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Kommentar zur Studie „Internet und digitale Bürgergesellschaft“

Seit nunmehr drei Jahren schreibe ich in meinem Weblog über das Online-Volunteering, die Freiwilligenarbeit über das Internet. Eng damit verbunden war und ist die Diskussion um die Rolle von Internet und Social Media in NPOs und Zivilgesellschaft. Sowohl im Rahmen der NPO-Blogparade als auch im lockeren Verbund der NPO-Blogger!nnen-Szene diskutierten wir Themen wie gute Rahmenbedingungen für moderne, partizipative Freiwilligenarbeit, die Akkumulation sozialen Kapitals durch den Social Media Einsatz in NPOs, Social Media Policys und Guidelines sowie ungezählte Projekte von der Aktion Uwe bis zu Engagiert in Deutschland. Allein mein Blog zählt mittlerweile über 200 Artikel, zu denen ich noch beinahe 5000 Einträge auf Twitter, eine Facebook-Seite zum Freiwilligenmanagement und div. Publikationen rechnen würde; für Interessierte ein nicht einfach zu übersehender Haufen von Ansätzen, Ideen und Kommentaren — eine Art Nachhall der weiterlaufenden Debatte.

Das Centrum für Corporate Citizenship Deutschland (CCCD) hat sich im vergangenen Jahr der Herausforderung angenommen, den Zusammenhang zwischen Bürgergesellschaft und den sozialen Medien des Internets zu ergründen und die Debatte darum in übersichtlicher Form zusammen zu fassen. In der nun erschienenen Studie zu „Internet und digitale Bürgergesellschaft“ postulieren die Autorin Alexandra Härtel und ihr Co-Autor Dr. Serge Embacher „neue Chancen für Beteiligung“ und fassen den Kern unserer Debatte damit treffend zusammen: Social Media bietet vielfältige Chancen für die zivilgesellschaftliche Beteiligung, die aber immer auch mit div. Herausforderungen verbunden sind.

Aufbau und Methodik

Nach einer einführenden Untersuchung des Zusammenhangs von Social Media, freiwilligem Engagement und Bürgerbeteiligung, zeigen Embacher und Härtel unterschiedliche Ansätze auf, die neue Handlungsspielräume für die Bürger- und Zivilgesellschaft eröffnen können. Darunter finden sich neben dem Online-Volunteering auch Crowdsourcing- und Koproduktionsansätze, die anhand unterschiedlicher Beispielprojekte illustriert werden. Daran anschließend setzen sich die Autorin und der Autor kritisch mit den Social Media Aktivitäten von drei größeren Organisationen der (internationalen) Zivilgesellschaft auseinander bevor sie im letzten Teil der Arbeit die Herausforderungen und Handlungsperspektiven besprechen, die sich durch den Einsatz von Social Media für die Arbeit von NPOs ergeben.

Das methodischen Vorgehen während dieser Untersuchung zielte eher auf eine Bestandsaufnahme von Praxen und Potentialen des Social Media Einsatzes im zivilgesellschaftlichen Sektor, denn der Formulierung nie gehörte Hypothesen. Damit wurde das Untersuchungsdesign sehr bodenständig und zielführend gestaltet. Neben einer Literaturrecherche wurden 16 leitfadengestützte Experteninterviews und ein Fachgespräch mit neun Teilnehmenden geführt, wobei sowohl Befürworter!nnen der sich verbreitenden Social Media Kommunikation als auch Skeptiker!nnen des „Web 2.0 Hype“ zu Wort kamen (eine Liste der Interviewpartner!nnen und Diskussionsteilnehmer!nnen findet sich im Anhang 5 auf Seite 30). Ich denke die Autorin und der Autor verstehen ihre Publikation zu Recht

… als Beitrag zur Fortentwicklung der Engagementpotentiale in Deutschland und damit auch als Schritt auf dem Weg in eine moderne, solidairische Bürgergesellschaft (Embacher/Härtel 2011: 6).

