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Schlagwort-Archive: Wissenschaft
Zitationsanalyse mit Google Scholar Citations
Schon toll, diese Mittel und Möglichkeiten, die das Internet heute bietet, nicht wahr? Gerade gestern bin ich auf ein Monitoring-Tool gestoßen, dass insbesondere publizierende Akademiker!nnen interessieren dürfte: Google Scholar Citations. Die Zitationssuche von Google Scholar erlaubt es, die wissenschaftliche Zitation eigener Werke im Auge zu behalten und somit mögliche Kooperationspartner!nnen ausfindig zu machen und/oder Missverständnisse — die auch in der Welt der Fachzeitschriften an der Tagesordnung sind — aus dem Weg zu räumen. Google Scholar Citations bietet überdies einen Zitationsgraphen, der die absolute Menge der Zitationen über die Zeit (Jahr für Jahr) wiedergibt und errechnet unterschiedliche Zitationsindexe: Die absolute Zahl der Zitationen aller Werke, den Hirsch-Index, der die Konstanz der Zitation der Werke eines Autoren bzw. einer Autorin wiedergibt sowie den i10-Index, der die absolute Zahl an Publikationen mit mindestens zehn Zitationen wiedergibt.
Wozu ist die Zitationsanalyse gut?
Nun wird der eine oder die andere sicherlich Fragen, wozu das Monitoring wissenschaftlicher Zitation gut ist. Welcher Zitationsindex auch immer errechnet wird, er gibt in keiner Weise den Gehalt einer Publikation wieder. Die absolute Zahl der Zitationen zeigt zunächst nur, dass ein Autor oder eine Autorin Werke veröffentlicht, die von anderen zitiert werden. Wie oft ein Werk (z.B. ein Artikel, ein Buch oder ein Thesenpapier) aber von anderen aufgenommen wird, sagt noch nichts über die Qualität des Inhaltes; vernichtende Kritiken gehen hier ebenso ein, wie die zufällige Auswahl eines Werkes zur Untermauerung der eigenen Thesen („…das hat XY auch gesagt…“). Gleiches gilt für den i10-Index, wobei der Faktor hier freilich wesentlich kleiner ausfällt, weil ja nur Werke einbezogen werden, die mindestens 10 Mal zitiert wurden.
Als Beispiel für die mangelnde Aussagekraft von Zitationsindexen hinsichtlich der Qualität wissenschaftlicher Arbeiten sei hier Thilo Sarrazins akademischer Tiefschlag „Deutschland schafft sich ab“ angeführt: Für das bei der Deutschen Verlagsanstalt veröffentlichte Werk zählt Google Scholar 111 Zitationen in mindestens fünf verschiedenen Sprachen. Wer sich an die öffentliche Debatte um die provokant-populistischen Thesen Saarrazins erinnert, stimmt mir in der Vermutung sicherlich zu, dass ein Gros der Werke, in denen Sarazin zitiert wird, eher vernichtend als zustimmend ausfallen. Als Belege dafür sollten an dieser Stelle die 15 in der Wikipedia genannten Komentator!nnen ausreichen, die sich überwiegend negativ auf Sarrazin beziehen. Überdies sei auch noch auf den sehr lesenswerten Beitrag zum „fehlenden Kapitel“ über die Eugenik-Debatte unter den Sozialisten und Sozialdemokraten früherer Tage verwiesen, den Andrea Kamphuis im März vergangenen Jahres veröffentlichte.
Etwas anders verhält es sich wiederum mit dem Hirsch-Index. Der Faktor h (für Jorge E. Hirsch) stellt eine Art Median der Zitationen eines Autoren bzw. einer Autorin dar, gibt also jene Menge an zitierten Werken wieder, die einerseits mindestens h-mal und andererseits höchstens h-mal zitiert wurden, wobei null Zitationen nicht zählen. Für mathematisch begabte etwas konkreter:
„Ein Wissenschaftler hat einen Hirsch-Index h, wenn h von seinen insgesamt N Publikationen mindestens h-mal, die restlichen (N – h) Publikationen höchstens h-mal zitiert wurden. Zur Ermittlung kann man alle Veröffentlichungen des Autors nach Zitier-Häufigkeiten absteigend aufreihen. Man zählt nun durch, bis die r-te Veröffentlichung weniger als r Zitierungen hat. h ist dann r – 1“ (Wikipedia).
