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Bridge the Gap — auf dem Weg zu einer starken Bürgergesellschaft

Dieser Beitrag ist Teil der vom Centrum für Corporate Citizenship Deutschland (CCCD) initiierten NPO-Blogparade zum Thema „Social Media für die Bürgergesellschaft“. Nach einer kurzen Darstellung der Chancen, die die technische Infrastruktur des Internets für eine starke Bürger- und Zivilgesellschaft heute bietet, wird die Schaffung eines anschlussfähigen Verständnisses Sozialer Medien als wesentliche Herausforderung für Dritt-Sektor-Organisationen benannt. Der Frage folgend, wie dieses Verständnis des Wer, Wie und Was der Social-Media-Kommunikation zu schaffen sei, werden Events der Social Media Szene als effektive Bildungsformate ausgemacht. Veranstaltungsformate wie BarCamps aber auch Strukturinnovationen wie die ZiviCloud sind es, die den Geist der Sozialen Medien auch in die Gefilde traditioneller Dritt-Sektor-Organisationen zu tragen vermögen. Erst durch diesen Brückenschlag zwischen dem digitalen In- und Outside der deutschen Bürger- und Zivilgesellschaft werden die Chancen, die die Sozialen Medien zweifellos bieten, ihr volles Potential entfalten können.

Welche Chancen bieten die Sozialen Medien für die Bürgergesellschaft?

Zweifelsohne besteht zwischen der „Welt der Social Media“ und der bürgerschaftlichen Selbstorganisation eine gewisse „Wahlverwandtschaft“, wie sie Alexandra Härtel und Serge Embacher in der CCCDebate 08 zu „Internet und digitaler Bürgergesellschaft“ aufzeigen. Insbesondere anhand neuer Projekte, Initiativen und Bewegungen lässt sich ersehen, welche Potentiale die Sozialen Medien für eine starke Bürger- und Zivilgesellschaft bereit halten. Anhand einiger, in der NPO-Blogger!nnenszene wohlbekannter Beispiele, beschreiben Embacher und Härtel drei mögliche Bereiche (siehe ebd. S. 16ff.):

  1.  „Do-it-yourself-Initiativen“ können die Mittel und Möglichkeiten des Internets nutzen, um ohne großen finanziellen Aufwand eine breite Öffentlichkeit anzusprechen. Insbesondere jüngere Engagierte nutzen das Internet, um ihre Ideen zu realisieren. So mobilisieren die Teams von 2aid.org und den Berliner SOZIALHELDEN über das Internet Unterstützer!nnen, tragen Wissen zusammen und sammeln Spenden.
  2. Das Agenda-Setting — eine originäre Aufgabe zivilgesellschaftlicher Organisationen — kann mithilfe der Sozialen Medien wirkungsvoll betrieben werden. Dabei ist weniger entscheidend, dass Kampagnennetzwerke wie Campact über ihre E-Mail-Verteiler regelmäßig hunderttausende Menschen erreichen. Vielmehr ist es die Resonanzfähigkeit der Themen, die eine Aufschaukelung der Netze und damit eine virale Verbreitung des jeweiligen Anliegens bewirken kann.
  3. Für die Selbsthilfe bietet das Internet die Möglichkeit der Webkommunikation in häufig geschlossenen Gruppen, deren Mitglieder sich mit physischen oder psychischen Erkrankungen und/oder (damit verbundenen) sozialen Problemen befassen. Dabei ist beim Einsatz von Foren, Chats und Mailinglisten in der Selbsthilfe nicht nur die Orts- und ggf. Zeitunabhängigkeit von Vorteil. Auch ist die internetvermittelte Kommunikation wegen ihrer Beschränkung auf vergleichsweise wenige Zeichen (i.d.R. das geschriebene Wort) niedrigschwelliger als die Kommunikation ‘face-to-face’.

