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„Freiwilligenarbeit 2.0“ im Österreichischen Roten Kreuz
Anfang Oktober hatte ich den Auftakt zur Vorbereitung eines gemeinsamen Workshops mit Gerald Czech zum Online-Volunteering im Österreichischen Roten Kreuz in Krems an der Donau gemacht und „den Ball sehr theoretisch über zwei Thesen“ in Richtung Wien abgespielt. Grundsätzlich beschrieb ich die Online-Freiwilligenarbeit (a) als wertvolle, weil wirkungsmächtige, Ergänzung der On-Site-Freiwilligenarbeit im Rettungsdienst und (b) als Möglichkeit der hierarchiearmen Beziehungspflege und Koproduktion. Gerald hatte nicht lange Zeit später mit einem Konzeptpapier (in der Version „0.1“) von August letzten Jahres geantwortet, dem folgend das Online-Volunteering vor allem für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im Rahmen des ÖRK-Portals www.rotkreuz.at in Dienst genommen werden sollte.
Das Engagement für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit – und besonders die über Dialog und Partizipation forcierenden Sozialen Medien – liegt für die Online-Freiwilligenarbeit offenbar besonders nahe. Häufig höre ich Vorschläge, die in diese Richtung gehen, weise dabei aber immer darauf hin, dass die Öffentlichkeitsarbeit nur ein Teilbereich des Managements einer NPO ist und insofern auch über das Involvement online-engagierter Freiwilliger in andere Bereiche nachgedacht werden sollte. Idealer Weise durchdringt die Freiwilligenarbeit eine NPO auf allen Ebenen und beschränkt sich nicht nur auf die Hilfe (ganz unten in der Hierarchie) und die ehrenamtlich Vorstandsarbeit (ganz oben in der Hierarchie). So möchte ich also den Ball, den Gerald zurück nach Berlin spielte, als idealtypisches Beispiel für den Einbezug Freiwilliger aufnehmen und dazu anregen, auch über das strategische Involvement in andere Bereichen des ÖRK nachzudenken. Dazu ein Vorschlag für unseren gemeinsamen Workshop:
Toolkits für die Online-Freiwilligenarbeit
Gerald schlägt in seinem Konzeptpapier unter anderem die Einrichtung von Freiwilligen-Blogs im Rahmen des ÖRK-Portals vor. Damit forciert er vor allem die redaktionelle Unterstützung, mit dem sich das ohnehin schon sehr breite Content-Angebot von www.rotkreuz.at um div. special interests ergänzen ließe. Ein guter Vorschlag, der auch für andere Bereiche als die Öffentlichkeitsarbeit nutzbar sein könnte. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass sich Online-Volunteers finden lassen, die die Arbeit anderer Managementbereiche (vll. die des Freiwilligenmanagements) kritisch begleiten können und wollen. Dafür braucht es m.E. noch nicht einmal das ‚publizistische Hintergrundwissen‘ von ‚Bloggern und Hobbyautoren‘, wenngleich eine zusätzliche, technische Unterstützung jener Volunteers, die sich nicht zu den digital natives zählen wünschenswert ist. Somit würde die Online-Freiwilligenarbeit als Win-Win-Programm konzipiert: Die hauptamtlichen Fachreferent!nnen bekommen kritischen Input von der Basis (hier nicht im Sinne der Helfer!nnen ganz unten in der Hierarchie, sondern der Unterstützer!nnen, die das Rückgrat der gesamten Organisation bilden) und willige Expert!nnen könnten neben dem Umgang mit neuen Medienformaten wie Blogs, Facebook-Gruppen u.ä. im Diskurs auch mehr vom jeweiligen Managementbereich lernen; ein Angebot, das vor allem Studierende der jeweiligen Fachrichtungen ansprechen und sie auch über die relativ mobile Phase des Studiums an das ÖRK binden könnte.
