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Online- und Micro-Volunteering: Wer denkt sich sowas aus?!

Die einen wird es überraschen, die anderen nicht: Ich habe mir das Online- und Micro-Volunteering nicht ausgedacht; weder die Begriffe noch das Konzept. Ich versuche nur es aus dem angelsächsischen Sprachraum in den deutschen zu übertragen. In den USA waren Susan J. Ellis und Jayne Cravens die ersten, die das Konzept des Online-Volunteerings auf seine Anwendbarkeit im Freiwilligenmanagement untersucht haben — mit bekanntem Ergebnis. Und auch diese beiden Pionierinnen haben sich das Online- und Micro-Volunteering nicht ausgedacht. Eher da war zum Beispiel Michael Hart mit seinem Project Guttenberg, aber das ist eine andere Geschichte.

Auf den ersten Blick gibt es bei der Übertragung angelsächsischer Konzepte in den deutschen Sprachraum eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder man beweist einen extrem langen Atem und wartet ab, bis die Zeit reif ist. Oder man versucht das betreffende Konzept selbst an die bestehenden Bedingungen anzupassen. Eigentlich sind diese Möglichkeiten keine grundsätzlich verschiedenen, denn jene, die die erste Strategie fahren, warten ja nicht auf die ‘reife Zeit’ sondern auf die Arbeitsergebnisse jener, die die zweite Strategie fahren, wenngleich diese selten selbst von einer Strategie sprechen würden. Ich für meinen Teil stehe eher für den aktiven Part. Einfach nur warten, ist mir  ein bisschen zu langweilig. Und auch von der vermeintlich dritten Möglichkeit, der multimedialen Blechtrommel, halte ich nicht all zu viel. Sicherlich, mit geschicktem Marketing kann man viel erreichen, die nachhaltigen Ergebnisse — meint die Wirkungen über den Lärm hinaus — halte ich aber für eher mager.

Doch woran soll man sich orientieren, wenn man Neues, das es in Deutschland noch nicht gibt, an die hiesige Kultur anpassen will? Diese Frage habe ich bei meinem Vortrag in Osnabrück gestellt, zu dem mich die Kolleginnen und Kollegen von Sozialer Funke eingeladen haben. Dabei ging es mir eigentlich gar nicht so sehr um das Online- und Micro-Volunteering — das war ‘nur’ das naheliegende Beispiel. Vielmehr wollte ich — wieder einmal ganz im Sinne der Nachhaltigkeit — zeigen woran man sich auch bei zukünftig neuen Formen des freiwilligen Engagements orientieren kann.

Die SINUS-Milieus und das freiwillige Engagement

Den Ausgangspunkt bildeten hier einmal mehr die SINUS-Milieus. Ich hatte mich schon früher auf die sog. Kartoffelgrafik bezogen und die These aufgestellt, dass einige Milieus von Engagementofferten bereits erreicht werden und andere nicht. Schon damals waren es die unterschiedlichen Bedürfnisse und Geschmäcker, die die einen vor den gängigen Formen freiwilligen Engagements zurückschrecken lassen, während sich die anderen dafür offen zeigen. Folgt man dieser These — zu mehr hat es bislang nicht gereicht — heißt das, (1) dass unterschiedliche Formen und Wege freiwilligen Engagements angeboten werden müssen, wenn man Angehörige unterschiedlicher Milieus erreichen will und (2) dass freiwilliges Engagement mit dem sozioökonomischen Status und der normativen Grundorientierung zusammenhängt. Insbesondere die traditionell Eingestellten erreicht man mit herkömmlichen Engagementofferten, die Postmodernen und einige Milieus der Modernen erreicht man damit nicht.
Kartoffelgrafik der Sinusmilieus mit einer Einteilung in Engagierte, nicht Engagierte und Engagementbereite

Wenngleich ich diese These heute etwas modifizieren würde, bleibt sie doch auch bestehen, wenn man sich die neue Studie der SINUS-Milieus zu den Teenagern in Deutschland anschaut. Hier haben wir — m.W. das erste Mal — eine ausführliche Beschreibung der unterschiedlichen Lebenswelten, die differenziertere Einblicke gewährt als die Kurzbeschreibungen, die über deren Webseite SINUS-Milieus einsehbar sind.

