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BarCamp Frauen — ich geh’ nicht hin.

Achtung, aufgepasst! Am 06. Oktober geht das BarCamp Frauen in die dritte Runde — für Berliner Verhältnisse grenzt das schon an Tradition. Als BarCamp organisiert bietet die Frauen(un)konferenz in der Berliner Kalkscheune Raum, um zuzuhören, mitzureden und sich einzubringen. Kurzum: Das BarCamp Frauen setzt ein relevantes Thema – nämlich Gleichstellung aller Geschlechter – auf die politische Agenda;

raus aus den Stuben der Politik und rein in die politische Debatte.

Soweit die Ankündigung, jetzt zur Realität: Auf dem BarCamp Frauen treffen sich — wen kann das überraschen — überwiegend Frauen. Auch wenn Männer hier und da angesprochen werden (z.B. mit dem Stichwort „Väter-Zeit“) sind die Herren der Schöpfung auf dem Frauenbarcamp dramatisch unterrepräsentiert. Will heißen, es wird — wenn überhaupt — eher über sie als mit ihnen gesprochen. Als ich letztes Jahr dort war, um dem mit aktiver Einmischung etwas entgegenzusetzen, war ich einer von insgesamt sechs Männern unter einer Heerschar von 150  — mithin bis zum Platzen selbstbewusster — Frauen.

Dementsprechend gestaltete sich natürlich auch der Sessionplan. Das ist ja das Prinzip eines BarCamps: Es wird diskutiert, was die Teilnehmenden diskutieren wollen. Im letzten Jahr waren das überwiegend Job-Themen: „Frauen in Wissenschaft und Forschung“, „Burnout“, „.. mein Leben, meine Pläne, mein Traumjob“ oder „die gläserne Decke“. Außerdem wurden — das fand ich sehr interessant — auch Orchideen-Themen angesprochen wie „Überleben als Single“ oder „radikal feministische Musliminnen“. Doch wie dem auch sei, die Sessions zu den Job-Themen, zu Karriere und Selbstverwirklichung fanden definitiv den meisten Zuspruch.

Und auch das passt zum BarCamp: Der Altersschnitt lag bei etwas über 30 Jahren. Da gründet frau gerade eine Familie und blickt — natürlicher Weise — mit Sorge auf die eigenen Chancen, sich in Job und Freizeit selbst zu verwirklichen. Darüber zu sprechen finde ich richtig und wichtig. Auch ich als Mann frage mich, ob ich mich in Zukunft mit Job und Familie noch selbst verwirklichen kann oder ob ich mich auf’s Geldranschaffen beschränken muss, um zusammen mit meiner weniger verdienenden Frau — wenn sie denn bei mir bleibt — den Kindern einen guten Start ins Leben zu ermöglichen. Wie die Zukunft wird, kann niemand wissen, darüber Austauschen kann man sich aber trotzdem.

Nun geht es aber bei politischen Debatten — auch in den Stuben der Politik — nicht nur darum, sich über eine ungewisse Zukunft auszutauschen. Es geht darum, Zukunft zu gestalten. Es geht darum, knappe Ressourcen zu verteilen. Und es geht darum, dabei möglichst vielen Menschen gerecht zu werden. Ein BarCamp ist dafür wohl nur bedingt geeignet. Hier geht es ja gerade nicht darum, an andere zu denken — hier ist man sich selbst der/die/das Nächste. Für mich geht es auf BarCamps um die Frage, was mich am meisten umtreibt; was ich diskutieren will. Während des BarCamps bilden sich dann i.d.R. ‚ad hoc Koalitionen‘, die die Wichtigkeit des Themas unterstützen oder in Abrede stellen. Die inhaltlichen Argumente treten dagegen nicht selten in den Hintergrund.

