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New Volunteer Management — ein zielgruppenorientiertes Framework

Die re:campaign am 06. und 07. Mai stand für mich ganz im Zeichen des freiwilligen Engagements in der Kampagnenarbeit. Mit meinem eigenen Vortrag zum New Volunteer Management im Gepäck war ich besonders gespannt auf die Inputs von Betsy Hoover (Doku, Video), Felix Kolb (Doku) und Yussi Pieck (Audio), die von der Mobilisierung Freiwilliger, von der strategischen Fragen zur Kampagnen-Vorbereitung und von möglichen Learnings aus den USA sprachen (in dieser Reihenfolge). Einiges der Inputs konnte ich gleich mit in meine Session einbauen. Hier die vier wichtigsten Punkte:

  • Ladder of Engagement: Die Ladder of Engagement beschrieb Betsy Hoover mit den Schlagworten „share”, „donate”, „advocate”, „attend an event” und „become a leader“. Angefangen also vom Klick auf Facebook bis zur Gestaltung eigener Volunteer-Projekte sollten Freiwillige im Laufe einer Kampagne also ‚nach oben klettern‘ können.
  • Supported Journey: Mit dem Schlagwort supported journey wies Yussi Pieck darauf hin, dass das Commitment sporadisch engagierter Volunteers entwickelt werden muss und nicht zu früh mit zu viel Ballast behängt werden darf.
  • Small Data: Das Schlagwort Small Data setzte Pieck dem US-amerikanischen Big Data entgegen. Es ist in Europa (noch) nicht möglich, im Campaigning offene Daten zum Wahlverhalten o.ä. zu nutzen. Deshalb, so Pieck, sei man hierzulande darauf angewiesen, mit übersichtlicheren Datensätzen zu arbeiten, um Zielgruppen sinnvoll zu segmentieren.
  • Was vererbst du? Nach der Kampagne ist vor der Kampagne stellte Felix Kolb fest und fragte, was den Moment der Kampagne (der durchaus lang sein kann) überdauert. Reputation zahlt sich freilich aus, eine Gewahrmachung neuer Möglichkeiten des Einmischens für die Unterstützerinnen und Unterstützer sicherlich auch.

Es gab natürlich noch viel mehr als diese vier Punkte. Da waren zum Beispiel noch die zentralen Prinzipien Hoovers „relationship based organizing“: „empowerment“, „partizipation“ und „force multipliers“, da waren einige Hinweise zum Storytelling und da war schließlich auch die Feststellung „there is no more online or offline organizing — there is just organizing“. Und auch das, was mir nicht oder nicht wirklich viel begegnete, war aufschlussreich: Gamification spielte keine besondere Rolle in den Keynotes und Inputs, die ich besuchte (übrigens auch nicht auf dem BarCamp am nächsten Tag). Doch wie dem auch sei, hier geht es mir nicht um eine Doku der gesamten re:campaign, ich will hier lieber noch einmal auf das Framework des New Volunteer Managements eingehen, in dem sich die wichtigsten Punkte rund um die Unterstützer!nnen-Mobilisierung wiederfinden.

Die Hintergründe

In die Hintergründe zum Modell hatte ich mich in meinem Vortrag ein bisschen verrannt. Warum eigentlich? Hatte ich das nicht vor der Konferenz schon in meinem Blog beschrieben? Das hatte ich! Doch empfand ich das Szene-Engagement eben nicht nur als nützliches AdOn des New Volunteer Managements, sondern als einen der zentralen Punkte. Es sollte ja gerade nicht nur darum gehen, wie man Menschen dazu bekommt, mit Freude, Pathos und ohne Absicht eigener Bereicherung für die Kampagne / die Organisation zu arbeiten, sondern darum, über den Prozess des freiwilligen – selbstbestimmten (!) — Engagements „Small Data“ zu generieren und so die eigene Zielgruppe besser kennen und segmentieren zu lernen.

Freiwilliges Engagement — auch das im Campaigning — hat definitiv die Schwäche der Homophilie. Gleich und gleich gesellt sich gern! Wenn es (nur) darum geht, Jobs erledigt zu bekommen, fällt es mir am leichtesten, mit jenen zu arbeiten, die ähnlich gestrickt sind wie ich; die sich für ähnliche Themen interessieren und ähnliche Probleme im Engagement kennen (z.B. starre Strukturen). Geht es aber darum, neue Zielgruppen kennen zu lernen, ist dieser ‚Weg des geringsten Widerstandes‘ nicht der beste. Hier geht es darum, andere Sinnhorizonte zu erforschen. Den Leidvollen Prozess des Kulturschocks nicht zu scheuen und neue Verknüpfungen zwischen meinem Anliegen und den ‚normalen Aktivitäten‘ meiner Zielgruppen anzulegen.

Dieser Prioritätenwechsel sollte nicht falsch verstanden werden. Die Prinzipien und Modelle des Freiwilligenmanagements sind gut und richtig. Vor allem als Handwerkszeug für die Projekte vor Ort oder im Netz sollten sie eingesetzt werden. Geht es aber eben darum, den Freiwilligen den ‚Vortritt‘ zu geben und ihnen selbstbestimmte Projekte zu ermöglichen, können die eigenen Vorstellungen vom richtigen Unterstützen nicht mehr als Maßstab herangezogen werden.

Das Framework

Das New Volunteer Management besteht aus acht Schritten, die in einem Kreislaufmodell angeordnet sind. Vor dem Kreislauf steht das Kampagnenthema, das Anliegen, auf das es ankommt. Das Kampagnenthema habe ich absichtlich nicht in den Kreislauf eingebettet, weil es in diesem Modell die Sache der Organisation oder Initiative ist. Nichtsdestotrotz können Themen auch von ‚außen‘ an das Kampagnenteam herangetragen werden. Wichtig war mir hier, dass Kampagnenthemen nicht danach ausgewählt werden sollten, was bei der Zielgruppe gerade am besten ankommt, sondern danach, was im Sinne der Grundsätze der Organisation gerade wichtig ist — noch einmal: der Weg des geringsten Widerstandes ist nicht immer der Beste.

Insight: Bei der #drosselkom Kampagne geht es im Kern um die Netzneutralität. Die Telekom will künftig nur noch Tarife anbieten, bei denen die Übertragungsgeschwindigkeit — ähnlich wie bei den S- und M- Tarifen der Mobil-Web-Anbieter — nach einem gewissen Datenvolumen gedrosselt wird. Da die Angebote der Telekom selbst davon unberührt bleiben sollen, steht ein Eingriff in die neutrale Übertragung aller Daten zu befürchten, dem sich über kurz oder lang auch andere Anbieter anschließen dürften.

(1) Die Zielgruppe

Ist das Kampagnenthema bestimmt, gilt es die Zielgruppe zu identifizieren und (soweit möglich) sinnvoll zu segmentieren. In welche Unterstützergruppen kann ich meine Zielgruppe aufteilen?

  • Gibt es geographische Schwerpunkte, mit denen z.B. Rückschlüsse auf genutzte Social Networking Dienste, auf Netzaffinität und mögliche Folgeaktionen vor Ort denkbar wären?
  • Gibt es Schwerpunkte bei Alter und Bildungshintergrund ([angestrebter] Abschluss, Studienrichtungen usw.) mit denen erste Anhaltspunkte ausgemacht werden könnten, wie z.B. geschrieben werden muss und inwiefern Differenzierungen angebracht sind?
  • Lassen sich schon Freizeit-Themen wie Musikgeschmack, Sportarten o.ä. ausmachen, über die ich Zielgruppensegmente ansprechen kann?