Für derartige Volunteerblogs allerdings nur den „Raum“ zur Verfügung zu stellen, kann bei weitem nicht ausreichen. Auch das Online-Volunteering muss als Freiwilligenarbeit begleitet werden und organisiert sich nicht von allein. Sinnvoll könnten m.E. Toolkits mit allen (!) relevanten Informationen zu den jeweiligen Projekt- oder Programminitiativen, Policys für den Umgang damit und technische Einführungen (bspw. als Videotutorials). Überdies muss auch eine ernstzunehmende Rückbindung zum jeweiligen Fachreferenten / der jeweiligen Fachreferentin angelegt werden. Zwar könnten dies schon regelmäßige Kommentare und / oder Diskussionsbeiträge sichern, doch erachte ich Gesprächsrunden oder Stammtische (ob nun im Internet via Video-Konferenz oder vor Ort) für die Vermittlung von Wirkungsmacht (einem wesentlichen Motivator im freiwilligen Engagement) als wesentlich effektiver.
Für unseren Workshop in Krems, für den sich meines Vernehmens wohl über ein Viertel aller Tagungsteilnehmer!nnen als interessiert gemeldet haben, schlage ich vor, den Inhalt eines solchen Toolkits zu entwickeln; entweder für einen speziellen Bereich wie die Öffentlichkeitsarbeit (wobei hier nicht der Eindruck entstehen darf, das wäre der einzig mögliche Bereich) oder etwas abstrakter als Whitepaper für alle Bereiche.
Veröffentlicht unter Online-Freiwilligenarbeit
Verschlagwortet mit Online-Volunteering, ÖRK, Workshop
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Zwei Thesen zum Online-Volunteering im Österreichischen Roten Kreuz
Es muss schon im Oktober letzen Jahres gewesen sein, als mich Gerald Czech vom Österreichischen Roten Kreuz fragte, ob ich nicht Lust hätte, bei einer ÖRK-Konferenz in Krems an der Donau über das Online-Volunteering zu sprechen. Natürlich sagte ich zu. Das ÖRK ist schließlich eine jener vielversprechenden NPOs, die vielen anderen traditionellen Großorganisationen im deutschen Sprachraum vormachen kann, dass die Freiwilligenarbeit über das Internet auch für sie ein gangbarer Weg ist. Da Gerald und ich nun im Dezember diesen Workshop zum Online-Volunteering gemeinsam anbieten werden und das Thema „neue Wege zur Freiwilligenarbeit“ u.E. die Öffentlichkeit bekommen sollte, die es verdient, entschieden wir, den Workshop im öffentlichen Dialog über unsere Weblogs vorzubereiten. Ich mache heute den Anfang und will hier zunächst zwei Thesen formulieren, die den Nutzen des Online-Volunteerings für das ÖRK deutlich machen sollen. Natürlich kann sich jeder und jede einklinken – Ergänzungen, Hinweise und Kritik sind uns immer willkommen.
Online-Volunteering: Eine Ergänzung des Engagements ‚on-site‘
Wer die Webseite zur Konferenz besucht, bekommt zunächst die Botschaft präsentiert, das ÖRK hätte „die richtige Jacke für dich“. Pfiffige Freiwilligenwerbung würde ich sagen, doch trifft das auch auf mich zu? Hat das ÖRK auch Jacken für Ausländer, für nicht physisch präsente Sonderlinge, für Online- und Micro-Volunteers? Sicherlich nicht, für Online-Engagierte wird es künfitg eher Buttons für die Webseite geben, wie in der laufenden Facebook-Kampagne freiwillig 2011. Das auf der Webseite aber mit dem symbolträchtigen Kleidungsstück geworben wird, spricht doch Bände. Selbstverständlich ist das Rote Kreuz auf physisch präsente Freiwillige angewiesen. Die Zeit, in der Freiwillige Roboter über das Netz steuern werden, scheint mir (noch) in einer fernen und auch gar nicht so wünschenswerten Zukunft zu liegen. Und doch gewinne ich den Eindruck, dass dem On-Site-Engagement hier großer Wert beigemessen und das Online-Engagement entsprechend unterschätzt wird. Sicherlich kann das Online- und Micro-Volunteering den Rettungs- und Pflegedienst nicht ersetzen, Online- und Micro-Volunteers aber – das ist mein Vorschlag für die erste These – können die Arbeit ‚am Menschen‘ sehr gut ergänzen.