So geschehen bei meiner eigenen Session auf dem letzen BarCamp Frauen. Ich hatte ein Thema angeboten, dass mich auf einer eher theoretischen Ebene beschäftigte: „Gender Gap im Ehrenamt – Warum sind so wenige Frauen in ehrenamtlichen Führungspositionen?“ Mein Ziel war es Anregungen für eine Antwort auf diese Frage zu sammeln. Dafür musste ich den Teilnehmenden das Problem aber erst einmal verdeutlichen, also zeigen, warum eigentlich mehr Frauen in ehrenamtliche Führungs- und Leitungspositionen gelangen sollten. Ich musste — und auch das ist ein Prinzip des BarCamps — zur Teilnahme ‚verführen‘ und zwar nicht mit einschmeichelnden Worten sondernmit Empörung. Das gelang mir nicht wirklich. Erst später wurde mir gewahr, das die Schwerpunkte bei dieser Veranstaltung eben nicht auf politischer Mitgestaltung sondern Selbstverwirklichung und Karriere lagen und mein Thema auf dem BarCamp — wie ich als Mann selbst , der noch dazu die Frechheit besitzt, sich mit ‚Frauenthemen‘ zu befassen – ein Fremdkörper war.

Doch auch Fremdkörper sind in der Debatte um die Geleistellung aller Geschlechter von Bedeutung; ganz besonders dann, wenn sich die Diskutant!nnen in ihrer eigenen kleinen Welt so wohl fühlen, das es nicht mal für einen Blick über den eigenen Tellerrand reicht. Insofern ist es löblich, dass das Thema auf einer frauenpolitischen Veranstaltung der Friedrich Ebert Stiftung noch mal auf die Agenda gesetzt wurde, wenngleich ich hier nicht eingeladen war. Wie es dort angekommen ist, weiß ich — wohl meines mir angeborenen Geschlechts — nicht.

Fazit — oder warum ich dieses Jahr nicht hingehe

Für Frauen zwischen 20 und 35 Jahren ist die Frauen(un)konferenz am 06. Oktober in der Berliner Kalkscheune definitiv empfehlenswert. Auch dieses Jahr werden sich tolle Anregungen für die Selbstverwirklichung der Frau von heute finden. Wer allerdings darauf aus ist, ernsthaft über gesellschaftspolitische Themen zu debattieren, wird enttäuscht werden; insbesondere dann wenn er/sie/es hofft, mit der Debatte tiefer zu kommen als es die Tagespresse schafft. Ein BarCamp ist nicht darauf angelegt, anderen – „der Gesellschaft“ – gerecht zu werden. Es wird am besten seinen Teilnehmenden gerecht, weshalb das BarCamp auch definitiv zu den Erfolgsmodellen unserer Zeit zählt.

Doch haben auch BarCamps einen Haken: Unter den Teilnehmenden bilden sich ad hoc Koalitionen für oder gegen bestimmte Themen. Man ist sich unter sich eben einig, was interessant ist und was nicht. Das macht die Community freilich dynamisch und interessant, doch verschließt sie sich dadurch auch nach außen. Neue Ideen und Anregungen einzubringen, ist schwer. Ich für meinen Teil habe es letztes Jahr versucht und bin weitestgehend gescheitert. Dieses Jahr starte ich keinen zweiten Versuch. Einerseits mag ich nicht zwei Mal mit dem Kopf gegen dieselbe Mauer rennen, andererseits sehe ich meine Themen auf dem BarCamp Frauen deplatziert. Vielleicht betun sich viele Frauen tatsächlich gern unter Männern im sozialen Bereich. Sicher fühlen sich die engagierten Frauen bei ihrer Tätigkeit am Menschen wohl und überlassen Führung und Leitung deshalb lieber die Männer. Zur Selbstverwirklichung der Frau passt das soziale Engagement am Menschen ganz gut, zur politischen Mitbestimmung aber passt es nicht.

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Online-Volunteering: Engagement für busy people?!

Ende letzten Jahres publizierte die TU-Dortmund einen ersten Kurzbericht ihrer Studie zu „Erwerbsarbeit und Ehrenamt in der Bundesrepublik Deutschland und in Nordrhein-Westfalen“. Im Auftrag des Nordrhein-Westfälischen Ministeriums für Arbeit, Integration und Soziales sollte dem Zusammenhang von freiwilligem Engagement und abhängiger Beschäftigung nachgegangen werden. Im Fokus des Interesses stand vor allem die Frage, „in welchen Umfang und in welchen Feldern erwerbstätige Personen sich ehrenamtlich engagieren“ (Bärmer et al. 2011: 5). Ziel der Studie war es, die hier offene Forschungslücke zu schließen und „Grundlagen für Maßnahmenentwicklung zur Förderung der Freiwilligentätigkeit zu schaffen“ (ebd.).

