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Kommentar zur Studie „Internet und digitale Bürgergesellschaft“

Seit nunmehr drei Jahren schreibe ich in meinem Weblog über das Online-Volunteering, die Freiwilligenarbeit über das Internet. Eng damit verbunden war und ist die Diskussion um die Rolle von Internet und Social Media in NPOs und Zivilgesellschaft. Sowohl im Rahmen der NPO-Blogparade als auch im lockeren Verbund der NPO-Blogger!nnen-Szene diskutierten wir Themen wie gute Rahmenbedingungen für moderne, partizipative Freiwilligenarbeit, die Akkumulation sozialen Kapitals durch den Social Media Einsatz in NPOs, Social Media Policys und Guidelines sowie ungezählte Projekte von der Aktion Uwe bis zu Engagiert in Deutschland. Allein mein Blog zählt mittlerweile über 200 Artikel, zu denen ich noch beinahe 5000 Einträge auf Twitter, eine Facebook-Seite zum Freiwilligenmanagement und div. Publikationen rechnen würde; für Interessierte ein nicht einfach zu übersehender Haufen von Ansätzen, Ideen und Kommentaren — eine Art Nachhall der weiterlaufenden Debatte.

Das Centrum für Corporate Citizenship Deutschland (CCCD) hat sich im vergangenen Jahr der Herausforderung angenommen, den Zusammenhang zwischen Bürgergesellschaft und den sozialen Medien des Internets zu ergründen und die Debatte darum in übersichtlicher Form zusammen zu fassen. In der nun erschienenen Studie zu „Internet und digitale Bürgergesellschaft“ postulieren die Autorin Alexandra Härtel und ihr Co-Autor Dr. Serge Embacher „neue Chancen für Beteiligung“ und fassen den Kern unserer Debatte damit treffend zusammen: Social Media bietet vielfältige Chancen für die zivilgesellschaftliche Beteiligung, die aber immer auch mit div. Herausforderungen verbunden sind.

Aufbau und Methodik

Nach einer einführenden Untersuchung des Zusammenhangs von Social Media, freiwilligem Engagement und Bürgerbeteiligung, zeigen Embacher und Härtel unterschiedliche Ansätze auf, die neue Handlungsspielräume für die Bürger- und Zivilgesellschaft eröffnen können. Darunter finden sich neben dem Online-Volunteering auch Crowdsourcing- und Koproduktionsansätze, die anhand unterschiedlicher Beispielprojekte illustriert werden. Daran anschließend setzen sich die Autorin und der Autor kritisch mit den Social Media Aktivitäten von drei größeren Organisationen der (internationalen) Zivilgesellschaft auseinander bevor sie im letzten Teil der Arbeit die Herausforderungen und Handlungsperspektiven besprechen, die sich durch den Einsatz von Social Media für die Arbeit von NPOs ergeben.

Das methodischen Vorgehen während dieser Untersuchung zielte eher auf eine Bestandsaufnahme von Praxen und Potentialen des Social Media Einsatzes im zivilgesellschaftlichen Sektor, denn der Formulierung nie gehörte Hypothesen. Damit wurde das Untersuchungsdesign sehr bodenständig und zielführend gestaltet. Neben einer Literaturrecherche wurden 16 leitfadengestützte Experteninterviews und ein Fachgespräch mit neun Teilnehmenden geführt, wobei sowohl Befürworter!nnen der sich verbreitenden Social Media Kommunikation als auch Skeptiker!nnen des „Web 2.0 Hype“ zu Wort kamen (eine Liste der Interviewpartner!nnen und Diskussionsteilnehmer!nnen findet sich im Anhang 5 auf Seite 30). Ich denke die Autorin und der Autor verstehen ihre Publikation zu Recht

… als Beitrag zur Fortentwicklung der Engagementpotentiale in Deutschland und damit auch als Schritt auf dem Weg in eine moderne, solidairische Bürgergesellschaft (Embacher/Härtel 2011: 6).