Aus der Katastrophenhilfe dazu zwei Beispiele:
- Ein erstes Beispiel für die Unterstützung der Katastrophenhilfe vor Ort, lieferte Anfang 2010 das US-amerikanische StartUp „The Extraordinaries“. Nach dem katastrophalen Erdbeben im Januar 2010 auf Haiti setzen die Extraordinaries ein System auf, mit dem vermisste Personen ausfindig gemacht werden konnten. Dafür wurde die digitale Bilderflut aus dem haitianischen Katastrophengebiet zunächst mittels Schlagworten (bspw. „Mädchen“, „Junge“, „alte Frau“) kategorisiert und anschließend zusammen mit eventuell passenden Bildern von Vermissten (eben Jungen, Mädchen und alten Frauen) über eine iPhone-App angezeigt. Der Engagement-Task beschränkte sich dann nur noch auf das vergleichen zweier Bilder und das drücken eines von zwei Knöpfen: passt oder passt nicht. Die Zahl der so ausfindig gemachten Personen mag angesichts der Not tausender mit 24 recht mickrig scheinen, doch wer will schon sagen, dass es den Aufwand nicht Wert gewesen wäre?
- Ein zweites Beispiel für die Unterstützung der humanitären Hilfe durch Online-Volunteers bietet zweifelsohne die Mapping-Plattform Ushahidi. Via SMS, MMS oder Online-Applikation werden auf den Karten von Ushahidi Krisengebiete und Konfliktherde in der ganzen Welt markiert und mit zur Verfügung stehenden Informationen versehen. Sicherlich lassen sich schon diejenigen, die die diversen Informationen auf den Karten von Ushahidi einpflegen als Micro-Volunteers bezeichnen, ohne das Engagement der vielen engagierten Webentwickler und Programmiererinnen aber wäre ein Crowdsourcing dieses Umfangs nicht möglich. Konnten sich für die Vermisstensuche der Extraordinaries nur Freiwilligen mit einem iPhone engagieren, ist Ushahidi mit beinahe allem kompatibel, was Daten senden kann.
Natürlich gibt es noch weiter Beispiele für wirkungsmächtige Freiwilligenarbeit über das Internet. Die beiden genannten sollten an dieser Stelle aber ausreichen, um einen Übertrag auf die praktische Arbeit des Österreichischen Roten Kreuzes zu wagen. Beide Beispiele zeigen schließlich, dass Online-Volunteers von zu Hause, vom Arbeitsrechner oder von unterwegs aus die Arbeit der freiwillig und hauptamtlich Mitarbeitenden vor Ort wirksam unterstützen können. Einerseits können sie Informationen recherchieren und über Webapplikationen zur Verfügung stellen, andererseits können sie eben diese Webapplikationen selbst (mit) gestalten und/oder programmieren. Wenn ich recht informiert bin, hat es diesbezüglich auch schon erste erfolgreiche Ansätze im ÖRK gegeben. (Twitter | Facebook)
Die wirksame Unterstützung durch Volunteers, die sich überwiegend über das Internet einbringen, muss dabei natürlich nicht nur auf die Katastrophenhilfe beschränkt bleiben. Wie der Erfolg des „Team Österreich“ zeigt, gibt es hier zwar großes Potential, doch ist der Einbezug auch in anderen Bereichen der Rotkreuzarbeit sinnvoll. Vorstellbar sind z.B. Online-Mentoring-Programme mit älteren und jüngeren Beteiligten, kollaborative Wissenssammlungen und -recherche sowie „Klickarbeit“ bei Testläufen von Webapplikationen …*
Online-Volunteering: Hierarchiearme Beziehungspflege für NPOs
Im Zuge meines Vergleiches der Online-Engagementangebote, die das Österreichische Rote Kreuz und 2aid.org auf Facebook einstellten, vermutete ich, dass das Engagementangebot des ÖRK vor allem einen strategischer Einbezug der Facebook-Fans als aktive Mitgestalterinnen und Mitgestalter darstellte. Zwar kommentierte Gerald, dass das Engagement der freiwilligen Übersetzerinnen und Übersetzer durchaus auch kompensatorischen Charakter hatte, doch bezweifle ich, dass darin die große Stärke dieser Art des Einbezugs lag. Einerseits wurde mit der Suche nach „virtuellen Freiwilligen“ einiges an Aktivität provoziert, was für den Betrieb von Facebook-Seiten niemals schlecht ist, andererseits zeigt ein Blick in die Infos zu den Kommentatorinnen und Kommentatoren, dass diese aus allen Ecken der Alpen (nicht nur aus Österreich) stammten. Mit ihrem Online-Engagement für den Dachverband des Österreichischen Roten Kreuzes – so meine nächste These für unseren Workshop im Dezember – wurde also die Beziehung zu einem eher abstrakten Gebilde intensiviert.