Nicht selten ist die Zielgruppe im Campaigning riesig groß. Da sollen dann einfach alle angesprochen werden. Wenn es darum geht, möglichst breiten Protest auf die Straße zu bringen oder möglichst viele Unterschriften zu übergeben, ist das natürlich auch sinnvoll. Nichtdestotrotz sollte man sich überlegen, ob die eigenen Ressourcen ausreichen, die ganze Welt zur Zielgruppe zu erklären.

Insight: Für die Obama-Kampagnen in den USA konnte auf umfangreiche Datensätze zurückgegriffen werden, die eine Segmentierung (fast) der gesamten Wahlbevölkerung möglich machte. Wer z.B. hat wann Republikaner, wer hat wann Demokraten gewählt? Wo wohnen diese Leute und wo liegen die jeweiligen ‚Hochburgen‘ der Lager? In Deutschland bzw. Europa ist das nicht möglich. Hier verlegt man im Campaigning mehr auf das Testen: A-B-Tests für Webseiten z.B. die Aufschluss darüber geben, ob der Spendenbutton oben rechts in grün oder unten links in blau besser ankommt (Natürlich sehr vereinfacht!). Auch Mailings werden getestet, indem unterschiedliche Gruppen unterschiedliche Mails (mit verschiedenen Betreffzeilen und Texten) geschickt und der Rücklauf gemessen wird. Belastbare Rückschlüsse auf unterschiedliche Unterstützergruppen aber lassen sich — schon wegen der zufälligen Auswahl — damit nicht formulieren.

(2) Die Aufbereitung des Kampagnenthemas

Der Identifizierung und Segmentierung der Zielgruppe folgt die Aufbereitung des Kampagnenthemas. Nicht alle Zielgruppen lassen sich über Webseiten oder über das Social Web ansprechen. Manche werden bei Online-Kampagnen sogar wegen fehlender Anschlüsse oder mangelndem Netzausbau ausgeschlossen. Auch fühlen sich manche von der Komplexität politischer Themen — mithin auch der der Entscheidungsfindung in den Parlamenten — überfordert, wohingegen andere Kampagnen-Sprech á la BILD Zeitung affektiv wegklicken. Wie also lässt sich das Kampagnenthema zielgruppenadäquat aufbereiten?

  • Welche Medien, welche Kanäle, welche Dienste nutzen die verschiedenen Unterstützergruppen? Ist z.B. Facebook wirklich der Player oder sollten wer-kennt-wen, Tumblr, Twitter und andere Dienste nicht auch in Betracht gezogen werden?
  • Wie einfach / wie komplex darf es sein? Adressiere ich Menschen mit hohem Bildungsabschluss könnte ich mit dumpfen Parolen schnell scheitern. Mache ich es zu komplex, erreiche ich die die anderen nicht.
  • Was sind die Themen, an die ich anschließen kann? Welche Themen sind (a) gerade in der Presse und mit welchen Themen beschäftigen sich (b) meine Unterstützergruppen? Es ist sicherlich sinnvoll auf Tagesaktuelles anzuschließen, schaffe ich es aber das Kampagnenthema mit dem zu verbinden, womit die Leute in ihrer Freizeit abschalten, okkupiere ich einen weiteren, nicht unwesentlichen Teil ihres Alltags.

Insight:  Auch wenn Spendenläufen eher zum Fundraising denn zum Campaigning gehören, geben sie doch ein gutes Beispiel ab. Zum einen wird hier ein Hobby, bei dem die Leute normalerweise vom Alltag abschalten, mit einem Anliegen (Fundraising) verbunden, sodass das Engagement doppelt motiviert wird. Zum anderen können solche Läufe auch so in Szene gesetzt werden, dass sie zusätzlich ein bestimmtes Image transportieren. Oxfam z.B. inszeniert den Trailwalker-Spendenlauf als Lifestream im Netz und zeigt so z.B., dass ALLES — auch Aktivitäten tief im Wald — ins Netz geholt werden kann (Ein Schauer für manche!). Bei der Frage nach Einfachheit und Komplexität wird im Campaigning zumeist eine Balance gesucht. Der Auftakt ist immer recht einfach. Bei #drosselkom wird zunächst nicht das mega-komplexe Thema Netzneutralität sondern das „Marktverletztende“ der #drosselkom betont. Erst wenn man über den ersten Call hinaus liest, kommt die Netzneutralität zur Sprache.

(3) Die Engagierten-Profile

Mit der Identifikation der Zielgruppen und der Aufbereitung des Kampagnenthemas ist die Vorbereitung beim New Volunteer Management noch nicht abgeschlossen. Weiter geht es mit dem Entwurf von Engagierten-Profilen. Freiwilliges Engagement gibt es nicht umsonst. Deshalb müssen Ressourcen für Freiwilligenprojekte von vornherein eingeplant werden. Überdies lässt sich schlecht von einem strategischen Management sprechen, wenn die Zielmarken nicht zu Beginn gesetzt werden, sondern während der Kampagne nur noch ‚gewurschtelt‘ wird. Im Gegensatz zu den Engagementprofilen im Freiwilligenmanagement, sind Engagierten-Profile allerdings keine Festlegungen von Jobs, die zu tun sind, sondern Aufrisse von Tätigkeiten, mit denen die Kampagne unterstützt werden kann.

  • Was also könnten Freiwillige tun, um die Kampagne zu unterstützen? Was ist der Kern dieser Tätigkeit? Sollen sie Botschaften senden, bei Aktionen vor Ort helfen, Projektgruppen anleiten, andere Freiwillige Schulen oder Trainieren usw.
  • Welche Fähigkeiten, welche Kompetenzen, welche Eigenschaften sollten die Freiwilligen mitbringen?

Außerordentlich wichtig bei den Engagierten-Profilen ist die Skalierbarkeit des Engagements. Wie gesagt, es geht noch nicht um konkrete Aufgaben, es geht darum, was die Tätigkeit im Kern ausmacht. Geht es bspw. um die Arbeit mit Bildmaterial ist eine große Spannbreite der Engagementintensität denkbar: von der Verschlagwortung bis zur Konferenzdokumentation.

Insight: Betsy Hoover berichtet von zwei Engagementprofilen, die beide in einem Engagierten-Profil zusammengefasst werden können: von Voluneers, die von Tür zu Tür gehen, um Leute von ihrem Kandidaten überzeugen und von Leuten, die potentielle Wäher!nnen am Telefon gewinnen. Im Kern geht es also um Überzeugungsarbeit, die (a) über unterschiedliche Medien und in unterschiedlichen Strukturen geleistet werden kann und (b) auch Engagement in unterschiedlicher Intensität zulässt: Vom Share auf Facebook über die Überzeugungsarbeit in der eigenen Familie oder im eigenen Freundeskreises bis zum öffentlichen Redenschwingen und der Organisation von Kundgebungen usw.

(4) Die (Micro-) Engagementangebote

Mit der Identifizierung und Formulierung von Online- und Mico-Volunteering-Tasks wird es beim New Volunteer Management nun konkreter. Prinzipiell geht es hier darum, einen ausreichend großen Pool zielgruppenadäquater Engagementangebote — meint echte Engagementgelegenheiten — anzulegen, sodass auch kurzfristig motivierte Volunteers schnell versorgt werden können. Worauf man im Allgemeinen bei Engagementangeboten achten sollte, wird z.B. auf der Webseite von Volunteer Marlborough beschrieben. Was das Online- und Micro-Volunteering im Speziellen anbelangt, finden sich auf dem Blog zur ZiviCloud nützliche Hinweise. Es lohnt sich für Engagementangebote, die häufig wiederkehren (z.B. Übersetzung von Kampagnen-Mails oder Newslettern, Illustration von Daten und Fakten usw.) recht ausführliche Engagementbeschreibungen anzulegen und sie ggf. anhand der Nachfragen zu ergänzen bzw. auszudifferenzieren. Je mehr hier gesammelt wird, desto eher lassen sich die Tasks so beschreiben, dass keine oder nur noch wenige Nachfragen nötig sind.