Mit Ebacher und Härtel lassen sich hier schon sehr konkreten Ausformungen des Einzugs Sozialer Medien in die Bürger- und Zivilgesellschaft beschreiben. Insbesondere der Punkt zwei verweist allerdings auch auf neue Formen bürgerlicher Assoziationen, die weniger als Organisationen, denn vielmehr als Formen punktueller Vergemeinschaftung zu verstehen sind. Gemeint sind Inszenierungsphänomene wie die Occupy-Bewegung, denen die technische Infrastruktur des Web 2.0 einiges an Vorschub leistet. Gerade die Möglichkeit der reichweitenstarken Inszenierung resonanzfähiger Themen, die die technische Infrastruktur des heutigen Internets möglich macht, bietet eine große Chance für die Bürger- und Zivilgesellschaft.

Peter Kruse fasste dies letztes Jahr in einem dreiminütigen Vortrag für die Enquete Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“ prägnant zusammen: Durch das Zusammenkommen steigender Vernetzungsdichte, verstärkter Spontanaktivität und der Abbildung (Inszenierung!) kreisender Erregungen kommt es zu einer Machtverschiebung vom Anbieter zum Nachfrager. In Form spontan auftretender und nicht vorhersagbarer Bewegungen erlangen Kund!nnen, Mitarbeiter!nnen und Bürger!nnen Macht, die sich zuweilen recht heftig entlädt. Das Bild des „shit storm“ steht mittlerweile metaphorisch für Ausformungen dieser Macht, denen nur mit einem gehörigen Maß an Empathie vorzubeugen und zu begegnen ist.

Welche Herausforderung bergen die Sozialen Medien für die Bürgergesellschaft?

Trotz dieser Chancen, die das Internet für die Bürgergesellschaft heute zweifellos bietet, halten sich zivilgesellschaftliche Organisationen des Dritten Sektors — gemeint sind hier insbesondere die häufig als ‚traditionell‘ bezeichneten Mitgliederorganisationen — mit dem Einsatz Sozialer Medien eher zurück. Zwar lässt sich durchaus auch im Dritten Sektor ein Mehr an Webaktivitäten beobachten (qualitativ dazu Katrin Kiefer; quantitativ dazu der Pluragraph), doch scheinen die Bemühungen im Einzelnen noch eher reaktiv. Zwar gibt es vielerlei Anknüpfungspunkte für potentielle Unterstützer!nnen, die über das herkömmliche Ehrenamt oder die Geld- bzw. Sachspende hinausgehen, doch werden diese mithilfe der Sozialen Medien des Web 2.0 nur selten aktiv kommuniziert.

Auf Google+ habe ich diese Einschätzung bereits im November letzten Jahres zur Diskussion gestellt und bin gemeinsam mit Petra Bormann, Gerald Czech und Stefan Zollondz zu folgendem Fazit gelangt: Wenn die Sozialen Medien in Dritt-Sektor-Organisationen überhaupt eingesetzt werden, hängt dies vor allem an einzelnen Personen, „die Social Media mit Herzblut betreiben“. Aufgrund der weit verbreiteten (und nicht ganz unberechtigten) Annahme, man käme an eignen Auftritten im Social Web nicht vorbei,  werden diese Personen mit dem Aufbau und der Betreuung entsprechender Auftritte betraut, ohne allerdings dieses Engagement strukturell verankern und somit verstetigen zu können. Der Einsicht, man müsse dort sein wo die Zielgruppe ist, folgt selten das Gespür für die tatsächlichen Relevanz der Stakeholderkommunikation.

Auch wenn größere NPOs, des „Time-Lags zwischen Strategie, Taktik und tatsächlicher Wirkung“ wegen, hier sicherlich vor größeren Herausforderungen stehen als kleinere, verweist die organisationale Fähigkeit der Verankerung und Verstetigung neuer Praktiken wie der Social-Media-Kommunikation — und gemeint ist hier insbesondere der empathische Dialog (eigentlich Polylog) über Facebook & Co. — einmal mehr auf die kulturellen Aspekte der Organisationsentwicklung. Eine wesentliche Herausforderung bei der Implementierung von Social Media in NPOs besteht demnach in der Schaffung eines geteilten Verständnisses dieser Art Kommunikation, die sich nicht nur auf einzelne Personen innerhalb der Organisation beschränken darf und — mindestens in ihren Grundzügen — an das Verständnis Sozialer Medien als ‚alltägliche Kommunikationsmittel‘ anschlussfähig sein muss.

