch wenn gerade allerorten über „Wohlfahrt-“, „Sozialarbeit-“, „Schule-“, What-Ever-4.0 schwadroniert wird, steht die freie Wohlfahrtspflege noch ganz am Anfang. „Strukturierung von Nutzerdaten“? „Agiles Projektmanagement“? „Inbound Marketing“? „Plattformökonomie“? TEUFELSZEUG! Wo bleibt denn da das Zusammentreffen im realen Leben? Und denkt mal einer an den Datenschutz??

Viele der immer hilfloser anmutenden Einwände gegen die Digitalisierung – oder besser „Mediatisierung“ – sozialer Arbeit habe ich ganz ähnlich schon gehört. Unvergessen die Vereinsvorsteherin, die mich (erfolglos) über den unschätzbaren Wert des puren Naturerlebens aufzuklären versuchte und sich anschließend danach erkundigte, wie man denn für sowas junge Ehrenamtliche gewinnen könnte. Klar! Über die Eltern, die ihren Kindern sowas ‚verordnen‘. Aber auch die werden irgendwie immer weniger …

Digitalisierung ist für uns Teil des ständigen Kulturwandels, den man ertragen oder mitgestalten, nicht aber verhindern kann: Einstmals avantgardistische Kulturpraktiken (z.B. Twittern) werden von gesellschaftlichen Eliten adaptiert und sickern nach und nach durch den bürgerlichen Mainstream bis in die klassischen Milieus der Sozialarbeit. Hier – so mein Eindruck – werden sie dann kurzer Hand als deviante Verhaltensweisen (selten als echte Chance) identifiziert und mit sozialpädagogischem Handwerkszeug bis zur Unkenntlichkeit verformt. Macht keinen Spaß mehr aber Hauptsache sicher!

Potential

In all dem tollen Neuen, glaube ich, steckt einiges Potential. Ich finde es toll, dass einige Kolleg!nnen anfangen, mit Social Media zu experimentieren und dass das von der Leitungsebene auch gewollt ist. Ganz unabhängig von Fragen nach Arbeitszeit, finanzieller Gratifikation und dienstlicher Hardware macht es einen großen Unterschied, ob Social Media in einer Organisation nur geduldet oder wirklich gewollt ist. Ich freue mich auch, dass wir den lange überfälligen Social Media Policy Prozess jetzt nachholen und landauf landab dazu mit Interessierten ins Gespräch kommen.

Natürlich hat die Sache auch einiges Potential für Frustration. Die Zahlen der (Re)Tweet, Friends und Follower gehen nicht eben durch die Decke, die Zeit für Austausch und gemeinsames Lernen wird im normalen Arbeitsalltag immer knapp bemessen und wozu wir eine Social Media Policy brauchen, ist auch nicht allen klar. ‚Ein bisschen was vom Lohn ist halt immer auch Schmerzensgeld‘ pflegte mein jetzt ehemaliger Teamleiter bei solchen Gelegenheiten zu sagen und er hat Recht. Frust ist nicht schön, Scheitern macht keinen Spaß, gehört aber eben dazu.

tl;dr: Im DRK ist gerade Aufbruch. Weitere Infos folgen.

iIch weiß – oder bin mir zumindest sehr sicher –, dass es nicht allen Kolleg!nnen so geht wie mir! Von hoher Arbeitsbelastung und Unsicherheit ob der neuen Freiräume und Verantwortung ist dieser Tage immer wieder zu hören.