Kartoffelgrafik der SINUS Milieus mit sieben jugendlichen Lebenswelten

  • Sieben Prozent der deutschen Teenager werden den „Prekären“ zugeordnet. Das sind Jugendliche, die sich um Orientierung und Teilhabe bemühen aber wegen ihrer schwierigen Startvoraussetzungen eine zuweilen fatale Durchbeißermentalität entwickeln. Freiwilliges Engagement ist hier nur selten zu finden. Wenngleich man sich untereinander hilft — eine Frage der Ehre — ist das organisierte Engagement in dieser Lebenswelt weitgehend unbekannt.
  • Mit zwölf Prozent etwas größer ist die Gruppe der „materialistischen Hedonisten“. Das sind freizeit- und familienorienierte Jugendliche, die zumeist aus Elternhäusern der Unterschicht stammen und ausgeprägt markenbewusste Konsumwünschen aufweisen, die für eine starke Aufstiegsorientierung sprechen. Auch hier findet sich nur ausnahmsweise freiwilliges Engagement. Nicht etwa, weil es als Option der Freizeitgestaltung unbekannt wäre, sondern weil freiwilliges Engagement für die Befriedigung kostspieliger Interessen ungeeignet ist.
  • Mit 13 Prozent erstaunlich groß ist die Gruppe der „konservativ Bürgerlichen“. Das sind ziemlich bodenständige, familien- und heimatorientierte Jugendliche mit großem Traditionsbewusstsein und Verantwortungsethik: als perfekte Feuerwehrmänner und -frauen mittlerweile so etwas wie eine Randgruppe innerhalb der deutschen Jugend.
  • Mit zehn Prozent erstaunlich klein ist dagegen die Gruppe der „Sozialökologischen“. Angehörige dieser Lebenswelt zeichnet sich durch Nachhaltigkeits- und Gemeinwohlorientierung, einer ausgeprägt sozialkritischen Grundhaltung und einer gewissen Offenheit für alternative Lebensentwürfe aus. Hier finden sich vor allem die high potentials der heutigen Umweltjugend.
  • Mit 19 Prozent die große und eher in Mitmach-Ehrenämtern engagierte bürgerliche Mitte unserer Jugend bilden die „adaptiv Pragmatischen“, einem leistungs- und familienorientierten modernen Mainstream mit hoher Anpassungsbereitschaft. Freiwilliges Engagement ist hier durch aus verbreitet, aber eben vor allem dort anzutreffen, wo der persönliche „Return on Engagement“ stimmt.
  • Ganz ähnlich gestrickt, aber wohl nicht für Mitmach-Ehrenämter zu begeistern, sind die „Expediven“ (20%). Das sind erfolgs- und lifestyleorientierte Networker mit hoher Medienaffinität auf der Suche nach neuen Grenzen und unkonventionellen Erfahrungen. Bei diesen stets auf den eigenen Vorteil bedachten „Egotaktikern“ handelt es sich wohl vor allem um die Petitionszeichner und Voluntouristen unserer Zeit.
  • Und schließlich haben wir da noch die „experimentalistischen Hedonisten“ (19%). Das sind die spaß- und szeneorientierten Nonkonformisten mit Fokus auf das Leben im Hier und Jetzt. Das sind die Teenager, die im Jugendzentrum alternative Partys schmeißen, sich selber das Gitarre-Spielen oder Skater-Tricks beibringen und sicherlich auch hin und wieder mit geltendem (Urheber-) Recht in Konflikt geraten.

Grundsätzlich bleibt es also dabei: Die traditionell eingestellten Teens lassen sich eher auf ein freiwilliges Engagement ein als die Postmodernen. Und auch bei den Modernen scheint es zuzutreffen, dass hier eher die adaptiv-pragmatische Mitte als die Sozialökologischen angesprochen werden. Nicht etwa, weil es im sozialökologischen Bereich des freiwilligen Engagements nichts zu tun gäbe, sondern, weil Jugendliche mit intellektueller Potenz nicht viel mit dem pädagogisierten Jugendengagement anfangen können. Sie wollen von den Erwachsenen gern ernst genommen werden, sie wollen Diskussion auf Augenhöhe, statt eine Verlängerung des Schultags.

Soviel also zur Einordnung des freiwilligen Engagement in die SINUS-Milieus: Unterschiedliche Milieus lassen sich unterschiedlich gut für erprobte (traditionelle) Formen des freiwilligen Engagements begeistern. Nur aber weil sich die postmodernen Milieus heute nicht freiwillig Engagieren, heißt das nicht, dass sie dem organisierten Engagement fern stünden. Das ist sicher bei den traditionell eingestellten Prekären der Fall, definitiv aber nicht bei den experimentalistischen Hedonisten, den Sozialökologischen und Expediven. Hier sind alternative, ‘neue’ Formen des freiwilligen Engagements gefragt.

Die Theorie der Verbreitung gesellschaftlicher Praktiken

Doch woher nehmen wenn nicht stehlen? Wenn es um Innovation im freiwilligen Engagement geht, kann es ja niemals nur darum gehen, einfach etwas zu machen, was noch niemals jemand gemacht hat. Vielmehr geht es darum, Wege zu gehen, über die sich jene, die bislang nicht erreicht wurden, jetzt erreichen lassen. Der Mehrwert ist der Kern jeder Innovation und damit dem Phänomen der Kreativität, wie es Mihaly Csikszentmihalyi beschreibt, sehr nah:

Kreativität ist eine Form von geistiger Aktivität, ein Erkenntnisvorgang, der in den Köpfen einiger außergewöhnlicher Menschen stattfindet. Wenn wir unter Kreativität eine Idee oder Handlung verstehen, die neu und wertvoll ist, dann können wir die Beurteilung des einzelnen nicht als Maßstab für die Existenz der Kreativität akzeptieren. Man kann unmöglich wissen, ob ein Gedanke neu ist, es sei denn man zieht gewisse Vergleichsmaßstäbe heran, und ob er wohl wertvoll ist, hängt von der Einschätzung der Gemeinschaft ab. Insofern findet Kreativität nicht im Kopf des Individuums statt, sondern in der Interaktion zwischen dem individuellen Denken und einem soziokulturellen Kontext. Sie ist eher ein systematisches denn ein individuelles Phänomen.

Nehmen wir jetzt die eingangs formulierte Feststellung, die Geschichte des Online-Volunteerings wäre eine Geschichte der Adaption und Anpassung, bringen sie mit der Verortung freiwilligen Engagements in den SINUS-Milieus zusammen und folgen dann auch noch Csikszentmihalyi, für den der Wert eines Gedankens von der Einschätzung der Gemeinschaft abhängt, stellt sich die Frage, ob und wo es bereits Praktiken — meint beobachtbare, in Handlung überführte Gedanken — gibt, die wir für die Engagementförderung adaptieren können, um dann auch der breiten Masse das Online- und Micro-Volunteering zugängig machen zu können.