Doch das Online- und Micro-Volunteering ist nur das Vehikel auf der „supported journey“. Insofern sollten bei den Inhalten folgende Fragen beantwortet werden:

  • Passen die (Micro-) Engagementangebote zu den Engagierten-Profilen? Ist das Engagement, das hier gefragt ist, inhaltlich eine Ausprägung dessen, was zuvor als Unterstützerengagement identifiziert wurde?
  • Lässt sich das Engagement überhaupt weiterentwickeln oder ist es darauf angelegt ‚flach‘ zu bleiben? Gamification und Crowdsourcing können beim Online- und Mirco-Volunteering durchaus sinnvoll eingesetzt werden. Sie können die Weiterentwicklung des Engagements aber auch behindern. Das Beispiel reCAPTCHA: Es ist sicherlich ein Engagement nicht OCD-fähige Texte zu transkribieren. Werde ich mich aber irgendwann intensiver für Google engagieren, weil ich von Webseitbetreibern genötigt wurde, nachzuweisen, dass ich keine Maschine bin?
  • Sind die Engagierten, die die Tasks erledigen, zu identifizieren? Es ist durchaus sinnvoll über Wikis, Etherpads und ähnliches mit Online-Volunteers zu arbeiten. Die Option, sich auch Anonym zu engagieren gilt im Netz als guter Ton (ist moralisch gewollt). Wer das Engagement seiner Volunteers aber über einen bestimmten Zeitraum tracken will, könnte damit Schwierigkeiten bekommen.

Es kann sein, das bei einem Brainstorming auch Aufgaben auftauchen, die sich nicht in die vorher formulierten Engagierten-Profile einpassen. In diesem Falle ist es kein Problem zurück zu den Engagierten-Profilen zu gehen und zu überlegen, zu was sich dieses Engagement weiterentwickeln lässt. Wichtig ist dabei aber, dass wenn ein neues Profil geschrieben wird, dieses auch bis zum Ende durchdacht — heißt auch die Ressoucenfrage gestellt — wird.

Insight: Für die #drosselkom Kampagne könnten z.B. Botschafter gesucht werden, die die Kampagne vor Ort und/oder über das Internet verbreiten. Mögliche Tasks, die in dieses Profil passen, reichen vom einfachen Share auf Facebook oder dem Retweet auf Twitter über das Ändern von Avataren und dem Schreiben von Leserbriefen oder Blogbeiträgen bis zur Unterstützung und/oder Organisation von Aktionen vor Ort. Anregungen für Online- und Micro-Volunteering-Tasks gibt es vielenorts; z.B. bei den United Nation Volunteers (#onlinevolunteering Stream auf Twitter), in den Materialien von Helpfromhome, dem Cambridge-Hub oder auch bei Sozialer Funke und der auf der ZiviCloud.

(5) Das Community-Engagement

Sind alle Vorbereitungen abgeschlossen, kann es damit los gehen, die Engagementangebote in der eigenen Community zu bewerben. Das kann einerseits über die eigenen Kanäle geschehen, wie es z.B. das Österreichische Rote Kreuz und 2aid.org vorgemacht haben. Andererseits können auch intermediäre Organisationen wie Freiwilligenagenturen oder Engagementdatenbanken wie Aktion Mensch oder Betterplace zum Einsatz gebracht werden. Wie die eigene Community am besten erreicht werden kann, ist eine Frage, die schon am Anfang des New Volunteer Managements beantwortet werden sollte. Dementsprechend können durchaus auch Anzeigen, Plakate, Abreißzettel, QR Codes oder NFC Chips und vieles andere zum Einsatz kommen.

Das hauptsächliche Ziel beim Community-Engagement ist es, herauszufinden, welche Unterstützer!nnen zu den Engagierten-Profilen passen und inwiefern ihr Engagement und Commitment entwickelt werden kann. Wichtig ist es, die Engagierten nicht gleich zu Beginn zu überfordern. Nur weil jemand einmal einen Inhalt auf Facebook geteilt hat, heißt das nicht, dass er oder sie auch gleich bereit wäre, eine Aktion vor Ort zu organisieren. Dementsprechend vorsichtig sollte hier ein Schritt nach dem anderen gemacht werden. Sinnvoll ist es außerdem, die Engagierten in kleineren Gruppen anzusprechen und mit Angeboten für den nächsten Schritt zu versorgen.

Insight: Die Ansprache von Freiwilligen sollte nicht zu unkonkret sein. „Wir brauchen deine Hilfe“ ist ein üblicher Satz bei der Engagiertenansprache. Bleibt allerdings unklar, wofür man wie helfen soll, folgt in den meisten Fällen keine nennenswerte Reaktion. Auch zu spezifisch sollte es nicht sein, weil es dann (a) zu viel zu lesen gibt und (b) der Gestaltungsspielraum für die Freiwilligen leidet. Es kommt also wieder auf die Balance an, die beim Campaigning auch in „Action Alerts“ gesucht wird.

(6) Die Auswahl von Engagierten

Von 100 Unterstützer!nnen — so heißt es — engagieren sich neun über den Klick oder Like hinaus und eine(n) packt es richtig. Anderswo liest man, dass rund 20% der Unterstützer!nnen etwa 80% der Arbeit machen. Und wieder an anderer Stelle findet man den Verweis auf den Long Tail. All diese Faustregeln deuten darauf hin, dass sich wenige Unterstützer!nnen aus der Community als besonders engagiert hervortun. Eine gute Nachricht! Mit 1.000en Volunteers, die alle eigene Projekte machen wollen, hätte man auch wenig Freude (weil das z.B. das geplante Budget sprengen würde). So kann man sich im New Volunteer Management zunächst auf diese Hochengagierten konzentrieren und sie mit allem, was sie für ihr Engagement brauchen ausstatten. Bei der Auswahl von Engagierten geht es allerdings nicht nur darum, vielversprechende Volunteers zu identifizieren, sondern auch darum, im Gespräch mehr über sie zu lernen.

  • Bevor man sich persönlich zu einem Gespräch im Café, im Büro, zum geneinsamen Hangout oder für eine Skype-Session verabredet, sollte man sich einen guten Überblick über die Aktivitäten des Volunteers verschaffen. Was hat er oder sie in der Vergangenheit alles gemacht — lässt sich das in Zahlen ausdrücken (immer gut für den Wow-Effekt)? Was macht er oder sie sonst so (Hobbys, Schule, Studium usw.)? Aus dem, was man nicht weiß oder in Erfahrung bringen kann, kann man dann Fragen formulieren, die auch ehrliches Interesse signalisieren. Nichts ist schlimmer als so zu tun, als wüsste man schon alles, weil man einen Blog oder Twitter-Feed gelesen hat.
  • Im Gespräch sollte man sich auf jeden Fall auch selbst vorstellen und für ein Gleichgewicht sorgen. Niemand sollte sich ausgefragt oder analysiert fühlen (Die Analyse läuft als Skript im Hintergrund!). Man muss das nicht übermäßig in die Länge ziehen, sollte aber auch nichts überstürzen, bevor man zum Kern des Gespräches kommt — zur Frage, ob man sich eine intensivere Zusammenarbeit vorstellen kann (… und zwar beiderseits!).
  • Besteht das Interesse und die Möglichkeit, zur Zusammenarbeit können die Einzelheiten konkreter Besprochen werden. Welche Unterstützungsmöglichkeiten gibt es? Wie sieht es mit dem Budget, mit Netzwerkpartnern usw. aus? Wie soll weiter verfahren werden? Gibt es z.B. ein nächstes Treffen — vielleicht ein Engagierten-Coaching?