Inhalte und zentrale Thesen

Für Embacher und Härtel liegt zwischen der „Welt der Social Media“ und der Bürgergesellschaft eine gewisse „Wahlverwandtschaft“ vor (ebd.: 6). Sowohl die Bürgergesellschaft als auch die „gesellschaftsbildenden Medien“ des Social Web weisen ihnen zu folge deliberative Charakterzüge auf (ebd.: 8), die sie auch anhand einiger Kernelementen des seit Dekaden fortschreitenden Strukturwandels der Freiwilligenarbeit herausarbeiten (dazu ebd.: 9). Embacher und Härtel folgend sind sowohl in der Bürgergesellschaft als auch im Social Web “Solidarität und Selbstverwirklichung” wie auch “Partizipation und Selbstbestimmung” nicht zu trennende Begriffspaare. Überdies – so behaupten die Autorin und der Autor ohne es recht zu belegen – würden die sozialen Medien des Internets wie auch die moderne Freiwilligenarbeit von den Individualisierungs- und Pluralisierungstendenzen moderner Gesellschaften profitieren und diese sogar verstärken (ebd.).

Mit der Individualisierung und Pluralisierung von Lebenslagen lösen sich die traditionellen Milieus allmählich auf und verlieren ihre soziale Bindekraft. Lebenswege sind heute weniger durch Milieuzugehörigkeit vorgezeichnet als durch (freilich damit verknüpfte) Bildungschancen, durch Geschlechterrollen, individuelle Lebensentscheidungen und andere Faktoren (Embacher/Härtel 2011: 9).

Es wird an dieser Stelle leider nicht deutlich, was genau mit „Milieuzugehörigkeit“ gemeint sein soll, inwieweit diese nicht doch vielleicht auf „individuelle Lebensentscheidungen“ wirkt und welche „anderen Faktoren“ dabei noch eine Rolle spielen könnten. Tatsächlich ist der „Zerfall traditioneller Milieus“ eine gern angeführte Folge der Individualisierungs- und Pluralisierungstendenzen mit denen wir es in modernen, freiheitlich verfassten Gesellschaften zu tun haben; empirisch belegen lässt sich diese These — die m.E. auch den behaupteten deliberativen Charakterzügen entgegen steht — m.W. aber nicht.

Den zweiten Teil ihrer Studie beginnen Embacher und Härtel mit der (etwas verspäteten) Beschreibung dessen, was sie sich unter Social Media resp. dem Social Web vorstellen. Leser!nnen denen dieses Thema bisher noch fremd ist, sollten mit diesem Abschnitt (S. 12f.) beginnen. Mit dem Verweis auf Ebersbach, Glaser und Heigl plädieren die Autorin und der Autor für den Terminus „Social Web“ anstelle der „journalistischen Chiffre für die Neuerfindung des Internets“, dem Web 2.0 (Embacher/Härtel 2011: 12f.).

Im Rahmen des Konzepts Social Web werden durch webbasierte Anwendungen soziale Praktiken wie Informationsaustausch, Bereitstellung von Daten, Aufbau von Beziehungen und deren Pflege sowie die themenbezogene Kollaboration unterstützt ([Ebersbach/Glaser/Heigl] 2011: 38). Diese web-basierten Anwendungen im Social Web werden unter dem Begriff Social Media zusammengefasst  (ebd.: 12).

Das so beschriebene Social Web mit seinen sozialen Medien (die als Anwendungen hier ausschließlich auf das WWW aufsetzen) zeichnet sich für Embacher und Härtel vor allem durch die Prinzipien „Offenheit“ und „Transparenz“ aus (ebd. 13): Offenheit als Möglichkeit jedwede Information und/oder Meinung ohne redaktionelle Filterung veröffentlichen zu können, Transparenz als Möglichkeit Prozesse und Zusammenhänge (wie die Debatte um Internet und digitale Bürgergesellschaft) auch ohne exklusiven Quellenzugang recherchieren zu können (ebd.).