Um diese Frage(n) beantworten zu können, lohnt es sich, zu sammeln, was wir schon wissen: Zunächst wissen wir relativ sicher, dass das Internet — ein wesentlicher Faktor beim Online-Volunteering — unter Jugendlichen recht weit verbreitet ist. Insofern ist die SINUS-Jugendstudie schonmal ein guter Ausgangspunkt. Außerdem vermuten wir, dass sich angehörige postmoderner Milieus eher nicht für traditionelle Formen des freiwilligen Engagements begeistern lassen, was nicht heißt, dass sie in ihrer Freizeit faul wären. Eher unwahrscheinlich scheint allerdings, dass sich jugendliche postmoderner Grundorientierung in großer Zahl für Projekte und Organisationen in den angelsächsischen Ländern oder in der internationalen Entwicklungshilfe engagieren. Wahrscheinlicher ist, dass sie ihr Engagement — ihre ganze Power — auf andere Aktivitäten richten. Welche zwei (Haupt-) Aktivitäten das sind, dazu gibt SINUS-Jugendstudie Auskunft:

  • Allen voran richten Jugendliche ihre Aktivitäten auf die Bewältigung lebensphasenspezifischer Herausforderung. Insbesondere Bildung und das Sammeln nützlicher Bildugnszertifikate steht hier im Vordergrund, wobei die Schule zumeist ein Ort ist, an dem man sich nicht länger als nötig aufhalten will.
  • Den Bildungsaufgaben folgt vor allem in den postmodernen Milieus die Inszenierung. Während die Expedieven vor allem sich selber inszenieren, inszenieren die experimentalistischen Hedonisten ihre Jugendszenen.

Es ist schwer, den starken Selbstbezug der Expediven mit freiwilligem Engagement in Verbindung zu bringen. Diesen Jugendlichen — und übrigens auch ihren erwachsenen Pendents — ist die Abgrenzung von anderen, vom Mainstream, von Szene-Spinnern, von Harzern und auch von Intellektuellen ziemlich wichtig. Diese Latte-Macchiato-Jugend engagiert sich nur dann mit anderen, wenn davon ein Prestige-Gewinn zu erwarten ist. Anders die experimentalistischen Hedonisten! Die inszenieren nicht vorrangig sich selbst, sondern eine Issue-Gemeinschaft, eine Jugendszene. Auch das ist zunächst kein freiwilliges Engagement im engeren Sinne, doch gibt es auffällige Überschneidungen.

  • Die ineraktiv-symbolische Inszenierung von Jugendszenen (Punk, HipHop, Skating, Gothic, Cosplay usw.) findet im öffentlichen Raum statt und gestaltet ihn. Nicht umsonst werden z.B. Skateparks gebaut.
  • Weder die Inszenierung von Jugendszenen noch die Selbstbestätigung in der Gemeinschaft funktionieren allein. Vergemeinschaftung ist immer ein Prozess mit Anderen, der mithin auch ephemere Organisationen hervorbringt. Z.B. wenn es darum geht, ein gemeinsames Event zu organisieren.
  • Und nicht zuletzt sind jugendliche Gemeinschaften nicht primär auf persönlichen Profit ausgerichtet. Sicherlich, manche träumen davon, als großer Star der Szene entdeckt und damit auch reich zu werden, im Vordergrund steht aber die Gemeinschaft.

Damit wird klar, wo wir hinschauen müssen, um alternative Engagementformen auszumachen: Es ist die Lebenswelt der experimentalistischen Hedonisten, die in der Jugend als Avantgarde vormachen, was Angehörige anderer Lebenswelten dann peu a peu adaptieren. Und hier kommt die Theorie der Verbreitung gesellschaftlicher Praktiken ins Spiel, die uns einen Hinweis darauf gibt, wie hier eigentlich was von wem adaptiert wird.

Theorie der Verbreitung gesellschaftlicher Praktikn

Ich hatte diese Theorie schon das eine oder andere Mal hier im Blog erwähnt (z.B. bei meiner Beschäftigung mit Vegetarismus). Sie stammt von meinem ehemaligen Professor Wolf Wagner, der sie bei unterschiedlichen ethnographischen Studien anwandte und damit zeigte, dass sich gesellschaftliche Praktiken nach dem immer gleichen Muster durch die Gesellschaft verbreiten: von der Avantgarde über die kulturellen, gesellschaftlichen und ökonomischen Eliten gelangen sie in den Mainstream und schließlich irgendwann zu den Armen und Ungebildeten.

Der zentrale Antrieb dabei ist das Streben nach Prestige (Norbert Elias) bzw. Kapitalakkumulation (Pierre Bourdieu), der den Expediven am schwierigsten abzusprechen ist. Aber auch die Sozialökologischen lassen deutliche Distinktionsbemühungen erkennen, wenngleich sie etwas mittleidigiger aber doch auch mit einer verklärten Vorstellung vom Arm-Sein auf die die Prekären herunterschauen. Im Falle der bürgerlichen Mitte unserer Jugend sagt schon der in der SINUS-Jugendstudie gewählte Name, dass hier fleißig Adaptiert wird — und zwar von den Expediven und den Sozialökologischen. Und wenn ich oben bei den materialistischen Hedonisten von einer deutlichen Aufstiegswilligkeit schrieb, sollte nun auch klar sein, wohin man aufsteigen will: Mindestens in die bürgerliche Mitte, wenn nicht gleich zu dem bürgerlich-konservativen Familienideal. Die Prekären schließlich wünschen sich nichts anderes, als fort zu kommen, wobei hier wohl stärkste Orientierung am Maistream offensichtlich wird.

Übertragen wir diese Theorie nun auf das freiwillige Engagement und seine Vorformen, sehen wir, dass sich hier schon einiges getan hat. Auf der Einstellungsebene sehen wir, dass sich der Individualismus und der große Drang nach Selbstbestimmung und Anerkennung (allg. „Wandel des Ehrenamts“) bereits durch die Milieus verbreitet hat, die man in der Jugend als elitär ansehen könnte: den expediven und den sozialökologischen. In die Lebenswelt der adaptiv Pragmatischen ist diese Einstellung noch nicht so stark vorgedrungen, hier ist man auch in Mitmach-Ehrenämtern engagiert, wenn es denn was bringt (RoE). Auf der Handlungsebene sehen wir, dass die Praktik der (Selbst-) Inszenierung bei den Expediven schon angekommen ist, wobei sie hier aus anderen Gründen praktiziert wird als in der Lebenswelt der experimentalistischen Hedonisten, nämlich zur Abgrenzung. Ähnliches gilt auch für die Sozialökologischen, die sich durch ihre sozialkritische Grundhaltung auf etwas subtile Weise von anderen abgrenzen. Kurz: Wer etwas auf sich hält blufft, macht sich zu mehr als wirklich da wäre. Insofern sind bei den Expediven auch die Engagements beliebt, mit denen man angeben kann. Freiwilligenarbeit in Kapstadt bzw. Einmischung in die Bundes- oder Europapolitik via Online-Petition mit großem Medienecho. Die Sozialökologischen dagegen stehen dem traditionellen Engagement schon näher, sind aber dermaßen Kritisch, dass es ihnen wohl leichter fällt, einen eigenen Verein zu gründen und mit den Mitteln und Möglichkeiten des Internets zu organisieren, als einen zu suchen, der ihren Ansprüchen genügt.

