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Archiv der Kategorie: Studium
Blick ins Buch: Motivation und Anerkennung im freiwilligen Engagement
Die Öffentlichkeitsarbeit ist ein wesentlicher Aufgabenbereich im Freiwilligenmanagement. Um neue Freiwillige zu gewinnen, ist es einfach sinnvoll, potentiell Interessierte von seinen Engagementangeboten wissen zu lassen. Allein aber solche Offerten als „Gesuche“ auf der eigenen Webseite oder Engagementdatenbanken zu publizieren und sie dann über Facebook, Twitter und Co. zu bewerben, reicht nicht aus. Einerseits sind Social Networking Dienste wie Facebook — so Christoph Bieber in seiner Vorlesung über den Obama-Effekt — eher auf der Einstellungs- und weniger auf der Handlungsebene wirksam, andererseits lehren uns Analysen von Geschmacks-Clustern (Bolz 2010) und Filter-Bubbles (Praiser 2011), dass Nachrichten im Internet nicht immer dort ankommen, wo man sie gern hätte.
Eine strategisch geplante und gut durchdachte Öffentlichkeitsarbeit ist im Freiwilligenmanagement dementsprechend notwendig. Genau diese wird in den einschlägigen Publikationen aber häufig nur am Rande behandelt. Lisa Katrin Schürmann schreibt in ihrer nun veröffentlichten Masterarbeit:
Auffällig ist, dass die Öffentlichkeitsarbeit […] meist nur ein kleiner Unterbereich des umfassenderen Kapitels ‚Freiwilligenmanagement‘ ist. Im Handbuch ‚Gemeinde & Presbyterium: Systemische Ehrenamtsarbeit‘ widmet der Leitfaden ‚Ehrenamt mit System‘ dem Thema ‚Ehrenamtliche gewinnen‘ beispielsweise nur einen Abschnitt (Schürmann 2013: 95).
Ähnliches gilt auch für das erst letztes Jahr neu aufgelegte ‚Standardwerk‘ für das Freiwilligenmanagement in der Sozialen Arbeit von Doris Rosenkranz und Angelika Weber (ebd.: 2012). Hier widmen sich gerade einmal zwei kurze Beiträge explizit der Öffentlichkeitsarbeit (Bönte 2012: 90ff.; Deeg 2012: 98ff.), wobei lediglich die Grundlagen und einige (ernüchternde) Praxisbeispiele aus der Sozialen Arbeit zusammengestellt werden. Mit ihrem Praxisleitfaden „13 Schritte für eine online-gestützte Öffentlichkeitsarbeit“ unternimmt Lisa den Versuch, diese Lücke zu füllen.
Aufbau und Herangehensweise
Ihre Arbeit, die insgesamt acht Kapitel umfasst, ist in drei größere Teile gegliedert: Grundlagen, Fallbeispiele und Praxisleitfaden. Lisas Vorgehen ist deduktiv, wobei sie die wesentlichen Aspekte der (theoretischen) Grundlagen in Zwischenfazits zusammenfasst und später wieder aufnimmt:
- Am Anfang stehen die Grundlagen zum freiwilligen Engagement, wobei Lisa dem Interneteinsatz hier eine besondere Bedeutung beimisst und auch dem Online-Volunteering ein Unterkapitel widmet (S. 54). In den Vordergrund stehen in diesem ersten Teil aber motivationspsychologische Grundlagen. Hierfür werden zuerst die Erkenntnisse von Edward L. Deci und Richard M. Ryan (Theorie der Selbstbestimmung) sowie Mihaly Csikszentmihalyi (Flow-Erleben) zu intrinsischer Motivation mit dem „letztgültiges Ziel“ der Kompetenzsteigerung (S. 35; Schiefele/Streblow 2005: 53) umrissen, bevor anschließend auf aktuelle Untersuchungen zur Motivation freiwillig Engagierter eingegangen wird. Als Grundlage ihrer weiteren Arbeit beschreibt Lisa abschließend die sechs Dimensionen des funktionalen Ansatzes nach Clary et al. (1998: 1517ff.; S. 41ff.).
- Im zweiten Teil ihrer Arbeit analysiert Lisa drei Kampagnen, die im Europäischen Jahr der Freiwilligentätigkeit 2011 in Deutschland, Schweden und der Schweiz durchgeführt wurden (S. 56ff.). Die Analysen umfassen jeweils das freiwillige Engagement sowie der Internet und Social Media Einsatz innerhalb der untersuchten Organisationen, die Kampagnen- und Öffentlichkeitsarbeit vor 2011 und die Aktivitäten im Europäischen Jahr der Freiwilligentätigkeit. Den Schwerpunk legt Lisa in diesem Teil auf die jeweilige Kampagne von 2011, die sie auf ihre Aufmachung (z.B. Titelbild), den Internet und Social Media Einsatz sowie die Rolle der Freiwilligen während der Kampagne untersucht.