Wie lässt sich diese Social-Media-Kommunikation lernen?

Es ist dieses anschlussfähige Verständnis des Wer, Wie und Was der  Social-Media-Kommunikation, das Katrin Unger und ich im Rahmen unseres Forschungsprojektes „Wissenstransfer aus der SocialBar“ als Orientierung an Standardthemen, -techniken und -formen der Social Media Szene beschrieben (S. 49ff.). Bei dieser von uns so bezeichneten Community handelt es sich um eine „posttraditionale Gemeinschaft“, eine „Themengemeinschaft“ oder eben eine „Szene“, deren Schwerpunkt im Schnittfeld von neuen Medien und sozialen Themen zu suchen ist.

Im Rahmen meiner Masterarbeit beschäftige ich mich nun mit dem Einstieg in diese Szene, wobei hier weniger vom „Einsteigen“ als vielmehr vom Beginn aktiver Teilnahme gesprochen werden muss. Das Thema ist für mich deshalb relevant, weil sich posttraditionale Gemeinschaften — und insbesondere die Social Media Szene — als lernende  Gemeinschaften verstehen lassen, die Interessierten einen Einstieg in das jeweilige Feld möglich machen. Im Falle der Social Media Szene geht es dabei nicht nur darum, die Welt der Sozialen Medien kennen zu lernen. Es geht auch darum, sich in diesem sozialen Feld adressierbar zu machen und die sich ändernden Standardformen, -themen und -techniken aktualisieren zu können. Es geht im Grunde also darum, Empathiefähigkeit für die Resonanzmuster einer Gemeinschaft auszubilden, deren ‚Mitglieder‘ es gewohnt sind über Soziale Medien zu kommunizieren.

Der Einstieg in die Gemeinschaft der Social Media Szene ist damit weniger als ein Lernprozess zu verstehen, bei dem man ‘nur’ etwas Neues erfährt (z.B. mit welchen Mittel und Möglichkeiten andere ihre Vorhaben realisieren). Vielmehr handelt es sich um einen Akkumulationsprozess von sozialen und kulturellen Kapitalien, die nützliche Ressourcen für die Realisierung eigener Projekte darstellen. Damit lassen sich die Events der Social Media Szene wie die SocialBar, das Fundraising 2.0 CAMP oder die Berliner re:campaign als recht effektive Personalentwicklungs- oder (etwas allgemeiner) Bildungsmaßnahmen verstehen, bei denen eine Brücke zwischen der lebendigen Netzkultur und der alltäglichen Praxis traditioneller NPOs geschlagen wird.

Die Bürgergesellschaft des digitalen In- und Outside:

Es ist gerade dieser Brückenschlag, der m.E. nicht wie selbstverständlich aus bürgerschaftlicher Selbstorganisation erwächst. Anhand der Engagementangebote, die bspw. in der Datenbank von Aktion Mensch zu finden sind, habe ich dieses Problem schon einmal angerissen und dazu geschrieben: „Das System operiert in bereits bekannten Mustern und reproduziert die zu Grunde liegenden Strukturen.“ (Immer ähnliche Engagementangebote!) Für die Orientierung in der Welt der Sozialen Medien heißt das, dass sich das Verständnis Sozialer Medien als Massenmedien, die auch einen Rückkanal vom Empfänger beinhalten, als sehr Veränderungsresistent erweist und der Social-Media-Einsatz weit hinter seinen Potentialen zurückbleiben muss.

Mit dem Verständnis Sozialer Medien verhält es sich demnach ähnlich wie mit den Vorstellungen — oder „Mentalen Modellen“ — von freiwilligen Engagement und Ehrenamt. Auch hier werden Muster reproduziert, die bestimmte Bevölkerungsgruppen ansprechen und andere skeptisch werden lassen. Erst kürzlich habe ich versucht zu zeigen, dass die die Zielgruppe für neue Wege zum freiwilligen Engagement eher in neuorientierten denn in traditionsverhafteten Milieus zu suchen ist. Dabei habe ich insbesondere auf die Ergebnisse der Studie des Deutschen Instituts für Vertrauen und Sicherheit Internet (DIVSI) hingewiesen, mit der sich die Vermutung unterschiedlicher Verständnisse von Sozialen Medien noch einmal untermauern lässt.