Das Ziel des Gespräches ist es, herauszufinden, ob ein intensiveres Engagement gewünscht und möglich ist. Man sollte hier ehrlich und nicht zu gierig sein. Schüler!nnen und Studierende überschätzen sich schnell; sehen z.B. nicht die Prüfungen am Ende des Semesters. Es ist einerseits eine Frage der Fairness gegenüber seinen Volunteers aber auch eine Frage des guten Managements, auch Nein zu sagen und Interessierte zu enttäuschen. Niemandem ist mit einem überforderten Teamleader vor Ort oder einer Grafikerin, die nicht nachkommt, geholfen.

Insight: Aus dem Team Österreich, einem Engagiertenpool der inländische Katastrophenhilfe z.B., tun sich ab und an Freiwillige hervor, die von den Verantwortlichen persönlich angesprochen und mit weiteren Aufgaben ausgestattet werden. Die Gespräche dazu können, müssen aber nicht, vor Ort stattfinden. Es ist durchaus möglich, ein Erstgespräch im Google Hangout zu machen. Man sollte dabei allerdings die speziellen Rahmenbedingungen nicht unbeachtet lassen. So gut die Video- und Audio-Übertragung auch ist, bei der Online-Kommunikation fehlt immer mindestens die Hälfte: keine Haptik (auch kein Handschlag drauf!), kein Geruch (trotz Google Nose). Dementsprechend braucht es bei Konferenzen regelmäßig mehrere kurze Sessions — heißt insgesamt mehr Zeit.

(7) Das Empowerment

Information, Qualifizierung und Vernetzung sind wichtige Faktoren im freiwilligen Engagement. Sie ermöglichen nicht nur Handlungssicherheit, sondern können auch als Form der Anerkennung wirken und dazu beitragen, dass alle am selben Strang ziehen. Qualifizierung allerdings sollte maßgeschneidert sein. Toolboxes und Manual-Samlungen sind gut und wichtig, wer allerdings übermäßig viel Zeit darauf verwenden muss, das Passende für sich auszuwählen, wird sich schnell allein gelassen und als Freiwilliger wenig anerkannt fühlen. Im Ergebnis entsteht das das ‚Berlin Syndrom‘: Es gibt einfach so viele Möglichkeiten, da mach ich lieber gar nichts. Robert Dürhager und Sophie Scholz haben dazu einmal den „Kommunikativen Verbandskasten“ vorgestellt. Die Idee dahinter: Schlage zunächst nur die Tools vor, mit denen möglichst viele vertraut sind oder die extrem einfach zu nutzen sind, erkläre diese Tools aber noch mal genau, um Missverständnisse zu vermeiden (Es ist kaum zu glauben, wie viele Nutzungsweisen es allein bei Doodle gibt).

Noch ein paar weitere Anregungen:

  • Qualifizierungsmaßnahmen können von den Volunteers unterschiedlich aufgenommen werden. Von jüngeren Freiwilligen werden sie oft dankbar für die Berufsorientierung angenommen. Ältere dagegen suchen häufig die Gemeinschaft oder wollen einfach mal was Neues erfahren.
  • Auch im Austausch wird gelernt — BarCamps sind das beste Beispiel dafür. Wer seinen Volunteers regelmäßige Netzwerktreffen möglich macht, fördert so den Wissenstransfer und kann Themen für das nächste Training identifizieren.
  • Online-Konferenzen sind ein guter Ort, um auch mit Leuten ins Gespräch zu kommen, die man sonst nicht trifft. Bei Vereinen oder Verbänden einmal den Vorstand vor die Kamera zu holen, ist dementsprechend einfacher als bei Vor-Ort-Veranstaltungen mit Anreisezeit und allem was dazugehört.

Insight: Die Zusammenarbeit mit freiwilligen Trainer!nnen und Expert!nnen über das Netz ist ein gangbarer Weg, allen beteiligten Zeit und Mühe zu sparen. Allerdings gilt hier Gleiches wie bei den Erstgesprächen: Die besonderen Rahmenbedingungen sollten nicht außer Acht gelassen werden! Der Hangout funktioniert nicht immer und Skype stürzt auch mal ab. Wer regelmäßig Online-Konferenzen machen will, sollte sich deshalb auf jeden Fall über die Investition in proprietäre Systeme Gedanken machen (z.B. Adobe Connect oder Ready Talk).

(8) Die Volunteer Projekte

Das New Volunteer Management zielt auf Projekte, mit denen Freiwillige die Kampagne selbst unterstützen. Eine Utopie des Freiwilligenmanagements? Ja und nein! Ja, weil ohne gründliche Vorarbeit und einiges an Ressourceneinsatz das selbstständige Engagement für andere nicht zu mobilisieren ist. Nein, weil im New Volunteer Management genau diese Vorbereitungen mitgedacht werden. Schon bei Schritt drei, den Engagierten-Profilen, sollte klar werden, dass das Engagement nicht umsonst zu haben ist. Deshalb gilt es auch schon früh Ressourcen dafür einzuplanen. Als Ressource ist hier nicht nur Geld gemeint. Auch Netzwerke und Kontakte bzw. die eigene Reputation sind wertvolle Ressourcen für Volunteer Projekte. Inwiefern diese Ressourcen allerdings genutzt werden, hängt von den Freiwilligen ab. Ganz wesentlich ist hier schließlich, dass den Freiwilligen zwar ein gewisser Rahmen, nicht aber das konkrete Wie ihres Engagements, vorgegeben wird. Wer seine Freiwilligen in diesem Modell als bloße Erfüllungsgehilfen benutzt, verbaut sich die Chance, seine Zielgruppe noch besser kennen zu lernen — meint: von Punkt (1) im Modell wieder einzusteigen.

Besser ist es, die Volunteers ihren eigenen Weg gehen zu lassen und die Kampagne auf ihre Art zu unterstützen. Die Rolle des Hosts ist es hier, das Geschehen genau zu beobachten und über das, Was, Wie getan wird, zum Warum zu kommen und zu lernen, wie die Unterstützer!nnen-Netzwerke (die Volunteers und ihre Freunde) zum Schwingen zu bringen sind.

  • Das Was ist auch im New Volunteer Management vorgegeben (Engagierten-Profile). Wenn es darum geht, Botschaften zu senden, ist das allerdings relativ weit gefasst. Die Aufgabe kann von den Volunteers gut ausgestaltet kann.
  • Das Wie ist dementsprechend nicht weiter vorgegeben und kann Rückschlüsse auf das Warum geben. Welche Plattformen z.B. werden benutzt, um Botschaften zu senden? Wie wird die Botschaft verpackt? Welche Aufhänger werden benutzt usw. Wichtig ist auch, darauf zu achten, was überrascht! Warum z.B. erzählen Sport-Videos so selten eine Geschichte?
  • Das Warum schließlich ist das Ziel der Untersuchung. Es gilt den Sinnhorizont der Volunteers und ihrer Netzwerke auszumachen, um daran wiederum mit sinnvollen Engagementangeboten anschließen zu können (siehe hier).

Insight: Sich allein zu engagieren macht in der Regel keinen Spaß. Bei sporadischen Projekten ist das kein Problem, da werden kurzerhand die Freundinnen und Freunde mit ins Boot geholt. Bei schwierigeren Angelegenheiten, gilt es aber Teams zu bilden. Dabei sollte man unbedingt darauf achten, Leute zusammenzubringen, die sich (a) untereinander verstehen (vielleicht auch schon kennen) und (b) nicht alle führen wollen. Nur Häuptlinge in einem Indianerstamm, das kann nicht gut gehen. Zum Team-Building hat Sophie Scholz vor zwei Jahren auf der re:campaign die Learnings aus dem Bürgerforum 2011 vorgestellt. Die Teams wurden hier aus drei Online-Moderatoren, einem Supervisor und einem Feedbackmoderator zusammengesetzt, was vor allem deshalb ganz gut funktioniert hat, weil es eine (für die einzelnen) relativ übersichtliche und beständige Struktur war.