- Im dritten Teil ihrer Arbeit trägt Lisa die Erkenntnisse aus den vorangegangenen Kapiteln zusammen und formuliert 13 Schritte für die Öffentlichkeitsarbeit mit dem Ziel neue Freiwillige zu gewinnen und bereits Engagierte in ihrer Tätigkeit zu bestärken.
Dieser Leitfaden kann dazu dienen, eine Öffentlichkeitsarbeit bzw. eine Kampagne zum Thema freiwilliges Engagement im Bereich Internet/ Social Web anzugehen und wichtige Aspekte nicht aus dem Blick zu verlieren. Primär richtet sich der Leitfaden dabei an Freiwilligenorganisationen. Aber auch Freiwilligenagenturen und engagierte Einzelpersonen können ihn anwenden (Schürmann 2013: 108).
Ihren Leitfaden will Lisa nicht als abschließende Handlungsanweisung verstanden wissen. Vor dem Hintergrund der sich rasch ändernden Gegebenheiten bei der Öffentlichkeitsarbeit im Social Web wäre ein solch statischer Ablaufplan wenig nützlich. Allerdings — so Lisa (S. 108) — macht es durchaus Sinn die einzelnen Fragen der Reihe nach zu beantworten, weil diese auch aufeinander aufbauen.
Motivation und Anerkennung
Die Lektüre dieses Büchleins mit seinen gerade 112 Seiten hat mir wirklich Spaß gemacht. Ich hatte von Lisa seit Mai 2011 immer wieder Updates zu ihrer Masterarbeit und der Veröffentlichung bekommen und war dementsprechend gespannt auf das Endergebnis. Der Versuchung, gleich zum Leitfaden vor zu blättern, musste ich ein wenig wiederstehen, habe aber so ‚nebenbei‘ auch einige neue Erkenntnisse gewonnen; z.B. zu den motivationspsychologischen Grundlagen. Mit der Theorie des Flow-Erlebens hatte ich mich im Rahmen meiner Diplomarbeit intensiv befasst. Von der Theorie der Selbstbestimmung dagegen hatte ich bisher nur am Rande gehört und die Klammerung mit dem „letztgültigen Ziel“ der Kompetenzsteigerung war mir noch völlig neu. Von dieser Stelle aus, werde ich sicherlich noch etwas weiter recherchieren.
Wie aber alles auf der Welt hatte auch das disziplinierte Von-Vorn-Nach-Hinten-Lesen seine dunkle Seite. Ich habe mich durch Kapitel gelesen, deren Inhalt mir zu großen Teilen bekannt war, womit sich der Blick schnell auf das Ringsherum richtet. Ein paar kritische Punkte seien dazu kurz angemerkt:
- Etwas anstrengend fand ich die bisweilen künstlich-umständliche Sprache. Die gut nachvollziehbaren Befunde, die Lisa regelmäßig in ihren Zwischenfazits zusammenfasst, wären in klarer einfacher Sprache m.E. besser aufgehoben.
- Wenig begeistert war ich von der vielen sekundären und grauen Literatur. Es machst das ‘Eintauchen’ in die Materie nicht einfach, wenn man befürchten muss interessante Fakten und Befunde (z.B. das „letztgültige Ziel“) dreimal um die Ecke recherchieren zu müssen.
- Den Argus-Augen nicht entgangen sind ein paar ärgerliche Zahlendreher bei der aktuellen Lage freiwilligen Engagements in Deutschland (S. 26f.). Die Engagementquote in Deutschland ist seit 1999 — nicht seit 2004 — von 34% auf 36% gestiegen und die Enquete-Kommission “Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements” wurde 1999 eingesetzt — nicht 2002.
- Schade fand ich, dass im Grundlagen-Teil die Auseinandersetzung mit dem Begriff der Anerkennung fehlte. Lisa scheint Motivation und Anerkennung irgendwie gleich zu setzen. Das kann man durchaus so sehen, angesichts des manigfaltigen Verständnisses von Anerkennung im freiwilligen Engagement hätte ich mir ein kurzes Statement dazu gewünscht.
Bemerkenswert finde ich die Selbstverständlichkeit, mit der Lisa den Adressatenkreis der Öffentlichkeitsarbeit über neue Freiwillige hinaus auch auf bereits Engagierten ausweitet. In den wenigen Publikationen, in denen die Öffentlichkeitsarbeit als wesentliches Aufgabenbereich des Freiwilligenmanagements behandelt wird, liegt der Fokus eher darauf, Interessierte anzusprechen bzw. über die aktuellen Angebote zu informieren. Dabei muss eine gute Öffentlichkeitsarbeit durchaus zur Anerkennungskultur in Freiwilligenorganisationen gezählt werden — das zumindest ist in den Kapiteln zur Anerkennungskultur immer wieder zu lesen. Beides, sowohl Anerkennung durch Öffentlichkeitsarbeit als auch die Öffentlichkeitsarbeit zur Gewinnung neuer Freiwilliger, — das zeigt Lisa — können sich gut ergänzen.