Clusterung der Gesellschaft in sieben "Internet-Mileus"

Während die „Digital Outsiders“ hier als Menschen beschrieben werden, die das Internet überhaupt nicht nutzen oder sehr unsicher im Umgang mit dem Web 2.0 sind, werden die „Digital Natives“ als Menschen beschrieben, für die die Welt der Sozialen Medien einen wesentlichen Teil ihres Lebens darstellt (S. 33f.). Bereits aus den Attributen „Festhalten“ und „Bewahren“, die traditionsverhafteten Milieus zugeschrieben werden, lässt sich ableiten, dass deren Angehörige eher mit der Vorstellung des Web 2.0 als Massenmedium konform gehen und sich auch entsprechend adressieren lassen. Angehörige neuorientierter Milieus, denen die Attribute „Machen & Erleben“ bzw. „Grenzen überwinden“ zugeschrieben werden, möchten sich ganz offenbar nicht mehr nur als Adressaten oder Empfänger von Massenkommunikation verstanden wissen — insbesondere dort nicht, wo sie sich gewohnheitsgemäß einbringen können (Blogs und Social Networking Dienste).

Bridge the Gap — auf dem Weg zu einer starken Bürgergesellschaft:

Es scheint sich ein Graben durch die Bürger- und Zivilgesellschaft zu ziehen: Auf der einen Seite die „Digital Outsiders“ auf der anderen die „Digital Natives“. Die Milieus, denen wohl eher die Skeptiker!nnen des sozialen Wandels angehören, den die neuen Medienformate des Web 2.0 mit sich bringen, organisieren seit je her die Bürgergesellschaft. Aus diesen Milieus wird ein Gros der vielen Millionen Freiwilligen und Ehrenamtlichen rekrutiert, die die organisationale Infrastruktur der deutschen Zivilgesellschaft tragen. Aus den neuorientierten Milieus hingegen stammen vor allem diejenigen, die den sozialen Wandel zu einer digitalen Bürgergesellschaft vorantreiben, weil sie die Chancen der Sozialen Medien zu nutzen wissen. Auch aus diesen Milieus erwachsen Organisationen, die in Punkto zivilgesellschaftlicher Deliberation aber bei Weitem nicht mit den etablierten Organisationen des Dritten Sektors mithalten können. Ganz entsprechend den hier vorherrschenden Vorstellungen von Sozialen Medien ist die Landschaft der „Social Entrepreneurs“ hochgradig fragmentiert und die digitale Bürgergesellschaft dementsprechend flach. Zivilgesellschaftliche Akteure wie Campact sind nur deshalb fähig das politische System zu irritieren, weil sie auf eine demokratisches Legitimation weitgehend verzichten und ihre Vorstellungen einer besseren Welt zu vermarkten wissen.

Wenn es also um die Förderung einer starken Zivilgesellschaft geht, braucht es beide Seiten, braucht es einen Brückenschlag zwischen den digitalen In- und Outsidern. Veranstaltungsformate wie BarCamps und Stammtische, die wohl eher von den pragmatisch denkenden „Digital Immigrants“ organisiert werden, sind dafür gut geeignet. Hier wird eine gewisse Struktur vorgegeben, die den Austausch unter Fremden forciert und damit auch Skeptiker!nnen Raum lässt, sich zu positionieren. Doch sind es m.E. nicht nur Veranstaltungen, denen hier einiges an Potential beigemessen werden sollte. Auch Strukturinnovationen, die die Vorstellungen von Sozialen Medien als alltäglichen Kommunikationsraum in die Gefilde traditioneller Dritt-Sektor-Organisationen tragen, können einiges an Wirkung entfalten. Geschrieben hatte ich dazu bereits vom „Volunteer-Online-Button“, auf den Weg gebracht wird nun die ZiviCloud, mit der das Online- und Micro-Volunteering nun auch im deutschsprachigen Europa vorangebracht werden soll.