Fazit: eine Genialogie des Online- und Micro-Volunteering (?)

Wir sehen also, die Theorie der Verbreitung gesellschaftlicher Praktiken ist auch für das freiwillige Engagement anwendbar. Problematisch ist hier allerdings, dass die sich verbreitenden Praktiken niemals eins-zu-eins übernommen, sondern immer ein bisschen abgewandelt werden, was heißt, dass man sie, wenn sie dann in der bürgerlichen Mitte angekommen sind, nicht mehr wiedererkennt. Wie ist das nun aber mit dem Online-Volunteering? Wer denkt sich sowas aus?

Ganz genau kann man das natürlich nicht sagen. Sicher ist aber, dass die Angehörigen jener Lebenswelten (ob jugendlich oder nicht) das Online-Engagement zuerst erprobten, die ihre Gemeinschaft vor allem über das Internet inszenieren bzw. das Internet nutzen, um gemeinsame Events zu organisieren. Da wären z.B. eher kleinere Jugendszenen wie Cosplay oder Manga, hinter denen internationale Communitys stehen, die dementsprechend auf die Organisation und Koordination über das Internet angewiesen sind. Weiterhin sind da auch noch Jugendszenen wie die der Gamer, die ihre Gemeinschaft vorrangig über das Inter- oder ein Intranet — sozusagen im virtuellen Raum — inszenieren. Wenngleich die Gamer häufig als ‘Problemkinder’ in Sachen freiwilliges Engagement gesehen werden, kann man hier doch einiges an Online- und Micro-Volunteering erkennen: Organisation von Online-Meetings (z.B. im Spiel), webbasierte Organisation von Events (z.B. LAN-Partys), Produktion szenespezifischer Artefakte (z.B. Maps bei Counterstrike) usw. Nicht umsonst wurde ich schon von Gamern gefragt, ob sich die ZiviCloud nicht eventuell auch für solche Zwecke gebrauchen lässt.

Adaptiert wurde das Netz-Engagement dann von den Eliten, die sich damit von anderen abgrenzen wollten, in dem sie das, was sie tatsächlich tun, einfach etwas aufblasen. Expedive zeichnen z.B. Online-Petitionen mit und mischen sich damit in die Bundes- oder Europapolitik ein. Das zumindest denkt der Mainstream, denn tatsächlich ist die Wirkung von Online-Petitionen sehr beschränkt. Die Sozialökologischen zeichnen sicherlich hin und wieder auch eine Petition mit, wobei sie wohl besser informiert ans Werk gehen als die Expediven. Was allerdings das Online- und Micro-Volunteering anbelangt, adaptieren sie es eher, um selbst Gruppen und Initiativen zu organisieren. Das scheint zunächst nichts anderes zu sein, als das was die experimentalistischen Hedonisten in ihren Jugendszenen treiben, der Unterschied ist aber, das Szene-Angehörige eine Gemeinschaft gemeinsam inszenieren, währenddessen die Sozialökologischen ihre kleinen Gruppen und Initiativen selbst organisieren und sich damit auch zu kleinen Königen machen, wodurch sie natürlich auch Führungs- und Leitungskompetenzen erwerben, die ihnen im späteren Leben helfen.

In den bürgerlichen Maistream ist das Online- und Micro-Volunteering noch nicht wirklich vorgedrungen. Das liegt nicht daran, dass das Netz-Engagement nicht für Mitmach-Ehrenämter geeignet wäre, sondern dass es noch an dessen Anerkennung als ‘echtes’ Engagement fehlt. Es wird zumeist als „Vorform“ des Engagements — als so etwas wie eine jugendliche Vorübung für das Ehrenamt — angesehen, wodurch sich der Return on Engagement insbesondere für junge Menschen, die noch vorrangig mit der Sammlung von Bildungszertifikaten befasst sind, nicht als sonderlich attraktiv darstellt. Und damit haben wir die Antwort auf die eingangs gestellte Frage, woran man sich orientieren muss, wenn man neue Formen freiwilligen Engagements in Deutschland etablieren will: (1) an den konkreten Bedürfnissen der jeweiligen Zielgruppe — wenn es um die breite Etablierung geht ist das vor allem die Mitte der Gesellschaft — und (2) an bereits erprobten Praktiken, der Avantgarde, denen die gesellschaftlichen Eliten durch Adaption zumindest ein Minimum an Legitimität verleihen (sonst sind sie ja für die adaptive Mitte unattraktiv).

Ohne nach der Genialogie dieser Praktik zu fragen hier noch der tl;dr zum twittern:

Das #onlinevolunteering ist kein gänzlich avantgardistisches Konzept mehr, in der bürgerlichen Mitte ist es aber auch noch nicht angekommen.

