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Ehrenamt macht gesund, reich und schön!

Dieser Text stellt den Versuch dar, das ‘schöne Argument’ freiwilliges Engagement mache gesund, zu widerlegen. Da mir leider die Mittel für eine empirische Beweisführung fehlen, wende ich die Methode der Übertragung an, um zu zeigen, dass wenn Ehrenamt gesund und schön macht, es auch reich machen müsste. Auch diese These ist schließlich eine schöne und könnte — weil so herrlich paradox — medienwirksam zum Engagement verführen.

Es macht gerade wieder die Runde: Freiwilliges Engagement hat positive Effekte auf die Gesundheit. Freiwillig engagierte jugendliche — so hieß es kürzlich erst aus Kanada — hätten einen niedrigeren Cholesterinspiegel und einen besseren Body Mass Index. Aus den USA hieß es schon vor einer ganzen Weile, ältere Volunteers weisen eine niedrigere Mortalitätsrate auf als die Hilfeempfänger. „Fünffach positiver Effekt auf Ihre Gesundheit“ wird der Psychologie-Professor Dr. Dr. Manfred Spitzer im BBE-Newsletter zitiert. Und, wenn man sich so anschaut, was der Herr Dr. Dr. da in der Zeitschrift Nervenheilkunde schreibt, scheint er recht zu haben: „Geben ist seliger als Nehmen (p < 0,5)“.

Ehrenamt macht gesund.

Spitzer (2006) stützt sich auf eine Studie von Brown et al. aus dem Jahre 2003. Die Wissenschaftler!nnen von der University of Michigan untersuchten seiner Zeit 423 ältere Paare über einen Zeitraum von fünf Jahren. Beleuchtet werden sollte die Verbindungen zwischen Sterblichkeitsrate, Geben und Nehmen.

  1. Welchen Einfluss hat das instrumentelle Geben (die konkrete Hilfeleistung) und die emotionale Unterstützung (z.B. zuhören) auf die Gesundheit älterer Engagierter?
  2. Welchen Einfluss hat die instrumentelle oder emotionale Unterstützung auf jene, die die Hilfe empfangen?
  3. Wie lassen sich ggf. bestehende Zusammenhänge (Korrelationen) erklären?

Während des Untersuchungszeitraums verstarben 134 der insgesamt 846 Personen aus der Untersuchunsgsgruppe, sodass zunächst Aussagen zu den ersten beiden Forschungsfragen gemacht werden konnten. Dabei wurden hier sowohl die Variablen körperliche und seelische Gesundheit, gesundheitsrelevante Verhaltensweisen, Einkommen und Bildungsstand sowie Stress und Krankheitsdispositionen kontrolliert — heißt: Es wurde rechnerisch ausgeschlossen, dass diese Variablen mit dem Sterben oder Leben der Untersuchten etwas zu tun haben.

Im Ergebnis lässt sich eine reduzierte Sterblichkeit der freiwillig Engagierten um 54% (p < 0,05) und eine vermehrte Sterblichkeit von 23% (p < 0,01) bei jenen, die die Hilfe empfangen nachweisen, wobei die Ausnahme bei Zweiteren die Empfängerinnen und Empfänger von emotionaler Unterstützung sind (p < 0,08). Auch freiwillige Engagierte Gesprächspartner zu haben ist also förderlich für die Gesundheit. Der Grund dafür — so Spitzer:

Wer in einem Netzwerk aus Menschen eingebunden ist, wer Kontakte knüpft und pflegt, kann auch und gerade dann, wenn es einmal nicht so gut um ihn steht, auf Unterstützung zählen. […] Schon lange ist bekannt, dass sich Menschen, die anderen helfen, vergleichsweise wohler fühlen und gesünder sind.

In der Tat: Bereits seit den 1990er Jahren gibt es immer wieder Autorinnen und Autoren, die auf eine bessere Gesundheit jener Menschen hinweisen, die in verlässliche Netzwerke eingebunden sind — die z.B. auch jemanden haben, bei dem sie den seelischen Ballast abladen können. In der eingangs erwähnten kanadischen Studie wird angeführt, dass freiwillig Engagierte häufiger einen geregelten Tagesablauf haben, während ihres Engagements ihr Selbstbewusstsein festigen und weniger schlecht gelaunt sind.

Alles in allem ist das freiwillige Engagement also vor allem deshalb gesund, weil man bei der freiwilligen Arbeit mit anderen zusammenkommt, Bekanntschaften, Freundschaften und Liebschaften eingeht. Ganz undifferenziert kann man hier durch aus von sozialen Netzwerken bzw. sozialem Kapital sprechen, das eben nicht nur — wie Pierre Bourdieu (1987: 2004) schreibt — dem eigenen Vorankommen, sondern auch der Gesundheit zuträglich ist. Wirken dürfte hier außerdem, dass freiwillig Engagierte kulturelles Kapital (z.B. Sozial- und Gremienkompetenzen) akkumulieren und deshalb nicht an der delierativen Funktionsweise westlicher Demokratien verzweifeln.

Die Argumentation für die These, Ehrenamt mache gesund, ist bestechend — bei Spitzer noch ein bisschen mehr als hier bei mir. Und doch ist Vorsicht geboten. Statistisch weisen Brown et al. nur Korrelationen nach — ein Phänomen und ein anderes stehen in einer (mehr oder weniger) starken Wechselwirkung zueinander. Die Kausalität zwischen diesen Phänomenen aber — die Wirkungsrichtung — wird konstruiert und kann durchaus falsch sein.