Inhalte und zentrale Thesen

Für Embacher und Härtel liegt zwischen der „Welt der Social Media“ und der Bürgergesellschaft eine gewisse „Wahlverwandtschaft“ vor (ebd.: 6). Sowohl die Bürgergesellschaft als auch die „gesellschaftsbildenden Medien“ des Social Web weisen ihnen zu folge deliberative Charakterzüge auf (ebd.: 8), die sie auch anhand einiger Kernelementen des seit Dekaden fortschreitenden Strukturwandels der Freiwilligenarbeit herausarbeiten (dazu ebd.: 9). Embacher und Härtel folgend sind sowohl in der Bürgergesellschaft als auch im Social Web “Solidarität und Selbstverwirklichung” wie auch “Partizipation und Selbstbestimmung” nicht zu trennende Begriffspaare. Überdies – so behaupten die Autorin und der Autor ohne es recht zu belegen – würden die sozialen Medien des Internets wie auch die moderne Freiwilligenarbeit von den Individualisierungs- und Pluralisierungstendenzen moderner Gesellschaften profitieren und diese sogar verstärken (ebd.).

Mit der Individualisierung und Pluralisierung von Lebenslagen lösen sich die traditionellen Milieus allmählich auf und verlieren ihre soziale Bindekraft. Lebenswege sind heute weniger durch Milieuzugehörigkeit vorgezeichnet als durch (freilich damit verknüpfte) Bildungschancen, durch Geschlechterrollen, individuelle Lebensentscheidungen und andere Faktoren (Embacher/Härtel 2011: 9).

Es wird an dieser Stelle leider nicht deutlich, was genau mit „Milieuzugehörigkeit“ gemeint sein soll, inwieweit diese nicht doch vielleicht auf „individuelle Lebensentscheidungen“ wirkt und welche „anderen Faktoren“ dabei noch eine Rolle spielen könnten. Tatsächlich ist der „Zerfall traditioneller Milieus“ eine gern angeführte Folge der Individualisierungs- und Pluralisierungstendenzen mit denen wir es in modernen, freiheitlich verfassten Gesellschaften zu tun haben; empirisch belegen lässt sich diese These — die m.E. auch den behaupteten deliberativen Charakterzügen entgegen steht — m.W. aber nicht.

Den zweiten Teil ihrer Studie beginnen Embacher und Härtel mit der (etwas verspäteten) Beschreibung dessen, was sie sich unter Social Media resp. dem Social Web vorstellen. Leser!nnen denen dieses Thema bisher noch fremd ist, sollten mit diesem Abschnitt (S. 12f.) beginnen. Mit dem Verweis auf Ebersbach, Glaser und Heigl plädieren die Autorin und der Autor für den Terminus „Social Web“ anstelle der „journalistischen Chiffre für die Neuerfindung des Internets“, dem Web 2.0 (Embacher/Härtel 2011: 12f.).

Im Rahmen des Konzepts Social Web werden durch webbasierte Anwendungen soziale Praktiken wie Informationsaustausch, Bereitstellung von Daten, Aufbau von Beziehungen und deren Pflege sowie die themenbezogene Kollaboration unterstützt ([Ebersbach/Glaser/Heigl] 2011: 38). Diese web-basierten Anwendungen im Social Web werden unter dem Begriff Social Media zusammengefasst  (ebd.: 12).

Das so beschriebene Social Web mit seinen sozialen Medien (die als Anwendungen hier ausschließlich auf das WWW aufsetzen) zeichnet sich für Embacher und Härtel vor allem durch die Prinzipien „Offenheit“ und „Transparenz“ aus (ebd. 13): Offenheit als Möglichkeit jedwede Information und/oder Meinung ohne redaktionelle Filterung veröffentlichen zu können, Transparenz als Möglichkeit Prozesse und Zusammenhänge (wie die Debatte um Internet und digitale Bürgergesellschaft) auch ohne exklusiven Quellenzugang recherchieren zu können (ebd.).