Die neuen Handlungsspielräume, die sich aus den so beschriebenen Strukturen des Social Web ergeben, beschreiben die Autorin und der Autor zunächst als Netzwerkbildung und Einbindung neuer Zielgruppen (Online-Volunteering), bevor sie anhand konkreter Beispiele „Do-It-Yourself-Initiativen“ (ebd.: 16), „Agenda-Setting mit Hilfe von Social Media“ (ebd.: 17) und „Selbsthilfe im Social Web“ (ebd.: 18) umreißen. Mit diesen Beispielen wollen Embacher und Härtel zeigen,

… dass die Kommunikationsmöglichkeiten im Social Web für das individuelle Engagement neue Wege der Selbstorganisation, der Aktivierung von Ressourcen in Netzwerken (Wissen, Kompetenzen, finanzielle Mittel), der Bürgerbeteiligung und Einflussnahme eröffnen und wie diese von den Engagierten genutzt werden (Embacher/Härtel 2011: 18).

Doch nicht nur für die Selbstorganisation der Bürgerinnen und Bürger bietet das Social Web neue Handlungsperspektiven. Embacher und Härtel konstatieren auch für etablierte Organisationen der (internationalen) Zivilgesellschaft vormals nicht gekannten Möglichkeiten zur Akquise wichtiger Netzwerkressourcen. Unter den Schlagworten „Networked Nonprofits“ (Beth Kanter / Alison Fine) und „Koproduktion sozialer Dienstleistungen“ (Brigitte Reiser) fassen Embacher und Härtel diese selten strategisch genutzten Möglichkeiten zusammen (ebd.: 19). Anhand des Deutschen Caritasverbandes, Oxfam und Greenpeace Deutschland zeigen sie anschließend auf, dass und wie Social Media hier eingesetzt werden (kann) (ebd.: 19ff).

Im dritten und letzten Teil ihrer Studie zeigen Embacher und Härtel Herausforderungen und Handlungsperspektiven auf, die sich ihres Erachtens aus der „‚Liaison‘ von Internet und Bürgergesellschaft“ ergeben (ebd.: 23). Dabei plädieren sie für den Einsatz von Social Media im zivilgesellschaftlichen Bereich, warnen allerdings vor einer Indienstnahme der sozialen Medien „für die Verfestigung von intransparenten Macht- und Entscheidungsstrukturen“ wobei der implizite Verweis auf den deutschen Nationalsozialismus natürlich nicht fehlen darf:

Die Okkupation des Web 2.0 für die ‚bestehenden Verhältnisse‘ wäre nicht das erste Beispiel in der Geschichte der Massenmedien für eine negative Entwicklung. Ob sich Social Media und Social Web tatsächlich als Antriebskräfte für einen transparenten, offenen und responsiven Dritten Sektor erweisen werden, hängt u.a. vom Handeln der Engagierten und ihrer Organisationen ab (Embacher/Härtel 2011: 23).

Anschließend an diese eher allgemeine Warnung beschreiben Embacher und Härtel mit der „Ausgrenzung gesellschaftlicher Gruppen“ (ebd.: 23), der „männlichen Dominanz“ (ebd.: 24) und des „Slaktivism“ (ebd.) drei etwas handfestere Herausforderungen, die der durchaus evidente Einzug von Social Media in der bürgergesellschaftlichen Selbstorganisation mit sich bringt. Als Anregungen für zivilgesellschaftliche Organisationen formulieren die Autorin und der Autor einige  Handlungsperspektiven, die vor allem etablierte, hierarchisch verfasste NPOs vor große Herausforderungen stellen dürften (zum folgenden: ebd.: 25ff.):

  1. Zunächst sehen Embacher und Härtel dringenden Fortentwicklungsbedarf bzgl. der Organisationskultur und des Selbstverständnisses von Dritt-Sektor-Organisationen, womit sie auch eine strategische Organisationsentwicklung eingefordert sehen.
  2. Damit verbunden ist die Forcierung von Netzwerkarbeit wie auch der von Beteiligungsmöglichkeiten, die echte Partizipation via Social Web möglich und die gemeinsame Erarbeitung (Koproduktion) von Social Media Policys und Social Media Guidelines erforderlich machen.
  3. Mit der Förderung des Einbezugs der Stakeholder zivilgesellschaftlicher Organisationen (Partizipation) verbinden die Autorin und der Autor auch die Förderung von Medien- und Beteiligungskompetenz durch fachliche Qualifikation, Beratung und Training.