Mit der Flip-Flop-Technik hatte ich hier im Blog schon einmal eine Methode vorgestellt, mit der man Scheinkorrelationen auf die Schliche kommen kann. Da es sich hier aber nicht um eine Scheinkorrelation handelt — die Wechselwirkungen zwischen Ehrenamt und Gesundheitszustand ist (anders als bei Bahnschranken und Zugdurchfahrten) ja in der Tat anzunehmen –, muss eine andere Methode benutzt werden, die ich Übertragung nennen will. Übertragen werden soll der argumentative Umweg über die sozialen Netzwerke auf die These „Ehrenamt macht reich“.

Ehrenamt macht reich.

Ehrenamt ist zunächst einmal eine freiwillige und unentgeltliche Arbeit. Aufwandsentschädigungeng (auch pauschale) sind zwar üblich, machen aber sicherlich nicht reich. Ganz im Gegenteil: Übungsleiter- und Ehrenamtspauschale in Verbindung mit Minijobs auf 400 EURO-Basis werden mithin als Vehikel für ausbeuterische Beschäftigungsverhältnissen benutzt. Und doch besteht ganz offensichtlich ein Zusammenhang zwischen Haushaltseinkommen und freiwilligem Engagement.

  • Der deutsche Freiwilligensurvey zeigt, dass freiwillig Engagierte häufiger eine Arbeit haben als nicht Engagierte (Gesincke/Geiss 2010: 22). Der Unterschied in den Quoten ist am größten zwischen ALG II Empfängern und Teilzeitbeschäftigten (unter 35 Wochenstunden Arbeitszeit).
  • Eine Auswertung des Schweizer Haushaltspanels zeigt, dass freiwillig Engagierte im Durchschnitt über 3.000 Franken im Jahr mehr verdienen als nicht Engagierte (Schlapbach 2009: 38f.). Der Unterschied zwischen engagierten nicht nicht engagierten Vollzeitbschäftigten fällt mit mehr als 9.000 Franken Unterschied im Jahreseinkommen noch deutlicher aus.

Auch ohne an dieser Stelle eine statistische abgesicherte Beweisführung vorlegen zu können, ist anzunehmen, dass es sich hier um eine hoch signifikante Korrelation zwischen freiwilligem Engagement, Berufstätigkeit und Haushaltseinkommen handelt. Eine Korrelation übrigens, die wie bei Brown et al. sehr wahrscheinlich auch noch bestehen bleibt, wenn potentiell intervenierende Variablen wie Bildung oder Gesundheitszustand kontrolliert werden. Zur Erinnerung: Bis zu dieser Stelle sprechen wir lediglich vom Auftreten zweier Phänomene zur gleichen Zeit. Nun gilt es die Kausalität nach obigem Vorbild zu konstruieren.

Zunächst sei der Einwand ausgeräumt, nicht freiwilliges Engagement führe zu einem guten Job und einem höheren Einkommen, sondern ein höheres Einkommen und der gute Job führe zu freiwilligem Engagement. Es scheint ja durchaus plausibel, dass man sich freiwilliges Engagement leisten können muss. Allerdings nehmen gut bezahlte Jobs ziemlich viel Zeit in Anspruch und lassen entsprechend weniger Raum für freiwilliges Engagement. Im oben zitierten Freiwilligensurvey zeigt sich ja auch, dass Teilzeitbeschäftigte etwas mehr engagiert sind als Vollzeitbeschäftigte. Dementsprechend liegt die Vermutung nahe, dass sich die Teilzeitbeschäftigten noch auf dem Weg zu ihrem gut bezahlten Vollzeitjob befinden und dabei (richtiger Weise) auf freiwilliges Engagement setzen.

Es ist bekannt und bereits vielfach untersucht: Freiwillige knüpfen in ihrem Engagement Netzwerke aus ‘nützlichen’ Bekanntschaften, was man durch aus als Akkumulation sozialen Kapitals bezeichnen kann. Weiterhin erwerben Freiwillige in ihrem Engagement verschiedenste Kompetenzen, die sich wiederum als kulturelles Kapital fassen lassen. Beides, sowohl kulturelles wie auch soziales Kapital können in gewissem Maße in ökonomisches Kapital überführt werden (dazu Bourdieu 1983). Über Netzwerke aus Bekannten werden z.B. Jobs (auch gute) vermittelt und Teamfähigkeit, guter Umgangston und dergleichen sind nützlich, um im Berufsleben voran und die Karriereleiter nach oben zu kommen.

Was bleibt?

Es scheint durchaus als ließe sich die Argumentationslogik von Ehrenamt macht gesund auf Ehrenamt macht reich übertragen. Das freiwillige Engagement als Lernort verstanden, kann für jene, die darauf aus sind, ein Ort sein, an dem die wesentlichen Voraussetzungen für ein langes Leben und ein hohes Einkommen zu schaffen sind. Insofern stimmen die niedrigen Engagementquoten der Twens (vor allem der weiblichen) bedenklich. Starten diese doch gerade erst ins Berufsleben und könnten über ein freiwilliges Engagement noch bessere Voraussetzungen für ein hohes Ein- bzw. ein gutes Familienauskommen schaffen, was schließlich auch mehrfach positive Effekte für die Gesellschaft hätte: Junge Menschen kämen ins Engagement und zahlten später mehr Steuern.