Die neuen Handlungsspielräume, die sich aus den so beschriebenen Strukturen des Social Web ergeben, beschreiben die Autorin und der Autor zunächst als Netzwerkbildung und Einbindung neuer Zielgruppen (Online-Volunteering), bevor sie anhand konkreter Beispiele „Do-It-Yourself-Initiativen“ (ebd.: 16), „Agenda-Setting mit Hilfe von Social Media“ (ebd.: 17) und „Selbsthilfe im Social Web“ (ebd.: 18) umreißen. Mit diesen Beispielen wollen Embacher und Härtel zeigen,

… dass die Kommunikationsmöglichkeiten im Social Web für das individuelle Engagement neue Wege der Selbstorganisation, der Aktivierung von Ressourcen in Netzwerken (Wissen, Kompetenzen, finanzielle Mittel), der Bürgerbeteiligung und Einflussnahme eröffnen und wie diese von den Engagierten genutzt werden (Embacher/Härtel 2011: 18).

Doch nicht nur für die Selbstorganisation der Bürgerinnen und Bürger bietet das Social Web neue Handlungsperspektiven. Embacher und Härtel konstatieren auch für etablierte Organisationen der (internationalen) Zivilgesellschaft vormals nicht gekannten Möglichkeiten zur Akquise wichtiger Netzwerkressourcen. Unter den Schlagworten „Networked Nonprofits“ (Beth Kanter / Alison Fine) und „Koproduktion sozialer Dienstleistungen“ (Brigitte Reiser) fassen Embacher und Härtel diese selten strategisch genutzten Möglichkeiten zusammen (ebd.: 19). Anhand des Deutschen Caritasverbandes, Oxfam und Greenpeace Deutschland zeigen sie anschließend auf, dass und wie Social Media hier eingesetzt werden (kann) (ebd.: 19ff).

Im dritten und letzten Teil ihrer Studie zeigen Embacher und Härtel Herausforderungen und Handlungsperspektiven auf, die sich ihres Erachtens aus der „‚Liaison‘ von Internet und Bürgergesellschaft“ ergeben (ebd.: 23). Dabei plädieren sie für den Einsatz von Social Media im zivilgesellschaftlichen Bereich, warnen allerdings vor einer Indienstnahme der sozialen Medien „für die Verfestigung von intransparenten Macht- und Entscheidungsstrukturen“ wobei der implizite Verweis auf den deutschen Nationalsozialismus natürlich nicht fehlen darf:

Die Okkupation des Web 2.0 für die ‚bestehenden Verhältnisse‘ wäre nicht das erste Beispiel in der Geschichte der Massenmedien für eine negative Entwicklung. Ob sich Social Media und Social Web tatsächlich als Antriebskräfte für einen transparenten, offenen und responsiven Dritten Sektor erweisen werden, hängt u.a. vom Handeln der Engagierten und ihrer Organisationen ab (Embacher/Härtel 2011: 23).

Anschließend an diese eher allgemeine Warnung beschreiben Embacher und Härtel mit der „Ausgrenzung gesellschaftlicher Gruppen“ (ebd.: 23), der „männlichen Dominanz“ (ebd.: 24) und des „Slaktivism“ (ebd.) drei etwas handfestere Herausforderungen, die der durchaus evidente Einzug von Social Media in der bürgergesellschaftlichen Selbstorganisation mit sich bringt. Als Anregungen für zivilgesellschaftliche Organisationen formulieren die Autorin und der Autor einige  Handlungsperspektiven, die vor allem etablierte, hierarchisch verfasste NPOs vor große Herausforderungen stellen dürften (zum folgenden: ebd.: 25ff.):

  1. Zunächst sehen Embacher und Härtel dringenden Fortentwicklungsbedarf bzgl. der Organisationskultur und des Selbstverständnisses von Dritt-Sektor-Organisationen, womit sie auch eine strategische Organisationsentwicklung eingefordert sehen.
  2. Damit verbunden ist die Forcierung von Netzwerkarbeit wie auch der von Beteiligungsmöglichkeiten, die echte Partizipation via Social Web möglich und die gemeinsame Erarbeitung (Koproduktion) von Social Media Policys und Social Media Guidelines erforderlich machen.
  3. Mit der Förderung des Einbezugs der Stakeholder zivilgesellschaftlicher Organisationen (Partizipation) verbinden die Autorin und der Autor auch die Förderung von Medien- und Beteiligungskompetenz durch fachliche Qualifikation, Beratung und Training.