Fazit
In ihrer Arbeit befasst sich Lisa mit der Motivation und Bindung freiwillig Engagierter mit den Mitteln und Möglichkeiten der Öffentlichkeitsarbeit; ein Themengebiet, das in letzter Zeit in ganz unterschiedlichen Engagementbereichen entdeckt wurde und zu dem wohl auch künftig Expertise nachgefragt werden wird. Mit den Kampagnen zum Europäischen Jahr der Freiwilligentätigkeit 2011 in Deutschland, Schweden und der Schweiz hat Lisa interessante Fallbeispiele ausgewählt, mit denen sie auch aufzeigen konnte, was in Deutschland ‚normalerweise‘ unter den Tisch fällt (z.B. die Freiwilligentätigkeit bei der Organisation von Kampagnen). Besonders gefallen hat mir das Beispiel aus Deutschland. Hier nahm Lisa die Jahreskampagne des Diakonischen Bundesverbandes „Da sein, nah sein, Mensch sein“ unter die Lupe.
Wenngleich die Analyse-Ergebnisse im Einzelnen etwas ernüchternd sind, finde ich außerdem Lisas Einbezug des Online-Volunteering lobenswert. Zwar war das freiwillige Engagement über das Internet bei keiner der drei untersuchten Kampagnen von Bedeutung, doch steigt mit der gesellschaftlichen Relevanz des Netzes und seinen Sozialen Medien auch die Bedeutung des wirksamen Einbezugs von Online-Volunteers. In ihrem Fazit weist Lisa auf das Potential dieser neuen Wege zum Engagement hin und ergänzt:
Sich diesen Entwicklungen offen und transparent zu stellen, auf Augenhöhe zu kommunizieren und freiwillig Engagierte nicht nur zu informieren, sondern (z.B. durch Angebote des Online-Volunteering) auch einzubeziehen, sind Aufgaben, die ein großes Maß an zeitlichem, personellem und strategischen Planungsaufwand bedürfen (Schürmann 2013: 111).
Und zum Schluss: Lisas Arbeit zu „Motivation und Anerkennung im freiwilligen Engagement. Kampagnen und ihre Umsetzung in Internet und Social Media“ ist beim Springer Verlag für Sozialwissenschaften erschienen und kostet 29,99 €. Es handelt sich um eine wissenschaftliche Arbeit mit einem profunden, praxisnahen Ergebnis, das nun aber auch in der Praxis erprobt und weiterentwickelt werden müsste. Für Freiwilligenmanagerinnen und -manager lohnt sich der Blick in den Leitfaden ganz bestimmt. Für Studierende der Kommunikationswissenschaften, Soziologie und (Medien) Pädagogik ist die Lektüre m.E. aber nicht geeignet.
Veröffentlicht unter Studium
Verschlagwortet mit Buch, Öffentlichkeitsarbeit, Online-Volunteering, Rezension
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Warum sind Treffen im Real Life so wichtig?
Das Treffen vor Ort – in der physischen Welt – ist bei Online-Projekten ziemlich wichtig. Noch die ‘virtuellesten’ Communitys, wie vielleicht die der Blogsphäre oder die der Wikipedia, brauchen ihre Treffen im Real Life. Warum ist das so? Die technischen Möglichkeiten, mit denen über das Internet kommuniziert werden kann, werden immer weiter entwickelt. Und das nicht nur in Sachen Usability! Auch die Bandbreite übertragbarer Kommunikationsakte wird ausgeweitet und ggf. um neue Zeichen und Symbole erweitert (vom Text zum Emoticon von VoIP zur Videotelefonie usw.). Objekte über das Internet durch die ganze Welt zu verbreiten, ist heute keine reine Scince Fiction mehr. Genauso wenig wie ein ‘Quasi-Vor-Ort-Engagement über das Internet’. Und trotzdem: Wir treffen uns – da schließe ich mich nicht aus – immer noch sehr gern in der stofflichen Welt, um genau das zu tun, was wir auch über das Internet tun könnten: kommunizieren.
