In den nächsten Tagen steht die Daten-Nutzer-Konferenz des DZA an. Hier werden einige Vertreter aus der Wissenschaft zusammenkommen und zeigen, was sie so mit dem Scientific Use File (SUF) des Freiwilligensurveys 2014 angestellt haben. Auf dem Programm stehen ganz unterschiedliche Themen; vom Gender-Gap im Ehrenamt über die Rolle der Religion für die Freiwilligenarbeit bis hin zu einer Typologie mehrdimensionaler Engagementformen. Und auch einen Ausblick auf den Freiwilligensurvey 2019 soll es geben.

Da bin ich natürlich schon sehr gespannt! Zusammen mit Mike Weber hatte ich ja das Thema Digitalisierung in den Kick-Off zum nächsten Freiwilligensurvey 2019 eingebracht und bei meinem Blog-Projekt „Online-Volunteering in Deutschland“ einige Schlaglichter auf den Stand der Dinge zum digitalen Ehrenamt geworfen. Zeit also für eine kurze Summary.

Digitales Ehrenamt in Deutschland

Das Online-Volunteering ist ja seit je her unter vielen Namen bekannt. Digitales Ehrenamt ist der jüngste Spross. Zur Frage, was Online-Volunteering aber eigentlich abseits der vielen Buzzwords genau ist, hatte ich schon vor fünf Jahren eine – wie ich immer noch finde – brauchbare Definition vorgelegt, in der ich die üblichen fünf Kriterien der Enquete-Kommission „Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements“ von 2002 mit einer sechsten ergänzt und schrieb:

Online-Volunteering ist freiwilliges, unentgeltliches Engagement mit anderen, das öffentlich ausgeübt wird, sich am Gemeinwohl orientiert und bei dem die jeweilige Tätigkeit vollständig oder teilweise über das Internet vom heimischen Rechner, von Arbeit oder von unterwegs aus verrichtet wird.

Für den letzten Freiwilligensurvey 2014 wurde dies mit genau einer Frage an die Engagierten operationalisiert, die das Internet für ihr Engagement nutzen: „Findet Ihre Tätigkeit ausschließlich oder überwiegend oder nur teilweise im Internet statt“ (im SUF das Item w4_420).

Gemeinsam mit Mike Weber vom Fraunhofer Institut öffentliche IT habe ich unlängst aufgeschrieben, dass das in Zeiten omnipräsenter Digitalisierung eigentlich ein bisschen wenig ist. Mit unserem Papier „Die Digitalisierung des Ehrenamts im Blick“ haben wir entsprechend Impulse für den nächsten Freiwilligensurvey 2019 gegeben und dafür auch die Internet-Nutzung im Engagement mit an Bord geholt.

Die Fragen, mit denen das für den jüngsten Freiwilligensurvey erhoben wurde, lauteten: „Nutzen Sie für Ihre Tätigkeit das Internet?“ und, wenn das gegeben war „Nutzen Sie für Ihre Tätigkeit auch soziale Netzwerke oder beteiligen sich an Blogs, Foren oder Wikis“ (im SUF die Items w4_418f.). 

Das Framework unserer Diskussion dazu, was an der Digitalisierung des Ehrenamts denn alles so spannend sein könnte und was entsprechend in den nächsten Freiwilligensurvey aufgenommen werden sollte, stelle ich gern in einer Tabelle mit halbdurchlässigen Spalten dar. Ganz trennscharf lassen sich Internet-, Social Media Nutzung, Online-Volunteering und Crowdsourcing schließlich nicht denken.

Im Grunde spricht diese Tabelle schon ziemlich gut für sich selber. Was auf der Seite der Internetnutzung im Engagement allerdings noch fehlt, ist die durchaus relevante Spalte technische Hilfsmittel (Wearables, Drohnen, 3D-Drucker, künstliche Intelligenz und Virtual Reality), die für das Engagement zum Einsatz kommen. Da gibt es in gar nicht ferner Zukunft sicher einiges Erkenntnispotential!

Mythen über das Online-Volunteering

Lange bevor es das digitale Ehrenamt als zeitgenössische Bezeichnung des Online-Volunteerings gab, gab Mythen darüber, wie das Internet das Engagement verändert. Jayne Cravens hatte schon in den 90er Jahren angefangen, diese Mythen zu sammeln und als solche zu entlarven. Eine Zusammenstellung der populärsten Mythen hat sie 2011 bei Techsoup.org veröffentlicht.