Fazit und kritische Anmerkungen

Embacher und Härtel meinen wohl zu Recht, dass die Debatte über den Zusammenhang von bürgerschaftlichem Engagement und Social Media innerhalb der Sphären etablierter Dritt-Sektor-Organisationen noch ganz am Anfang steht (ebd.: 27). Während sich die Bürgergesellschaft – jene kleineren Vereine und Assoziationen, die Embacher und Härtel als Form der bürgerschaftlichen Selbstorganisation beschreiben – bereits wie selbstverständlich auch über die Sozialen Medien des Internets organisiert, ist ein Gros hierarchisch verfasster NPOs von flachen Beteiligungsstrukturen weit entfernt. Das Social Web wird hier allzu oft nur als neuer Kanal für die One-To-Many-Kommunikation mit der großen Masse an potentiellen Empfänger!nnen im Internet eingesetzt , ohne dass hier ernstzunehmende Rückkanäle geöffnet und Informationsangebote strategisch fragmentiert würden. Damit wird das Social Web — übrigens auch von Embacher und Härtel — als Massenmedium (im analytischen Sinn) missverstanden.

Wie bereits erwähnt ist die hier vorgestellte Untersuchung methodisch auf eine Zusammenfassung einer (weiterlaufenden) Debatte angelegt. Inhaltlich stellt sie den aktuellen Stand treffend dar und ist Interessierten insofern nur zu empfehlen. Dennoch bleiben kritische Punkte anzumerken bzw. zu diskutieren:

  • Als fundierter Beitrag zur Debatte um die Chancen und Herausforderungen, die die neuen Medienformate des Internets für den Dritten Sektor bergen, ist die vorliegende Arbeit zunächst insofern zu kritisieren, als grundlegende Formalien wissenschaftlichen Arbeitens stellenweise nicht oder nur unzureichend eingehalten wurden. Nicht nur einmal werden Sachverhalte ohne entsprechende Zitation behauptet oder Darstellungen anderer Autor!nnen ohne entsprechenden Verweis übernommen. Einerseits ist dies für jene — wie mich — ärgerlich, die sich die Mühe machen (auch wissenschaftliche und zitierfähige) Publikationen zu erarbeiten, andererseits wird damit auch das weiterführende Studium einzelner Aspekte dieses Themenfeldes (bspw. Online-Volunteering oder die ‚lernende Community‘ der Social Media Szene) erschwert, was ja gerade die Stärke dieser Zusammenfassung hätte sein können.
  •  Weiterhin hätten auch einige eingeführte Begriffe und Konzepte wie der des Milieus oder der der „Medien- und Beteiligungskompetenz“ näher beschrieben werden müssen. Was Embacher und Härtel genau unter dem z.Zt. sehr populären Milieubegriff oder dem der Medienkompetenz bzw. dem mir bislang unbekannten Begriff der Beteiligungskompetenz verstehen, bleibt leider im Dunkeln.
  • Als diskussionswürdig erachte ich außerdem die nicht wirklich begründete Trennung von bürgergesellschaftlicher Selbstorganisation in kleinen Vereinen und Initiativen und größeren Organisationen der Zivilgesellschaft. Semantisch stellen Embacher und Härtel die einen als eine Art Manifestation der Bürger-, die anderen als eine der Zivilgesellschaft dar, was sich angesichts der deutlich zivilgesellschaftlichen Ansprüche (i.S. des Habermas’schen Vernetzungsimpetus) der Berliner Sozialhelden oder der Kampagnennetzwerke wie Campact, Avaaz wohl kaum durchhalten lässt.

Interessierten Leserinnen und Lesern wünsche ich viel Vergnügen bei dieser m.E. erhellenden Lektüre. Der dargestellte Stand der Dinge sollte dabei allerdings nicht als ‘in Stein gemeißelt’ betrachtet, sondern als Aufforderung verstanden werden, sich aktiv in die laufende Diskussion einzubringen. Vielleicht ist hierfür auch eine neue Runde der NPO-Blogparade sinnvoll. Was meint ihr?!