Es sei schon hier voraus geschickt, dass ich regelmäßigen Leser!nnen meines Weblogs sowie aufmerksamen Leser!nnen der letzten beiden Freiwilligensurveys an dieser Stelle keine gänzlich neuen Erkenntnisse präsentieren kann. Der Zusammenhang zwischen freiwilligem Engagement mit (formaler) Bildung wird in der vorliegenden Studie ebenso bestätigt wie die Erkenntnis, dass Vollzeitbeschäftigung ganz offenbar kein Hindernis für freiwilliges Engagement ist. Nichtsdestotrotz ziehen die Autor!nnen dieses ersten Kurzberichtes ein bemerkenswerter Schluss, der mich die These von der notwendigen Flexiblisierung freiwilligen Engagements, die auch ich nicht selten vortrage, hinterfragen lässt.

Eine kurze Zusammenfassung der Ergebnisse:

Das freiwillige Engagement abhängig Beschäftigter ist in den letzten Jahren deutlich angestiegen. Von den 10.157 Befragten gaben 2.804 an, einer Freiwilligentätigkeit nachzugehen; das sind 27,6% — 9,6% mehr als noch in 1999. Zugenommen hat außerdem die Quote jener Erwerbstätigen, die momentan zwar keiner Freiwilligentätigkeit nachgehen, innerhalb der letzten 15 Jahre aber engagiert waren (1999: 11,3% | 2011: 21,1%). Und auch das Engagementpotential ist unter den Befragten nicht eben gering: Gaben in 1999 gerade 3,5% der nicht engagierten Befragten an, sich künftig Engagieren zu wollen, waren es in 2011 schon 14,5%. Damit wird hier erneut bestätigt, dass von einer „Krise des Ehrenamts“ auch in diesem Bereich nicht die Rede sein kann (Brämer et al. 2011: 6). Allerdings ist an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass weder frühere Engagements noch die momentane Engagementbereitschaft mit der künftigen Übernahme einer Freiwilligentätigkeit einhergehen müssen. Und dennoch: es kann wohl niemand bestreiten, „dass eine grundsätzlich positive Einstellung zum Engagement eine Voraussetzung zur Aufnahme einer freiwilligen Tätigkeit ist“ (Gensicke/Geiss 2010: 128).

Als Tätigkeitsfelder ihres freiwilligen Engagements gaben die Befragten am häufigsten die Bereich Sport (30,8%) und  Kirche (24,1%) an. An dritter Stelle folgt mit 14,9% der Rettungsdienst, an vierter Stelle mit 14,1% der Bereich Kultur und an fünfter Stelle mit gerade 4,5% die politische Interessenvertretung. Für jene Bereiche, für die auch Daten aus einer Erhebung von 1999 vorliegen, kann auf der einen Seite ein deutlicher Anstieg um 3,8% im Rettungswesen und 7% im Sport, bei der politischen Interessenvertretung auf der anderen Seite ein massiver Rückgang um 9,8% verzeichnet werden. Dass sich die Daten hier nicht mit denen des Freiwilligensurveys decken, der im Bereich Sport einerseits einen deutlichen Rückgang des Engagements seit 1999 und im Bereich politische Interessenvertretung andererseits einen messbaren Anstieg verzeichnet (Gensicke/Geiss 2010: 136), ist auf die spezifische Untersuchungsgruppe zurückzuführen und trägt dem Ziel der Untersuchung, eine Datenlücke der Engagementforschung zu schließen, insofern Rechnung.

Überdies werfen Brämer et al. auch einen wertvollen Blick auf die Geschlechterverteilung in den unterschiedlichen Engagementbereichen und bestätigen hier wiederum den Befund, dass der mehr oder weniger freiwilligen Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern im Privaten auch im freiwilligen Engagement kein Alternativmodell entgegengesetzt wird (Gensicke/Geiss 2010: 167). Während im männlichen Engagement eher die Außenwirkung im Vordergrund steht, sind Frauen häufiger in den Engagementbereichen mit Familienbezug zu finden:

Für Männer stehen der Sport (39,5%), das Rettungswesen (21,0%), die Kirche (14,4%) und die Kultur (13,6%) auf den ersten vier Rängen. [...] Bei [den Frauen] rangieren die Kirche (25,1%), der Sport (24,3%), die Bildung (15,3%) und die Kultur auf den ersten vier Plätzen. Der Bereich des Sozialen (12,8%) folgt knapp dahinter auf dem fünften Platz (Brämer et al. 2011: 7).