Ein paar deutschen Mythen über das Online-Volunteering habe ich mich bei meiner kleinen Sonderauswertung des letzten Freiwilligensurveys zugewandt. Die Details dazu habe ich (mit einer Ausnahme) in einzelnen Artikeln verbloggt, die ich hier einmal mit wenig Text und großen Bildern anteasern will.  

Online-Volunteering ist nur was für Jugendliche!

Lange wurde es geglaubt: Die Internet-Nutzung ist eine Frage der Generationen. Und doch so falsch! Teenager engagieren sich ungefähr so häufig über das Internet wie ihre Großeltern. Online-Voluntering ist was für Menschen, die auf Flexibilität angewiesen sind – Twens zum Beispiel.

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Online-Volunteering ist Clicktivismus. Da investiert doch niemand wirklich Zeit ins Engagement!

Online-Campaigner mussten die Ladder of Engagement erfinden, um dem  Mythos des Click- und Slacktivismus etwas entgegen zu setzen. Defacto sieht es allerdings genau umgekehrt aus: Wer sich vollständig offline (also on-site) engagiert, investiert im Schnitt viel weniger Zeit ins Engagement – in Schule und Kindergarten ist das echt frappierend.

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Für das Online-Volunteering fehlt auf dem Land das schnelle Internet!

Stimmt! Und stimmt auch nicht. Der Deutsche Bauernverband kritisiert zu Recht, dass Anwendungen mit denen vielleicht Traktoren über das Internet ferngesteuert werden können, das eine übliche Mbit/s nicht ausreicht. Für E-Mails, Cloud-Dienste und einen Chat wie WhatsApp reicht es aber allemal. Dass das Online-Volunteering auf dem Land nicht ganz so weit verbreitet ist wie in der Stadt, hat wahrscheinlich andere Gründe als langsames Internet — zum Beispiel das Durchschnittsalter der Engagierten. Dass 5G auf dem Land aber noch lange nicht Standard ist, trägt auch nicht unbedingt zur digitalen Entwicklung der dortigen Engagement-Infrastruktur bei – meint ja auch der LandFrauenverband

Zum Schluss: 3 Learnings

Mit dem ProjektFWS wollte ich vor allem nachholen, was im Freiwilligensurvey versäumt wurde. Für den aktuellen engagementpolitischen Diskurs wurde hier ja ‘symptomatischer Weise’ die erhobene letzte Antwortkategorie der Frage nach dem Online-Volunteering (das „nur teilweise“ im Internet geleistete Engagement) gar nicht berichtet (vgl. hier und bei Mohabbat Kar et al 2017:14). Darüber hinaus wollte ich gern nachholen, was ich in meinem forschungsorientierten Masterstudiengang seinerzeit vermisste: Brauchbares Handwerkszeug für die quantitative Sozialforschung. Was habe ich also gelernt?

  1. Mein Projekt „Online-Volunteeting in Deutschland“ fällt unter Citizen Science, weil ich zwar Wissen über das digitale Ehrenamt aber keinen aktademisch-institutionellen Background vorzuweisen habe. Das hat auch zu lustigem Hin- und Her bei der Beantragung des SUF geführt und ist – wie ich zwischendurch irgendwo mitbekommen – sogar förderfähig.
  2. Dank tatkräftiger Hilfe erfahrenerer SUF-Nutzerinnen und Nutzer weiß ich jetzt, wie man ein eine neue Variable in der PSPP-Syntax programmiert. Damit trage ich – hoffentlich – auch zur Weiterentwicklung der Citizen Science bei. Seit dem 3. Januar dieses Jahres kann man ja in meinem Blog nachlesen, wie die Variable zum wöchentlichen Zeitaufwand aus dem Freiwilligensurvey in PSPP nachgebaut werden kann.
  3. Auch große Fallzahlen (im Freiwilligensurvey immerhin knapp 30.000 Befragte) garantieren nicht unbedingt verlässliche Einblicke bis in die letzen Winkel des Engagements. Spätestens dort, wo der halbe Kuchen (die 42% der 30.000 Befragten) in 14 ungleich große Stücke (z.B. Engagementbereiche) geteilt wird und der dritte Teil jedes noch so kleinen Stückes genauer untersucht werden soll, wird es heikel. Nur weil der Krümel einer Schwarzwälder Kirschtorte schwer nach Kirschwasser schmeckt, heißt das ja nicht, dass der Bäcker betrunken war.

Auch wenn ich also mit meinem kleinen Projekt noch nicht ganz durch bin, habe ich schon viel gelernt und freue mich darauf, den nächsten Datensatz in die Finger zu bekommen. Vielleicht werden wir dann ja noch schlauer…