Nun gilt aber nicht für alle Menschen gleicher Maßen, dass freiwilliges Engagement reich macht — genauso wenig wie es positive Wirkung auf aller Menschen Gesundheit hat. Arme, ausgegrenzte, benachteiligte Menschen, Menschen mit Bildungsdefiziten wie auch (junge) Menschen aus prekären Elternhäusern — das lässt sich auch aus dem zitierten Aufsatz von Pierre Bourdieu lesen — verfügen nicht über das „inkorporierte Kapital“, das für die Übertragung von (intentional Erworbenen) kulturellem und sozialen auf ökonomisches Kapital vonnöten wäre. Ebenso dürfte es sich mit der Gesundheit verhalten. Wer eigentlich keine Lust hat, sich zu engagieren, es aber trotzdem tut, weil’s der Arzt gesagt hat, wird sicher nicht glücklich und damit auch nicht gesund.

tl;dr: Traue keiner Kausalität, die du nicht selber kontruiert hast.

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Vom Suchen und Finden: Zeitspenden auf Betterplace.org

Da ist sie also, die Betterplace-Zeitspenden-Plattform. Seit Kurzem ist sie online und bietet auch schon rund 7.000 Engagementangebote – powered largely by Aktion Mensch. Versprochen wurde eine Engagementsuche in hübschem Gewand, ansprechend für Teens und Twens auf der Suche nach neuem Ehrenamt. Ich habe mich auf der Plattform einmal umgeschaut, Engagements gesucht und auch eins eingestellt. Hier der Erfahrungsbericht mit ein paar Anregungen zur Weiterentwicklung.

Zeit spenden

Wer Zeit für einen guten Zweck spenden will, braucht heute Zeit, das passende Engagement zu finden. Das betrifft vor allem diejenigen, die auf Engagementsuchmaschinen angewiesen sind. Das Problem an der aktiven Engagementsuche liegt darin, dass die Suchenden häufig gar nicht so genau wissen, was sie eigentlich wollen. Meisten liegt das daran, dass sie nicht ausreichend darüber informiert sind, was es alles gibt. Dementsprechend werden also Information, Beratung und Vermittlung nachgefragt – Dienstleistungen die Freiwilligenagenturen wie auch viele einige der zahlreichen neuen Talentscouts anbieten. Doch wie dem auch sei, Betterplace will jetzt durch Userflow-Optimizing und Emomarketing (oder Emoketing) mit Gamification-Faktor die Suchzeit bis zum passenden Engagement verkürzen.

Screenshot der Google Map mit Engagementangeboten in Deutschland

Über den Menüpunkt „Zeit spenden“ in der Headline auf der Betterplace-Plattform gelangt man auf eine ansehnliche Webseite mit einer Weltkarte im Hintergrund. Einzelne Projekte werden auf der Google Map als Marker dargestellt, Ansammlung vieler Projekte als Kreise mit Zahlen. Klickt man auf so einen Kreis, wird auf die Region, beim nächsten Klick auf die Stadt, dann den Bezirk und dann das Quartier gezoomt – so lange eben bis die einzelnen Projekte sichtbar werden. Bei meiner ersten Suche wurden mir für Deutschland 6.670 Projekte angezeigt, in Berlin waren es 1.132 und in Rudow 348. 344 der Rudower Engagementangebote finden sich bei der Freiwilligenagentur STERNENFISCHER. Der Userflow spült uns also genau dorthin, wo wir Beratung und Vermittlung angeboten bekommen. Georg Wilhelm Friedrich Hegel hätte das wohl „die List der Vernunft genannt“.

  • Der angelegte Pfad zur Freiwilligenagentur ist gut und richtig, könnte allerdings noch etwas besser hervorgehoben werden. Die Frage, wo die nächste Freiwilligenagentur zu finden ist, taucht auf Twitter, Facebook und Co ja nicht selten auf. Meistens verweise ich dann auf die sehr nützliche aber eben nicht so ansehnliche Liste der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen (BAGFA)

Was den Gamification-Faktor der sonst eigentlich schön aussehenden Karte anbelangt, würden die Jungs von Game One wohl nicht wirklich große Luftsprünge machen. Das Handling ist milde gesagt gewöhnungsbedürftig. Da beim Rein- und Rauszoomen die Daten für die Kreise mit den beeindruckenden Zahlen immer wieder neu geladen werden müssen, macht das herumklicken nicht wirklich Spaß. Und auch sonst steckt die Karte voller Bugs. Abgesehen davon, dass die Suchmaske stets die freie Sicht auf die Engagementangebote verdeckt, man also ständig die Karte hin und her schieben muss, um die spärlichen Infos zu den Engagementangeboten ansehen zu können, ist es eine Art Roulettespiel, wo man landet, wenn man von der Seite eines Engagementangebotes wieder zur Karte zurückkehrt. Das geht nämlich nur über den Browser oder den Umweg über die Hauptseite. Bei meinem Ausflug wurde ich mal auf die Startansicht zurückgeleitet und musste erneut den Userflow bis auf die lokale Ebene runter rutschen. Mal kam ich im Raum Berlin raus und mal in dem Kiez, wo ich gerade gesucht hatte. Dieses ‘gelegentlich zurück auf Los’ ist für als Gamification wenig geeignet. Es lässt ein bisschen Selbstzweifel aufkommen.