Bildquelle: CC-BY-SA Wikipedia
So gibt der Hirsch-Index also eine relative Zahl wieder, die ihrerseits aber auch nichts über die Qualität der Publikationen aussagt — zumindest nicht direkt. Da der Hirsch-Index umso höher ist, je öfter alle Publikationen eines Autoren oder einer Autorin zitiert werden, lässt sich hier lediglich ableiten, dass die Werke des jeweiligen Autoren bzw. der jeweiligen Autorin in den akademischen Diskurs aufgenommen werden. Ob zustimmend oder ablehnend, ob wohlwollend oder vernichtend spielt auch hier keine Rolle. Der Vorteil beim Hirsch-Index ist aber, dass (pseudo-) wissenschaftliche Publikationen wie die von Sarrazin keinen großen Einfluss auf das Ranking haben, solange seine Werke nicht ständig derart Raum in der akademischen Debatte einnehmen, was mit „Europa braucht den Euro nicht“ allerdings nicht auszuschließen ist.
Wozu also die Zitationsanalyse, wenn doch kaum handfeste Aussagen zu erwarten sind? Hat sich die Wissenschaft hier sowas wie Algorithmen der Eitelkeit geschaffen oder gibt es vielleicht noch andere Vorteile als die bloße Selbstbeweihräucherung? Ja, die gibt es! Auch wenn der Zitationsindex lediglich widergibt, dass die Werke eines Autoren oder einer Autorin im akademischen Diskurs zitiert worden sind, gibt er doch auch einen Hinweis darauf, wen der akademische Nachwuchs am besten zitiert, um die eigenen Thesen glaubwürdig zu untermauern. Das Wissenschaftssystem ist — nicht nur in Deutschland — stark hierarchisch strukturiert und vom Streben nach Eliten bestimmt. Eben diese Eliten sind es, deren Thesen im akademischen Diskurs immer wieder aufgenommen werden, weil sie es auch sind, die von anderen immer wieder (zustimmend) zitiert wurden (Matthäus-Effekt). Zwar wiederspricht das nicht den Algorithmen der Eitelkeit, doch bilden die Index-Werte lediglich ab, was in der Wissenschaft seit eh und je gemacht wird: Man sucht nach Antworten auf eine bestimmte Frage und stößt dabei immer und immer wieder auf die Zitation einzelner Autor!nnen, deren Werke man sich dann besorgt und ggf. zitiert. Der Artikel über den man auf diese Hauptquelle aufmerksam geworden ist, bleibt dagegen unerwähnt.
Weitere Vorteile der Zitationsanalyse hatte ich einleitend schon kurz angesprochen. Dank Google Scholar werden Publizist!nnen nun rascher darauf aufmerksam, wenn sie von anderen Zitiert worden sind. Von Vorteil ist das insbesondere bei anspruchsvollen Nischenthemen. Mittels Google Scholar wird man nämlich auch auf jene Autor!nnen aufmerksam, die einem nicht unmittelbar aus der eigenen Arbeit bekannt sind. Nehmen wir das Beispiel „Online-Volunteering“: Die meisten Akademiker!nnen, die in Deutschland Werke zum freiwilligen Online-Engagement oder anverwandten Themen veröffentlicht haben, kenne ich. Der Kreis ist immer noch überschaubar. Veröffentlicht nun aber ein Einsteiger bzw. eine Einsteigerin ein wissenschaftliches Thesenpapier zum Online-Engagement und zitiert mich darin, würde ich nicht gleich aufmerksam werden, sondern erst über sechs bis sieben Ecken davon erfahren. Gleiches gilt für Missverständnisse. Werde ich in einem Werk falsch oder irreführend zitiert, kann ich schneller reagieren und ggf. richtigstellende Repliken veröffentlichen.