Ganz unabhängig vom Wünschbaren, beschäftigt mich die Frage, warum das so ist, schon eine ganze Weile. Vor kurzem, im Gespräch mit Kathleen Ziemann, die zur Zeit einen Beitrag zu „Karma statt Kohle“ für den Betterplace-Lab-Trendreport schreibt, bin ich wieder drauf gestoßen (worden). Zeit also Erklärungsansätze – drei sind es an der Zahl, die sich so ähnlich auch in der sehr lesenswerten ethnographischen Studie über Familienkultuen von Wolf Wagner (2003: 73ff.) finden – für dieses ‘wunderbare’ Phänomen aufzuschreiben und dann noch ein bisschen drüber nachzudenken.
Soziobiologie – die These vom Sex
Die Soziobiologie geht – nicht ganz zu Unrecht – davon aus, dass der Mensch durch Urinstinkte gesteuert wird, die allen Lebewesen zueigen sind. Nur ein Teil unseres Gehirns, nämlich bestimmte Zonen der Hirnrinde, ist typisch menschlich. Der Rest unserer animalischen Schaltzentrale ist ‘natürlich’ dafür da, dass unsere Körper funktionstüchtig sind und bleiben und auch unsere Gene weitergegeben werden. Genau das ist – aus Sicht der Soziobioloigie – der Grund dafür warum wir uns trotz aller technischen Möglichkeiten und vorhandener Kompetenzen immer noch in der physischen Welt treffen. Auch wenn sich bereits Objekte über das Internet verbreiten lassen, das ‘Beamen’ von Lebewesen, wie auch fruchtbarem Samen, ist bis heute nicht gelungen.
Die Logik der Soziobiologie ist in der Tat bestechend und taucht in den Medien auch immer wieder auf. Besonders beliebt sind die Thesen der Soziobiologie bei Erklärungsversuchen, warum Männer und Frauen sind wie sie sind. Warum z.B. finden überwiegend viele Männer jüngere Frauen attraktiv und vice versa? Oder: Warum besteht ‘die Frau als solche’ auf Treue in einer Beziehung, wohingegen der Mann in einer Tour fremd geht? Es ist alles in unseren Genen angelegt, auch die Antwort auf die Frage, warum wir uns trotz allen Fortschritts immer noch in der stofflichen Welt begegnen wollen.
Sozialanthropologie – die These von der Sozialisation
Die Anthropologie ist in der Wissenschaft so etwas wie der Gegenspieler zur Soziobiologie. Schon immer streiten sich Kulturalisten und Naturalisten darum, ob es nun die Natur ist, die den Menschen in seinem Tun bestimmt, oder die Kultur. Welche Macht haben die Gene wirklich? Es ist nicht so, dass die Anthropologie die Wirkung von Genen komplett verleugnen würde, man verweist allerdings darauf, dass menschliche Verhaltensmuster viel zu Komplex sind, als dass sie von ein paar wenigen Aminosäure-Verbindungen in der DNS vorbestimmt (determiniert) werden könnten. Vielmehr werden die genetisch ‘angelegten’ Verhaltensweisen durch die jeweilige Kultur verstärkt oder abgeschwächt. Demnach ist es auch die Kultur, in die wir hinein sozialisiert wurden, die beeinflusst, ob wir uns noch im Real Life treffen wollen oder nicht.
Schauen wir uns nun die Kultur an, in die wir ‘junge Erwachsene’ hinein sozialisiert wurden, wird ziemlich schnell klar, warum wir dem physischen Treffen einen so hohen Stellenwert beimessen: Was uns unsere (Groß-) Elterngeneration vorgelebt hat, was wir als ‘normal’ kennen gelernt haben, hatte nichts – oder nur sehr wenig – mit ‘virtuellen Welten’ zu tun. In der Kindheit und Jugend der Wenigsten von uns gab es zu Hause regelmäßig Telefon- oder Video-Konferenzen. Dementsprechend empfinden wir das physische Zusammentreffen mit anderen, die wir vielleicht auch über das Internet kennen gelernt haben, als völlig normal und die Vorstellung nur noch im ‘Cyber Space’ zu leben ziemlich abwegig.
Ethnologie – die These vom Kulturwandel
Als Kulturwandel werden alle kulturellen Veränderungen im Zeitverlauf beschrieben, die durch das Aufeinandertreffen unterschiedlicher (Alltags-) Kulturen oder durch Veränderungen innerhalb eines Kulturraums bewirkt werden (Gottschalk o.J.). Das Internet mit seinen Sozialen Medien ist definitiv ein Motor des heutigen Kulturwandels. Das lässt sich unter anderem an den (Lern-) Prozessen beobachten, die Digital-Outsider durchmachen müssen, um an einer immer stärker digitalisierten Gesellschaft teilhaben zu können. Teilhabe ist hier aber nicht nur auf politische Partizipation beschränkt, sondern umfasst auch die Positionierung in der Gesellschaft. Bei diesem Seinen-Platz-Finden – das hatte Norbert Elias in seinen Studien über den Prozess der Zivilisation herausgearbeitet – spielt die Vermeidung von Schande und das Streben nach Prestige eine wesentliche Rolle.