Von besonderem Interesse stellen sich nun die Befunde zum Zusammenhang von (formaler) Bildung, Berufsprofil und dem Ausmaß des freiwilligen Engagements dar. Es ist wohl bekannt, das formal höher Gebildete mit gehobenem Berufsprofil relativ häufig einem freiwilligen Engagement nachgehen. Wie im Freiwilligensurvey erklären auch Brämer et al. die relativ hohen Engagementquoten höher gebildeter und entsprechend Angestellter mit der häufig damit einhergehenden Möglichkeit flexibler Arbeitszeitgestaltung bzw. „zeitlicher und räumlicher Dispositionsspielräume“ (ebd. 2011: 13; Gensicke/Geiss 2010: 278), stellen allerdings heraus, dass

[d]ie zeitlichen Dispositionsspielräume … nicht durch Arbeitszeitflexibilisierung schlechthin aufgebaut [werden], sondern durch eine mit Arbeitszeitkonten eindeutig beschreibbare spezifische Form der Arbeitszeitflexibilisierung, die in den letzten Jahren kontinuierlich ausgebaut und für die überwiegende Mehrheit der darin involvierten Beschäftigten gut geregelt wurde. Es ist diese spezielle Form von ‘regulierter Flexibilität’, die ehrenamtliches Engagement befördert und für den Zuwachs in den letzen 12 Jahren mitverantwortlich sein dürfte (Brämer et al. 2011: 13f.).

Zur These der Flexibilisierung freiwilligen Engagements

Die These, dass das freiwillige Engagement des 21. Jahrhunderts stärker flexibilisiert werden müsse, stützt sich vor allem auf die seit vielen Dekaden diskutierten Befunden der Individualisierungs- und Pluralisierungstendenzen moderner Gegenwartsgesellschaften. Vielfach war zum Ende des 20. Jahrhunderts die Rede von Peter Gross Multioptions- oder Ulrich Beck „Risiko-Gesellschaft“, einem Gesellschaftsentwurf in dem das Individuum aus einer Vielzahl von Möglichkeiten wählen muss, wobei jede Wahl auch eine Abwahl und damit ein Risiko bedeutet. Vielfach diskutiert wurde auch der Befund Ronald Hitzlers, der Mensch sei in der zweiten Moderne nicht mehr eingebettet (In Anschluss an Anthony Giddens sei er „disembedded“) und müsse sich dementsprechend selbst irgendwo wieder zuordnen („reembedding“) (Hitzler 1998: 84).  Und nicht zuletzt sind auch die Studien Hartmut Rosas zur Beschleunigung in der Moderne zu nennen. Auf der Grundlage der Untersuchung technischer Beschleunigung (Produktion & Distribution), der Beschleunigung des sozialen Wandels (Handlungsorientierungen & Praxisformen) sowie der Beschleunigung des Lebenstempos (einzelne Handlungssequenzen bspw. ‚ein Buch lesen‘, ‚einen Brief schreiben‘ usf.) postuliert Rosa eine Gesellschaft, die in ihrer Zeitstruktur durch „Kurz-Kurz-Muster“ gekennzeichnet ist und sich „als eine gleichermaßen erlebnisreiche wie erfahrungsarme Gesellschaft erweisen könnte“ (ebd. 2005: 470).

Das freiwillige Engagement als grundsätzlich selbstgewählte Tätigkeit, die stets in den individuellen Lebensentwurf eingepasst werden muss, kann diesen gesellschaftlichen Tendenzen nicht als eine Art Bollwerk des Konservatismus entgegen gesetzt werden. Denn so werden schließlich jene, die sich nicht mehr mit herkömmlichen Modellen steter Freiwilligenarbeit arrangieren können oder wollen, von der zivilgesellschaftlichen Teilhabe in etablierten Organisationen des Dritten Sektors ausgeschlossen. Eben deshalb — das die These — müssen die aktuellen gesellschaftlichen Tendenzen der Individualisierung und Pluralisierung in produktiver Weise aufgenommen werden, um so auch jenen ein freiwilliges — zivilgesellschaftliches — Engagement zu ermöglichen, denen es bisher versagt blieb.