  • Wenn potentielle Zeitspender!nnen Spaß an der Karte haben sollen, wäre es super, würde das Ganze etwas flüssiger laufen. Außerdem wäre es toll, müsste man sich die Engagementangebote nicht erst zurecht ziehen und könnte von den jeweiligen Seiten direkt wieder zu dem Stand der Karte zurückkehren, an dem man vorher war.

Nicht viel besser wird’s, wenn man schon weiß, was man will. Wer nach “Hausaufgabenhilfe” — einem typischen Ehrenamt, das auch online geht — sucht, bekommt in Deutschland 149 Projekte angezeigt, 15 im Raum Hannover, sechs in Hannover Stadt, fünf davon im Freiwilligenzentrum Hannover, wo wiederum 15 in einer Liste angekündigt werden, in der aber nur fünf zu finden sind. Userflow! Das hatten wir schon. Spannend wird’s, wenn man den Ergebnisfilter anschmeißt. Hier kann man die Angebote zunächst nach Zielgruppe filtern. Von den 149 Hausaufgabenhilfen in Deutschland richten sich 124 an „Kinder & Jugendliche“, 58 an „Kranke“, sieben an „Migranten“, drei an „sozial Benachteiligte“ und zwei an „Menschen mit Behinderungen“. Außerdem kann man noch „Bildung“ (84), „Kultur, Freizeit & Sport“ (19) sowie „Menschenrechte“ (vier) helfen. Es ist natürlich interessant, wie wenig Hausaufgabenhilfen Menschen mit Migrationshintergrund, sozial Benachteiligten und Behinderten angeboten werden, doch bringt das den Suchenden nach einem Engagement in Hannover kein Stück weiter; gleiches gilt für die sehr sinnvolle Sucheinstellung des „wie oft“.i

  • Die sehr sinnvollen Fragen „Wem möchtest du helfen & wie oft“ sollten dringend und verlässlich mit der aktuellen Ansicht der Karte verknüpft werden. Wer in seiner nähren Umgebung ein spezifisches Engagement sucht, kann wenig mit der Information anfangen, dass es eben dieses irgendwo anders auf der Welt gibt. Außerdem machen die Antwortmöglichkeiten „Menschenrechte“, „Kultur, Freizeit & Sport“ und „Bildung“ nicht wirklich Sinn, wenn nach dem „Wem“, also einem Subjekt oder einer Gruppe von Subjekten, gefragt wird.

Bis auf den Sichtschutz vollkommen ohne Nutzen kommen die zuweilen ungefragt herunterklappenden Sucheinstellungen (Text-, Ort- oder Namen-Suche) daher. Auf der Suche nach dem Schillerkiez wurde ich über die Umkreissuche erstmal zur Freiwilligenagentur Hannover geschickt, wo ich vorher war. Nach dem ich die Seite neu geladen und noch einmal nach Schillerkiez gesucht hatte, passierte zuerst gar nichts, bevor dann aus heiterem Himmel eine Fehlermeldung anzeigt wurde. Auf der Suche nach Gera wurde ich dann schnurstracks zurück nach Berlin geschickt, wo ich vorher war. Wieder erst nach dem Neuladen, gab die Suchmaschine zu, dass es da leider keine Treffer gibt, wobei sich auch diese Anzeige penetrant ins Sichtfeld rückt und nur über eine neue Sucheingabe oder das Neuladen der Karte wegzubekommen ist.

  • Das Skript für die herunterklappenden Sucheinstellungen kann ersatzlos gelöscht werden. Das nervt wirklich nur, zumal die gleiche Möglichkeit auch neben dem Eingabefester angezeigt wird. Die voreilige Antwort „wo du wohnst gibt’s nichts“ könnte mit der Anzeige ggf. noch nicht im Netz aktiver Freiwilligenagenturen etwas abgefedert werden. Auch in Gera – das zeigt die Suche bei in der BAGFA-Liste – gibt es eine! Da kann man ja hingehen oder anrufen.

Doch die Engagementsuche lässt sich auch ohne die Karte benutzen. Rechts neben der Suche kann man umschalten zur Liste. Hier bekommt man die Engagementangebote untereinander angezeigt. Zunächst ohne Sucheingabe – oben die mit Bild, darunter die ohne. Die Suche in der Listenansicht läuft erwartungsgemäß etwas fluffiger und gibt dabei im Wesentlichen die gleichen Informationen zurück – verschlankt eben um jene, in welcher Region den jetzt die meisten Treffer zu finden sind. Etwas frustrierend wirkt, dass man nicht gleichzeitig – und auch nicht aufeinander aufbauend – nach bestimmten Stichworten in bestimmten Regionen suchen kann, dafür braucht man dann doch die Ruckel-Karte

  • Sinnvoll wäre eine erweiterte Suche, in der ggf. Ort und Stichworte und Namen gesucht werden können.

Alles in allem erweist sich die Engagementsuche auf Betterplace als ziemlich holprig. Das ist aber keineswegs neu. Die Suche auf Betterplace befindet sich seit langem im BETA-Stadium; man könnte sagen, sie war noch nie besser. Zu Gute halten muss man der Suche allerdings, dass es die sehr sinnvolle Auswahlmöglichkeiten „Egal wie oft“ und „einmal / zeitlich begrenzt“ gibt. Die Egal-Wie-Oft-Angebote sind zwar deutlich in der Mehrzahl, doch ist es eben möglich, gezielt nach den Einmal-Engagements zu suchen.