Fazit und kritische Anmerkungen

Embacher und Härtel meinen wohl zu Recht, dass die Debatte über den Zusammenhang von bürgerschaftlichem Engagement und Social Media innerhalb der Sphären etablierter Dritt-Sektor-Organisationen noch ganz am Anfang steht (ebd.: 27). Während sich die Bürgergesellschaft – jene kleineren Vereine und Assoziationen, die Embacher und Härtel als Form der bürgerschaftlichen Selbstorganisation beschreiben – bereits wie selbstverständlich auch über die Sozialen Medien des Internets organisiert, ist ein Gros hierarchisch verfasster NPOs von flachen Beteiligungsstrukturen weit entfernt. Das Social Web wird hier allzu oft nur als neuer Kanal für die One-To-Many-Kommunikation mit der großen Masse an potentiellen Empfänger!nnen im Internet eingesetzt , ohne dass hier ernstzunehmende Rückkanäle geöffnet und Informationsangebote strategisch fragmentiert würden. Damit wird das Social Web — übrigens auch von Embacher und Härtel — als Massenmedium (im analytischen Sinn) missverstanden.

Wie bereits erwähnt ist die hier vorgestellte Untersuchung methodisch auf eine Zusammenfassung einer (weiterlaufenden) Debatte angelegt. Inhaltlich stellt sie den aktuellen Stand treffend dar und ist Interessierten insofern nur zu empfehlen. Dennoch bleiben kritische Punkte anzumerken bzw. zu diskutieren:

  • Als fundierter Beitrag zur Debatte um die Chancen und Herausforderungen, die die neuen Medienformate des Internets für den Dritten Sektor bergen, ist die vorliegende Arbeit zunächst insofern zu kritisieren, als grundlegende Formalien wissenschaftlichen Arbeitens stellenweise nicht oder nur unzureichend eingehalten wurden. Nicht nur einmal werden Sachverhalte ohne entsprechende Zitation behauptet oder Darstellungen anderer Autor!nnen ohne entsprechenden Verweis übernommen. Einerseits ist dies für jene — wie mich — ärgerlich, die sich die Mühe machen (auch wissenschaftliche und zitierfähige) Publikationen zu erarbeiten, andererseits wird damit auch das weiterführende Studium einzelner Aspekte dieses Themenfeldes (bspw. Online-Volunteering oder die ‚lernende Community‘ der Social Media Szene) erschwert, was ja gerade die Stärke dieser Zusammenfassung hätte sein können.
  •  Weiterhin hätten auch einige eingeführte Begriffe und Konzepte wie der des Milieus oder der der „Medien- und Beteiligungskompetenz“ näher beschrieben werden müssen. Was Embacher und Härtel genau unter dem z.Zt. sehr populären Milieubegriff oder dem der Medienkompetenz bzw. dem mir bislang unbekannten Begriff der Beteiligungskompetenz verstehen, bleibt leider im Dunkeln.
  • Als diskussionswürdig erachte ich außerdem die nicht wirklich begründete Trennung von bürgergesellschaftlicher Selbstorganisation in kleinen Vereinen und Initiativen und größeren Organisationen der Zivilgesellschaft. Semantisch stellen Embacher und Härtel die einen als eine Art Manifestation der Bürger-, die anderen als eine der Zivilgesellschaft dar, was sich angesichts der deutlich zivilgesellschaftlichen Ansprüche (i.S. des Habermas’schen Vernetzungsimpetus) der Berliner Sozialhelden oder der Kampagnennetzwerke wie Campact, Avaaz wohl kaum durchhalten lässt.