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Kommentar zur Studie „Internet und digitale Bürgergesellschaft“

Seit nunmehr drei Jahren schreibe ich in meinem Weblog über das Online-Volunteering, die Freiwilligenarbeit über das Internet. Eng damit verbunden war und ist die Diskussion um die Rolle von Internet und Social Media in NPOs und Zivilgesellschaft. Sowohl im Rahmen der NPO-Blogparade als auch im lockeren Verbund der NPO-Blogger!nnen-Szene diskutierten wir Themen wie gute Rahmenbedingungen für moderne, partizipative Freiwilligenarbeit, die Akkumulation sozialen Kapitals durch den Social Media Einsatz in NPOs, Social Media Policys und Guidelines sowie ungezählte Projekte von der Aktion Uwe bis zu Engagiert in Deutschland. Allein mein Blog zählt mittlerweile über 200 Artikel, zu denen ich noch beinahe 5000 Einträge auf Twitter, eine Facebook-Seite zum Freiwilligenmanagement und div. Publikationen rechnen würde; für Interessierte ein nicht einfach zu übersehender Haufen von Ansätzen, Ideen und Kommentaren — eine Art Nachhall der weiterlaufenden Debatte.

Das Centrum für Corporate Citizenship Deutschland (CCCD) hat sich im vergangenen Jahr der Herausforderung angenommen, den Zusammenhang zwischen Bürgergesellschaft und den sozialen Medien des Internets zu ergründen und die Debatte darum in übersichtlicher Form zusammen zu fassen. In der nun erschienenen Studie zu „Internet und digitale Bürgergesellschaft“ postulieren die Autorin Alexandra Härtel und ihr Co-Autor Dr. Serge Embacher „neue Chancen für Beteiligung“ und fassen den Kern unserer Debatte damit treffend zusammen: Social Media bietet vielfältige Chancen für die zivilgesellschaftliche Beteiligung, die aber immer auch mit div. Herausforderungen verbunden sind.

Aufbau und Methodik

Nach einer einführenden Untersuchung des Zusammenhangs von Social Media, freiwilligem Engagement und Bürgerbeteiligung, zeigen Embacher und Härtel unterschiedliche Ansätze auf, die neue Handlungsspielräume für die Bürger- und Zivilgesellschaft eröffnen können. Darunter finden sich neben dem Online-Volunteering auch Crowdsourcing- und Koproduktionsansätze, die anhand unterschiedlicher Beispielprojekte illustriert werden. Daran anschließend setzen sich die Autorin und der Autor kritisch mit den Social Media Aktivitäten von drei größeren Organisationen der (internationalen) Zivilgesellschaft auseinander bevor sie im letzten Teil der Arbeit die Herausforderungen und Handlungsperspektiven besprechen, die sich durch den Einsatz von Social Media für die Arbeit von NPOs ergeben.

Das methodischen Vorgehen während dieser Untersuchung zielte eher auf eine Bestandsaufnahme von Praxen und Potentialen des Social Media Einsatzes im zivilgesellschaftlichen Sektor, denn der Formulierung nie gehörte Hypothesen. Damit wurde das Untersuchungsdesign sehr bodenständig und zielführend gestaltet. Neben einer Literaturrecherche wurden 16 leitfadengestützte Experteninterviews und ein Fachgespräch mit neun Teilnehmenden geführt, wobei sowohl Befürworter!nnen der sich verbreitenden Social Media Kommunikation als auch Skeptiker!nnen des „Web 2.0 Hype“ zu Wort kamen (eine Liste der Interviewpartner!nnen und Diskussionsteilnehmer!nnen findet sich im Anhang 5 auf Seite 30). Ich denke die Autorin und der Autor verstehen ihre Publikation zu Recht

… als Beitrag zur Fortentwicklung der Engagementpotentiale in Deutschland und damit auch als Schritt auf dem Weg in eine moderne, solidairische Bürgergesellschaft (Embacher/Härtel 2011: 6).