Zusammengefasst:
Alles in allem ist Google Scholar Citations ein nützliches Tool für (angehende) Akademiker!nnen. Zwar geben die errechneten Indexe zunächst keine Hinweise auf die Qualität der wissenschaftlichen Arbeiten, doch lässt sich mit ihrer Hilfe ein Quellen-Ranking erstellen, das wiederum hilfreich bei der Auswahl der ‚richtigen‘ Autor!nnen ist. Für Akademiker!nnen, die im Wissenschaftssystem mitspielen wollen, bietet Google hier eine kostengünstiges und funktionales Tool. Und auch jene Autor!nnen, die die Problemlösung über ihrer akademische Reputation stellen wollen (eine noch recht selten vorkommende Spezies), bietet Google Scholar Citations die Möglichkeit, schneller von potentiellen Kooperationspartner!nnen zu erfahren als es früher möglich war. Insbesondere der neuen Wissenschaft, in der zurzeit OpenScience, OpenAccess und OpenData diskutiert werden, sei dieses Tool wärmstens empfohlen.
Veröffentlicht unter Kurz Notiert, Studium
Verschlagwortet mit Google Scholar, Hirsch-Index, OpenScience, Wissenschaft, Zitationsanalyse, Zitationsindex
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OpenScience und Bloggen
Anfang Mai war auf dem Blog des Instituts für Kommunikation in Sozialen Medien zu lesen: „ikosom goes OpenScience“. Wenngleich noch in der Selbstfindungsphase befindlich, forciert ikosm nicht weniger als eine spürbare Veränderung in der Online-Forschungs-Landschaft in Deutschland. Zwar meint Jörg Eisfeld-Reschke, dass OpenAccess und OpenData in der deutschen Wissenschaft immer mehr an Bedeutung gewinnen, doch reicht ihm das für das Label „OpenScience“ offenbar nicht aus. Ihm zufolge braucht OpenScience eine neue Haltung von Wissenschaft, eine Haltung des Teilen-Wollens, die wir aus der Welt der Sozialen Medien und ganz besonders aus den Sphären der Fachblogs schon länger kennen.
Was ist OpenScience?
Bei der Öffnung von Wissenschaft geht es ikosom darum, die Wissenschaftskultur zu verändern. Interessierte sollen künftig mit forschen, sich also in den Prozess der Forschung selbst einbringen und sich nicht nur auf die Rezeption wissenschaftlicher Inhalte beschränken müssen. OpenScience also nicht „nur für die Wissenschaft sondern für die Gesellschaft“ …
Große Worte, denen man sicherlich skeptisch gegenüber stehen kann. In die scientifical community können sich doch eigentlich alle Menschen einbringen, die meinen auch nur halbwegs geradeaus schreiben zu können. Wer etwas zu sagen hat, kann es heute (Web 2.0 sei Dank) ohne Weiteres tun und sich dabei, wie die ‚echte‘ Wissenschaftler!nnen auch, auf wissenschaftliche Erkenntnisse — oder was man eben dafür hält — stützen. Eigentlich genau das, was schon seit einiger Zeit in vielen Blogs geschieht, die ich regelmäßig lese.
Ist Bloggen also OpenScience?
Selbstverständlich gibt es unterschiedliche Arten von Blogs. Unterscheiden lassen sich Blogs als Publikationsangebote recht gut anhand der Arten publizierter Texte. Da gibt es journalistische Texte, die bspw. in Blogs wie Netzpolitik.org überwiegen, da gibt es poetische Texte, die z.B. bei Poesiegrenadine überwiegen und dann gibt es eben auch wissenschaftliche Texte, die in Blogs überwiegen, die ich so lese. Diese lassen sich wiederum nach dem Schwerpunktthema unterscheiden: Da gibt es z.B. Law-Blogs wie den von Hennig Krieg, Philosophie-Blogs wie den von Robert Dürhager (u.a.) und auch Blogs mit sozialwissenschaftlichem Fokus, die man in der NPO-Blogger!nnen-Szene häufig findet; Blogs über Anerkennung, Blogs über die Zukunft des Dritten Sektors, Blogs über neue Wege zum freiwilligen Engagement …
Doch lässt sich das Bloggen schon deshalb als OpenScience bezeichnen, weil jemand versucht, wissenschaftlich zu arbeiten? Gehört zu OpenScience nicht auch die Haltung des Teilen-Wollens?