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Erste Studie zum Online-Engagement in Deutschland veröffentlicht — ein Kommentar

Mit einiger Begeisterung habe ich die Veröffentlichung der ersten quasi-repräsentativen Erhebung zum freiwilligen Online-Engagement junger Menschen zu Kenntnis genommen. Bereits im Mai dieses Jahres lag die vom Bundesfamilienministerium (BMFSFJ) geförderte Studie des Forschungsverbundes aus TU-Dortmund und dem Deutschen Jugendinstitut (DJI) vor. Kürzlich wurde sie auch auf der Webseite zum Download bereit gestellt. Unter dem Label „Engagement 2.0“ widmete sich das zweijährige Forschungsprojekt (2009 bis 2010) unter Leitung von Thomas Rauschenbach erstmals der gesellschaftlichen Beteiligung und dem freiwilligen Engagement junger Menschen in Zeiten des Web 2.0.

Hintergrund,  Struktur und zentrale Findings

Mit der Untersuchung „jugendlicher Aktivität im Wandel“ (Obertitel der Studie) fokussierte die Forschungsgemeinschaft dabei vor allem die Auswirkungen alltäglicher Webkommunikation Jugendlicher zwischen 13 und 20 Jahren. Damit reagierte die TU Dortmund und das DJI auf die sich abzeichnenden Veränderungen jugendlicher Lebens- und Erlebenswelten, die heute häufiges Thema in medienpädagogischen Debatten sind. Der wohl auch heute noch landläufige Vermutung (oder Befürchtung), Jugendliche würden ihre gesamte Zeit im Internet verbringen und sich so sukzessive von ‚realer‘ gesellschaftlicher Teilhabe zurück ziehen, wird jedenfalls recht prominent widersprochen. Des Weiteren bestätigen die zentralen Findings dieser Studie, die Ergebnisse des aktuellen Freiwilligensurveys zum Interneteinsatz im freiwilligen Engagement sowie unterschiedliche Einschätzungen zur Entstehung neuer Engagement-Formen abseits etablierter NPOs:

(1)    Die verstärkte Internetnutzung Jugendlicher [hat] keinen negativen Einfluss auf ihre Be-reitschaft zum freiwilligen Engagement
(2)    Computer und Internet [sind] zum alltäglichen Hilfsmittel auch im traditionellen freiwilligen Engagement Jugendlicher geworden
(3)    [es zeigen sich] auch bei Jugendlichen neue Formen internetgestützten Engagements (S. 5).

Im ersten inhaltlichen Abschnitt der Studie beschäftigen sich die Autorinnen und Autoren zunächst mit „Definitionsvorschlägen“ für die zentralen Begrifflichkeiten der Erhebung — „Web 2.0“ und „Engagement 2.0“. Anschließend zeigen sie die zentralen Argumentationslinien in der Debatte um die medientechnische Entwicklung des Internets wie auch der mobilen Endgeräte auf und gehen schließlich auf den Stand der Forschung zum Online-Engagement ein. Die zentralen Argumentationslinien in der laufenden Debatte rund um das Web werden grob in kulturoptimistische und kulturpessimistische Argumentationen eingeteilt, wobei mein Konzept der Online-Freiwilligenarbeit (richtiger Weise) der kulturoptimistischen Seite zugerechnet wird (S. 25; S. 36).

Bezüglich des Forschungsstandes zum Online-Engagement kann es nicht überraschen, dass eben diesem große Lücken attestiert werden:

Der Blick auf den Stand der Forschung zum Einfluss des Internets auf das freiwillige Engagement Jugendlicher zeigt, dass dieses Thema, sowohl in der Engagementforschung als auch in der medien- und freizeitpädagogischen Forschung bislang noch keine große Bedeutung hat. So hat es in den Shell-Studien der letzen Jahre und im Freiwilligensurvey zwar Fragestellungen zu diesem Themenkomplex gegeben, tiefergehende Analysen zu den Zusammenhängen zwischen Internetnutzung und Engagement fehlen aber (S. 32).

Eine Lücke, die mit der Erweiterung des Fragenkataloges des AID:A-Surveys (Aufwachsen in Deutschland: Alltagswelten) geschlossen werden sollte. Im Mai 2010 konnten somit insgesamt 1.062 Jugendliche zwischen 13 und 20 Jahren in 15- bis 20-minütigen Telefoninterviews befragt werden und Erkenntnisse zum Zusammenhang freiwilligen Engagements und der Internetnutzung Jugendlicher gewonnen werden (S. 10).