Das Engagement der etwa 51.000 Freiwilligen des Österreichischen Roten Kreuzes wird föderal organisiert. Es gibt 10 Landesverbände mit jeweils mehreren Bezirksstellen, die alle einem Dach- oder Bundesverband untergeordnet sind. Das hat den Vorteil, dass der lokale Bezirksverband für Engagierte durchaus greifbar ist. Die Ansprechpartnerinnen und -partner sind hier (bestenfalls) wohlbekannt. Interessierte können das jeweilige Büro der Freiwilligenkoordination besuchen, sich informieren oder vielleicht auch kritische Fragen diskutieren. Beim Landesverband (eine Ebene darüber) ist das schon schwieriger. Hier dürfte es eher um die strukturellen Rahmenbedingungen der Freiwilligenarbeit und die Lobbyarbeit gehen. Sicherlich ist freiwilliges Engagement auch hier noch möglich, doch das Retten, Bergen und Pflegen muss man sich an dieser Stelle schon dazu denken. Im Bundesverband (noch eine Ebene höher) schließlich geht es um grundsätzliche Fragen der Imagepflege und des Marketing, der Ressourcenbeschaffung und der (internationalen) Netzwerkarbeit, was den Einbezug freiwilligen Engagements noch schwieriger erscheinen lässt. Je höher also die Eben dieses hierarchischen Systems, desto abstrakter die Arbeit, die dort geleistet wird und desto weniger hat die Freiwilligenarbeit dort (wenn sie überhaupt möglich ist) noch etwas mit dem zu tun, was weithin mit dem Roten Kreuz in Verbindung gebracht wird. Und dennoch macht die Ermöglichung des Online-Engagements auf allen Ebenen Sinn:
- Auf der lokalen Ebene macht die Online-Beteiligung Freiwilliger Sinn, weil sich so auch Menschen in die (notwendige) Koproduktion sozialer Dienstleistungen einbringen können, die ihr zu Hause oder ihren Arbeitsplatz nicht ohne Weiteres verlassen können. Gemeint sind hier nicht nur Menschen mit Behinderung, die wie alle anderen auch ein Recht auf Partizipation haben. Gemeint sind hier auch Frauen und Männer mit kleinen Kindern oder pflegebedürftigen Angehörigen. Mit dem Ansatz der Koproduktion können Hierarchien zwischen den Leistungsempfängern und -erbringern – seien es nun Freiwillige oder Hauptamtliche – abgebaut werden, weil die Leistungserbringung so gestaltet wird, dass alle Seiten damit einverstanden sind und sich niemand als eine Art ‚Abnehmer wider Willen‘ sehen muss.
- Sicherlich sind solcherlei Koproduktionsansätze auch auf Landesebene denkbar, des höheren Abstraktionsgrades wegen aber schwieriger umzusetzen. Da es hier eher um die strukturellen Rahmenbedingungen und die Einflussnahme auf politische Prozesse im Land geht, ist das freiwillige Online-Engagement hier vor allem bei der kollaborativen Erarbeitung von Konzepten und Papieren denkbar. Und auch dieses etwas trockene Engagement würde (a) die Hierarchie zwischen Landesverband und freiwilligen Unterstützerinnen und Unterstützer abbauen helfen und (b) auch einiges an Mobilisierungspotential (bspw. für politische Aktionen) beim Landesverband bündeln.