Interessierten Leserinnen und Lesern wünsche ich viel Vergnügen bei dieser m.E. erhellenden Lektüre. Der dargestellte Stand der Dinge sollte dabei allerdings nicht als ‘in Stein gemeißelt’ betrachtet, sondern als Aufforderung verstanden werden, sich aktiv in die laufende Diskussion einzubringen. Vielleicht ist hierfür auch eine neue Runde der NPO-Blogparade sinnvoll. Was meint ihr?!

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Sozialraum Facebook — dort sein wo die Zielgruppe ist?!

Facebook ist unschlagbar, wenn es um die Ansprache junger Zielgruppen geht. 97,3% der jungen Menschen (14 bis 29 Jahre) sind schließlich online ([N]Onliner-Atlas 2011) und 71% davon nutzen täglich (63%) oder mindestens wöchentlich (30%) soziale Netzwerke (ARD/ZDF Onlinestudie). Grund genug also sich ein Account bei Facebook anzulegen und nun endlich auch den Nachwuchs zu erreichen. Der schaut schließlich schon lange nicht mehr einfach so in der Einrichtung vorbei. Der will ansprechend umworben und geködert werden und zwar in seinem eigenen, seinem digitalen Ökosystem – dem Social Web.

Auch ich habe nicht nur einmal darauf hingewiesen, dass soziale Organisationen dort kommunizieren sollten, wo ihre (zukünftigen) Stakeholder sind. Das Internet — und insbesondere soziale Netzwerke — eigenen sich hervorragend dafür, mit „seinen Leuten“ in Kontakt zu kommen und zu bleiben. Doch einfach einen Account bei Facebook anzulegen reicht dafür offenbar nicht aus. Vor allem die Facebook-Profile (häufig sind es noch nicht einmal Seiten) kleinerer Organisationen verwaisen schnell. Das mag zum einen daran liegen, dass die Pflege dieser Social Web Auftritte — wenn überhaupt Geld im Spiel ist — grandios unterfinanziert sind bzw. die eingestellten Updates nicht den Modi moderner Kurz-Kurz-Kommunikation entsprechen, könnte aber auch mit einer weitgehend untauglichen Vorstellung von Sozialraum korrespondieren.

Modelle der Sozialraumaneignung

Verena Ketter diskutierte in der Juni-Ausgabe der merz (Zeitschrift für Medien und Erziehung), die sich ganz speziell dem Thema „Jugendarbeit und social networks“ widmet, eben diese Sozialraummodelle. In Anschluss an Martina Löw stellt sie dabei fest, dass die Sozialraumaneignung als bedeutende Leistung während der Sozialisation junger Menschen heute anders vonstattengeht als früher.

Infolge medientechnologischer Entwicklungen (Computer, Internet und Handy) erleben Heranwachsende heutzutage Raum als fragmentär, gestaltbar, bewegt und punktuell verknüpft wie ein ‘fließendes Netzwerk’ (Löw 2001, S. 266). Jugendliche eigenen sich, neueren Raumtheorien entsprechend, den Sozialraum nicht mehr in einer sukzessiven Erweiterung des Handlungsraumes in konzentrischen Kreisen an wie beispielsweise bei dem sozialökologischen Zonenmodell (Baake 1987). Vielmehr wird Raum im Sinne einer Fortschreibung des Inselmodells nach Helga Zeiher (1983), das auch die Entstehung mehrerer Räume an einem Ort zulässt, erfahren (Ketter 2011: 20).