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Jugend in der Zivilgesellschaft: ein Blick in die Sonderauswertung des Freiwilligensurvey 2009

Cover "Jugend in Zivilgesellschaft"Im Auftrag der Bertelsmann Stiftung hat Sibylle Picot die aktuellen Daten des akutellen Freiwilligensurveys zu Jugend in der Zivilgesellschaft ausgewertet. Im Vordergrund stand die Frage, „wie stark Jugendliche eine Rolle in der Zivilgesellschaft wahrnehmen“ (Picot 2012: 13 | Kurzstudie). Möglich geworden ist diese – im Vergleich zur vorletzten Erhebungswelle des Freiwilligensurveys 2004 (Picot 2005: 202) differenziertere Untersuchung – durch die Finanzierung der Bertelsmann Stiftung sowie die der Generali Zukunftsfonts. Durch die Aufstockung der Stichprobe junger Menschen (14-24 Jahre) um 1000 Interviews durch die BS und die Aufstockung der Gesamtstichprobe (>14 Jahre) um weitere 1000 Interviews durch die Generali ergab sich eine belastbare Stichprobe von 2.815 jungen Menschen, auf deren Grundlage verschiedene statistische Verfahren gerechnet werden konnten.

Die Studie ist in sechs Teile untergliedert, in denen auf unterschiedliche Teilaspekte zivilgesellschaftlicher Aktivität junger Menschen eingegangen wird. Interessante Befunde, die sich nicht ohnehin schon aus dem Hauptbericht des letzten Freiwilligensurveys hätten lesen lassen können, liefert die Studie in beinahe jedem dieser Kapitel.

  1.  „Aktivität und freiwilliges Engagement Jugendlicher im Zeitverlauf“,
  2. „Wo und wie engagieren sich Jugendliche“
  3. „Engagement und Lebenslagen Jugendlicher im Wandel“
  4. „Erklärungsfaktoren für Engagement im Zusammenhang“
  5. „Motivation und Wertehintergrund des Engagements Jugendlicher“
  6. „Strukturen des Engagements Jugendlicher“

Sporadisches Freiwilligenengagement?!

In Abschnitt 1.3 des ersten Kapitels finden sich zunächst empirische Belege dafür, dass junge Menschen zwar insgesamt weniger Zeit für das Engagement aufwenden als früher, sich in ihrer zeitaufwändigsten Freiwilligentätigkeit vom bundesdeutschen Durchschnitt aber kaum unterscheiden. Über die Hälfte (64%) der engagierten 14 bis 24-jährigen wenden bis zu 20 Stunden im Monat für ihre zeitaufwändigste Tätigkeit auf (Engagierte Insgesamt: 68% | Picot 2012: 28). Dass Sibylle Picot daraus allerdings den Schluss zieht, „für die Flüchtigkeit oder zeitliche Unverbindlichkeit findet sich auch im dritten Freiwilligensurvey kein Beleg“ (ebd. 29f.), kann ohne den Kontext etwas in die Irre führen.

Picot untersucht hier nur die engagierten Jugendlichen, nicht jene noch nicht engagierten Interessierten. Die Feststellung also, jugendliches Engagement sei genauso wenig unverbindlich und fluid wie das Engagement anderer Altersgruppen, steht demnach nicht im Widerspruch zur These der Notwendigkeit neuer Wegen zum freiwilligen Engagement. Sie muss eigentlich als Beleg dafür angesehen werden. Sibylle Picot zeigt hier eigentlich die starke Bindungskraft freiwilligen Engagements auf. Heißt also: Landen junge Menschen einmal im Engagement, verwenden Sie beinahe gleich viel Zeit darauf wie ältere Freiwillige. „Für die engagierten Jugendlichen ist ihr Engagement in aller Regel eine feste Größe“ (Picot 2012: 31).

G8 und Ganztagsschule – Störfaktoren für freiwilliges Engagement?!

Mit der Frage nach der Zeitkonkurrenz, in der jugendliches Engagement steht, beschäftigt sich Picot im Abschnitt 3.1. (ebd.: 69ff.). Hier finden sich m.W. das erste Mal empirisch belastbare Belege für die auch von mir angenommenen negativen Auswirkungen der Ganztagsschule wie auch des G8-Abiturs auf das freiwillige Engagement junger Menschen. Zwar hat sich die Engagementquote der Schülerinnen und Schüler insgesamt nicht nennenswert verändert, doch verwendet diese Gruppe heute wesentlich weniger Zeit auf ihr Engagement als früher. Zudem zeigt ein Blick auf die unterschiedlichen Gruppen von Schülerinnen und Schülern, dass sich Haupt- und Realschüler wesentlich seltener freiwillig engagieren als Gymnasiasten (27% versus 47%), was angesichts der weithin bekannten Abhängigkeit freiwilligen Engagements vom Bildungsstatus nicht überrascht. Unter den unterschiedlichen Gruppen von Schülerinnen und Schülern zeigt sich nun aber auch, dass sich G8-Abiturienten wie auch Ganztagsschüler ebenfalls weniger freiwillig engagieren als ihre Altersgenossen in G9 und Halbtagsschule (G8 zu G9: 41% zu 51%; Halbtags- zu Ganztagsschule: 39% zu 31%).

Nun dürfen aber auch diese offensichtlich negativen Auswirkungen nicht überbewertet werden. Zwar sind Schülerinnen und Schüler, die von der Schule zeitlich stärker in Anspruch genommen werden, deutlich seltener in einem Freiwilligenengagement, doch beziehen sich diese Daten auf ganz Deutschland und werden dementsprechend von den Quoten aus den alten Bundesländern dominiert. „Im Osten, wo das G8 schon länger besteht, lässt sich – bei geringeren Fallzahlen – dieser Effekt [geringeres Engagement Anm. H.J.] nicht nachweisen“ (Picot 2012: 71). So ist also zu vermuten, dass sich mit der Zeit auch im Westen Deutschlands ein Arrangement zwischen Schule und Freiwilligenengagement finden lassen wird.

Nützliche Engagementprofile junger Menschen?!