- Auf der drittgenannten Ebene, der des Bundesverbandes, vermag ich schließlich nur gelegentliche Ansatzpunkte für die Koproduktion zu erkennen. Einer davon war natürlich die gemeinschaftliche Erarbeitung der Social Media Policy des Österreichischen Roten Kreuzes, bei der sich vielerlei Akteure einbrachten, die mithin auch nicht zum ÖRK gehörten. Vielleicht lassen sich auf diesem Wege auch Tool-Kits nach dem Vorbild von Green Action erstellen, doch reicht meine Phantasie darüber hinaus nicht mehr weiter.* Das Online-Volunteering sehe ich auf dieser Ebene vor allem als eine Möglichkeit aktive Unterstützung möglich zu machen und den Dachverband via Social Media ein Stück näher an die Lebenswirklichkeit seiner Stakeholder zu rücken.
Vielleicht sind meine hier formulierten Vorstellungen von der föderalen Struktur des ÖRK und den Aufgaben der jeweiligen Verbandsebenen nicht an allen Stellen richtig. Ich hoffe Gerald wird – wenn nötig – Licht ins Dunkel bringen, denn ich glaube, dass die Freiwilligenarbeit (online oder on-site) und die organisationale Struktur in einer Wechselwirkung zueinander stehen, der mit Bedacht begegnet werden muss. Freiwilligenmanagement meint nicht die bloße Verwaltung des Ehrenamts, sondern auch die stete Organisationsentwicklung, die die Kenntnis der jeweiligen Strukturen voraussetzt.
*Für die Diskussion in Workshops und Seminaren haben kreative Vorschläge großen Wert. Einige Vorschläge habe ich hier schon formuliert, einige wurden bereits auf der Facebook-Seite des ÖRK eingebracht. Wenn du auf die Schnelle allerdings eine Idee hast, wie sich Freiwillige auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene einbringen könnten, schreib sie doch einfach in die Kommentare unter diesem Beitrag. Vielen Dank.
Veröffentlicht unter Online-Freiwilligenarbeit
Verschlagwortet mit Online-Volunteering, ÖRK, Workshop
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Auswertung des Workshops zum freiwilligen Online-Engagement von Menschen mit geistiger Behinderung
Menschen mit geistiger Behinderung werden des Öfteren für dumm gehalten, eröffnete Erika Schmidt ihre Begrüßung beim Jahrestreffen der Freiwilligenkoordinator(innen) der Lebenshilfe im Schloss Rauischholzhausen (bei Marburg). Frau Schmidt engagiert sich seit Jahren bei Lebenshilfe NRW und hatte sich mit anderen freiwillig und hauptamtlich Aktiven in ihrem Engagement über diese Frechheit unterhalten. Raus gekommen ist ein Gedicht über die Dummheit, die durch das Staunen lernen hilft.
Erika Schmidt / Armin Herzberger
„Die Dummheit“
Dummheit die sich als Einfalt zeigt die liebe ich:
Sie nennt den Augenblick und staunt.
Fragt nicht woher fragt nicht wohin.
Ist ohne List und Arg
Sie staunt nur.
Im ersten Staunen schon, da wird sie klug.
Und ahnt es nicht.
Eigentlich — so mein erster Gedanke bei diesen Zeilen — müsste man den Spieß umgedreht denken: All zu oft schlägt mir das pure Staunen entgegen, wenn ich in Work- und Infoshops über das freiwillige Online-Engagement oder den Social-Media-Einsatz in der Freiwilligenarbeit spreche. Bitte nicht falsch verstehen: Ich halte niemanden für dumm. Besonders nicht die, die meine Workshops zum Thema besuchen. Aber das ‘im Staunen klug werden’ trifft es ziemlich gut. Deshalb mache ich auch gern’ Workshops — ich staun’ ja auch immer wieder und werde von Mal zu Mal klüger (glaube ich).
Online Volunteering mit Behinderung
View more presentations from foulder
Bei der Workshop-Gestaltung hatte ich mich diesmal für die ‘amerikanische Variante’ entschieden. Amerikanisch dabei: zuerst etwas Erstaunliches präsentieren und dann ein Problem suchen, das man damit lösen könnte.
So ging es also nach einer kurzen Vorstellungsrunde und der Feststellung, dass ausnahmslos alle Teilnehmenden das Internet bei ihrer Arbeit nutzen, mit der Idee des Online-Volunteerings los. Gemäß der amerikanischen Variante ging ich dabei nicht gleich auf das freiwillige Online-Engagement von Menschen mit geistigen Behinderungen ein. Zunächst einmal wollte ich die Idee an sich vorstellen um danach mit den Teilnehmenden über Möglichkeiten und Schwierigkeiten des Online-Engagements bei ihrer Arbeit zu sprechen.