Kritische Punkte

Mit dem Framework des New Volunteer Management wollte ich einen Versuch wagen, das organisationszentrierte Modell des Freiwilligenmanagements auf die Zielgruppe in der Kampagnenarbeit umzustricken. Die Gefahr, dass Freiwillige als Erfüllungsgehilfen gesucht und eingesetzt werden, besteht allerdings weiterhin. Der Trost: Ohne den Willen, seine Zielgruppe besser kennen zu lernen, macht es wenig Sinn, dem Modell des New Volunteer Managements zu folgen, weil das des Freiwilligenmanagements schlicht etwas einfacher ist.

Weiterhin kritisch sind die Punkte Policy-Entwicklung und Kontrolle. Wie beim Social Media Einsatz auch müssen die, die Freiwillige mit eigenen Projekten los schicken, einiges Vertrauen vorschießen. Es geht schließlich auch um die Reputation der Organisation, wenn Politiker nicht überzeugt sondern nur noch angepöbelt werden oder Steine durch Fensterscheiben fliegen. Allerdings kann das auch im ‚herkömmlichen‘ Freiwilligenmanagement passieren. Vorbeugen kann man dem eigentlich nur, mit gekonnter Auswahl, einem gewissen Gespür für seine Freiwilligen und der gemeinsamen (!) Entwicklung von Policys bzw. einem Verhaltenskodex.

Mein Fazit

Das Modell des New Volunteer Managements integriert die Methoden(sätze) und Prinzipien, die aus dem Freiwilligenmanagement schon lange bekannt sind. An vielen Stellen werden ihnen einfach nur neue Namen gegeben (z.B. supported journey für strategische Personalentwicklung im Ehrenamt). Das zeigt aber eigentlich nur, dass viele aus der Zunft der Online-Campaigner!nnen schlicht in einem anderen Kulturkreis zu Hause sind als manche Freiwilligenmanager!nnen und das Sprache immer auch ein Stückweit die Grenzen unserer Welt definieren. So möge man mir also verzeihen, dass ich hier vom New Volunteer Management und nicht vom Freiwilligenmanagement im Campaigning schreibe, denn schließlich gibt es dafür auch einen handfesten Grund: Durch seine Organisationszentriertheit avanciert das Freiwilligenmanagement in seiner Praxis nicht selten zur Durchlaufverwaltung für Volunteers. Das New Volunteer Management ist darauf angelegt, die eigene Zielgruppe besser kennen zu lernen und rückt die Organisation in den Hintergrund. Es ist also dieser ‚mind shift‘ (oben hieß es noch Prioritätenwechsel), der das New Volunteer Management vom Freiwilligenmanagement abgrenzt; Freiwilligenmanagement 2.0 sozusagen.

Dein Fazit:

Was meinst du zum New Volunteer Management? Auf einer Skala von 1 bis 5 -- 1 = "genau so mache ich das jetzt" | 5 = totaler Käse!

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Projektbericht: Webseite Slalomplace.de — Relaunch eines Community-Projekts

Vor gut zwei Wochen ist www.slalomplace.de online gegangen. Slalomplace ist die Freestyle Slalom Community Berlins und war — abgesehen vom regen geposte auf Facebook — seit dem Sommer letzten Jahres ohne eigenen Internetauftritt. Ein Relaunch stand an und ich dachte mir, das ist die Gelegenheit, die ZiviCloud einmal für ein ehrenamtliche Website-Projekt auszuprobieren. Webseiten zu erstellen, ist ja eine der naheliegensten Aufgabenfelder beim Online-Volunteering. Ob das aber klappt, ob die Online-Volunteers also die einzelnen Tasks brav erledigen, wollte ich bei diesem Praxis-Projekt herausfinden.

Screenshot_Slalomplace-start

Die Projektziele

Es ist durchaus sinnvoll Online-Volunteering-Projekte als Lerngelegenheiten zu verstehen. Die ZiviCloud ist genau dafür da! Notwenig für das Lernen sind allerdings Vorstellungen darüber, was man eigentlich lernen will. Wie gesagt, herausfinden wollte ich ganz allgemein, ob und wie sich Webseiten als Online-Volunteering-Projekte mit der ZiviCloud realisieren lassen. Doch zu welchem Zweck? Warum die Webseite nicht einfach in die Welt stellen und der Community zum Geschenk machen? Warum nicht ein bisschen Charity für’s Ego? Die zwei wesentlichen Gründe:

  • Fehlende Ressourcen: Ich habe schon den einen oder anderen WordPress-Blog aufgesetzt. WordPress halte ich für geeignet, wenn es um kleine (auch statische) Webseiten geht. In Sachen Design ist mit einigen wenigen Klicks schon viel getan. Was allerdings die Anpassung über die Standardeinstellungen hinaus anbelangt, was also das betrifft, was die Webseite von der Masse abheben soll, da fehlt mir einfach das Know How. Nun hätte sich Slalomplace natürlich auch ein schönes Template kaufen können; eines das nicht jeder hat. Dafür fehlt aber das Geld. Und auch die Kontakte zu Sponsoren, die hätten helfen können, so etwas zu realisieren, hatten wir nicht.
  • Nachhaltigkeit: Mit dem Blick über das Projekt hinaus war mir klar, dass ich die Webseite nicht ewig pflegen kann und im vollen Umfang auch nicht gar pflegen will. Als „Geschenk an die Community“ aber, wäre sie irgendwie doch immer meine Webseite geblieben. Ein Projekt, das früher oder später hätte eingestampft werden müsste, weil mir eben die Zeit fehlt. Was die Nutzung der Webseite als Kommunikationsplattform — nicht als ‘Community’ — anbelangt befürchtete ich außerdem, dass ja sowieso nur ein kleiner Teich neben dem großen Ozean Facebook angelegt wird, in den die Fische nur dann schwimmen, wenn es ihr Teich ist.

Die Ziele des Projektes also kurz zusammengefasst: Zum einen ging mir darum, herauszufinden, ob und wie die in der Community vorhanden Ressourcen (Zeit, Geld und Know How) zu mobilisieren und so zu bündeln sind, dass sich das Projektvorhaben umsetzen lässt. Zum anderen wollte ich herauszufinden, ob über die Beteiligung von Online-Volunteers der Nutzen und die Nutzung der neue Webseite nachhaltig sicher gestellt werden kann.

Die Herangehensweise

All zu große Sprünge sollte man bei Volunteer-Projekten erfahrungsgemäß nicht erwarten. Es kann passieren, dass die Sache zum Selbstläufer wird und man das Projekt dann ‘nur noch’ koordinieren muss. Das ist dann natürlich schön, wahrscheinlicher ist aber, dass vergleichsweise wenigen Volunteers ein Gros der Arbeit machen. Diese Engagierten gehören dann meist zum harten Kern der Community. Sie sind diejenigen, die in der Szene den Ton angeben und Projekte wie die Erstellung einer neuen Homepage zu ihrem Projekt machen.

Wenn es um Szenen als „posttraditionale Gemeinschaften“ geht ist die Beteiligung der sog. „organisatorischen Eliten“ — jenen, die die Szene mit ihrem Stil und ihren Vorstellungen vom ‘guten’ Miteinander am meisten prägen — unglaublich wichtig, weil ohne sie gar nichts geht. Dementsprechend war die erste Station im Projekt, die Vorstellungen dieses organisatorischen Kerns der Community aufzunehmen — und zwar auch um den Preis, ‘nur’ ihr Wohlwollen, nicht aber ihre komplette menpower zu bekommen.