Auch wenn Jörg Eisfeld-Reschke meint, das Teilen via OpenAccess und OpenData würde in der Wissenschaft immer mehr Bedeutung gewinnen, halte ich diese Praktiken für noch sehr avantgardistisch. Die meisten ‚ordentlichen‘ Wissenschaftler!nnen, die ich so kenne, wollen nicht teilen, sie wollen publizieren. Sie wollen in die wichtigen Fachzeitschriften mit peer-review und allem was dazu gehört. Den meisten ist die Problemlösung weniger wichtig als ihr Vorankommen im Wissenschaftssystem, eine Karriere die zumeist in einer ordentlichen Universitätsprofessur münden soll (Grühn et al. 2009).
Ich schließe mich hier nicht aus. Ich selbst habe auch schon einige Zeit und Kraft darauf verwandt, wissenschaftliche – zitierfähige (!) – Publikationen zu verfassen. Im Gegensatz zu vielen anderen, schreibe ich in Fachzeitschriften aber vor allem das, was ich in meinem Blog vorher besprochen habe und deshalb für eine gesicherte Erkenntnis halte. Als ich 2008 meine Diplomarbeit zum freiwilligen Online-Engagement vorbereitete, habe ich damit angefangen und bin bis heute dabei geblieben. Für mich ist das OpenScience!
Spaß und Hingabe auf teutonisch – nicht ganz alltäglich im Studium
Von den Teutonen hatte ich bereits an anderer Stelle berichtet. Im Rahmen einer früheren Runde der NPO-Blogparade berichtete ich von dem witzigen Essay Johan Galtungs über intellektuelle Stile. Der ca. 20-seitige Aufsatz ist zwar schon so alt, wie ich selber bin, hat von an seiner Aktualität aber wenig eingebüßt. Vor allem an den Texten „sachsonischer“ und „teutonischer“ Autorinnen und Autoren lässt sich erkennen, dass es entscheidende Unterschiede im akademischen Gebaren gibt, die den jeweiligen Umgang miteinander prägen. Ein Musterstück eines solchen Textes will ich an dieser Stelle einmal vorstellen. Bevor ich damit aber beginne, muss zunächst die Geschichte dazu erzählt werden.
Der Hintergrund
Ich hatte letztes Semester das ‚Vergnügen‘ zwei Mal in der Woche eine psychoanalytische Supervision über mich ergehen zu lassen. Reflektiert wurde das zweimonatige Praktikum, das ich in Teilzeit über das gesamte Semester hinweg im Zentrum für Technik und Gesellschaft der TU-Berlin absolvierte. Schwerpunktmäßig ging es in diesem Forschungspraktikum um eine Vorstudie zur Personal-, Team- und Organisationsentwicklung an deutschen Hochschulen. Mit einer Methode namens „Scrum“ arbeiteten wir an einer Übersicht zu Hochschulgovernance sowie den Notwendigkeiten und Herausforderungen für eine hochschulinterne Personal- und Organisationsentwicklung.
Wie es eben üblich ist, musste auch das Modul „Praktikum und Supervision“ mit einer benoteten Arbeit abschließen. Wir Teilnehmenden sollten einen Essay von nicht mehr zehn Seiten fabrizieren, in dem wir uns einem bestimmten Aspekt unseres Praktikums herausgreifen und auf entsprechend hohem Niveau (theoriegeleitet) reflektieren sollten. Schon früh beschloss ich mich mit der empirischen Prozesssteuerung in der Wissenschaft – und genauer mit der Methode „Scrum“ – zu beschäftigen, was ich schließlich auch tat.
Mein Essay eröffnete ich mit einem Zitat der amtierenden Präsidentin der deutschen Hochschulrektorenkonferenz Margret Wintermantel, das die Wichtigkeit der Wissenschaft und Forschung für das gesellschaftliche Fortkommen betonen sollte. Hier setzte ich an und bemühte mich schlüssig aufzuzeigen, dass die „Produktion“ von Innovationen die zentrale Aufgabe universitärer Forschung ist. M.E kann die Universität als „Gelertenrepublik“ dieser Aufgabe nicht gerecht werden. Notwendig sind – und darauf wollte ich hinaus – Organisationsentwicklungen, die eine fehlerfreundliche Kultur des Miteinanders ermöglicht.