Schande vermeidet man, in dem die allgemein akzeptierten Vorschriften [auch ungeschriebene Gesetzte | Anm. von mir] einhält. Für Ehre und Prestige genügt das nicht. Man muss Verhaltensweisen oder Besitztümer vorweisen, die einen höheren Status anzeigen, die über das Gewohnte hinausweisen. Diese kann man an denjenigen Menschen ablesen, die bereits über einen solchen Status verfügen. Übernimmt man ihre Verhaltensweisen und strebt nach ihren Besitztümern, hat man die besten Chancen, an ihrer Ehre und ihrem Prestige teilzuhaben (Wagner 2003: 86).
Jenen, die heute die Mittel und Möglichkeiten des Social Webs virtuos zu nutzen wissen, wird i.d.R. mehr kulturelles Prestige beigemessen als jenen, die dies nicht können. Das heißt allerdings nicht, dass sich das Gros der Gesellschaft am gemeinen ‘Onliner’ orientiert; dessen Verhaltensweisen übernimmt und nach ihren Besitztümern gestrebt wird. Lediglich auf die gesellschaftlichen Eliten, die sowohl über kulturelles als auch über ökonomisches Prestige (Geld und in Geld konvertierbare Habe) verfügen, trifft das zu. Auch diese müssen nämlich ihren Platz in der Gesellschaft finden bzw. behaupten und sind dementsprechend immer auf der Suche nach neuen Kulturtechniken, mit denen sie sich gegenüber der immer aufstrebenden bürgerlichen Mitte abgrenzen können. Zu diesen Praktiken könnte auch die körperlose Netzkommunikation gezählt werden, da sich damit (quasi nebenbei) auch Arbeitsprozesse effizienter organisieren lassen. Die Frage also, warum wir uns immer noch in der stofflichen Welt treffen, obwohl uns immer mehr Möglichkeiten der webbasierten Kommunikation zur Verfügung stehen, ist aus der Perspektive des Kulturwandels also ähnlich zu beantworten wie aus der der Anthropologie: Die Zeit ist noch nicht reif, wobei der kulturelle Wandel nicht an Sozialisation, sondern Prestigestreben festgemacht wird.
Diskussion
Zwei zu eins für die Menschlichkeit! Sozialisation und Prestigestreben liefern uns für’s Erste die differenziertesten Befunde, wobei sowohl die Antwort der Anthropologie als auch die Ethnographie darauf hinweist, dass es jetzt so ist wie es ist, die Zukunft aber unbestimmt bleibt. Die These vom Sex dagegen behauptet, dass uns unser archaisches Gehirn weiterhin aus dem Haus treiben wird, auch wenn wir uns einmal als Hologramme durch die Welt beamen können. Drei zu eins für die Menschlichkeit?! So funktioniert das natürlich nicht. Entscheidungen fallen in der Wissenschaft auf der Grundlage von Fakten. Fakten mit denen Thesen geprüft, erweitert, modeliert oder eben verworfen werden. In diesem Sinne hier eine kurze Diskussion:
- Bei der These vom Sex geht es um die Fortpflanzung, um die Verbreitung der eigenen Gene. Die Behauptung lautet: Alle wollen ihre Gene weitervererben, erfolgreich sind dabei aber nur diejenigen mit der höchsten Anpassungs- bzw. Überlebenswahrscheinlichkeit. In der Tierwelt mag das so zutreffen bei den Menschen wird aber das kleine Bisschen Gehirn übersehen, das ‘typisch menschlich’ Großes bewirkt. Der Mensch ist im Stande sein eigenes Soziotop einzurichten, in dem er der Herr ist und (fast) kein Anpassungsbedarf besteht. Im Ergebnis heißt das, dass alle, die ihre Gene weitergeben wollen, auch dazu im Stande sind. Und das genau dieses ‘wollen’ wider des Determinismus der Soziobiologie verläuft, zeigen die Fertilitätsraten nach Einkommen (weltweit). Dass wir uns also im Real Life treffen, um unsere Gene weitergeben zu können, passt nicht zu der beharrlichen Empfängnisverweigerung, die besonders unter Akademikerinnen grassiert (wobei natürlich auch die Männer verhüten).