Die Freiwilligenarbeit über das Internet — das bleibt zunächst fest zu halten — ist nichts anderes als die Freiwilligenarbeit vor Ort in einer Organisation. Auch für Online-Volunteers gelten Regeln zu Schweigepflicht, zum Datenschutz, zu Aufwendungsentschädigung etc. pp. Der Unterschied zwischen so genannten On-Site- und Online-Aktiven, ist lediglich der Kommunikationskanal. Während die einen von den Mitarbeitenden in der Organisation mit allen Sinnen wahrgenommen werden können, können sie von den anderen zunächst einmal ‘nur’ lesen. Das macht deren Arbeit aber nicht weniger real oder wichtig.
Virtual volunteering is volunteering without barriers and borders
meinte einst Randy Tyler, ein kanadischer Freiwilligenkoordinator vom McDonalds Youth Service (MYS) und bestätigt damit: Freiwilligenarbeit über das Internet ist freiwilliges Engagement (in diesem Fall „Volunteering“) nur eben ohne zeitliche Barrieren oder geographische Grenzen.
Das hört sich zunächst einmal sehr gut an. Besonders Engagementinteressierte in der schwierigen und konfliktbeladenen Zeit von Ausbildung, Übergang in den Beruf und Gründung einer eigenen Familie (vgl. BMFSFJ 2010, 6) könnten so einem Engagement nachgehen. Sie können sich für die Organisation ihrer Wahl über das Internet engagieren — egal wo es sie hinverschlagen hat. Und das meint natürlich nicht nur die Freiwilligenarbeit für Organisationen in Deutschland. Spätestens seit den Aktionen von 2aid.org wissen wir, dass das Internet keine Grenzen kennt.
Eben diesen Umstand wollen sich auch die United Nation Volunteers zu nutze machen. Mit der Volunteer-Matching-Plattform onlinevolunteering.org bieten sie interessierten Freiwilligen aus Europa und der ganzen Welt die Möglichkeit sich für Organisationen in Entwicklungsländern zu Engagieren. Die Freiwilligen die sie zu vermitteln suchen, definieren sie als „Online-Volunteers“.
An online-volunteer is an individual who commits her/his time and skills over the internet freely and without financial considerations, for the benefit of society.
Zunächst wird hier noch einmal deutlich, dass sich die Kriterien der Freiwilligenarbeit, die sich, von der Enquete-Kommission entwickelt, auch in den Freiwilligensurveys finden, auch hier entdecken lassen: „freely“ (freiwillig), „without financial considerations“ (unentgeltlich), „over the internet“ (öffentlich und vernetzt) und „for the benefit of society“ (gemeinwohlorientiert). Doch — meine ich — wird hier auch noch ein zweiter Aspekt deutlich: Die persönlichen Fähigkeiten und die zeitlichen Ressourcen werden nämlich von den Freiwilligen über das Internet angeboten und sollten deshalb von Seiten der Organisationen als eine Art Spende angesehen werden (dazu aber an anderer Stelle mehr).
Das freiwillige Online-Engagement insgesamt lässt sich abschließend also als Engagementform betrachten, die freies und selbstbestimmtes Engagement, unabhängig von Wohnort und Mobilität zulässt und sich vom freiwilligen Engagement vor Ort nur durch den Kommunikationskanal Internet unterscheidet. Dem entsprechend liegen hier aber auch die größten Herausforderungen für Freiwilligenorganisationen, die Online-Engagement ermöglichen wollen. Zuverlässige Technik zu beschaffen ist dabei sicherlich eine Seite, viel wichtiger sind aber die zeitlichen Ressourcen die Mitarbeitenden zur Verfügung stehen müssen um mit Freiwilligen — über welche Internet-Tools auch immer — zu kommunizieren. Vor allem beim Online-Engagement geistig Behinderter, bei dem die Online-Kommunikation zusätzlich noch aufbereitet werden muss, wird die Zeit nämlich ein wirklich bedeutender Faktor.