Definitionsvorschläge: „Web 2.0“, „Engagement 2.0“ und „Online-Freiwilligenarbeit“

Erstaunen muss, dass im Rahmen dieser Studie tatsächlich der Begriff „Web 2.0“ der Bezeichnung „Social Web“ (oder vielleicht noch einfacher „Internet“) vorgezogen wurde. Hauptsächlich in Anschluss an die Konturierungsversuche Tim O’Reillys beschreiben die Autorinnen und Autoren „Web 2.0“ als Begrifflichkeit, die auf „spezifische technische Innovationen, aber primär auf eine veränderte Nutzung des Internets“ verweist (S. 13). Dabei ist natürlich richtig, dass die Userinnen und User — unterstützt von diversen Anwendungen und Diensten — Inhalte in erheblichem Maße selbst erstellen, bearbeiten und verteilen und insofern auch als „produser“ (Alvin Toffler 1983)  bezeichnet werden können, doch war das (wenngleich in geringerem Maße) auch schon vor der ersten Erwähnung des Begriffes Web 2.0 der Fall (bspw. im Virtual Volunteering Pilot Project 1996 bis 1998). Bereits vor der Erfindung des WWW gab es Medientechniken, die das Erstellen, Verarbeiten und Verteilen von Medieninhalten möglich machten (E-Mail, IRC, FTP usw.). Andernfalls wäre das „Project Gutenberg“ des US-Amerikaners Michael Hart 1971 — meines Wissens das erste Online-Volunteering-Projekt der Welt — ebenso wenig möglich gewesen, wie die vielfältigen Aktivitäten der Hacker- und Cracker-Szene damaliger Zeit.

Mit dem Begriff „Web 2.0“, der den Autorinnen und Autoren offenbar nur in seiner Abgrenzung zum „Web 1.0“ etwas „unscharf“ erscheint (S. 14), wird versucht ein jugendliches Phänomen zu fassen, dass auch „das Verhältnis zu anderen Generationen grundlegend Verändert“ (ebd.). Damit ist natürlich die scheinbare Virtuosität junger Menschen beim Umgang mit diversen Endgeräten angesprochen, womit auch gleich noch ein paar neue Rollenkonstellationen postuliert werden, auf die allerdings nicht weiter eingegangen wird. Wohl auch in Anschluss an die „unscharfe“ (Ab-) Trennung des alten vom neuen Internet verweist die Argumentation an dieser Stelle auf die m.E. abenteuerlichen Konstruktionen von „digital natives“ und „digital immigrants“, die sich bspw. im Gutachten zum diesjährigen Deutschen Präventionstag „Neue Medienwelten“ in Oldenburg finden (ebd. 66ff)

Der kurze Abschnitt zu Web 2.0 (S. 13f.) mündet im zweiten Definitionsvorschlag: dem zum „Engagement 2.0“. Ich stand diesem Begriff und seiner Definition schon während der letztjährigen Preview-Diskussion dieser Studie beim Deutschen Verein kritisch gegenüber, bekam ihn dort allerdings als „Arbeitsbegriff“ vorgestellt, sodass ich zu dieser Zeit nicht weiter nachhackte. Umso mehr ist es mir heute ein Rätsel, warum an dieser Stelle so umständlich mit dem „Appendix 2.0 die semantische Nähe zum Internet hergestellt“ werden muss (S. 14), wenn es doch auch im Deutschen so einleuchtende Wortkombinationen wie „Online-Freiwilligenarbeit“ oder „Online-Engagement“ gibt. Überdies zeitigt auch die (Ausschluss-) Definition dieses Begriffes eine gewisse Neigung Neues in die Welt zu setzen:

Mit Engagement 2.0 sollen nach dieser Definition Tätigkeiten bezeichnet werden, die
(1)    die technischen Möglichkeiten des Internets nutzen oder fortentwickeln, bzw. zu dessen inhaltlicher Entwicklung beitragen,
(2)    freiwillig und ohne Entgelt ausgeführt werden und
(3)    einen Nutzen erzeugen, der sich nicht ausschließlich auf den Kreis persönlich bekannter Personen bezieht (S. 14f).