- Die These von der Sozialisation besagt im Kern, dass wir intergenerational bestimmte Muster vermittelt bekommen, die wir als normalen Rahmen für unsere Handlungen inkorporieren. Verhaltensweisen außerhalb dieses Rahmens erscheinen uns unnormal und abwegig. Dagegen spricht zunächst, dass sich Verhaltensweisen seit einigen Dekaden auch intragenerational verändern (Rosa 2005: 176ff.). Nur weil jemand in einer Familie mit Vater, Mutter und Geschwistern aufgewachsen ist, heißt das nicht, dass er oder sie ein Patchwork aus Freundin, Stiefkindern und eigenen Kindern nicht aushalten könnte. Ein zweites Gegenargument findet sich in der Historie der ‘power of love’. Die sexuelle Befreiung sollte nämlich zu einer nach innen und außen friedliebenderen Gesellschaft führen, was der Statistik zu folge nicht geklappt hat. Die Anzahl der Sexualdelikte, stets als Resultat der sexuellen Unterdrückung angesehen, hat seit den 1970er Jahren sogar zugenommen (Wagner 2003: 76). Dass wir uns also immer noch im Real Life treffen, weil es unsere Eltern und Großeltern so vorgemacht haben, passt nicht zu den Handlungsrahmen, in denen sich viele von uns heute wie selbstverständlich bewegen. In Facebook & Co. schaffen Jugendliche gar einen elternfreien Raum, in dem ganz neue Formen des Miteinanders ausprobiert werden.
- Die These vom kulturellen Wandel erklärt uns, dass das Streben nach Prestige kulturelle Praktiken durch die Gesellschaft ‘wandern’ lässt – und zwar von Oben nach Unten, von den gesellschaftlichen Eliten zu den Armen und Ungebildeten. Anhand unterschiedlicher Praktiken – von der Benutzung des Taschentuchs bis zur Kravatte für den Herrn – lassen sich einheitliche Wege dieser Wanderung nachzeichnen. Wie sich also Praktiken durch die Gesellschaft verbreiten macht das Modell klar, welche es im einzelnen sind dagegen nicht. Und genau hier beginnt die Orakelei. Sicherlich gibt es Menschen, die nur noch über das Internet mit der Außenwelt kommunizieren. Vielleicht verfügen diese Menschen auch über viel kulturelles Kapital, doch wissen wir nicht, ob sich die gesellschaftlichen Eliten eines Tages an ihnen orientieren werden – ob sie sich einen Distiktionsgewinn aus der Adaption dieser Praktiken erwarten. Tun sie dies, wird es nicht mehr lange dauern, bis ‘virtuelles Leben’ auch in der gesellschaftlichen Mitte ‘normal’ wird, tun sie es nicht, bleibt alles wie es ist und wir treffen uns weiterhin, um gemeinsam Kaffee zu trinken.
tl;dr: Treffen im Real Life sind ‘in’, deshalb ist die stoffliche Welt für uns so wichtig. Was allerdings die Zukunft bringt bleibt ungewiss.
Veröffentlicht unter Kurz Notiert, Studium
Verschlagwortet mit Ethnographie, Real-Life, Sozialanthropologie, Soziobiologie, Virtuelle Welt
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Blick ins Buch: Evangelische engagiert — Tendenz steigend
Das Sozialwissenschaftliche Forschungsinstitut (EKD) gab Mitte dieses Jahres die Sonderauswertung des dritten Freiwilligensurveys für die evangelischen Kirchen in Deutschland heraus. Stephan Seidelmann[i] fasst auf 39 Seiten die Ergebnisse zusammen und interpretiert sie. Wenngleich diese Sonderauswertung ungewöhnlich kurz ist, finden sich darin doch einige interessante Erkenntnisse, die, verbunden mit dem aktuellen Forschungsstand in diesem Bereich, für die Engagementförderung im sozialen Bereich nützlich sein dürften. Zum einen liegt der Altersdurchschnitt der in der Kirche Engagierten eher über als unter dem gesamtdeutschen Mittelwert von knapp 44 Jahren (Seidelmann 2012: 22), was auch vom „sozialen Ehrenamt“ bekannt ist (Genicke/Geiss 2010: 158). Zum anderen weisen Engagierte in der evangelischen Kirche wie auch im sozialen Bereich ein etwas „ernsteres“ Motivationsprofil auf (Seidelmann 2012: 10; Gensicke/Geiss 2010: 120), was heißt, dass bei ihnen eher Engagementwerte wie „Benachteiligten helfen“ im Vordergrund stehen (dazu Emmerich 2012: 159). Und auch die Engagementquoten stimmen nachdenklich: In 2009 waren 2,7% der Deutschen in der evangelischen Kirche engagiert (Seidelmann 2012: 12). Rechnet man die 2,3% der in der katholischen Kirche Engagierten hinzu (ebd.), kommt man schon relativ nah an die Quote des gesamten sozialen Engagementbereichs von 5,2% (siehe Gensicke/Geiss 2010: 7). Für meinen aktuellen Arbeitsschwerpunkt „soziales Ehrenamt“ scheint das freiwillige Engagement in den evangelischen Kirchen also sehr interessant. Grund genug, einen Blick in die vorliegende Sonderauswertung zu werfen und herauszufinden, was man bei den evangelischen Kirchen abschauen könnte.
