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Schlagwort-Archive: Zivilgesellschaft
Knapp vorbei ist auch daneben — zum neuen Gesetz zur Stärkung des Ehrenamts
Letzten Freitag wurde im Bundestag das zweite Gesetz zur Stärkung zivilgesellschaftlichen Engagements beschlossen. Das „Gemeinnützigkeitsentbürokratisierungsgesetz“ (GemEntBG), das in letzter Minute noch mit dem Untertitel „Gesetz zur Stärkung des Ehrenamts“ versehen wurde, ist in großen Teilen eine Fortsetzung des Gesetzes zur weiteren Stärkung des bürgerschaftlichen Engagements von 2007. Frank Weller beschreibt im Projektblog Ehrenamt die für die Vereinsarbeit relevanten (Neu-) Regelungen:
- Anhebung der Übungsleiter- und der Ehrenamtspauschale um 300,- bzw. 220,- € im Jahr (Änderung des § 3 XXVI & XXVIa EStG).
- Erleichterung für die Rücklagenbildung gemeinnütziger Vereine (div. Änderung im entsprechenden Teil der Abgabeordnung).
- Ausweitung der Haftungsbeschränkung nun auch für Ehrenamtliche im Verein, die nicht dem gesetzlichen Vorstand angehören (Änderungen im § 31 a BGB & Ergänzung § 31 b BGB).
Ganz ehrlich …
Bundestagsdebatten sind, vor allem wenn es um praktische Finanz- und Steuerpolitik geht, eher spröde und auch von Abgeordneten nur spärlich besucht. Dass auch diese Sitzung zur Verabschiedung des neuen Gesetzes zur Stärkung des Ehrenamts in Deutschland keine Ausnahme machte, lässt gewohnt tief blicken. Die zu bohrenden Bretter bei der Erhöhung gesellschaftlicher Anerkennung des Ehrenamts sind Kilometer dick! Das zeigt auch das spärlich gesäte Fachwissen und die wenige Zeit, die Abgeordnete in dieses Thema investieren. Einzig die SPD unterhält eine Arbeitsgruppe zum Thema. Bei den anderen Parteien ist das Ehrenamt – wenn es nicht gleich zum formlosen Querschnitt gemacht wurde – an die Finanz- und Steuerpolitik angedockt. Da können die zweifelhaften Motive bei der Engagementförderung eigentlich nicht verwundern.
Bürgerschaftliches Engagement und Ehrenamt – das rutscht in der Debatte immer wieder raus – ist ungemein wichtig, weil die Leistungen, die hier erbracht werden vom Staat nicht mehr zu tragen sind. Von der Anerkennung freiwilligen Engagements als Mitgestaltung der Gesellschaft keine Spur. Politikerinnen und Politik gestalten die Gesellschaft und lassen sich da nicht von irgendwelchen Laien reinreden. Schon die Nationale Engagementstrategie vom Oktober 2010 zeigte, dass sich die Bundesregierung gegenüber freiwilligem Engagement als eine Art Arbeitgeber sieht. Und eben dieser Arbeitgeber lässt sich nur ungern in die eigene Personalplanung reden.
Dementsprechend wird dann auch nur das stete Engagement von Vereinsvorständen und ehrenamtlich Mitarbeitenden gestärkt, die im Sinne des § 52 II 1-24 Abgabeordnung quasistaatliche Aufgaben übernehmen oder das Staatssäckle hier mindestens entlasten. Im § 52 II AO finden sich die gemeinnützigen Vereinszwecke, die bereits 2007 um die Ziffer 25 „Förderung bürgerschaftlichen Engagements“ ergänzt wurden. Seiner Zeit hatte man versucht das Thema eines neuen Engagements aufzunehmen, das schon damals nicht wirklich neu war: Engagement in Vermittlerorganisationen, intermediäres Engagement, freiwilliges Engagement zur „Förderung bürgerschaftlichen Engagements“.