Ketter zu folge ist für die heutige Sozialisation also nicht anzunehmen, dass Kinder und Jugendliche ihre Erfahrungswelt ausgehend von deren Zentrum (der Familie [i.w.S.] als erste Sozialisationsinstanz) um die der Nachbarschaft, den des Wohnortes und schließlich den der weitgehend unbekannten Außenwelt sukzessive erweitern. Vielmehr konstruieren sie (mehr oder weniger eigenständig) Erfahrungsräume, die sich nicht mehr in geographisch-territorial zusammenhängenden Kategorien beschreiben lassen. Bildlich lässt sich hier also von „Inseln“ sprechen, die nicht unbedingt miteinander verbunden sein müssen. Schon in früheren Zeiten, als Helga Zeiher ihr Inselmodell formulierte, musste der Judo-Verein eines Jugendlichen nichts mit dessen Schulklasse oder der direkten Nachbarschaft seiner Familie zu tun haben. Ebenso wenig, wie es heute Verbindungen zwischen dem freiwilligen Engagement bspw. beim Rettungsdienst und dem Freundes- und Bekanntenkreis auf Facebook geben muss; was vor allem dann anzunehmen ist, wenn keine Verknüpfungsmöglichkeiten beider Erfahrungsräume bestehen.

Bei der Netzkommunikation „dort wo die (zukünftigen) Stakeholder sind“ muss es folglich darum gehen, eben diese Verknüpfungsmöglichkeiten anzubieten. So könnten schließlich zumindest lose Kopplungen möglich gemacht werden. Denn nur weil die eine Insel nichts mit der anderen zu tun haben muss, heißt das ja nicht, dass beide Erfahrungsräume nichts miteinander zu tun haben können. Der Erfolg oder Misserfolg von Social Web Auftritten liegt dementsprechend — und auch hier schreibe ich auch nichts Neues — in der Aktivität der Follower und Fans, die diese Brücken zwischen den immer eigenen Erfahrungsräumen schlagen. Eben hier scheinen aber viele Akteurinnen und Akteure im Social Web zu scheitern, weil sie weniger die Aktivität ihrer Stakeholder fördern — meint: die Qualität der Beziehungen ausbauen — als vielmehr auf eine quantitative Ausweitung potentieller Kontakte zu fokussieren (mehr Fans auf Facebook, mehr Follower auf Twitter usw.).

Öffentlichkeitsarbeit im Social Web

Sicherlich sind viele Kontakte von Vorteil. Auf Facebook-Seiten, die von vielen hunderten, vielen tausenden Fans verfolgt werden, ist schließlich auch einiges an Aktivität zu beobachten. Doch kann diese eben nur dann mit der Ansprache neuer Zielgruppen einhergehen, wenn die Aktiven dazu ermutigt werden, Brücken in eigene Erfahrungsräume zu schlagen — wenn sie einen Grund sehen (bzw. sich einen Vorteil davon versprechen) den Content weiter zu verbreiten und ggf. eigene Geschichten drum herum zu spinnen. Gelingt dies nicht, schmort die Gemeinschaft im eigenen Saft und aller (professionellen und z.T. gut bezahlten) Social Media Aktivitäten zum Trotz wird der Nachwuchs kaum angesprochen.

Wer sich die so auffällige Aktivität auf größeren Facebook-Seiten etwas genauer ansieht, wird feststellen, dass diese zumeist von jenen ausgeht, die ohnehin mit der jeweiligen Organisation assoziiert sind — in deren Profilen sich nicht selten die jeweilige Organisation als „Arbeitgeber“ findet. Zwar wird deren „Like“ (auf) einer Facebook-Seite auch in ihrem Profil angezeigt, der Content somit verbreitet, doch fehlt die Geschichte drum herum. Wie ein Retweet auf Twitter muss ein Like auf Facebook zunächst als neutrale Weiterverbreitung angesehen werden. Erst das Teilen von Inhalten und ganz speziell das Teilen mitsamt einem eigenen Kommentar hat das Potential einer persönlichen Empfehlung – nämlich hohe, sehr hohe ja die höchste Glaubwürdigkeit im eigenen Netzwerk.