Die Kirche als „Motivationsquelle des Ehrenamts“
Schon vor der EKD-Sonderauswertung des Freiwilligensurvey zeigten bereits unterschiedliche Studien, dass starke Kirchenbindung mit einem hohen Grad an freiwilligem Engagement in Verbindung steht (Petersen 2012: 53; Bühler 2010: 81; Emmerich 2012: 157f.). Erklärt wird dies einerseits damit, dass das Gebot der Nächstenliebe auch ein Gebot zu freiwilligem Engagement für andere ist. Insbesondere in kirchnahen Gemeinschaften — so lässt sich an dieser Stelle vermuten — trägt das Befolgen des Gebotes der Nächstenliebe einen wesentlichen Teil zur Bildung eines Wir-Gefühls bei („Wir engagieren uns für andere“) und dürfte dem Einzelnen auch einen gewissen Statuserhalt bzw. -gewinn versprechen, was sich wiederum positiv auf die Verbundenheit mit der Gemeinschaft auswirken dürfte. Kurz gesagt: In kirchennahen Gemeinschaften lohnt sich freiwilliges Engagement, was auch der hohe Anteil interessenorientierter Freiwilliger (37% 33% siehe S. 20) in der evangelischen Kirche bestätigt, denen die eigene Anerkennung wichtig ist (dazu Gensicke/Geiss 2010: 122).[ii]
Andererseits verfügen die Kirchen in Deutschland über eine flächendeckende Infrastruktur, die, verbunden mit einer auf der ganzen Welt bekannten ‚Marke‘ (†), konkrete Engagementgelegenheiten vor Ort anbietet. Weiterhin sind die Kirchen eine der ganz wenigen zivilgesellschaftlichen Institutionen, die — bedingt durch ihre Historie — das sog. „Homophilie-Prinzip“ der Vergemeinschaftung durchbrechen können (Emmerich 2012: 112). In der Kirche kommen nicht nur Menschen mit ähnlichen Sozialstatus zusammen, wie es in anderen Engagementbereichen der Fall ist (bspw. im Umweltschutz oder in Politik und Interessenvertretung). Damit verfügen die Kirchen über ein recht hohes Mobilisierungspotential, was sich in der EKD-Sonderauswertung bspw. anhand des kirchlichen Engagements in den neuen Bundesländern zeigen lässt: Zwar fällt die Engagementquote in den evangelischen Kirchen im Osten etwas geringer aus als im Westen Deutschlands (2,1% in den neuen, 2,8% in den alten Bundesländern), doch gibt Seidelmann (S. 14) zu bedenken, dass im Osten Deutschlands sehr viel weniger Menschen der evangelischen Kirche — oder der Kirche überhaupt — angehören als im Westen. Berücksichtigt man dieses Ungleichverhältnis, dann ist das Engagement unter den Angehörigen der evangelischen Kirche im Osten sogar etwas stärker als im Wesen Deutschlands. Die Kirche — und vor allem die evangelische Kirche — bietet Menschen in den neuen Bundesländern also Gelegenheitsstrukturen für freiwilliges Engagement, die ganz offensichtlich auch genutzt werden.
Zusammenfassen lässt sich an dieser Stelle, dass die evangelische Kirche in struktureller wie kultureller Hinsicht eine „Motivationsquelle des Ehrenamtes“ ist: Sie bietet in ihren Gemeinden Gelegenheitsstrukturen, die, mit einem globalen Wertekanon verknüpft, Gemeinschaften bilden, in denen sich freiwilliges Engagement lohnt. Doch auch wenn dies im Allgemeinen sehr gute Voraussetzungen für die Mobilisierung freiwilligen Engagements sind, sind sie nicht nur der evangelischen Kirche zu Eigen. Auch andere zivilgesellschaftliche Verbände verknüpfen mit ihrer Arbeit einen globalen Wertekanon und bilden Gemeinschaften, in denen sich freiwilliges Engagement als „wertrationales Handeln“ darstellt, in das Menschen in nicht unerheblichem Maße investieren (Zeit, Geld, Know-How usw.).