Gemeint ist dabei nicht nur ‚die Jugend‘, die recht häufig als ‚Generation 2.0‘ und damit als große Unbekannte entworfen wird. Gemeint sind auch junge Erwachsene (und vor allem Frauen), im Übergang von der Schule zum Beruf bzw. zum Studium. Gemeint sind auch Menschen mit Behinderung, die sich nicht ohne Weiteres auf dem üblichen Wege einbringen können. Kurzum: Die Adressaten neuer Wege des freiwilligen Engagements sind jene, deren Engagement bisher nicht allzu nahe lag (z.B. Menschen mit Behinderung im Breitensport).

Online-Volunteering: Engagement für busy people?!

Das Online-Volunteering als ein möglicher neuer Weg des freiwilligen Engagements wurde bereits Mitte der 1990er Jahre in einem US-amerikanischen Pilotprojekt für das strategische Freiwilligenmanagement entwickelt. Seither hat sich das freiwillige Online-Engagement im angelsächsischen Sprachraum weitgehend etabliert. Es gehört dort zum guten Ton der Freiwilligenarbeit, Interessierten auch ein Engagement über das Internet von zu Hause, von Arbeit oder von unterwegs aus möglich zu machen. Zudem ist das Online-Volunteering in den letzten Jahren auch von unterschiedlichen Entrepreneurs aufgegriffen und als „Micro-Volunteering“ gehyped worden. Die Versprechen dabei: „Change the World in just your pyjamas“ (helpfromhome.org) oder „Online-Volunteering for busy people” (Sparked.com).

Vor allem Spaked.com scheint sich darauf eingeschossen zu haben, das Micro-Volunteering mit einer möglichst klaren USP zu vermarkten. Angesichts der oben dargestellten Fakten läuft das busy people Argument aber ins Leere. Es sind ja vor allem die sehr gut ausgebildeten, schwer beschäftigten Familienväter, die mehr Stunden freiwillige Arbeit leisten als jene mit niedrigerer Wochenarbeitszeit (Brämer et al. 11ff.). Können mit dem Online- und Micro-Volunteering also doch ‚nur‘ die erreicht werden, die sich ohnehin schon engagieren? Sind es also nicht doch wieder die ‚üblichen Verdächtigen‘, denen auf diesem Wege noch ein bisschen mehr Arbeit mit nach Hause gegeben wird?

Mit Blick auf die wenigen Statistiken, die diesbezüglich zum Online-Volunteering vorliegen, steht in der Tat zu befürchten, dass den busy people hier eine bequeme Alternative angeboten und der Konkurrenzkampf um die zivilgesellschaftliche Ressource freiwilliges Engagement damit verstärkt wird. Sowohl die Statistik der United Nation Volunteers zum Online-Volunteering als auch die der Standby Task Force weisen darauf hin, dass die Engagierten im Mittel über 30 Jahre sind und — das legt wiederum ihr Engagement selbst nahe — eher höher gebildet und finanziell entsprechend abgesichert sind.

So stellt sich also die Frage, ob das Online- und Micro-Volunteering tatsächlich ein neuer Weg des freiwilligen Engagements sein kann — ob damit also mehr Menschen ein Engagement ermöglicht wird oder ob es nicht doch wieder die gleichen sind, die sich nunmehr auf einem anderen Weg engagieren. Meine kurze Antwort hierzu ist ein klares „Jain“. Einerseits bedeutet das bloße Möglich-machen des freiwilligen Online-Engagements noch nicht, dass sich mehr Menschen engagieren, andererseits scheint das Online-Volunteering weiterhin ein möglicher Weg, jenen ein Engagement zu  ermöglichen, denen es bisher versagt blieb. So sind Frauen zwischen 20 und 35 Jahren im freiwilligen Engagement bekanntermaßen dramatisch Unterrepräsentiert, in den genannten Statistiken zum Online-Volunteering aber leicht in der Mehrzahl. Sicherlich hat dies einerseits damit zu tun, dass sich das freiwillige Engagement über das Internet besser in den Lebensalltag junger Frauen integrieren lässt, der nicht nur von Berufstätigkeit sondern häufig auch von Haus- und Familienarbeit geprägt ist. Vielleicht ist das Online-Volunteering aber auch ein Weg sich fern der Geschlechtlichkeit — die bei der (mithin anonymen) Erledigung von Engagements ja zunächst keine Rolle spielt – einzubringen …

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Online-Freiwilligenarbeit — Volunteer-Tasks für Frauen?!