Als ganz besonders Interessant empfand ich die Engagementprofile junger Menschen nach zehn Tätigkeitsfeldern (Picot 2012: 55ff.). Besonders für das Freiwilligenmanagement sind diese Profile interessant, weil sie dem Leser bzw. der Leserin vor Augen führen, wie die jeweilige Zielgruppe eigentlich strukturiert ist – heißt auch, welche Maßnahmen sich zur Werbung Freiwilliger eignen. Jugendliche Freiwillige im Sozial- und Gesundheitsbereich sind bspw. überwiegend weiblich (55%), haben überdurchschnittlich häufig einen niedrigen bis mittleren Bildungsstatus und investieren weit mehr Zeit als der Durchschnitt aller Engagierter. Wer für diesen Bereich also Freiwillige sucht, ist mit der Kommunikation in nerdigen Kanälen wie Twitter und/oder ellenlangen Blogtexten auf dem Holzweg. Viel eher dürfte sich diese Zielgruppe direkt in der Schule oder über virale Medien (z.B. Videos) ansprechen lassen.

Viel wichtiger als die Ansprache dieser Zielgruppe scheinen allerdings die Organisation und das Management ihrer Freiwilligenarbeit. Zum einen heißt weibliche Überrepräsentanz nicht, dass sich Männer für ein Engagement im Sozial-, Gesundheits- und Pflegebereich nicht ansprechen lassen – immerhin 45% der Engagierten sind männlich. Hier müssen Freiwilligenmanagerinnen und -manager eine gewisse Geschlechtersensibilität an den Tag legen und ‚weibliche‘ wie auch ‚männliche’ Engagementangebote formulieren. Der Bildungsstatus, die überdurchschnittliche Zeitinvestition sowie die Tatsache, dass sich Engagierte im Sozial-, Gesundheits- und Pflegebereich nur selten in Führungs- und Leitungsfunktionen engagieren (Picot 2012: 60), verweist zudem auf einen eher dienstleistenden Charakter dieses Engagements. Angesichts des Verhältnisses zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen im Sozial- und Gesundheitsbereich (Krimmer/Priemer 2012: 109) sollte insbesondere Letzteres zwar nicht überbewertet werden, doch scheint die Volunteer-Classification der derzeit in diesem Bereich Engagierten klar.

Mitgliedschaft, Bildungsstatus, Idealismus und Herkunft?!

Mit einer Regressionsanalyse – einem statistischen Verfahren, bei dem ermittelt wird, welche unabhängigen Variablen (bspw. Bildung, Geschlecht, Sozialstatus usw.) eine abhängige Variable (in diesem Fall freiwilliges Engagement) erklären – zeigt Sibylle Picot, dass sich jugendliches Engagement in der Hauptsache aus Mitgliedschaft und Bildungsstatus erklärt (ebd. 2012: 99). Die unabhängige Variable Mitgliedschaft in zivilgesellschaftlichen Assoziationen kann insofern wenig überraschen, als das dies eine der grundlegenden Annahmen des Freiwilligensurveys ist: Nur wer im Interview angibt, zivilgesellschaftlich aktiv zu sein (bspw. im Verein) wird im Folgenden seinem nach freiwilligem Engagement oder Ehrenamt gefragt. Und auch die Bedeutung des Bildungsstatus überrascht nicht. Diese kultur-strukturelle Variable (vgl. dazu Gensicke/Picot/Geiss 2005: 88ff.) meint schließlich nicht nur Schulbildung, sondern – wie PISA zeigt, vor allem in Deutschland – auch ‚geerbtes‘ kulturelles und soziales Kapital.

Auch wenig überrascht, dass sich die Wertorientierung des Idealismus – meint: „die Wertschätzung von Kreativität und Fantasie, von Toleranz gegenüber anderen Meinungen sowie von sozialem Engagement (‚Hilfe für Benachteiligte‘), politischem Engagement und Umweltbewusstsein“ (Picot 2012: 98) – deutlich positiv auf das Engagement auswirkt. Insbesondere im selbst organisierten Engagement für andere, im Engagement in Jugendgruppen und -initiativen, braucht es erfahrungsgemäß einigen Idealismus und Toleranz gegen über der Meinung anderer (älterer) Menschen.

Was in diesem Kapitel nun allerdings überrascht, verbirgt sich in einem Halbsatz auf Seite 94: „… ob man als Jugendlicher in einem westlichen oder östlichen Bundesland zu Hause ist, [hat] praktisch keine Bedeutung mehr.“ Im Gegensatz zum Engagement insgesamt, bei dem die unabhängige Variable ‚neue oder alte Bundesländer‘ noch wirkt, ist die Herkunft für jugendliches Engagement – zumindest statistisch – gleichgültig. Auch hier ist die Engagementförderung gefragt! Nur weil sich insgesamt weniger ‚Ossis‘ als ‚Wessis‘ engagieren, heißt das nicht, dass sich die Jugend in den neuen Bundesländern nicht für ein freiwilliges Engagement ansprechen ließe; wichtig ist es hier vor allem Gelegenheiten im lokalen Umfeld zu schaffen.

Maximalisten und Minimalisten – Anpackerinnen und Askten

Eine ebenfalls interessante Typisierung engagierter junger Menschen, die die übliche Dreiteilung der Idealisten, der Konventionellen und der Materialisten (auch bekannt als Hedonisten) mit den Maximalisten und Minimalisten ergänzt, findet sich in Abschnitt 5.3. Die Maximalisten unterscheiden sich dabei von den anderen Typen insofern, als das sie auffällig häufig große Zustimmung (bzw. bei Kontrollfragen Ablehnung) in Sachen bürgerlicher Werte aufweisen. Die Minimalisten dagegen wirken in ihrem Antwortverhalten stark zurückhaltend bzw. differenzierend. Beim Lesen entstand mir der Eindruck, dass es sich bei den Maximalisten um die Anpackerinnen und Anpacker handelt, denen vor allem die Gelegenheit zum Engagement gegeben werden muss. In dieser Gruppe finden sich sehr häufig mittlere Bildungsstatus, überwiegend viele weibliche Befragte und ein vergleichsweise hoher Anteil von jungen Menschen mit Migrationshintergrund.