Von der evangelischen Kirche lernen
Für meine Ausgangsfrage, was man für die Förderung sozialen Ehrenamts denn von der evangelischen Kirche lernen könnte, stellt sich an dieser Stelle also die Frage, was die Kirchen überhaupt besonders macht. Oder anders: Wie es die evangelischen Kirchen geschafft haben, nicht nur die Zahl der freiwillig Engagierten in ihren Gemeinden um 0,9% bzw. in ganzen Zahlen 700.000 Freiwillige (S. 13) zu erhöhen, sondern auch bei jugendlichem Engagement Fortschritte ‚gegen den Trend‘ zu machen? Während die (Fach-) Welt der Engagementförderung und -forschung der Straffung von Schul- und Ausbildungszeiten im Allgemeinen ‚Engagementfeindlichkeit‘ attestiert, bringt es die evangelische Kirche fertig, das jugendliche Engagement in ihren Gemeinden von 1,6% in 1999 auf 2,4% in 2009 zu steigern (S. 25).[iii]
Leider gibt die sehr knappe Sonderauswertung der evangelischen Kirchen in Deutschland nur sehr wenige Anhaltspunkte, um diese Fragen fundiert zu beantworten. Aus dem Teil fünf zum „Engagement in der Kirche“ lassen sich allerdings drei Punkte zusammentragen, die m.E. auf eine engagementfreundliche Organisationskultur in den evangelischen Kirchen verweisen:
- Was die evangelische Kirche für die Engagementförderung definitiv besonders macht, ist, das sie es (mind. in Ansätzen) schafft das Homophilie-Prinzip der Vergemeinschaftung zu durchbrechen. Mit ihren Gemeinschaften, in denen Menschen unterschiedlicher Einkommens- und Bildungsschichten zusammenfinden, kommt die evangelische Kirche dem Ideal einer inklusiven Zivilgesellschaft sehr nahe — näher zumindest als die meisten Bürgergruppen, -initiativen und -vereine.
- Eine herausragende Bedeutung für die Gewinnung neuer Freiwilliger spielen in den evangelischen Kirchengemeinden „leitende Personen“ (S. 24). Es bleibt zwar Unklar, welcher Personenkreis damit genau gemeint ist, doch kann man, denke ich, davon ausgehen, dass die Gewinnung neuer Freiwilliger in den evangelischen Kirchengemeinden ‚Chefsache‘ ist; m.E. ein zweites Alleinstellungsmerkmal der evangelischen Kirche, von dem andere Organisationen lernen können.
- Ein dritter Grund, warum es mit dem freiwilligen Engagement in der evangelischen Kirche vergleichsweise gut läuft, scheint mir in der Schaffung guter Rahmenbedingungen für das Ehrenamt zu liegen. Zwar gibt die Sonderauswertung keinen direkten Hinweis auf das Vorhandensein von Freiwilligenmanagerinnen und -managern bzw. -koordinatorinnen und -koordinatoren, doch lässt die im Vergleich zu 1999 deutlich gesunkene Zahl in ihrem Engagement überforderter Freiwilliger bei gleichzeitigem leichten Anstieg fachlicher Anforderungen im Ehrenamt (S. 29) auf ein gelingendes Matching bzw. die Vermittlung bedarfsgerechter Fort- und Weiterbildungen vermuten.
Schluss
Über diese drei Punkte hinaus kann ich keine weiteren Besonderheiten der evangelischen Kirchen als Akteur der Engagementförderung im sozialen Bereich ausmachen, wobei ich mich hier natürlich gern eines Besseren belehren lasse. Für mich bestätigt sich hier einmal mehr, dass es vor allem von der Organisationskultur abhängt, ob der Einbezug freiwillig Engagierter auf lange Sicht gelingt oder nicht. Offen bleibt an dieser Stelle allerdings die Frage, inwieweit diese engagementfreundliche Organisationskultur, die ihrer Art nach auch Diversität zulässt, das Experimentieren mit neuen Wegen zum freiwilligen Engagement möglich macht. Werden also vielleicht die evangelischen Kirchen Vorreiter in Sachen Online- und Micro-Volunteering werden? Das Potential dazu haben sie.
[i] Stephan Seidelmann sei dieser Stelle für die nützlichen Tipps für diesen Blick ins Buch gedankt.
[ii] Weiterhin bleibt der Motivationstyp der Gemeinwohlorientierung mit 46% kennzeichnend für die evangelische Kirche. Dass der Anteil der Interessenorientierten in den letzten 10 Jahren allerdings überdurchschnittlich zugenommen hat (von 27% auf 33%) zeigt, dass die Kirche in der Tat für sehr unterschiedliche Menschen eine Motivationsquelle zum Ehrenamt ist.
[iii] Leider ist der Frage, wie das jugendliche Engagement in der evangelischen Kirche gesteigert wurde, aufgrund einer zu kleinen Stichprobe von 532 Befragten nicht wirklich zu klären. Nichtsdestotrotz wollte ich hier auf diesen Achtungserfolg hinweisen.
Veröffentlicht unter Kommentar, Studium
Verschlagwortet mit evangelische Kirche, Freiwilligensurvy, Sonderauswertung
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