Während meinen Arbeiten in den letzen Wochen bin ich (erneut) auf ein Problem der Freiwilligenarbeit gestoßen: Die mehrmalige Unterbrechung der Engagementkarriere von Frauen und die damit wahrscheinlich korrespondierende Unterrepräsentanz von Frauen in ehrenamtlichen Führungspositionen. Die Unterbrechung weiblicher Engagementkarrieren liegt für mich auf Grund der Daten aus dem aktuellen Freiwilligensurvey nahe. Betrachtete man nämlich die Aufschlüsselung der Engagementquoten nach 13 Alterskohorten (S. 19), fällt auf, dass diese bei den Männern einen saubereren Glockenverlauf bildet als bei den Frauen.  Bei letzteren zeichnen sich in der angenommenen Glocke zwei deutliche Dellen ab; eine in den Alterskohorten von 20 bis 34 Jahren und eine in denen zwischen 55 und 64 Jahren. Zwar lassen sich diese Dellen auch in den Quoten der Männer ausmachen, doch sind sie hier bei Weitem nicht so ausgeprägt.

Engagementkarriere* männlich / weiblich

Der Freiwilligensurvey zeigt — und Politik und Engagementförderung sind stolz darauf — dass sich Freiwillige durchschnittlich 10,2 Jahre engagieren — 32% sogar noch darüber hinaus (S. 107). Dabei zeigen sich naturgemäße Altersunterschiede: junge Menschen engagieren sich noch nicht so lange wie ältere. Vor allem bezüglich der Alterskohorten zwischen 14 bis 30 Jahren ist zu vermuten, dass diese Freiwilligen in einer Art Einstiegsphase begriffen sind, die auch den Anfang ihrer Engagementkarriere bildet. Dieser Einstieg kann als Orientierungsphase verstanden werden, in der sich junge Menschen die richtige Organisation mit den richtigen Themen suchen.

Im Laufe ihrer Tätigkeit — und das ist hier mit Engagementkarriere gemeint — bauen die Freiwilligen ihr Engagement nach eigenem Gusto aus. Sie erweitern den Umfang ihrer Tätigkeiten um die Aufgaben, die ihnen Freude bereiten (job enlargement) und / oder übernehmen dort Verantwortung, wo sie schon gewisse Erfahrungen gesammelt haben (job enrichment). Dieser Ausbau der eigenen Freiwilligentätigkeiten muss zwar nicht immer mit dem Engagement für ein und dieselbe Organisation einher gehen, doch ist sie häufig mit dem Ansehen und Stand der Freiwilligen in der jeweiligen Struktur verbunden, was früher oder Später die Wahl in den Vereinsvorstand erwarten lässt.

Statistisch liegt allerdings nahe, dass die Wahl in den Vereinsvorstand eher bei Männern denn bei Frauen zu erwarten ist. Sogar in den Bereichen, in denen Frauen Überrepräsentiert sind (z.B. Sozial- und Gesundheitsbereich) werden die ehrenamtlichen Führungspositionen zumeist von Männern besetzt (Freiwilligensurvey 167ff). Frauen dagegen scheinen an die nur allzu oft zitierte ‚gläsernen Decke‘ zu stoßen, die einen weiteren Aufstieg verunmöglicht.

Eine mögliche Erklärung: Die fürsorgende (Groß)Mutter

Die Unterrepräsentanz der Frauen in ehrenamtlichen Führungspositionen aber allein mit der Metapher der ‚gläsernen Decke‘ zu erklären reicht mir persönlich nicht aus. So habe ich mich auf die Suche nach Erklärungsansätzen gemacht und bin auch fündig geworden: Im Freiwilligensurvey wird der Rückgang der Engagementquoten von Frauen mit der Familiengründung erklärt, was auch mit den Daten anderer Studien übereinstimmt. Dem Statistischen Bundesamt (2007) folgend liegt das durchschnittliche Alter von Frauen bei ihrer ersten Geburt bei 26 Jahren, die zweite — und größtenteils auch die letzte — Geburt folgt im Durchschnitt drei Jahre später. Es liegt nahe, dass junge Frauen in der Familiengründungsphase vermehrt Heimarbeiten übernehmen, während die Männer weiterhin ihrem Engagement nachgehen. Da Heimarbeit nicht als freiwilliges Engagement gelten kann, fällt die Familiengründung in den Engagementstatistiken entsprechend auf.