Die Fragen waren hier eher konzeptioneller Art: Wen soll die Webseite überhaupt ansprechen? In welcher Rangfolge stehen diese Zielgruppen? Welche Funktionalitäten soll es geben? Spielt Social Media eine Rolle und wenn ja welche? Welche (positiven und negativen) Vorbilder gibt es? etc. pp Es ging hier vor allem darum, wie der Stil der Gemeinschaft authentisch wiederzugeben sein könnte. Wie also Konzept und Design gestrickt sein müssen, damit die Community die Webseite auch als eine aus der Szene erkennt und Nutzen.

Mit den konzeptionellen Fragen verknüpft waren auch Aspekte des Projektmanagements. Als Zielgruppe wurden die Freestyle Slalom Skaterinnen und Skater aus Berlin und Brandenburg, interessierte Fußgänger und potentielle Unterstützer definiert. Damit war z.B. klar, dass es für das Projekt eine ‘natürliche’ Deadline gibt: Zum Saisonauftakt muss die Seite im Netz stehen. Außerdem wurden auch gleich Leute genannt, die sich abzeichnende Aufgaben übernehmen konnten und welches Material es dafür schon gibt.

Der zweite Schritt bestand dann darin, die leere Webseite aufzusetzen und einzelne Tasks zu basteln. Im Grunde wäre ein Nebeneinander von Technik und Inhalten möglich gewesen. Ich habe allerdings bald gemerkt, dass ein Nacheinander sinnvoller ist. Zum einen waren unsere Vorstellungen von Konzept und Design der Webseite bei Weitem nicht so klar, dass sie technisch einfach hätten umgesetzt werden können — was, nebenbei gesagt, auch wenig attraktiv für den ehrenamtlichen Programmierer gewesen wäre. Zum anderen war es eine Frage der Responsivität: Wer einen Text für eine Webseite schreibt, die noch gar nicht existiert — die vielleicht auch nie existieren wird — geht ein großes Risiko ein, für die Ablage P zu arbeiten. Viel attraktiver ist es, einen Text für eine Webseite zu schreiben, die schon im Netz steht. Man kann sich das konkrete Arbeitsergebnis bildlich vorstellen und es dauert auch nicht lang, bis man das Produkt anderen zeigen kann. Einzig problematisch daran, die Angst vor dem leeren Blatt…

Die Umsetzung

Der erste Schritt des Projektes bestand im Wesentlichen aus einem ausgiebigen gemeinsamen Brunch. Es wurde geplaudert, was einmal war, was gerade ist und was da vielleicht noch kommen könnte. Wünsche für die neue Saison ließen sich hier recht einfach formulieren. Die Umsetzung des Projektes — meint also die Arbeit die damit verbunden war — war ja noch fern. Es sollte eine einfache, übersichtliche Webseite werden. Im Gegensatz zu anderen Plattformen aus der Szene hell und mit vielen und vor allem großen Bildern. Interessierte Fußgänger (die zweitwichtigste Zielgruppe) sollten sofort wissen, um was es auf der Webseite geht. Außerdem sollte es ein kleines Forum geben, in dem die Trainings, Events und Shows verabredet werden. Bemerkenswerter Weise sollten Facebook, Twitter & Co nicht eingebunden werden…

Für den zweiten Schritt habe ich natürlich versucht, die ZiviCloud für die Kommunikation der Aufgaben — insbesondere der inhaltlichen Tasks — zu organisieren. Das hat nicht wirklich geklappt. Es gab es ganz einfach keinen Grund, sich auf der ZiviCloud für die Erledigung einer Aufgabe zu melden. Viel einfacher war es, mich persönlich anzusprechen. Außerdem waren die Aufgaben, die von Anfang an klar waren — zunächst nur acht an der Zahl — so schnell untereinander aufgeteilt, das ich kaum mit dem Schreiben hinterher kam. Nichtsdestotrotz nutzte ich die ZiviCloud als eine Art Pinnwand, an die ich Aufgaben, die mir noch zu erledigen schienen, anhängte. Ich bin mir nicht sicher, ob ich ohne diese Pinnwand etwas vergessen hätte, zweifelsohne hat es aber geholfen, passende Engagements parat zu haben. Es hilft tatsächlich Engagementangebote zu veröffentlichen, auch wenn man davon ausgehen muss, dass sie keiner liest. Die Gefahr, sich mit irgendwelchem Kauderwelsch zu blamieren, ist einfach zu groß.

Und so ist es dann auch geschehen, dass ich von gefragt wurde, ob es denn noch etwas zu tun gäbe. Klar! Da ist noch die Galerie; eine kurze Absprache, eine technische Einweisung und dann kann’s los gehen — alles in allem nicht mehr als drei Stunden. Da sind noch die Steckbriefe; Entwurf machen, Dummy testen und dann die Leute über Facebook abklappern — könnte sich ein bisschen hinziehen braucht insgesamt aber nicht mehr als vier Stunden. Da ist auch noch der Flyer auf der Startseite (s.o); Maße 360 mal 380 Pixel, ein Grafikprogramm los geht’s — sollte nicht mehr als 90 Minuten dauern. Das Impressum

Die Evaluation

Zu einem Projekt gehört eine Evaluation. Mein Projekt war, die Webseite www.slalomplace.de mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen online zu bringen und dabei darauf hinzuwirken, dass die Webseite auch genutzt wird. Über die Nutzung lässt sich noch nicht viel sagen. Die Seite steht erst seit zwei Wochen im Netz und erst seit etwa einer Woche gibt es einen Grund im Forum zu schreiben: gutes Wetter bei dem man sich im Park verabreden kann. Die Seitenbesuche allerdings zeigen einen anständigen Start und die Verweildauer weist darauf hin, dass einige der „returning visitors“ die Seite nebenbei laufen lassen, um keine News im Forum zu verpassen. Außerdem — so einige Berichte — scheint die Webseite wieder ein Identifikationsobjekt der Berliner Freestyle Slalom Szene zu werden. Man gehört gern zu Slalomplace und verweist auch auf die gemeinsame Webseite.

Alles in allem also ein guter Start. Die Frage ist nur, ob das mit dem Einbezug der Online-Volunteers zusammenhängt. Tatsächlich waren es ja vergleichsweise wenige Leute, die viele der Aufgaben erledigt haben. Wenn die Bündelung der Ressourcen also gelappt hat, dann vor allem die des harten Kerns der Community. Von den Leuten, die die Angebote der Szene — z.B. die gemeinsamen Sessions in den Berliner Parks, die markierten Spots oder die Video-Tutorials im Netz — eher konsumptiv nutzen, kamen (wenn überhaupt) ‘schlaue Ratschläge’, die bisweilen allerdings auch umgesetzt werden konnten, oder tendenziell fatalistische Einschätzungen (Forum statt Facebook klappt nie), die gekonnt zu übergehen waren.

Ein Abschließendes Urteil lässt sich also m.E. noch nicht formulieren. Für mich steht aber fest, dass die Webseite als ‘Geschenk’ nicht so gut angenommen worden wäre, wie es jetzt den Anschein macht. Einerseits, weil alle, die während des Projektzeitraums einen Beitrag dazu geleistet haben die Seite mindestens auch ein Stück als ihr Projekt ansehen. Andererseits, weil mir für viele der Webseiten-Inkremente (Banner, Texte, Bilder usw.) einfach das Know How oder das Material gefehlt hätten. Hätte ich die Webseite allein gemacht, sähe sie ganz bestimmt anders aus. Ob die Community sie dann überhaupt als ein Teil von ihr erkannt und genutzt hätte, bezweifle ich.