Mit dem ersten Kriterium dieser Ausschlussdefinition wird das „Engagement 2.0“ zunächst auf Webaktivitäten begrenzt. Aktivitäten, die entweder die Mittel und Möglichkeiten moderner Webkommunikation nutzen (sich bspw. in Facebook-Gruppen organisieren), sie fortentwickeln (bspw. Webseiten, Anwendungen o.ä. programmieren) oder zur inhaltlichen Entwicklung div. Webangebote beitragen (bspw. Blogposts schreiben) fallen somit unter „Engagement 2.0“. Damit ist nicht nur beschrieben, was „Webaktivitäten“ genau sein sollen, sondern auch schon drei Typen des Online-Engagements angesprochen, die im Rahmen dieser Studie gebildet wurden:

  • „Politikinteressierte Internetnutzer/innen“ (S. 107ff),
  • „Mitglieder von Internetgruppen“ (S. 116ff) und
  • „Produzent(inn)en“ (S. 126ff).

Mit dem zweiten und dritten Kriterium wird dann natürlich auf die Freiwilligenarbeit verwiesen und das „Engagement 2.0“ von der Berufstätigkeit abgegrenzt. Die Autorinnen und Autoren weisen dabei darauf hin, dass die Termini „freiwillig“ und „unentgeltlich“ „sehr weiche“ und „wenig wissenschaftliche“ Begriffe sind, die zur Indikatorenbildung eigentlich nicht ausreichen. Gleiches gilt wohl auch für die Gemeinnützigkeit, die mit dem dritten Punkt angesprochen ist und auch später in dieser Studie diskutiert wird (bspw. S.28). Eine (direkte oder indirekte) Gemeinwohlorientierung kann schließlich für jedwede Tätigkeit beansprucht werden, die sich im Rahmen der Verfassung bewegt (Enquete Kommission „Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements“ 2002: 39).

Es ist mir an dieser Stelle nicht klar, warum hier eine so umständliche Ausschlussdefinition entworfen wurde, in der Freiwilligkeit, Unentgeltlichkeit und Gemeinwohlorientierung explizit angesprochen werden, Gemeinschaftlichkeit und Öffentlichkeit — die wesentlichen Dimensionen freiwilligen Engagements –  dagegen nur mit dem Internet als öffentlicher Raum oder — sozusagen über Eck — durch die implizite Ansprache der gängigen Definition freiwilligen Engagements nahegelegt wird (S. 15). Um an dieser Stelle das eigentliche Anliegen dieses Kapitels – ‚Definitionsvorschläge formulieren‘ —  aufzunehmen, schlage ich vor, die Online-Freiwilligenarbeit in Anschluss an die gängige Definition freiwilligen Engagements wie folgt zu definieren:

[Online-Freiwilligenarbeit bezeichnet] eine nicht erzwungene, unentgeltliche Tätigkeit, die nicht ausschließlich im Bereich der Familie, der Wirtschaft oder der öffentlichen Verwaltung ausgeübt wird, Anspruch auf Gemeinnützigkeit erheben kann und nach außen gerichtet in Kooperation mit anderen teilweise oder komplett über das Internet vom heimischen Computer, vom Arbeitsrechner oder von unterwegs aus geleistet wird (vgl. Jähnert 2010: 395).

Fazit

Mit der Studie zu „jugendlichen Aktivitäten im Wandel — gesellschaftliche Beteiligung und Engagement in Zeiten des Web 2.0“ liegt die erste quasi-repräsentative Erhebung zum freiwilligen Online-Engagement in Deutschland vor. Allein dies ist schon lobenswert! Zudem waren die Forscherinnen und Forscher bei ihren Literaturstudien zu den Themen Internet und Online-Engagement recht gründlich, womit der Abschlussbericht vor allem für Einsteigerinnen und Einsteiger neben einem reichhaltigen Fundus an Literatur auch die hauptsächlichen Argumentationslinien in der aktuellen Debatte bereit hält.