Inhalte und zentrale Thesen

Für Embacher und Härtel liegt zwischen der „Welt der Social Media“ und der Bürgergesellschaft eine gewisse „Wahlverwandtschaft“ vor (ebd.: 6). Sowohl die Bürgergesellschaft als auch die „gesellschaftsbildenden Medien“ des Social Web weisen ihnen zu folge deliberative Charakterzüge auf (ebd.: 8), die sie auch anhand einiger Kernelementen des seit Dekaden fortschreitenden Strukturwandels der Freiwilligenarbeit herausarbeiten (dazu ebd.: 9). Embacher und Härtel folgend sind sowohl in der Bürgergesellschaft als auch im Social Web “Solidarität und Selbstverwirklichung” wie auch “Partizipation und Selbstbestimmung” nicht zu trennende Begriffspaare. Überdies – so behaupten die Autorin und der Autor ohne es recht zu belegen – würden die sozialen Medien des Internets wie auch die moderne Freiwilligenarbeit von den Individualisierungs- und Pluralisierungstendenzen moderner Gesellschaften profitieren und diese sogar verstärken (ebd.).

Mit der Individualisierung und Pluralisierung von Lebenslagen lösen sich die traditionellen Milieus allmählich auf und verlieren ihre soziale Bindekraft. Lebenswege sind heute weniger durch Milieuzugehörigkeit vorgezeichnet als durch (freilich damit verknüpfte) Bildungschancen, durch Geschlechterrollen, individuelle Lebensentscheidungen und andere Faktoren (Embacher/Härtel 2011: 9).

Es wird an dieser Stelle leider nicht deutlich, was genau mit „Milieuzugehörigkeit“ gemeint sein soll, inwieweit diese nicht doch vielleicht auf „individuelle Lebensentscheidungen“ wirkt und welche „anderen Faktoren“ dabei noch eine Rolle spielen könnten. Tatsächlich ist der „Zerfall traditioneller Milieus“ eine gern angeführte Folge der Individualisierungs- und Pluralisierungstendenzen mit denen wir es in modernen, freiheitlich verfassten Gesellschaften zu tun haben; empirisch belegen lässt sich diese These — die m.E. auch den behaupteten deliberativen Charakterzügen entgegen steht — m.W. aber nicht.

Den zweiten Teil ihrer Studie beginnen Embacher und Härtel mit der (etwas verspäteten) Beschreibung dessen, was sie sich unter Social Media resp. dem Social Web vorstellen. Leser!nnen denen dieses Thema bisher noch fremd ist, sollten mit diesem Abschnitt (S. 12f.) beginnen. Mit dem Verweis auf Ebersbach, Glaser und Heigl plädieren die Autorin und der Autor für den Terminus „Social Web“ anstelle der „journalistischen Chiffre für die Neuerfindung des Internets“, dem Web 2.0 (Embacher/Härtel 2011: 12f.).

Im Rahmen des Konzepts Social Web werden durch webbasierte Anwendungen soziale Praktiken wie Informationsaustausch, Bereitstellung von Daten, Aufbau von Beziehungen und deren Pflege sowie die themenbezogene Kollaboration unterstützt ([Ebersbach/Glaser/Heigl] 2011: 38). Diese web-basierten Anwendungen im Social Web werden unter dem Begriff Social Media zusammengefasst  (ebd.: 12).

Das so beschriebene Social Web mit seinen sozialen Medien (die als Anwendungen hier ausschließlich auf das WWW aufsetzen) zeichnet sich für Embacher und Härtel vor allem durch die Prinzipien „Offenheit“ und „Transparenz“ aus (ebd. 13): Offenheit als Möglichkeit jedwede Information und/oder Meinung ohne redaktionelle Filterung veröffentlichen zu können, Transparenz als Möglichkeit Prozesse und Zusammenhänge (wie die Debatte um Internet und digitale Bürgergesellschaft) auch ohne exklusiven Quellenzugang recherchieren zu können (ebd.).

Die neuen Handlungsspielräume, die sich aus den so beschriebenen Strukturen des Social Web ergeben, beschreiben die Autorin und der Autor zunächst als Netzwerkbildung und Einbindung neuer Zielgruppen (Online-Volunteering), bevor sie anhand konkreter Beispiele „Do-It-Yourself-Initiativen“ (ebd.: 16), „Agenda-Setting mit Hilfe von Social Media“ (ebd.: 17) und „Selbsthilfe im Social Web“ (ebd.: 18) umreißen. Mit diesen Beispielen wollen Embacher und Härtel zeigen,

… dass die Kommunikationsmöglichkeiten im Social Web für das individuelle Engagement neue Wege der Selbstorganisation, der Aktivierung von Ressourcen in Netzwerken (Wissen, Kompetenzen, finanzielle Mittel), der Bürgerbeteiligung und Einflussnahme eröffnen und wie diese von den Engagierten genutzt werden (Embacher/Härtel 2011: 18).