Im Alter von 35 Jahren — rechnerisch neun Jahre nach dem ersten und sechs Jahre nach dem zweiten Kind — steigen die Engagementquoten von Frauen wieder sprunghaft an. Diese Phase wird im Freiwilligensurvey nicht zuletzt deshalb als „Familiengipfel“ (S. 168) bezeichnet, weil sich ein Gros der Frauen dann in den Engagementbereichen findet, die es ihnen möglich machen „zwei Fliegen mit einer Klappe [zu] schlagen — sich einerseits um ihre Kinder kümmern und sich andererseits in deren öffentlichem Umfeld engagieren“ (ebd.).

Nach dem Familiengipfel sinken die Engagementquoten von Frauen allerdings erneut, was wiederum vermuten lässt, dass sie ihre Engagementkarriere unterbrechen. Zunächst sinken die Quoten nur ein Stück, um dann vollends einzubrechen. Das erste Absinken könnte damit zusammenhängen, dass sich ab 45 Jahren — rechnerrisch 19 Jahre nach der ersten und 16 Jahre nach der zweiten Geburt — nicht mehr zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen lassen, was aber den weiteren Einbruch ab 55 Jahren auf beinahe das gleiche Niveau wie bei jungen Frauen nicht zu erklären vermag. Mein Ansatzpunkt wäre hier, die (immer noch)  weit verbreitete Rolle der Großmutter, die ihre (Schwieger-)Tochter in den ersten Jahren, in denen die Kinder noch klein sind, unterstützt. Damit beschränken sich also nicht nur junge Frauen auf die Familienarbeit sondern auch ältere, was die zwei Dellen in den Engagementquoten der Frauen erklärt.

Fazit — was nun?

Frauen sind in der deutschen Freiwilligenarbeit und vor allem in ehrenamtlichen Leitungspositionen deutlich unterrepräsentiert. In (fast) allen Alterskohorten liegen ihre Engagementquoten unter denen der Männer und selbst in den Engagementbereichen in denen sie die Mehrzahl bilden, besetzen sie die Führungspositionen mit den wenigen Männern, die sich dort finden lassen. Abseits naturalistischer Behauptungen á la ‚Frauen sind nun mal so‘, sehe ich einen möglichen Erklärungsansatz in der mehrmaligen Unterbrechung ihrer Engagementkarrieren zugunsten von Familienarbeit. Vielleicht trägt die öffentliche Gleichstellungsdebatte mittlerweile zarte Früchte, sodass  sich die Unterbrechungen des Engagements auch bei Männern abzeichnen, doch von faktischer Gleichstellung kann wohl noch keine Rede sein.

Stellt sich also die Frage, welche Schlüsse hieraus nun zu ziehen sind. Könnten flexible Online-Engagements helfen, die Unterbrechung der Engagementkarrieren der Familie wegen abzufedern? Die Online-Freiwilligenarbeit ist schließlich nicht nur etwas für Männer. Zumindest bei den United Nation Volunteers ist knapp die Mehrzahl der registrierten Online-Volunteers weiblich (55%). Zwar lassen sich mit sporadischen Engagements, die vorrangig über das Internet erledigt werden, die Probleme einer — hierzulande vorherrschenden — Präsenzkultur nicht lösen, doch bieten sie Frauen zumindest eine Möglichkeit, die eigenen Stärken zu erproben und in der jeweiligen Engagementkarriere voranzukommen.

Vorausgesetz bleibt dabei aber, dass mein Erklärungsmodell auch so (einfach) zutrifft. Um das zu überprüfen, werde ich beim anstehenden BarCamp Frauenam 15. Oktober in der Berliner Kalkscheune eine Session unter dem Titel “Gendergap in der Engagementkarriere — welche Ursachen haben Unterbrechungen der Freiwilligenarbeit von Frauen?” anbieten. Ich glaube, dass dieses BarCamp (in seiner zweiten Aufführung) genau das Publikum anziehen wird, mit dem sich dem hier beschriebenen Phänomen nachspüren lässt. Ich bin auf jeden Fall gespannt und werde sicherlich auch berichten.

* Zum Thema Engagementkarriere ist der Beitrag von Helmut Klages zum Thema Wertewandel zu empfehlen.

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