Hier finden sich also die aufstiegswilligen und vermutlich gut integrierten jungen Migrantinnen und Migranten, die sich in ihrer bürgerlichen Wertorientierung nicht grundsätzlich von der Mehrheit unterscheiden – oder nur insofern, als sie eine besonders starke Wertorientierung und wohl auch hohe Zielstrebigkeit aufweisen (Picot 2012: 114).

Bezüglich der Minimalisten beschlich mich dagegen der Eindruck, es handele sich hier um jugendliche Asketen, die so lange über das Für und Wider ihres Engagements nachdenken, dass, wenn sie einmal zu einer Entscheidung gekommen sind, die Gelegenheit zum anzupacken längst passé ist. In dieser Gruppe finden sich überwiegend männliche, relativ junge, Jugendliche mit einem vergleichsweise hohen Bildungsstatus, was darauf schließen lässt, dass eben aus dieser Gruppe die zukünftigen Führungs- und Leitungspersönlichkeiten mit langen Engagementbiographien rekrutiert werden können.

Fazit

Trotz des leichten Rückgangs jugendlichen Freiwilligenengagements, der im Gegensatz zum Trend insgesamt verläuft, müssen junge Menschen weiterhin als hochaktive Gruppe in der Zivilgesellschaft gelten. Sie sind überdurchschnittlich häufig zivilgesellschaftlich aktiv und bekunden ebenso häufig ihre Bereitschaft zum freiwilligen Engagement. Es scheint so, als wären alle Voraussetzungen für gelingende Engagementförderung gegeben, doch darf nicht vergessen werden, dass jugendliches Engagement – und ganz besonders jenes Engagement der bislang ‚nur‘ Handlungswilligen („bestimmt“ Bereiten) jugendlichen – besserer Strukturierung bedarf. Häufig fehlen schlicht die Engagementgelegenheiten im lokalen Umfeld bzw. das Wissen um die gegebenen Möglichkeiten. Insofern ist es schade, dass Sibylle Picot der Rolle des Internets im freiwilligen Engagement  nur ein sehr kurzes Kapitel widmet und dieses auch noch mit unbegründeten Befürchtungen streckt, die elektronische Kontaktpflege könnte zulasten der realen Sozialkontakte gehen (ebd. 2012: 50).

Alles in allem ist der Band zu Jugend in der Zivilgesellschaft aber sehr zu empfehlen. Neben den Engagementforscherinnen und -forschern ist der Band vor allem Interessierten aus dem Bereich der Engagementförderung ans Herz zu legen. Insbesondere die Typisierungen und Profile können dem Freiwilligenmanagement bei der organisationalen Ausrichtung auf neue Zielgruppen gute Dienste leisten. Die 22,- € für 183 Seiten verständlich erklärter empirischer Bildungsforschung sind eine gute Investition.

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Jugendengagement: Beziehungsarbeit im virtuellen Raum

Erst gestern fand ich in meinem Briefkasten die neue Ausgabe der merz (Zeitschrift für Medien und Erziehung), in der sich ein lesenswerter Beitrag zu “Beziehungen in virtuellen Räumen” findet. Einige zentrale Gedanken aus diesem Beitrag will ich gern noch in die (eigentlich beendete) NPO-Blogparade zum Thema “Social Media für die Bürgergesellschaft” geben. Wie in meinem ersten Beitrag zu dieser NPO-Blogparade spielen auch hier neue Formen der Vergemeinschaftung eine wesentliche Rolle …

Wenn es um die Zukunft unserer Bürger- und Zivilgesellschaft geht, wird nicht selten auf ‘die Jugend’ — die Generation 2.0 — verwiesen. Junge Menschen sind es, die fortsetzen sollen, was ‘die Alten’ angefangen haben. Dass dieser Plan nicht so recht aufgeht, sehen wir am oft beklagten Nachwuchsmangel für Vorstandsämter. Es finden sich einfach immer weniger Engagierte, die weiterführen, was andere begonnen haben. Mit der Aussetzung des Wehr- und Wehrersatzdienstes hat sich das Problem nun auch noch verschärft. Spülte der Zivildienst früherer Tage junge Männer zu Hauf in den Dritten Sektor, ist die Entscheidung, auch nur einen Fuß in die Sphären traditionellen Freiwiligenengagements zu setzen, heute dem Einzelnen überlassen und steht damit mehr den je in Konkurrenz zu anderen (normalen?!) Freizeitbeschäftigungen.

In der aktuellen Ausgabe des BBE-Newsletters (8/2012) meldet sich der langjährige Jugendkulturforscher Klaus Farin zu Wort und attestiert etablierten Organisationen der deutschen Bürger- und Zivilgesellschaft schlechte Karten in diesem Konkurrenzkampf:

Dass jugendliches Engagement bisher an Parteien, Gewerkschaften, Amtskirchen und     zahlreichen traditionellen Jugendverbänden spurlos vorbeiweht, hat seine Ursache nicht in der Politik- und Institutionenfeindlichkeit der Jugend, sondern in der Jugendfeindlichkeit der Politik und der Institutionen – in ihrer autistischen Erstarrung zwischen taktischen Geplänkeln, tradierten Alt-Herren-Ritualen, bürokratischen Endlosschleifen und der Forderung nach bedingungsloser Anerkennung einer Autorität, die nicht oder nur historisch begründet wird und nicht tagtäglich neu verdient werden muss (Farin 2012: 6).

Wer also jugendliches Engagement aufnehmen will — so lässt sich resümieren –, muss andere Rahmenbedingungen erfüllen als etwa für das Engagement von Erwachsenen. Nicht nur, weil bei Jugendlichen Spaß und Kompetenzerwerb im Vordergrund stünden — das ist auch im Engagement von Erwachsenen nicht unwesentlich –, sondern vor allem weil junge Menschen in anderen Formen des Miteinanders leben, die der Verunsicherung ob ihrer Zukunftsperspektiven besser gerecht werden als Engagementkarrieren in hierarchisch strukturierten Sozialverbänden.