Zeitspender suchen

Wenden wir uns er Eingabe von Engagementangeboten, also der Contentproduktion für Betterplace zu. Ausgerechnet über den Menüpunkt „Spenden sammeln“ in der Headline auf Betterplace gelangt man zur Auswahl „Hilfsprojekt anlegten & verbreiten“ und „Zeitspenden-Suche anlegen & verbreiten“. Dass es in der Headline keinen Extra-Link zu Engagiertensuche gibt, zeigt zunächst, dass Betterplace die Rhetorik der „Zeitspende“ recht konsequent durchzieht. Dass das Anlegen von Engagementanegeboten und Hilfsprojekten mit dem Zusatz „verbreiten“ versehen wurde, ließ bei mir außerdem den Eindruck entstehen, dass man der eigenen Suchmaschine nicht wirklich viel zutraut und eher die Freiwilligenorganisationen in der Pflicht sieht, anständiges Communitymanagement zu betreiben.

Screenshot der Auswahl auf Betterplace zwischen Zeit- und GeldspendenoffertenWer auf Betterplace zum ersten Mal ein Engagementangebot einstellen will, muss sich zunächst als würdig erweisen und die Organisation oder das Projekt registrieren bzw. einem Verband zuordnen.

Hinweis: Wenn Du zu einer großen Organisation gehörst, stelle bitte sicher, dass Du die richtige Organisationsebene auswählst. Beispiel: Du bist in einem Ortsverein des Deutschen Roten Kreuzes tätig. In diesem Fall ist der Bundesverband nicht die richtige Organisationsebene.

Sicherlich ist der Grund für diese Sollabbruchstelle bei der Engagiertensuche auch in der Sorge um den eigenen Ruf zu suchen, den man mit dem Ausmaß an Schindluder verbunden sieht, der auf der neuen Plattform getrieben werden wird. Sehr wahrscheinlich hat man sich Einreden lassen, für allen Unfug, der mit freiwilligem Engagement so getrieben wird gerade stehen zu müssen. Doch wie dem auch sei, der positive Effekt könnte sein, dass die Verflechtungen der Zivilgesellschaft mit der Zeit auf Betterplace digital abgebildet werden. Würden sich genügend Organisationen mit ihren Gliederungen bei Betterplace registrieren, wäre das ein großer Schritt in Richtung Transparenz. Bisweilen stellt sich aber noch die Frage, warum sie das machen sollten. Freiwilligenorganisationen können ihre Engagementangebote doch auch über die eigene Webseite in ihrer Community promoten.

  • Bei meinem Ausflug zur Engagementsuche auf Betterplace hat sich gezeigt, dass die Suchmaschine der hier versprochenen Verbreitung von „Zeitspenden-Suchen“ eher im Wege steht als dass sie sie befördern würde. Einzig die Verbreitung als Nutzen dafür anzuführen, die eigene Organisation auf Betterplace zu registrieren, scheint mir daher ein bisschen dünn. Da geht sicherlich noch mehr.

Ungeachtet der Nutzenfrage habe ich ein Engagementangebot für die ZiviCloud erstellt. Ein Engagementangebot übrigens, das Betterplace offenbar so gut gefallen hat, dass sie es für ihre Zeitspendeplattform gleich nachgemacht haben. Nach dem die Zugehörigkeitsfrage zu einem Verband geklärt, meint eine neue Organisation „ZiviCloud“ angelegt war, war die Projektregistrierung Routine: Name, Webseite, Präfix bei Betterplace, Telefon und Adresse eintippen, eine ausführliche Beschreibung einfügen und noch einmal kurz teasern, mehr ist es ja nicht. Einzig das Projekt- oder Organisations-Logo muss auf dem Umweg der Bearbeitung des angelegten Profils eingestellt werden.

  • Was das Logo betrifft, leuchtet mir nicht wirklich ein, warum das nicht gleich bei der Profilerstellung hochgeladen werden kann. Warum muss man hier den Umweg über das eigene Profil machen? Vielleicht, um zu gezeigt zu bekommen, dass man mehrere Bilder hochladen und das Logo wechseln kann?

Im nächsten Schritt wird das Engagementangebot formuliert. Die Eingabemaske für Engagementangebote, das hatte ich schon mehrfach geschrieben, ist der neuralgische Punkt an dem sich entscheidet, ob ‘nur’ alte Modelle des freiwilligen Engagements reproduziert oder neue Formen angeregt werden. Gerade diesen Schritt habe ich mir also sehr genau angeschaut:

  • Los geht’s mit einem ansprechenden Titel: „Präzise, lebendig und motivierend“ soll er sein. Das ist nicht wirklich neu, auf Betterplace – meint auch bei den Geldspenden – aber unverzichtbar. Der Titel für mein ZiviCloud Engagement lautet: „Early Adopter? Teste die ZiviCloud“.
  • Weiter geht’s mit dem Thema des Engagementangebotes bzw. des Projektes. Angeboten werden hierleider nur die ‘üblichen Verdächtigen’, wobei Zielgruppen und Themen wiederum durcheinander gewürfelt wurden: „Bildung“, „Kranke“, „Menschenrechte“, „Senioren“, „Entwicklungszusammenarbeit“, „Kultur, Freizeit & Sport“ etc pp. Was völlig fehlt ist das intermediäre Engagement, also z.B. die Vermittlung von Freiwilligen und die Engagementförderung. Dementsprechend konnte ich für mein ZiviCloud-Engagement nur das fern verwandte Thema „Bildung“ angeben.
  • Wie soll geholfen werden?“ – auch hier eher das Übliche: „Nachhilfe/vorlesen“, „besuchen/begleiten“, „pflegen/betreuen“ etc pp. Einzig „beraten/coachen“ und „organisieren/planen“ fallen etwas aus der Rolle. Für mein ZiviCloud-Engagement lagen „beraten/coachen“ und „schreiben/übersetzen“ nahe, obwohl Testpilot!n sein eigentlich nichts mit übersetzen zu tun hat.
  • Wie viele Helfer brauchst du?“ Klar, dass die Frage kommt. Ich habe hier einfach mal drei angegeben. Eigentlich suche ich aber nicht nur Helfer sondern Coaches, Berater!nnen, Expert!nnen … eben Engagierte oder Unterstützende. Mir ist klar, dass man sich auf Einfachheit beschränken muss, dass hier aber mit dienstleistender „Hilfe“ ausschließlich von „Helfern“ – dem generischen Maskulinum – hantiert wird, finde ich eher rück- als fortschrittlich.
  • Lob verdienen die Fragen nach Regelmäßigkeit, Flexibilität und Ortsgebundenheit des Engagements. M.W. ist Betterplace damit die erste Plattform mit einem ‘volunteer-online button’.
  • Es folgt die Engagementbeschreibung im Fließtext – „je detaillierter, desto besser“. Eine Hand voll Fragen soll hier helfen, einen ansprechenden Text zu formulieren: “Worum geht es bei Deiner Zeitspenden-Suche? Welche Voraussetzungen müssen Freiwillige mitbringen? Gibt es Anerkennung für die Helfer? Sind die Freiwilligen über Deine Organisation versichert? …” Guter Ansatz! Den gibt’s so ähnlich auch bei den Geldspenden bei Betterplace. Als Unterstützung für die Ausformulierung eines Engagementangebotes reichen die paar Fragen aber nicht aus, zumal sich hier keinerlei Systematik (z.B. SMART oder 5-A) erkennen lässt. Schade!
  • Lade ein Bild hoch, um die Aufmerksamkeit der Interessenten zu kriegen.“ Ah ja die Bilder! Sie sollen Emotionen wecken und „Helfer“on the job bewegen. Ich bin weiterhin skeptisch, ob das viel bringt, insbesondere was auch die Frage anbelangt was das Bild aussagt. Vermutet (gehofft) hatte ich zunächst, dass hier der Alternativtext zum Bild angegeben werden soll, der die Webseite barrierefreier gemacht hätte. Dem ist leider nicht so. Zumindest VoiceOver von Mac OS liest nur „HTML-Content“ der beim mouse over ins Bild gesetzt wird. Nicht wirklich eine Bereicherung…
  • Obligatorisch zuletzt die Eingabe einer E-Mail für den Direktkontakt und – wenn vorhanden – eine Telefonnummer. Gut so, das gehört dazu.

Fazit

Die neue Zeitspende-Plattform von Betterplace erfüllt die wesentlichen Kriterien einer Engagementdatenbank, wie es sie schon einige gibt. Großes Lob hat m.E. die Option des ‘volunteer online’ verdient. Mit der Frage nach flexiblem, ortsungebundenen und zeitlich befristeten Engagement könnten in der Tat alte Modelle des Ehrenamts aufgebrochen und neue Engagementformen angeregt werden. Auch der implizite Anspruch an Freiwilligenorganisationen, anständiges Communitymanagement zu betreiben und auf diesem Weg neue Freiwillige zu gewinnen, könnte sich postitiv auswirken. Allerdings ist damit die Frage verbunden, wozu die Betterplace Zeitspende-Plattform eigentlich gut ist. Was genau haben Freiwilligenorganisationen davon, sich auf Betterplace zu registrieren, Engagementangebote einzustellen und regelmäßig Updates dazu zu liefern?

Die übliche Antwort lautet hier wohl, über Betterplace können neue Zielgruppen erreicht werden. Das aber beißt sich ziemlich mit dem ‘Betterplace-Prinzip’ des „verbreite deine Anliegen selbst“. Sicherlich werden einige Engagementangebote über die Social Media Kanäle von Betterplace promotet. Zum einen steht aber noch nicht fest, welche das genau sind, zum anderen sind es mit Sicherheit nicht alle. Damit schrumpft das Versprechen neuer Zielgruppen auf jene zusammen, die ‘innovative Engagementangebote einstellen, die zur Betterplace-Community auf Facebook, Twitter & Co. passen’. Sicherlich kann sich auch dieses Buhlen um die Gunst der Plattformbetreiber – die wir in etwas andere Form auch von Facebook kennen – postitiv auf die Etablierung neuer Engagementangebote auswirken. Genauso wahrscheinlich sind aber auch negative Folgen des sporadischen, gamifizierten Engagements (z.B. die weiter sinkende Bereitschaft der Übernahme von Vorstandsposten), die in ihrer Breite heute noch gar nicht abzusehen sind und mit denen sich Betterplace m.W. gar nicht beschäftigt.

tl;dr: Punktuell innovativ, streckenweise verbesserungswürdig und ansonsten nicht wirklich neu: Die Zeitspenden-Plattform von Betterplace.org erfüllt die wesentlichen Kriterien einer Engagementdatenbank. Herzlichen Glückwunsch.

i Ich hatte es ein mal geschafft – man frage mich nicht wie –, dass mir diese Auswahl allein für Hannover (also regionalbezogen) angezeigt wurde. Da war dann nur noch Kindern und Jugendlichen, Bildung und Migranten zu helfen. Da der Zufall uns hier aber nicht weiterhilft, lasse ich das raus.