Als Selbstversuch stellte ich unser Scrum-Projekt vor, wofür ich die Methodik zunächst erläuterte und den Einsatz dieser empirischen Prozesssteuerung schließlich reflektierte – mit dem Ergebnis, dass einiges Mehr als nur guter Wille und gute Tools dazugehören, um produktive Teamarbeit in der Universität garantieren zu können.
Nach dem ich das Thema Scrum in der Supervisionsrunde einmal reflektierte, blieb es bei der verantwortlichen Professorin offenbar im Gedächtnis. Immer wieder kam sie darauf zurück und wirkte dabei sehr interessiert. Sie sagte mir auch, dass sie sich auf meine Arbeit freue und gern mehr über diese Methode erfahren möchte. Offenbar hatte ich einen Nerv getroffen und damit beste Voraussetzungen für einen gelungenen Modulabschluss.
Feedback zum Essay
Tatsächlich hatte meine Professorin die Arbeit aufmerksam gelesen und anstatt der üblichen drei Zeilen-E-Mail mit der Note ein recht ausführliches Feedbaack-Papier (4 Seiten) geschickt. Schon dass sie sich dazu hat hinreißen lassen, zeigte mir, dass sie sich für das Thema wirklich interessierte. Wie sie sich dann aber mit meinem Essay auseinandersetzte und wie das entsprechende Feedback aussah, fand ich bezeichnend für die deutsche – die teutonische – Art von Spaß und Hingabe.
Zunächst freute es mich natürlich zu lesen, dass sie meine Arbeit „sprachlich sehr klar und verständlich geschrieben“ fand und sie „unter formalen Aspekten“ als „sorgfältig verfasst“ ansah.
Der Aufbau der Arbeit ist ebenfalls gut nachvollziehbar und formal eine gute Lesehilfe. Inhaltlich verführt Ihre Stringenz in der Argumentation Sie aber vielleicht dazu, etwas zu dogmatisch Ihren/den Gedanken durchzubuchstabieren: Innovation ist die Grundlage gesell. Wohlstandes – Forschung ist die Grundlage der Innovation – Für die Forschung ist die Uni zuständig – die funktioniert aber sehr schlecht – die Exportvizeweltmeisterschaft wird verlorengehen, wenn sich die Uni nicht ändert – SCRUM könnte eine Lösung sein Unis zu effektivieren.
„Ja“, dachte ich mir, deutlicher hätte ich mich wohl nicht ausdrücken können – zumindest nicht in einem zehnseitigen Essay. Doch hätte ich das wohl nicht so leichtfertig „durchbuchstabieren“ sollen. Einige meiner Argumente, so wurde nun nämlich moniert, sind nämlich nicht plausibel (das Subjekt des Gegenübers fehlt auch im Original).
Sie halten sich an die Position Wintermantels, einer Hochschulrektorin, die von entsprechend interessierter Seite aus behauptet, Wissenschaft und Forschung seine unstrittig (!?) die Gundlage für die Entwicklung der Wirtschaft und Gesellschaft. – Grundlage ist aber die Dynamik der kapitalistischen Wertschöpfung und die Aneignung des Mehrwerts durch die kapitalistischen Betriebe auf der einen Seite: Sie leisten sich riesige Forschungs- und Entwicklungsabteilungen bzw. kaufen sich Patente und Innovationen aus dem Sektor kleiner innovativer Bastelbuden und Start-Ups ein. Auf der anderen Seite entwickelt sich die Gesellschaft ebenfalls nicht durch die Universitären Institutionen, sondern dadurch, dass sie durch politische Entscheidungen dafür sorgt, dass alle BürgerInnen am produzierten Reichtum durch Umverteilung (Steuern und Soziallohn) partizipieren. Auf diesen Abgaben/dieser Umverteilung von Mehrwertbestandteilen aus der kapitalistischen (Reichtums‑)Produktion basiert (Grundlage!) eine Gesellschaft, die mit Bildung, Infrastruktur für Datentransfer und Verkehr, Medien, Gesundheitsversorgung und sozialer Sicherheit für einen Lebensstandard und eine Produktivität der arbeitenden Bevölkerung sorgt, die ihresgleichen sucht und einen – zumindest in den Jahrzehnten zwischen den 50er und 70er Jahren für einen relativ stabilen Rahmen ihrer Produktionsweise gesorgt hat.
