Morgens nach dem Frühstück nehme ich immer mein Smartphone in die Hand und schaue, was so los ist auf Twitter und auf Facebook. Wäre ich älter würde ich vielleicht die Treppe runter gehen und irgendeine Zeitung aus dem Briefkasten holen, wieder hoch tapsen und den einen oder anderen Artikel lesen. Vielleicht hätte ich auch schon einen Bezahl-Account bei ZEIT online, SPON oder der BILD.de und würde mir den Gang sparen. Ich bin aber noch nicht reif für täglich Print und so habe ich auch am Sonntagmorgen mein Smartphone angemacht und bin bei Facebook auf den Beitrag von Hendrik Epe gestoßen — er hatte mich in einem Beitrag, den er in der Gruppe “SozialunternehmerInnen” hinterließ markiert.

Hendrik fragt, ob wir denn Innovation Labs, Hubs, F+E Abteilungen oder sonst was in Sozialunternehmen brauchen. Wer Hendriks Blog kennt, weiß, dass das keine bloß rhetorische Frage ist. Da er nun aber in seinem Facebook-Beitrag nach meiner Meinung gefragt hat, will gern etwas zu der Diskussion beitragen.

das kleine Wörtchen ‘auch’ – #framing

Eigentlich habe ich natürlich gar keine Zeit dafür. Ich stecke mitten in meinen Urlaubsvorbereitungen. Am kommenden Wochenende ziehe ich mit meiner Freestyle-Crew  “Slalomplace” zum zweiten Mal die Inline Games im Sportpark Neukölln durch — ein internationales Inline-Skating-Turnier mit rund 120 Gästen aus 17 verschiedenen Nationen, die sich an drei Tagen in sechs verschiedenen Disziplinen miteinander messen wollen (Livestreaming und Social Media Newsroom inklusive!).

Anyway! Hendrik kommt zu dem Schluss, dass es Innovationslabore braucht, um das Thema “Innovation” auch in der Sozialwirtschaft zu einem großen Thema zu machen. Sein Beitrag ist wirklich lesenswert! Er antwortet nicht einfach mit “Ja” sondern stellt die Vor- und Nachteile dar, die auch in meiner Welt so oder so ähnlich immer mal wieder auftauchen:

  • Endlich gibt es jemanden, der sich um soziale Innovation kümmert! VERSUS Zum Glück ist dieser Kelch an mir vorbei gegangen.
  • Jetzt bekommen wir endlich mal raus, wie wir sozial innovativer werden können! VERSUS Wasch’ mich aber mach mich nicht nass.
  • Zum Glück gibt es nun einen Ansprechpartner für supercoole Ideen, die so Verbände unbedingt brauchen VERSUS Die haben gar keine Ahnung, was wir eigentlich machen.

Was ich nun zur Diskussion beitragen will, ist ein kleiner aber recht grundlegender Hinweis: Das Wörtchen “auch” ist im Kontext von Innovationsförderung in der Sozialwirtschaft meines Erachtens komplett fehl am Platz!

 Aber: Brauchen nicht auch soziale Organisationen entsprechende Abteilungen, Labs, Hubs?

“Soziale Innovation” kommt von “Soziale Arbeit” – #isso

Klar! Jetzt kommt der über ein halbes Jahrzehnt Verbandssozialisierte und erklärt, dass die Träger der freien Wohlfahrtspflege schon seit Jahr und Tag soziale Innovationen hervorbringen und das nicht erst tun, seit dem die Industrie-Sau 4.0 quiekend durchs Dorf getrieben wird. Sie tun es! Sie tun es aber leider viel zu oft im Stillen, ohne viel Publicity, schöne Webseiten und öffentliche Auszeichnungen. Es ist nämlich ihr Beruf. Ein Beruf, der ihnen kaum Zeit lässt für breitbeiniges Gehabe … Okay, um bei der Wahrheit zu bleiben, viel zu oft sehen sie ‘breitbeiniges Gehabe’ auch nicht als ihre Aufgabe. Meist differenzieren sie Probleme bis zu Unkenntlichkeit aus oder suchen sich Anerkennung in abseitigen Nischen (Man erkennt, dass ich von mir selber rede, oder?)

Fakt ist, dass die Sozialwirtschaft in Deutschland schon immer soziale Innovationen hervor gebracht hat und weiter hervorbringt. Schon deshalb ist das Wörtchen “auch” an dieser Stelle nichts weiter als Kleinmacherei. Kleinmacherei übrigens, die das recht übersichtliche Selbstbewusstsein der Profession Sozialer Arbeit nicht unbedingt wachsen lässt.

Ein zweiter Punkt, warum ich meine, dass das Wörtchen “auch” hier fehl am Platz ist, ist meine Überzeugung, dass Organisationen der Sozialwirtschaft nicht wirklich gut daran tun, Marktwirtschaft zu spielen. Die Sozialwirtschaft ist nämlich nicht Marktwirtschaft. Selbstverständlich gibt es hier wie dort Konkurrenz, die prinzipielle Kooperationsfähigkeit über Organisationsgrenzen hinweg ist in der Sozialwirtschaft aber wesentlich breiter angelegt als in der Marktwirtschaft, wo sie auf gemeinesame Spezialinteressen (meist die Externalisierung von Kosten) beschränkt bleibt.

Und genau hier, glaube ich, müssen Innovatoren in der Sozialwirtschaft wirken. Ob nun Einzelpersonen daran arbeiten oder ganze Abteilungen, es muss darum gehen, einen eigenen Weg sozialer Innovation in der Sozialwirtschaft zu finden — Projekt- und Ideen-Transfer inklusive. Die Instrumente (Innovationslabore, -hubs und F+E Abteilungen) und Methoden (Design Thinking, Lean Start-Up oder Reverse Mentoring), die dafür bei der Telekom, bei Daimler oder Bosch zum Einsatz kommen, können dafür durchaus näher in Augenschein genommen werden. Im Sinne empirischer Forschung — schöne Grüße an deine Studies Hendrik — ist aber nicht gesagt, dass sie, nur weil sie bei der Telekom vermeintlich Wunder bewirken, dies auch beim Deutschen Roten Kreuz, bei der Caritas oder bei der Diakonie tun müssen.

Change as new normal – #wakeup

Aktuell scheint mir ein neuer Wind durch die Sozialwirtschaft zu wehen. Soziale Innovation und Digitalisierung — Themen, die lange ziemlich abseitig behandelt worden — rücken in den Fokus. Das ist selbstverständlich so, weil die die Industrie- und Arbeit 4.0 Debatte in den letzten Jahren mit lautem Gequieke für die rechte Aufmerksamkeit gesorgt hat. Das allerdings muss nicht heißen, dass die Sozialwirtschaft jetzt auch laut grunzen muss. Hahnen-Krähen wäre toll! Denn manche müssen noch geweckt werden … Aber aufstehen müssen, weil der Nachbar auch schon bei der Arbeit ist? Neee!

Den Drive hin zu Veränderung — zum “change as new nomal” — sehe ich als große Chance für die Profession Sozialer Arbeit. Eine Chance, die weithin sichtbaren gesellschaftliche Herausforderungen, wie den tiefen digitalen Graben zwischen On- und Offlinern, Digital Natives und Immigrants, wirksam zu begegnen und Brücken zu bauen zwischen jenen, die morgens die Treppe runter gehen, um die Zeitung zu holen und jenen die sich selbst schlaftrunken auf Facebook suchen. Ich find’s toll und bin durchaus bereit hin und wieder meine wichtigen Feierabend-Projekte zurückzustellen (#Inlinegames).