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Neues von Betterplace: Wie das Ehrenamt nun mobil werden soll

Vor kurzem erreichte mich die Nachricht, dass das Vodafone-Betterplace-Projekt „Mobiles & Ehrenamt“ nun regelmäßig über die Arbeit an der neuen App berichten will. „Ab jetzt könnt Ihr […] unter der Kategorie Zeitspenden regelmäßig erfahren, was wir machen.“ Gebloggt werden soll über die „ersten Schritte und Funktionen“ der App, sowie über beteiligte Freiwilligenagenturen und „Zeitspender“. Außerdem sollen auch „interessante Gastblogger“ zu Wort kommen: „Wir wollen gemeinsam mit euch an dem Thema Zeitspenden arbeiten“ steht da in dicken Lettern. Was eigentlich neu ist, wo genau die USP dieses Projekts zu suchen ist und wie Ehrenamt zur Spendenplattform Betterplace passt, erklärt zunächst Till Behnke in einem kurzen Interview.

Zwar bin ich persönlich momentan nicht für’s Gastbloggen bei Betterplace abkömmlich — ich komme ja kaum mit meinem eigenen Blog hinterher — doch bin ich natürlich gespannt, was da jetzt alle paar Wochen berichtet werden wird. Von der App selbst, deren erste BETA-Version bereits im September dieses Jahres veröffentlicht werden sollte, ist ja leider noch nichts zu sehen.

„Bowling alone“ beim LAB-together

Zu sehen gab es allerdings etwas anderes: Dr. Mark Speich, Leiter des Vodafone Instituts für Gesellschaft und Kommunikation, sprach auf dem ersten Betterplace LABtogether über das Kooperationsprojekt und die Fragen, wie und warum freiwilliges Engagement mobil wird bzw. werden muss. Selbst war ich zwar nicht zugegen, doch habe ich mir die Videodokumentation ganz genau angehört und will die angestellten Überlegungen hier kurz kommentieren.

An dieser Stelle herzlichen Dank an Jörg Eisfeld-Reschke für den Hinweis auf Twitter.

Speich beginnt seinen Vortrag mit dem Verweis auf einen der Wohl umstrittensten Aufsätze im weiten Feld der Engagementforschung: „Bowling alone“ von Robert D. Putnam. In der Tat beschreibt Putnam in diesem Aufsatz – wie viele andere dieser Zeit auch – global zu beobachtende Individualisierungstendenzen, die er – und das war das eigentlich Kritische in diesem Aufsatz – mit der Funktionsfähigkeit von Gesellschaft in einen kausalen Zusammenhang brachte. Je mehr Netzwerke einander vertrauter Akteure, so die einfache These, desto besser funktionieren demokratische Institutionen, Verwaltungen und Wirtschaftsunternehmen. Putnam, der seine ersten Untersuchungen zum sozialen Kapital in Italien durchführte, musste sich seiner Zeit einige Kritik gefallen lassen, weil seine Theorie gerade in Italien aller Empirie zu trotzen suchte. In Süd-Italien, wo Wirtschaft, Verwaltung und demokratische Institutionen (z.B. demokratisch einwandfreie Wahlen) nun gar nicht so recht funktionieren wollten, gab es mit der Mafia vergleichsweise viele einander vertraute Akteure und damit auch ein hohes Level an sozialem Kapital. Erst sechs Jahre nach „Bowling alone“ verlegte die Bertelsmann Stiftung — seiner Zeit immer mal wieder wegen neoliberaler Umtriebe in der Kritik — den Band „Gemeinschaft und Gemeinsinn“, in dem Putnam seine Theorie des Sozialkapials ausdifferenzierte und mit dem „bonding“ und „bridging social capital“ zu retten versuchte, was zu retten war. Doch auch das wollte nicht so recht gelingen, denn grundsätzlich zielt das Putnam’sche Sozialkapital auf die Utopie einer harmonischen Gesellschaftsordnung, in der es keine Querulanten gibt. Gerade die braucht aber Zivilgesellschaft, wenn sie sich nicht in der Rhetorik politischer Sonntagsreden verlieren will.

Wenngleich Speich nicht näher auf das politische Konzept des sozialen Kapitals einging, sondern vor allem das Bild des „Bowling alone“ nutzte, um Individualisierung zu beschreiben, finde ich diese Wahl doch bemerkenswert. Bemerkenswert vor allem deswegen, weil das von Putnam prognostizierte sinkende Vertrauen in öffentlich zugängliche Netzwerke (bridging social capital) und der damit einher gehende Niedergang des bürgerschaftlichen Engagements so gar nicht zur Solidaritätsfähigkeit und -willigkeit junger Menschen — dem Ausgangspunkt der gemeinsamen Überlegungen — passen will. Wenn Speich meint: „Wir haben auf der einen Seite die Bereitschaft, auf der anderen Seite anscheinend keinen Kanal mehr, diese Bereitschaft zur Hilfe, zur Solidarität auch aufzunehmen“ irrt er vor allem in der Annahme, dass auf der Handlungsebene sonderlich viel Bereitschaft zur gegenseitigen Unterstützung gezeigt würde. Darüber, wie es um die gegenseitige, informelle Unterstützung, die man ja auch Solidarität nennen kann, bestellt ist, liest man im  Freiwilligensurvey:

Von Anfang an hat sich der Freiwilligensurvey nicht nur für die öffentlichen Netzwerke in Deutschland interessiert, sondern auch für die informellen Unterstützungsleistungen, die Menschen sich gegenseitig gewähren. Das geschah unter zwei verschiedenen Aspekten: Zum einen sollte überprüft werden, inwiefern die Menschen den Eindruck hatten, im Zweifelsfall auf die Unterstützung durch andere zurückgreifen zu können. Zum anderen ging es darum, inwieweit solche Unterstützungsleistungen tatsächlich erbracht werden. Beide Indikatoren des sozialen Kapitals in Deutschland haben in den letzten 10 Jahren ein anderes Verlaufsmuster gezeigt. Die Gewissheit, sich auf die Unterstützung anderer Menschen verlassen zu können, ist in der letzten Dekade weitgehend stabil geblieben, aber die Angaben der Befragten, solche Leistungen auch zu erbringen, sind deutlich zurückgegangen  (Gensicke/Geiss 87).

Schade eigentlich! Die Katze füttern oder den neuen PC der Nachbarin einrichten, das war einmal; besonders in heterogenen Regionen, um hier mal einen weniger umstrittenen Aufsatz von Robert Putnam zu zitieren. Dass in Deutschland eine vergleichsweise engagementfreundliche Grundstimmung herrscht, ist also die eine Sache, wer sich wann und wie engagiert eine andere. Dr. Speich scheint mir hier in die Falle der sozialen Erwünschtheit getappt, die bei jungen Menschen besonders weit offen steht. Vor allem im Jugendalter herrscht einfach der größte Anpassungsdruck, weshalb die 14 bis 25-jährigen bei hoher zivilgesellschaftlicher Beteiligung (z.B. Mitgliedschaft in Vereinen) zu beinahe 50% angeben, mindestens „eventuell“ (meint auch nicht auf der Handlungsebene) zum freiwilligen Engagement bereit zu sein.

Davon, wie diese — spitz formuliert — „Lippenbekenntnisse“ in freiwilliges Engagement überführt werden könnten, hatte ich bereits das eine oder andere Mal geschrieben. Zentral war dabei stets der Return on Engagement und damit die Rolle von Freiwilligenorganisationen, die so etwas möglich machen können. Gerade die scheinen mir bei dieser Kegelpartie aber eher Zaungäste zu sein. Man will gern „eine Form des Engagements vermitteln und finden […], die eben nicht durch die Riten und Rituale der Vereinsmeierei geprägt ist“ – ein anderes Engagement, ein neues Ehrenamt, neben den bestehenden Strukturen. So soll ja auch die Betterplace App ein Tool werden, das nutzerfreundlich neben allem anderen steht und so die Arbeit etablierter Akteure (Vereine, Verbände usw.) besser machen soll, so Behnke im Interview. Bereits in meinem letzten Beitrag zum Thema hatte ich gefragt, wie das eigentlich gehen soll, erhielt bis heute aber keine befriedigende Antwort. Klar, es geht bei Weitem nicht nur um die Entwicklung einer App für die Ehrenamtsvermittlung. Es geht um eine bessere Marktpositionierung von Betterplace, wie das aber die Arbeit von Freiwilligenorganisationen besser machen soll, ist mir weiterhin völlig schleierhaft.

Und sonst?!

In den restlichen 14 Minuten des Vortrages steckt für mich nicht allzu viel, was sich nicht auch schon aus der ersten Pressemitteilung vom Mai dieses Jahres ergeben hätte: Vodafone ist toll und Betterplace auch, der „shared value“ rückt die Kooperation etwas weg vom reinen Greenwashing und dass das Geotagging eine zentrale Funktion der App werden soll zeigt, dass die Sony +U-App hier durchaus Modell stehen könnte. Interessant finde ich allerdings, dass Vodafone und Betterplace den Pfad der Übertragung angelsächsischer Modelle verlassen und etwas Neues – etwas einzigartiges  – probieren wollen, nämlich die Verbindung von freiwilligem Engagement und Spenden.

Wir glauben, dass wir hier wirklich etwas schaffen, was es so noch nicht gibt; die Kombination von Zeit- und Geldspenden mit der gleichzeitigen Möglichkeit auch eigene Projekte zu initiieren und das in einer einzigen App verknüpft, das ist aus unserer Sicht einzigartig. Wir haben es auch bislang im Ausland nicht gesehen.

In der Tat ist mir kein Projekt bekannt, dass Geldspenden und freiwilliges Engagement auf einer Plattform vereint. Das mag daran liegen, dass sich die ganze Welt einig ist, dass das nicht funktioniert, aber die Welt kann ja auch Unrecht und die Betterplace-Rebellen Recht haben, wer weiß das schon. Es wird sich zeigen müssen, ob das Projekt „Mobiles Ehrenamt“ Schwung in die deutsche Freiwilligenarbeit bringt und ab 2015 auch international ausgerollt werden kann. Ich bin da skeptisch, weil ich nicht sehe, dass und wie die Freiwilligenorganisationen, die schlussendlich den Content einstellen sollen, hier mitgenommen werden, aber auch das hatte ich ja schon gesagt.

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