So fand sie also schon Anstoß in den ersten Zeilen meines Essays, die noch nicht einmal von mir selbst stammten, sondern lediglich als Auftakt zitiert wurden. Vielleicht meint Wintermantel ja wirklich, dass Wissenschaft und Forschung die Grundlage für Wirtschaft und Gesellschaft ist. Aus der Eröffnungsrede einer Fachtagung lässt sich das schwer herauslesen. Ich schrieb jedenfalls das Wissenschaft und Forschung die wichtigste Grundlage (was nicht „die einzige“ heißt) für das nationale Fortkommen ist. Aber sei’s drum! Auf die erste Seite meiner Einleitung passt leider nur eine „unterkomplexe Analyse, die Dynamik wirtschaftlicher Entwicklung den Unis zuzuschreiben“
Genauso eindimensional ist aber auch die Selbstverständlichkeit, mit der Sie fordern, den Status der Exportweltmeisterschaft Deutschlands für die Zukunft fortzuschreiben. Es ist gerade dieses Handelsbilanzdefizit, das andere Länder in wirtschaftliche Schwierigkeiten treibt, in unterentwickelten Ländern gar bis zum völligen Erliegen wirtschaftlicher Entwicklung, in Teilen Afrikas zum Beispiel zur Hungersnot führt, weil die Agrarindustrie Deutschlands Produkte dorthin exportiert, die dann die heimischen Märkte und damit die nationale Agraproduktion in den betroffenen Entwicklungsländern zerstören.
Auch auf die ethische Reflexion wissenschaftlicher Entwicklungen – ob aus F&E-Abteilungen internationaler Konzerne, aus „Bastelbuden und Start-Ups“ oder der universitären Forschung – konnte ich leider nicht ausführlich eingehen. Ich finde es aber etwas kurz gedacht, die „Produktion von Innovation“ allzu wörtlich zu nehmen und nicht auch die Reflexion wissenschaftlicher Erkenntnisse einzubeziehen. Zumindest stimmt mir Frau Professorin darin zu, „dass es vielleicht ja auch sozial- und wirtschaftswissenschaftliche Erkenntnisse/Innovationen sein könnten, die aus dieser Lage herausführen könnten.“ Wenn ich nicht dieses schlagende, ja populistische Argument des Erhalts unseres Wohlstands durch die Reproduktion sozialer Schieflagen genannt hätte, wäre mir wohl nicht nur darin zuzustimmen.
Zum Glück – dachte ich mir beim Lesen – trifft meine Analyse des Wissenschaftssystems zumindest „in Teilen“ zu. Zumindest von der Überrepräsentanz der Pedanterie im Wissenschaftsbetrieb kann ich schließlich Lieder singen. Doch ist es wohl wahr, dass Hochschullehrerinnen und Hochschullehrer nicht zur gesellschaftlichen Elite gehören. „HochschullehrerIn ist ein sozialer Aufstiegsberuf“, die Elite des Landes, das sind andere. Da ich mich aber auf die Hochschule und ganz speziell auf die universitäre Forschung konzentrierte, stimme zumindest ich mir zu, dass Professorinnen und Professoren in diesem gesellschaftlich nicht unwichtigen Teilsystem durch aus die Elite sind. Das Problem, dass ich – übrigens in Anschluss an Wolf Wagner – darin sehe, ist, dass mit dem Verweis auf die Wissenschaftsfreiheit eine fatale Selbstbezüglichkeit reproduziert wird, die der gesellschaftlichen Verantwortung der Universität (s.o) mitnichten gerecht wird.
[Doch] ist die Freiheit von Forschung und Lehre keine hohle Phrase. Die Vereinnahmung der Universität für Ihr eindimensionales und – unter Aspekten des internationalen Friedens und gleichberechtigter Entwicklungschancen aller Nationen und Kontinente ethisch schlecht begründbares – Ziel der Stärkung der Exportwirtschaft durch universitäre Innovationsförderung, käme einem Offenbarungseid der demokratischen Verfassung und Selbstverwaltung unserer Gesellschaft gleich.