Wie ich bei meinen Überlegungen hier im Bog zu zeigen versuchte, bietet die Web-Kommunikation neben einer Vielzahl an Möglichkeiten seinen Content mit vielerlei Barrieren zu verstellen auch etliche Möglichkeiten barrierearm zu kommunizieren. Die Aufbereitung in leichter Sprache ist dabei eine Möglichkeit; Videos, Bilder, Podcasts und Karten können unterstützend eingesetzt werden. Und das ohne großen technischen Aufwand. Mit dem bloßen Learning by Doing und dem im Staunen lernen lässt sich da schon viel machen.
Wie beim freiwilligen Online-Engagement insgesamt, stehen wir auch beim Online-Engagement geistig Behinderter in Deutschland noch weitestgehend am Anfang. Nach vielerlei Berichten und persönlichen Erfahrungen mit geistig behinderten Menschen, die ich in den letzten Tagen machen durfte, glaube ich persönlich aber nicht, dass das noch lange so bleibt. Es bewegt sich was, das wurde mir deutlich. Besonders weil mir Teilnehmende in meinem Workshop auch berichteten, dass das Interesse geistig Behinderter am Internet durch aus groß ist und sie damit — wie viele andere auch — ernsthaft zum überholen ansetzen.
Als Ergebnisse des Workshops zum barrierefreien Online-Engagement will ich hier festhalten, dass es (a) unklug ist irgendjemanden, ob nun Behindert oder nicht, zu unterschätzen. Das gilt besonders für Menschen, die sich für ihre Sache engagieren wollen. Außerdem gilt es (b) Barrieren in der Web-Kommunikation abzubauen und neben Leichter Sprache auch andere Mittel zum Einsatz kommen zu lassen. Die Möglichkeiten, die Social-Media-Tools hierfür bieten sind äußerst vielfältig. Sicherlich sind nicht alle Online-Werkzeuge auch nützlich oder zielführend, doch ohne jemals mit Podcasts, Videos oder digitalem Kartenmaterial herumexperimentiert zu haben — und hier sind wir schon bei (c) — kann das jeweilige Potential niemals abgeschätzt werden.
Für Workshopteilnehmerinnen und -teilnehmer sowie alle Interessierten hier noch einmal alle Teile meiner Rechercheberichte zum Thema
- Gespräch mit Raul Krauthausen
- Aufbereitung von Engagementangeboten für Menschen mit geistiger Behinderung oder Leseschwierigkeiten (Part I)
- Aufbereitung von Engagementangeboten für Menschen mit geistiger Behinderung oder Leseschwierigkeiten (Part II)
- Aufbereitung von Engagementangeboten für Menschen mit geistiger Behinderung oder Leseschwierigkeiten (Part III ein Beispiel)
- Aufbereitung von Engagementangeboten für Menschen mit geistiger Behinderung oder Leseschwierigkeiten (Part IV das Fazit)
sowie die Links zu den Online-Engagementprojekten von und mit geistig Behinderten
- Ohrenkuss Redaktion von Menschen mit Down-Syndrom
- Kugelfisch Redaktion von und mit Menschen mit geistiger Behinderung oder Leseschwierigkeiten
und die Links zu Internet Projekten für Menschen mit geistiger Behinderung.
- Hurraki Wörterbuch in Leichter Sprache
- Speaker’s Corner — Die Wikipedia vorlesen.
- PEDIAPHON — eine Internetapplikation, die Wikipedia-Artikel automatisch vorliest.
Ich freue mich über eure Ergänzungen, Kritik und Diskussionsbeiträge über die Kommentare und erinnere auch Frau Kettner vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales noch einmal an ihr Versprechen nützliche Links zum Thema „barrierefreie Web-Kommunikation“ zu posten. Sollte euch das Kommentieren schwer fallen, weil es so viel ist was zu schreiben wäre, macht es euch einfach: Überlegt, was am meisten auf den Nägeln brennt und vertraut darauf, dass andere die wichtigen Fragen stellen, die es sonst noch gibt.
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Veröffentlicht unter Online-Freiwilligenarbeit
Verschlagwortet mit geistige Behinderung, Lebenshilfe, leichte Sprache, Online-Volunteering, Workshop
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