Die Learnings

Auf Google+ hatte ich kürzlich gefragt, ob man dieses Projekt als „furios gescheitert“ betrachten könnte. Zum einen zog es sich über ganze fünf Monate, zum anderen konnte ich nur vergleichsweise wenige Volunteers mobilisieren. Mittlerweile mag ich nicht mehr von Scheitern reden, wenngleich auch ‘furios’ nicht das richtige Attribut für den Projekterfolg ist. Ich habe ich den Eindruck gewonnen, dass das Engagement des harten Kerns der Community, was die Nachhaltigkeit des Projektes anbelangt, eine gewisse Strahlkraft in die breiten Flatterränder der Szene hatte. Doch wie dem auch sei, statt des Scheiter-Cases hier abschließend ein paar Learnings:

  • Das Involvement der sog. organisatorischen Eliten war in diesem Projekt entscheidend. Ich denke, das lässt sich auch auf andere Community-Projekte übertragen, herausfordernd ist allerdings die Identifikation der Eliten ‘von außen’.
  • So wichtig das Involvement des Szene-Kerns so problematisch die vorschnelle Verteilung der Aufgaben an die „Friends“.Volunteer-Tasks sollten niemals ‘aufgebürdet’, sondern immer aus freien Stücken und im Bewusstsein des Zeitaufwandes angenommen werden. Insbesondere bei Online-Engagements, bei denen es keinen drängelnden Unterton gibt, ist anderenfalls die Prokrastination sehr nah.
  • Tech fist! Gute Rahmenbedingungen für das Online-Engagement, sind u.a. responsiv. Deshalb sollte bei Website-Projekten immer zu erst die Technik stehen und dann die inhaltlichen Tasks verteilt werden.
  • Schreiben bildet! Es nötigt uns zum verständlichen Ausdruck und zu durchdachter Struktur. Volunteer-Tasks zu veröffentlichen hilft uns, sie dann parat zu haben, wenn danach gefragt wird. Über die Funktion als digitale Pinnwand hinaus, war die ZiviCloud in diesem Projekt allerdings nicht weiter nutzbringend. Zu einfach waren die anderen Wege und zu wenig ‘virtuell’ war das Team.
  • Eine ‘natürliche’ Deadline — eine Frist, die sich aus dem Projekt selbst ergibt und nicht ‘künstlich’ gesetzt wird — ist der ultimative Motivator. Wenn sie allerdings verstreicht, ohne dass das Projekt zum (vorzeitigen) Abschluss gebracht werden konnte, wird’s schwierig.
  • Locker bleiben! Nur weil sich das Online- und Micro-Volunteering durch sporadisch, zeitbegrenzte, teilweise schnell zu erledigende Aufgaben auszeichnet, heißt das nicht, dass Online- und Micro-Volunteering Projekte schnell zum Abschluss gebracht werden müssen. Beteiligung braucht Zeit und die sollte man auch mitbringen.

tl;dr: Mit Online-Volunteers Webseiten zu erstellen wirkt nachhaltig und hilft Kompetenzen und Ressourcen zu bündeln. Weniger arbeits- und zeitintensiv macht es Projekte aber nicht.

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Blick ins Buch: Motivation und Anerkennung im freiwilligen Engagement

Titel: Motivation und Anerkennung im freiwilligen EngagementDie Öffentlichkeitsarbeit ist ein wesentlicher Aufgabenbereich im Freiwilligenmanagement. Um neue Freiwillige zu gewinnen, ist es einfach sinnvoll, potentiell Interessierte von seinen Engagementangeboten wissen zu lassen. Allein aber solche Offerten als „Gesuche“ auf der eigenen Webseite oder Engagementdatenbanken zu publizieren und sie dann über Facebook, Twitter und Co. zu bewerben, reicht nicht aus. Einerseits sind Social Networking Dienste wie Facebook — so Christoph Bieber in seiner Vorlesung über den Obama-Effekt — eher auf der Einstellungs- und weniger auf der Handlungsebene wirksam, andererseits lehren uns Analysen von Geschmacks-Clustern (Bolz 2010) und Filter-Bubbles (Praiser 2011), dass Nachrichten im Internet nicht immer dort ankommen, wo man sie gern hätte.

Eine strategisch geplante und gut durchdachte Öffentlichkeitsarbeit ist im Freiwilligenmanagement dementsprechend notwendig. Genau diese wird in den einschlägigen Publikationen aber häufig nur am Rande behandelt. Lisa Katrin Schürmann schreibt in ihrer nun veröffentlichten Masterarbeit:

Auffällig ist, dass die Öffentlichkeitsarbeit […] meist nur ein kleiner Unterbereich des umfassenderen Kapitels ‚Freiwilligenmanagement‘ ist. Im Handbuch ‚Gemeinde & Presbyterium: Systemische Ehrenamtsarbeit‘ widmet der Leitfaden ‚Ehrenamt mit System‘ dem Thema ‚Ehrenamtliche gewinnen‘ beispielsweise nur einen Abschnitt (Schürmann 2013: 95).

Ähnliches gilt auch für das erst letztes Jahr neu aufgelegte ‚Standardwerk‘ für das Freiwilligenmanagement in der Sozialen Arbeit von Doris Rosenkranz und Angelika Weber (ebd.: 2012). Hier widmen sich gerade einmal zwei kurze Beiträge explizit der Öffentlichkeitsarbeit (Bönte 2012: 90ff.; Deeg 2012: 98ff.), wobei lediglich die Grundlagen und einige (ernüchternde) Praxisbeispiele aus der Sozialen Arbeit zusammengestellt werden. Mit ihrem Praxisleitfaden „13 Schritte für eine online-gestützte Öffentlichkeitsarbeit“ unternimmt Lisa den Versuch, diese Lücke zu füllen.

Aufbau und Herangehensweise

Ihre Arbeit, die insgesamt acht Kapitel umfasst, ist in drei größere Teile gegliedert: Grundlagen, Fallbeispiele und Praxisleitfaden. Lisas Vorgehen ist deduktiv, wobei sie die wesentlichen Aspekte der (theoretischen) Grundlagen in Zwischenfazits zusammenfasst und später wieder aufnimmt:

  • Am Anfang stehen die Grundlagen zum freiwilligen Engagement, wobei Lisa dem Interneteinsatz hier eine besondere Bedeutung beimisst und auch dem Online-Volunteering ein Unterkapitel widmet (S. 54). In den Vordergrund stehen in diesem ersten Teil aber motivationspsychologische Grundlagen. Hierfür werden zuerst die Erkenntnisse von Edward L. Deci und Richard M. Ryan (Theorie der Selbstbestimmung) sowie Mihaly Csikszentmihalyi (Flow-Erleben) zu intrinsischer Motivation mit dem „letztgültiges Ziel“ der Kompetenzsteigerung (S. 35; Schiefele/Streblow 2005: 53) umrissen, bevor anschließend auf aktuelle Untersuchungen zur Motivation freiwillig Engagierter eingegangen wird. Als Grundlage ihrer weiteren Arbeit beschreibt Lisa abschließend die sechs Dimensionen des funktionalen Ansatzes nach Clary et al. (1998: 1517ff.; S. 41ff.).
  • Im zweiten Teil ihrer Arbeit analysiert Lisa drei Kampagnen, die im Europäischen Jahr der Freiwilligentätigkeit 2011 in Deutschland, Schweden und der Schweiz durchgeführt wurden (S. 56ff.). Die Analysen umfassen jeweils das freiwillige Engagement sowie der Internet und Social Media Einsatz innerhalb der untersuchten Organisationen, die Kampagnen- und Öffentlichkeitsarbeit vor 2011 und die Aktivitäten im Europäischen Jahr der Freiwilligentätigkeit. Den Schwerpunk legt Lisa in diesem Teil auf die jeweilige Kampagne von 2011, die sie auf ihre Aufmachung (z.B. Titelbild), den Internet und Social Media Einsatz sowie die Rolle der Freiwilligen während der Kampagne untersucht.
  • Im dritten Teil ihrer Arbeit trägt Lisa die Erkenntnisse aus den vorangegangenen Kapiteln zusammen und formuliert 13 Schritte für die Öffentlichkeitsarbeit mit dem Ziel neue Freiwillige zu gewinnen und bereits Engagierte in ihrer Tätigkeit zu bestärken.