Damit ist (erneut in diesem Blog) ein Themenbereich angesprochen, mit dem sich viele (traditionelle) Organisationen des Dritten Sektors noch schwer tun: Der strategische Einbezug privater Web-Kommunikation in die organiationale Öffentlichkeitsarbeit. Mit der Vorstellung im Kopf, die Öffentlichkeitsarbeit wäre exklusives Tätigkeitsfeld der entsprechenden Abteilung und die Kameradinnen und Kameraden der PR wären auch wegen ihrer Ausbildung und der damit einhergehenden Entlohnung für die Lösung derartige Probleme zuständig, wird der dysfunktionale Status Quo — alle Öffentlichkeitsarbeit geht von der PR-Abteilung aus — nicht selten auch von den haupt- und ehrenamtlich Mitarbeitenden verteidigt, die sich außerhalb der Öffentlichkeitsarbeit wähnen. Übersehen wird dabei, dass die Werbung von Nachwuchs für gemeinnützige Organisationen schon immer ganz maßgeblich über private Netzwerke — den „word of mouth“ — lief.

Die Auswirkungen dieser „Mund-zu-Mund-Propaganda“ haben sich mit den neuen Technologien — und vor allem mit dem Internet — aber stark verändert, was eben nahe legt, dass sich auch die Öffentlichkeitsarbeit verändern muss. Es kann schon lange nicht mehr darum gehen, der PR aufzutragen, die Organisation gut aussehen zu lassen. Wer heute den Nachwuchs in seinem digitalen Ökosystem erreichen will, muss auf Empowerment statt Vorschriften, Eigeninitiative statt Fremdbestimmung und neue Wegen statt ausgetretener Pfade setzen. In diesem Sinne bleibt die Öffentlichkeitsarbeit nicht länger allein von den Kolleginnen und Kollegen der PR vorbehalten, sondern geht mehr und mehr von den Aktiven aus. Denn nur sie können ihre eigenen Netzwerke mit jeweils relevanten Informationen versorgen.

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Social Media Guidelines als Einstiegshilfe

Immer mehr Menschen im Alter 45+ nutzen Facebook

Immer mehr Menschen im Alter 45+ nutzen Facebook

Es finden sich ja häufig Parallelen zwischen mehreren Interessengebieten und Tätigkeitsbereichen — vor allem, wenn man Mehreres zeitgleich zu bearbeiten sucht. So auch bei mir. Für den September bereite ich im Moment zwei Akademie Seminare vor. Vom Seminar „Freiwillige Online!“ hatte ich ja schon berichtet. So weit ich weiß sind hier auch noch Plätze frei. Ein anderes Seminar dreht sich um das Internet als aktuelles Mittel — oder vielleicht besser: Medium — der Öffentlichkeitsarbeit, womit nebst Online-Reputationsmanagement, Suchmaschinenoptimierung via Netzwerkbildung und E-Mailing natürlich auch die sozialen Medien des Internet angesprochen sind.

Besonders wichtig für einen festen Stand im Social Web und eine gelingende Reputation in der ewig skeptischen Social Media Szene ist die gelingende Integration aller Mitarbeitenden (ob freiwillig oder hauptamtlich) in die Öffentlichkeitsarbeit. Zum einen, weil man die Social Media Kommunikation der Mitarbeitenden ohnehin nicht verhindern kann (oder sollte) und zum andern, weil so authentischer vom Anliegen der Organisation überzeugt werden kann.

Ich stimme mit Klaus Ecks Ansicht aus „Karrierefalle Internet“ (2008) weitgehend überein: Es ist einfach nicht mehr en vogue sich hinter einer einzigen kryptischen E-Mail Adresse á la info@freiwilligenorganisation.de zu verstecken und so zu tun als ob man so mit der ganzen Organisation Kontakt aufnehmen könnte. Ganz im Sinne Ellis und Cravens„high tech, low touch“ (PDF) scheint es mir besser, wenn verschiedene Kanäle geöffnet werden, über die man Mitarbeitende als individuelle Persönlichkeiten ansprechen kann. Das meint nicht nur E-Mail Adressen á la vorname.name@freiwilligenorganisation.de sondern auch private Kanäle in Social Networking Diensten, Blogs und Microblogs.