Sicher: Wissenschaft allein für die Exportweltmeisterschaft zu verzwecken, kann nicht das Ziel der Weiterentwicklung der Organisation Hochschule sein. Das wäre wirklich eindimensional. Wissenschaftliche Forschung und ihrer Ressourcen aber allein der Reputation von Professorinnen und Professoren zu opfern finde ich auch nicht gerecht und bleibe dabei: In Sachen Effektivität und Effizienz muss sich in der Hochschule etwas tun. Zum Beispiel durch die Einführung moderierter Prozesssteuerungstools wie Scrum.
Gerade hier bleibt Ihre Analyse aber zu sparsam: Dieses Methapher des scrum müsste nun ausinterpretiert werden, das Problem, das sie lösen soll, müsste in Analogie zum Rugby, diesem Spiel und seinen speziellen Regeln (z.B. der bemerkenswerten, dass der Ball immer nur nach hinten abgegeben werden darf!!!) analysiert bzw. dargestellt werden. – Da wäre hilfreich gewesen, wenn Sie die Idee, die an Ihrer Praktikumsstelle verfolgt wurde, plastischer gemacht hätten.
Dabei wäre Sie dann und sind es ja teilweise auch auf die Problematik der Unterfinanzierung und der Destabilisierung der Unis durch diese Unterfinanzierung gestoßen: Teilzeitkräfte, befristete Kräfte, Praktikanten – allein die Einarbeitung dieser MitarbeiterInnen kostet viel Zeit, die dann für die tatsächliche Forschung, bei der es eben auch auf einen langen Atem und auf die Ausbildung der Nachwuchskräfte (den Ball nach hinten abgeben und sich dabei gemeinsam nach vorne bewegen – ein tolles Bild finde ich!) ankommt, fehlt. Dadurch wird der bescheidene Forschungsoutput Besonderheiten des Verhaltens zugeschrieben, wo sie tatsächlich logische Folge schlechter Rahmenbedingungen sind. Gut ausgestattete universitäre Fachgebiete und Institute sind eine überaus lebendige, kommunikative und kreative Angelegenheit. Das macht ja auch die Faszination der Forschung an den Hochschulen aus, sonst hätten wir für diese unsicheren Stellen und bei der über lange Jahre eher mageren Bezahlung (Teilzeitstellen!!!) gar keine InteressentInnen mehr.
Hier lässt sich tatsächlich schwer widersprechen. Schon deshalb nicht, weil sie mir in gewisser Weise zustimmt (oder doch nicht?). Ob das Bild des Scrum nun wirklich weiter auszuinterpretieren sei, bezweifle ich zwar – es ist lediglich eine Metapher für die effektive Zusammenarbeit eines heterogen besetzten Teams – doch ist tatsächlich etwas dran, dass wissenschaftlich Mitarbeitende irgendwas an ihrer faktisch prekären Beschäftigung in universitären Forschungseinrichtungen finden müssen. Würde ich diesem Argument aber konsequent folgen, müsste ich fragen, warum nicht so gut laufenden, nicht so gut ausgestatteten Einrichtungen und Instituten die Mitarbeitenden dann nicht schon lange weg gelaufen sind …
Fazit
Ich habe dieses Beweisstück teutonischer Hingabe am Montagmorgen bekommen und vor lauter Neugier gleich am Frühstückstisch gelesen. Auch wenn es nicht das Anliegen dieses Beitrags war, kam ich doch nicht umhin, meine Gedanken dazu nieder zu schreiben. Ich bin eben auch ein Teutone, der ganz intuitiv auf die (vermeintlichen) Schwachpunkte der Argumentation des Gegenübers achtet und eben auch geneigt ist, entsprechend zu reagieren. Auch wenn ein Gros der Aussagen meiner werten Professorin nicht unbedingt anerkennend klingt, hat mir die Beschäftigung mit diesem Papier doch einiges an Spaß bereitet. Vielleicht ebensolchen Spaß, wie der meiner Gegenüber; Spaß und Hingabe auf teutonisch – nicht ganz alltäglich im Studium.