Dieser Leitfaden kann dazu dienen, eine Öffentlichkeitsarbeit bzw. eine Kampagne zum Thema freiwilliges Engagement im Bereich Internet/ Social Web anzugehen und wichtige Aspekte nicht aus dem Blick zu verlieren. Primär richtet sich der Leitfaden dabei an Freiwilligenorganisationen. Aber auch Freiwilligenagenturen und engagierte Einzelpersonen können ihn anwenden (Schürmann 2013: 108).

Ihren Leitfaden will Lisa nicht als abschließende Handlungsanweisung verstanden wissen. Vor dem Hintergrund der sich rasch ändernden Gegebenheiten bei der Öffentlichkeitsarbeit im Social Web wäre ein solch statischer Ablaufplan wenig nützlich. Allerdings — so Lisa (S. 108) — macht es durchaus Sinn die einzelnen Fragen der Reihe nach zu beantworten, weil diese auch aufeinander aufbauen.

Motivation und Anerkennung

Die Lektüre dieses Büchleins mit seinen gerade 112 Seiten hat mir wirklich Spaß gemacht. Ich hatte von Lisa seit Mai 2011 immer wieder Updates zu ihrer Masterarbeit und der Veröffentlichung bekommen und war dementsprechend gespannt auf das Endergebnis. Der Versuchung, gleich zum Leitfaden vor zu blättern, musste ich ein wenig wiederstehen, habe aber so ‚nebenbei‘ auch einige neue Erkenntnisse gewonnen; z.B. zu den motivationspsychologischen Grundlagen. Mit der Theorie des Flow-Erlebens hatte ich mich im Rahmen meiner Diplomarbeit intensiv befasst. Von der Theorie der Selbstbestimmung dagegen hatte ich bisher nur am Rande gehört und die Klammerung mit dem „letztgültigen Ziel“ der Kompetenzsteigerung war mir noch völlig neu. Von dieser Stelle aus, werde ich sicherlich noch etwas weiter recherchieren.

Wie aber alles auf der Welt hatte auch das disziplinierte Von-Vorn-Nach-Hinten-Lesen seine dunkle Seite. Ich habe mich durch Kapitel gelesen, deren Inhalt mir zu großen Teilen bekannt war, womit sich der Blick schnell auf das Ringsherum richtet. Ein paar kritische Punkte seien dazu kurz angemerkt:

    • Etwas anstrengend fand ich die bisweilen künstlich-umständliche Sprache. Die gut nachvollziehbaren Befunde, die Lisa regelmäßig in ihren Zwischenfazits zusammenfasst, wären in klarer einfacher Sprache m.E. besser aufgehoben.
    • Wenig begeistert war ich von der vielen sekundären und grauen Literatur. Es machst das ‘Eintauchen’ in die Materie nicht einfach, wenn man befürchten muss interessante Fakten und Befunde (z.B. das „letztgültige Ziel“) dreimal um die Ecke recherchieren zu müssen.
    • Den Argus-Augen nicht entgangen sind ein paar ärgerliche Zahlendreher bei der aktuellen Lage freiwilligen Engagements in Deutschland (S. 26f.). Die Engagementquote in Deutschland ist seit 1999 — nicht seit 2004 — von 34% auf 36% gestiegen und die Enquete-Kommission “Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements” wurde 1999 eingesetzt — nicht 2002.
    • Schade fand ich, dass im Grundlagen-Teil die Auseinandersetzung mit dem Begriff der Anerkennung fehlte. Lisa scheint Motivation und Anerkennung irgendwie gleich zu setzen. Das kann man durchaus so sehen, angesichts des manigfaltigen Verständnisses von Anerkennung im freiwilligen Engagement hätte ich mir ein kurzes Statement dazu gewünscht.

Bemerkenswert finde ich die Selbstverständlichkeit, mit der Lisa den Adressatenkreis der Öffentlichkeitsarbeit über neue Freiwillige hinaus auch auf bereits Engagierten ausweitet. In den wenigen Publikationen, in denen die Öffentlichkeitsarbeit als wesentliches Aufgabenbereich des Freiwilligenmanagements behandelt wird, liegt der Fokus eher darauf, Interessierte anzusprechen bzw. über die aktuellen Angebote zu informieren. Dabei muss eine gute Öffentlichkeitsarbeit durchaus zur Anerkennungskultur in Freiwilligenorganisationen gezählt werden — das zumindest ist in den Kapiteln zur Anerkennungskultur immer wieder zu lesen. Beides, sowohl Anerkennung durch Öffentlichkeitsarbeit als auch die Öffentlichkeitsarbeit zur Gewinnung neuer Freiwilliger, — das zeigt Lisa — können sich gut ergänzen.

Fazit

In ihrer Arbeit befasst sich Lisa mit der Motivation und Bindung freiwillig Engagierter mit den Mitteln und Möglichkeiten der Öffentlichkeitsarbeit; ein Themengebiet, das in letzter Zeit in ganz unterschiedlichen Engagementbereichen entdeckt wurde und zu dem wohl auch künftig Expertise nachgefragt werden wird. Mit den Kampagnen zum Europäischen Jahr der Freiwilligentätigkeit 2011 in Deutschland, Schweden und der Schweiz hat Lisa interessante Fallbeispiele ausgewählt, mit denen sie auch aufzeigen konnte, was in Deutschland ‚normalerweise‘ unter den Tisch fällt (z.B. die Freiwilligentätigkeit bei der Organisation von Kampagnen). Besonders gefallen hat mir das Beispiel aus Deutschland. Hier nahm Lisa die Jahreskampagne des Diakonischen Bundesverbandes „Da sein, nah sein, Mensch sein“ unter die Lupe.

Wenngleich die Analyse-Ergebnisse im Einzelnen etwas ernüchternd sind, finde ich außerdem Lisas Einbezug des Online-Volunteering lobenswert. Zwar war das freiwillige Engagement über das Internet bei keiner der drei untersuchten Kampagnen von Bedeutung, doch steigt mit der gesellschaftlichen Relevanz des Netzes und seinen Sozialen Medien auch die Bedeutung des wirksamen Einbezugs von Online-Volunteers. In ihrem Fazit weist Lisa auf das Potential dieser neuen Wege zum Engagement hin und ergänzt:

Sich diesen Entwicklungen offen und transparent zu stellen, auf Augenhöhe zu kommunizieren und freiwillig Engagierte nicht nur zu informieren, sondern (z.B. durch Angebote des Online-Volunteering) auch einzubeziehen, sind Aufgaben, die ein großes Maß an zeitlichem, personellem und strategischen Planungsaufwand bedürfen (Schürmann 2013: 111).

Und zum Schluss: Lisas Arbeit zu Motivation und Anerkennung im freiwilligen Engagement. Kampagnen und ihre Umsetzung in Internet und Social Media“ ist beim Springer Verlag für Sozialwissenschaften erschienen und kostet 29,99 €. Es handelt sich um eine wissenschaftliche Arbeit mit einem profunden, praxisnahen Ergebnis, das nun aber auch in der Praxis erprobt und weiterentwickelt werden müsste. Für Freiwilligenmanagerinnen und -manager lohnt sich der Blick in den Leitfaden ganz bestimmt. Für Studierende der Kommunikationswissenschaften, Soziologie und (Medien) Pädagogik ist die Lektüre m.E. aber nicht geeignet.

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