Doch nicht nur für die Selbstorganisation der Bürgerinnen und Bürger bietet das Social Web neue Handlungsperspektiven. Embacher und Härtel konstatieren auch für etablierte Organisationen der (internationalen) Zivilgesellschaft vormals nicht gekannten Möglichkeiten zur Akquise wichtiger Netzwerkressourcen. Unter den Schlagworten „Networked Nonprofits“ (Beth Kanter / Alison Fine) und „Koproduktion sozialer Dienstleistungen“ (Brigitte Reiser) fassen Embacher und Härtel diese selten strategisch genutzten Möglichkeiten zusammen (ebd.: 19). Anhand des Deutschen Caritasverbandes, Oxfam und Greenpeace Deutschland zeigen sie anschließend auf, dass und wie Social Media hier eingesetzt werden (kann) (ebd.: 19ff).

Im dritten und letzten Teil ihrer Studie zeigen Embacher und Härtel Herausforderungen und Handlungsperspektiven auf, die sich ihres Erachtens aus der „‚Liaison‘ von Internet und Bürgergesellschaft“ ergeben (ebd.: 23). Dabei plädieren sie für den Einsatz von Social Media im zivilgesellschaftlichen Bereich, warnen allerdings vor einer Indienstnahme der sozialen Medien „für die Verfestigung von intransparenten Macht- und Entscheidungsstrukturen“ wobei der implizite Verweis auf den deutschen Nationalsozialismus natürlich nicht fehlen darf:

Die Okkupation des Web 2.0 für die ‚bestehenden Verhältnisse‘ wäre nicht das erste Beispiel in der Geschichte der Massenmedien für eine negative Entwicklung. Ob sich Social Media und Social Web tatsächlich als Antriebskräfte für einen transparenten, offenen und responsiven Dritten Sektor erweisen werden, hängt u.a. vom Handeln der Engagierten und ihrer Organisationen ab (Embacher/Härtel 2011: 23).

Anschließend an diese eher allgemeine Warnung beschreiben Embacher und Härtel mit der „Ausgrenzung gesellschaftlicher Gruppen“ (ebd.: 23), der „männlichen Dominanz“ (ebd.: 24) und des „Slaktivism“ (ebd.) drei etwas handfestere Herausforderungen, die der durchaus evidente Einzug von Social Media in der bürgergesellschaftlichen Selbstorganisation mit sich bringt. Als Anregungen für zivilgesellschaftliche Organisationen formulieren die Autorin und der Autor einige  Handlungsperspektiven, die vor allem etablierte, hierarchisch verfasste NPOs vor große Herausforderungen stellen dürften (zum folgenden: ebd.: 25ff.):

  1. Zunächst sehen Embacher und Härtel dringenden Fortentwicklungsbedarf bzgl. der Organisationskultur und des Selbstverständnisses von Dritt-Sektor-Organisationen, womit sie auch eine strategische Organisationsentwicklung eingefordert sehen.
  2. Damit verbunden ist die Forcierung von Netzwerkarbeit wie auch der von Beteiligungsmöglichkeiten, die echte Partizipation via Social Web möglich und die gemeinsame Erarbeitung (Koproduktion) von Social Media Policys und Social Media Guidelines erforderlich machen.
  3. Mit der Förderung des Einbezugs der Stakeholder zivilgesellschaftlicher Organisationen (Partizipation) verbinden die Autorin und der Autor auch die Förderung von Medien- und Beteiligungskompetenz durch fachliche Qualifikation, Beratung und Training.