Selbstverständlich ist das nicht ganz voraussetzungslos. Wenn es die Aufgabe der Öffentlichkeitsarbeit ist, die Kontrolle über die Unternehmenskommunikation zu behalten, dann muss natürlich auch versucht werden, die Kommunikation der Mitarbeitenden zu kontrollieren — was bei Freiwilligen und besonders bei Online-Volunteers etwas kompliziert anmutet. Bitte nicht falsch verstehen: Es ist hier nicht gemeint, den Mitarbeitenden permanent auf den Monitor zu schauen oder alle Nachrichten, die die Organisation verlassen zu filtern. Das würde schließlich zu einem dem Social Media Verbot äquivalenten Problem führen: Was tut man, wenn die Mitarbeitenden frei haben und privat Networken? Das Internet macht da keine Pause.

Viele Unternehmen der freien Wirtschaft und auch schon einige NPOs (wie z.B. das ÖRK) setzen hier auf Social Media Policys, also Verhaltensempfehlungen für die Kommunikation im Web 2.0. Dabei wird zunächst einmal vom guten Menschen bzw. vom wohlgesinnten Mitarbeitenden ausgegangen, der — wenn überhaupt — dem Unternehmen nur unabsichtlich Schadet. Die Policys sind weniger als Regeln, denn viel mehr als Empfehlungen formuliert, die wie Leitplanken (Guidelines) Sicherheit im Umgang mit dem Social Web geben sollen.

Und eben hier kommt die Verbindung zu einer anderen Baustelle:

Aus meiner eigenen Erfahrung mit BarCamps sowie regelmäßigen Besuchen der SocialBar in Berlin als auch aus der voranschreitenden Auswertung unseres Forschungsprojektes „Wissenstransfer aus der SocialBar“ weiß ich um den etwas anstrengenden Einstieg in das Social Media Métier. So gelten in Social Media Kontexten offenbar andere Regeln als die der allgegenwärtigen Geld-Ökonomie, weshalb niemand um eine anfängliche Orientierung umhin kommt. Das kann mit unter sehr anstrengend sein, zumal sich die sozialen Medien des Internet bzw. deren Gebrauch in Wandlung bzw. Ausdifferenzierung befindet. Nur über Fachliteratur, der Wikipedia oder div. Ratgebern jedenfalls scheint der Einstieg nicht möglich. Es ist irgendwie nichts wirklich sicher — alles ist im Fluss, weshalb auch viele Einsteigerinnen und Einsteiger große Angst haben etwas falsch zu machen. Im schlechtesten Fall ist die Unsicherheit gar so groß, dass die Einsteigerinnen und Einsteiger es dann einfach ganz schnell wieder bleiben lassen.

Social Media Policys können hier eine hilfreiche Stütze für die ersten Schritte ins Web 2.0 sein. Nicht weil sie irgendeine Wahrheit über die Social Media Kommunikation widerspiegeln oder tatsächlich Handlungsanweisungen geben, sondern weil sie in klaren Worten formulieren, was richtig ist und was falsch.

Klar: So eine schwarz-weiße Welt ist nicht das Non-Plus-Ultra der Erschließung neuer Spielarten von Kommunikation. Vielmehr engt es auf wünschbares ein und verhindert so tendenziell die kreative Modifizierung sich etablierender Kommunikationsstandards, womit ich hier auf die Entwicklung avandgarder Kulturtechniken abziele. Doch es bleibt dabei: Social Media Policys bieten eine greifbare Orientierung bei den ersten Schritten in unbekanntes Terrain. Sie können eine Grundlage für alle weiteren Lernschritte bieten und vermitteln dabei — nebenher so zu sagen — auch die grundlegenden Werte der Organisation.

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