Für ‚Insider‘ der Diskussion um Partizipation und Freiwilligenarbeit in Zeiten von Social Media müssen die Findings dieser Erhebung zunächst als Bestätigung gängiger Vermutungen gelten. Vor allem zur Internetnutzung Jugendlicher gibt es kaum Abweichungen von anderen Studien ([N]Onliner-Atlas / ARD/ZDF-Online-Studie  / Schell Jugendstudie) und auch beim Interneteinsatz in der Freiwilligenarbeit sind keine Überraschungen auszumachen. Beides — sowohl die Internetnutzung als auch das freiwillige Engagement — werden weiterhin vor allem mit Bildung in Verbindung gebracht, der im Freiwilligensurvey von 2004 allerdings eine „Zwitterstellung“ zwischen strukturellen und kulturellen bzw. ideellen Faktoren unterstellt wurde. „Mit dem Erwerb mittlerer und höherer Bildung“ — so heißt es ebenda (2005: 89) — ist „auch der Erwerb bestimmter kultureller Orientierungen verbunden“; bspw. der Orientierung auf ein freiwilliges Engagement oder Ehrenamt ‚der Tradition wegen‘.

Wie die obigen Ausführungen wohl nahe legen, halte ich zunächst die zentralen Begriffe der Studie für an der aktuellen Diskussion vorbeikonstruiert. Weder die Ausführungen zum„Web 2.0“ noch der Anschluss daran mit „Engagement 2.0“ scheinen mir wirklich haltbar. Eigentlich nur aus wissenschaftspolitischen Erwägungen heraus, die die Prägung eines ‚neuen Begriffes‘ als Reputationsgewinn verbuchen, ist mir die ‚Herstellung der semantischen Nähe zum Internet durch den Appendix 2.0‘ erklärlich. Etwas ferner dagegen liegt, dass hier ein „rosa Elefant“ aufgeblasen wurde, der von den eigentlichen Schwächen der Studie ablenken soll. Im Sinne kritischer Wissenschaft sollte aber auch dem nachgegangen werden. Hinweise sind mir herzlich willkommen.

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Onlinenutzung Deutscher

Wenn es um die Freiwilligenarbeit im Internet gehen soll, sollte man sich natürlich auch die Frage stellen, wie es mit der Internetnutzung der Deutschen eigentlich aussieht. Bis jetzt habe ich zwei Studien gefunden, die ich hier kurz vorstellen will. Den (N)Onliner- Atlas 2008 und die ARD/ZDF Onlinestudie.

Der (N)Onliner- Atlas 2008 ist eine Internet- Nutzungs- Studie von “TNS-Infratest”, die von der Initiative D21 in Auftrag gegeben, seit 2001 jährlich durchgeführt wird. Im (N)Onliner- Atlas werden die Deutschen (ab 14 Jahre) in “Offliner”, “Nutzungsplaner” und “Onliner” eingeteilt, wobei ein Onliner ein “Nutzer des Internets [ist], unabhängig von Ort und Grund der Nutzung (S. 9). Laut (N)Onliner- Atlas sind 65,1% der Deutschen “Nutzer des Internets”.

Die ARD/ZDF- Onlinestudie wurde vom Institut für Medien- und Marketingforschung “Enigma GfK” durchgeführt und von der ARD/ZDF Medienkommission in Auftrag gegeben. Sie wird seit 1997 jährlich durchgeführt. In der ARD/ZDF- Onlinestudie werden die Internetnutzer nach Basishabitus und Online-Nutzer-Typen unterteilt, was ein scharfes Bild deutscher Internetnutzer(innen) ergibt. In dieser Studie liegt der Onliner(innen)anteil bei 65,8%.

Beide Studien scheinen mir für meine Arbeit brauchbar. Während die Onlinestudie der öffentlich-rechtlichen ein scharfes Bild der deutschen Internetnutzerschaft präsentiert, gibt — wie es der “Engagementatlas” aus dem letzten Post auch tut — der (N)Onliner- Atlas eine genauere Verteilung der Internetnutzer(innen) in Deutschland wieder. Die leichte Abweichung im Gesamtprozentsatz deutscher Internetnutzer im gleichen Zeitraum, die aus der unterschiedlichen Gesamtheit der Befragten ((N)O ca. 52.500 — ARD/ZDF- Ols ca. 1.800) resultiert, kann dabei sicherlich vernachlässigt werden.

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