Fazit und kritische Anmerkungen

Embacher und Härtel meinen wohl zu Recht, dass die Debatte über den Zusammenhang von bürgerschaftlichem Engagement und Social Media innerhalb der Sphären etablierter Dritt-Sektor-Organisationen noch ganz am Anfang steht (ebd.: 27). Während sich die Bürgergesellschaft – jene kleineren Vereine und Assoziationen, die Embacher und Härtel als Form der bürgerschaftlichen Selbstorganisation beschreiben – bereits wie selbstverständlich auch über die Sozialen Medien des Internets organisiert, ist ein Gros hierarchisch verfasster NPOs von flachen Beteiligungsstrukturen weit entfernt. Das Social Web wird hier allzu oft nur als neuer Kanal für die One-To-Many-Kommunikation mit der großen Masse an potentiellen Empfänger!nnen im Internet eingesetzt , ohne dass hier ernstzunehmende Rückkanäle geöffnet und Informationsangebote strategisch fragmentiert würden. Damit wird das Social Web — übrigens auch von Embacher und Härtel — als Massenmedium (im analytischen Sinn) missverstanden.

Wie bereits erwähnt ist die hier vorgestellte Untersuchung methodisch auf eine Zusammenfassung einer (weiterlaufenden) Debatte angelegt. Inhaltlich stellt sie den aktuellen Stand treffend dar und ist Interessierten insofern nur zu empfehlen. Dennoch bleiben kritische Punkte anzumerken bzw. zu diskutieren:

  • Als fundierter Beitrag zur Debatte um die Chancen und Herausforderungen, die die neuen Medienformate des Internets für den Dritten Sektor bergen, ist die vorliegende Arbeit zunächst insofern zu kritisieren, als grundlegende Formalien wissenschaftlichen Arbeitens stellenweise nicht oder nur unzureichend eingehalten wurden. Nicht nur einmal werden Sachverhalte ohne entsprechende Zitation behauptet oder Darstellungen anderer Autor!nnen ohne entsprechenden Verweis übernommen. Einerseits ist dies für jene — wie mich — ärgerlich, die sich die Mühe machen (auch wissenschaftliche und zitierfähige) Publikationen zu erarbeiten, andererseits wird damit auch das weiterführende Studium einzelner Aspekte dieses Themenfeldes (bspw. Online-Volunteering oder die ‚lernende Community‘ der Social Media Szene) erschwert, was ja gerade die Stärke dieser Zusammenfassung hätte sein können.
  •  Weiterhin hätten auch einige eingeführte Begriffe und Konzepte wie der des Milieus oder der der „Medien- und Beteiligungskompetenz“ näher beschrieben werden müssen. Was Embacher und Härtel genau unter dem z.Zt. sehr populären Milieubegriff oder dem der Medienkompetenz bzw. dem mir bislang unbekannten Begriff der Beteiligungskompetenz verstehen, bleibt leider im Dunkeln.
  • Als diskussionswürdig erachte ich außerdem die nicht wirklich begründete Trennung von bürgergesellschaftlicher Selbstorganisation in kleinen Vereinen und Initiativen und größeren Organisationen der Zivilgesellschaft. Semantisch stellen Embacher und Härtel die einen als eine Art Manifestation der Bürger-, die anderen als eine der Zivilgesellschaft dar, was sich angesichts der deutlich zivilgesellschaftlichen Ansprüche (i.S. des Habermas’schen Vernetzungsimpetus) der Berliner Sozialhelden oder der Kampagnennetzwerke wie Campact, Avaaz wohl kaum durchhalten lässt.

Interessierten Leserinnen und Lesern wünsche ich viel Vergnügen bei dieser m.E. erhellenden Lektüre. Der dargestellte Stand der Dinge sollte dabei allerdings nicht als ‘in Stein gemeißelt’ betrachtet, sondern als Aufforderung verstanden werden, sich aktiv in die laufende Diskussion einzubringen. Vielleicht ist hierfür auch eine neue Runde der NPO-Blogparade sinnvoll. Was meint ihr?!

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Der Blick zurück – meine Slides aus der Session zu Freiwilligenarbeit und Koproduktion

Ohne viele Umschweife, hier erstmal meine Slides aus der gemeinsamen Session zu Freiwilligenarbeit und Koproduktion gemeinsam mit Dr. Brigitte Reiser und Stefan Zollondz auf dem dritten SocialCamp in Berlin 2010:

Kommentare und Anregungen sind natürlich herzlich willkommen.

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