Über eben diese Gemeinschaften schreibt auch Christina Schachtner vom Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaften an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt in der aktuellen Ausgabe der merz  (2/2012). Explizit befasst sich Schachtner in ihrem Beitrag mit “Beziehungen in virtuellen Räumen”. Ähnlich Farin postuliert sie einen bemerkenswerten Anspruch jugendlichen Engagements, der an der Realität des Dritten Sektors allerdings weitgehend vorbei zu wehen scheint:

Wir wollen etwas tun und wir wollen durch unser Tun etwas bewirken, etwas, das soziale  Haltepunkte schafft in einer Welt, in der das Herausfallen zu einer kollektiven Erfahrung  geworden ist (ebd.: 46).

Dreh und Angelpunkt der Förderung jugendlichen Engagements scheint also (einmal mehr) der Drang nach Gemeinschaft, Geborgenheit und Selbstverwirklichung bzw. Selbstwirksamkeit zu sein. Jugendliches Engagement — Engagement 2.0 — ist vorhanden. Jugendliche gestalten ihr Umfeld bereits mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln, indem sie sich bspw. im Internet darstellen und die Reaktionen anderer provozieren. Für Schachtner dokumentiert dies eine Art Selbstverwirklichung, die die tägliche Praxis der Selbstdarstellung im Social Web immer weiter vorantreibt.

Mit der öffentlichen Selbstdarstellung — an dessen Wie und Was Erwachsene nicht selten Anstoß nehmen — sind sehr fluide Formen der Anerkennung verbunden, die mit herkömmlichen Vorstellungen jugendlicher Gemeinschaft (Peer-Group, Clique etc.) nicht oder nur bedingt zu fassen sind; Anerkennungsformen, die Schachtner mit Kinderspielen wie ‘Guck-Guck’ oder ‘Da-und-Fort’ vergleicht:

Das Fort-und-Da kennzeichnet auch das Kommunizieren in virtuellen Foren und Chats.  Der andere äußert sich und verschwindet dann wieder von der Bildfläche. Meist weiß ich nicht wo er ist, wenn er nicht da ist; aber auf einmal ist er wieder da (ebd.: 44).

Jugendliche Gemeinschaft erwächst also nicht mehr nur aus dem physisch bedingten Einander-Kennen (Nachbarschaftskinder, Sandkastenliebe, Klassenkamerad!nnen usf.), sondern wird durch (Selbst-) Inszenierung hergestellt und aufrecht erhalten. Jugendliche Gemeinschaften sind damit fluide Inszenierungsphänomene, die kein Drinnen und Draußen, keine Hierarchie und keine Kompromisse kennen. Für den Einzelnen bilden sie relativ einfach (ab)wählbare “Teilzeitwelten” (Roland Hitzler), die dort Gemeinschaft und Geborgenheit bieten, wo der Individualisierungsdruck moderner Gegenwartsgesellschaften neue Vorstellungen des Miteinanders kreiert,

  • die Kollektivität und Individualität miteinander versöhnen,
  • die keine dauerhafte Einbindung vorsehen,
  • die Zugehörigkeit und ein Gefühl des Aufgehobenseins auch bei kurzfristigen Engagements versprechen und
  • die einen neuen Begriff von Heimat nahe legen, der nicht an einen geographischen Ort geknüpft ist, sondern einzig an den Ort, wo Freunde sind (Schachtner 2012: 45).

Wie nun aber umgehen mit dieser neuen Stammeskultur (Michel Maffesoli)? Jugendliche gelten heute als sehr pragmatisch. Diese Generation greift nicht nach Utopien, wie es die 68er noch taten, sondern setzt auf das Machbare. Sicherlich ist das freiwillige Engagement eine Option, Haltepunkte in einer Welt zu schaffen, in der Flexibilität und Individualität als Maß aller Dinge verkauft werden, doch scheint es eben nicht die naheliegendste zu sein. Die Welt der Sozialen Medien dagegen bietet, was Farin (ebd.: 3f.) zufolge jugendliches Engagement beflügelt:

  1. Keine (festen) Hierarchien
  2. Spaß-Kultur — kein Stress!
  3. Freundschaften — der Weg ist das Ziel
  4. Keine Taktik, keine Kompromisse
  5. Action statt Schulungskurse
  6. Realistische Ziele
  7. Engagement auf Zeit

Eben diese Strukturen, in denen sich Jugendliche und junge Erwachsene schon heute engagieren, sind es, die die Bürgergesellschaft vor große Herausforderungen stellen. Das Fehlen fester — “nicht oder nur historisch begründeter” — Hierarchien steht im krassen Gegensatz zur Verhasstheit traditioneller Dritt-Sektor-Organisationen und der Spaß am Engagement endet oft dort, wo Kompromisse ausgehandelt werden müssen. Engagement auf Zeit und konkret fassbare Ziele sind im herkömmlichen Freiwilligenengagement die Ausnahme währenddessen Verbands-Taktik und dauerhafte Bindung zur Regel gehören.

Nun bin ich sicher nicht derjenige, der dafür plädiert, den Dritten Sektor vollständig auf den Kopf zu stellen. Ich bin davon überzeugt, dass die “jugendfeindlichen” Strukturen bürgerschaftlicher Selbstorganisation ihre Daseinsberechtigung haben, weil ich weiß, dass sich viele Menschen gerade hier wohlfühlen. Wer allerdings Jugendlichen nicht erst in Zukunft einen Zugang zum freiwilligen Engagement ermöglichen will, muss die gewachsenen Organisationsstrukturen weiterentwickeln und entsprechende Zugänge schaffen. Die Welt der Sozialen Medien bietet dafür zweifelsohne einen Raum, in dem die Inszenierung sozialer Themen möglich ist und Anknüpfungspunkte für sporadisches Jugendengagement angeboten werden können.

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