Leider – und da zeigt sich wie staatliches Handeln funktioniert – haben die zuständigen Behörden das erlassene Gesetz so uminterpretiert, dass die Förderung bürgerschaftlichen Engagements plötzlich kein gemeinnütziger Zweck mehr war, was z.B. für Freiwilligenagenturen nicht unerhebliche Probleme mit sich brachte. Mit der Neuauflage des Gesetzes zur Stärkung zivilgesellschaftlichen Engagements hätte die Bundesregierung die Möglichkeit gehabt, der Verselbstständigung ihres Verwaltungsapparates Einhalt zu gebieten. Dass das Gesetz nun aber – ehrlicher Weise wie Birgit Reinemund (FDP) betont – nur auf das stete Ehrenamt zugeschnitten wurde, zeigt die stille Zustimmung aus den Reihen der Bundesregierung.
Und sonst …
Mit Gemeinnützigkeitsentbürokratisierungsgesetz zur Stärkung des Ehrenamts wird einmal mehr an der Realität zivilgesellschaftlichen Engagements vorbeiregiert. Die steigende Zahl der Menschen, die sich nur sporadisch engagieren wollen oder können wird von der Bundesregierung schlicht ignoriert. Ignoriert werden auch die negativen Effekte von Ehrenamts- und Übungsleiterpauschale: Den Daten des letzten Freiwilligensurvey zu folge führten diese nämlich zu einer stärkeren Monetarisierung des freiwilligen Engagements. Freiwillige erwarten nicht mehr nur Spaß, Selbstverwirklichung und politische Wirkungsmacht von ihrem Engagement, sondern auch materielle Gegenleistungen, die insbesondere kleinere Vereine kaum mehr aufzubringen im Stande sind.
Wenn mit diesem Gesetz also überhaupt freiwilliges, selbstbestimmtes Engagement gefördert wird, dann ausschließlich das der bürgerlichen Mitte, die von den Steuervorteilen aus Ehrenamts- und Übungsleiterpauschale profitieren kann und will. Das Engagementpotential eben dieser Mitte scheint mir allerdings zu großen Teilen ausgeschöpft – im Gegensatz zu dem der hedonistischen Milieus. Hier wird das freiwillige Engagement allerdings nicht als Bürgertugend oder gar -pflicht verstanden, sondern als Möglichkeit der Selbstverwirklichung und Inszenierung von Gemeinschaften.
Diesen Entwicklungen im freiwilligen Engagement werden allerdings auch die Ergänzungsvorschläge der Opposition kaum gerecht. So geht das von Ute Kumpf (SPD) angeregte Konzept der Zeitspende prinzipiell in die gleiche Richtung: Wer seine Zeit für ‚gute Zwecke‘ spendet, soll das steuerlich geltend machen können, was natürlich ein steuerpflichtiges Einkommen voraussetzt. Und auch die Forderung von Barbara Höll (Die Linke), die Aufwandsentschädigungen nicht länger auf das ALG II anzurechnen, geht in die Richtung Tauschgeschäft. Einzig der Vorschlag der Linken, weniger in die Steuerbegünstigung und mehr in die Infrastruktur für freiwilliges Engagement zu investieren, scheint in die richtige Richtung zu gehen. Allerdings wird dieser Vorschlag, wenn nicht vollständig ignoriert, dann doch als linke Verstaatlichung abgebügelt, was angesichts der weit verbreiteten Praxis des ‚get work done‘ im Freiwilligenmanagement keine ganz unberechtigte Kritik ist.
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Verschlagwortet mit Bundestag, Ehrenamtsgesetz, Engagementförderung, Zivilgesellschaft
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Change.org: Graswurzel-Campaigning in Deutschland
Da rollt etwas Neues auf uns zu: Graswurzelcampaigning via Change.org. Waren es im deutschen Campaigning bislang wenige, die darüber entschieden, welche Kampagnen gestartet werden und welche Themen in den Fokus des Boulevard gerückt werden sollten, sollen es jetzt viele werden. Jeder und jede kann eine Kampagne starten — für eine fußgänger-, fahrrad- oder autofahrerfreundliche Ampelschaltung, einen Zebrastreifen für Schulkinder oder dessen Abschaffung, für oder gegen die Ganztagsschule, rituelle Beschneidung, Homophobie …
Okay, zugegeben, das Themenspektrum dürfte nur so vielfältig sein wie die Schar der Aktiven, was die autofahrerfreundliche Ampelschaltung und die Abschaffung eines Zebrastreifens für Schulkinder eher unwahrscheinlich macht; ganz ausschließen kann man Einzelfälle aber nicht. Nun, wie dem auch sei, Graswurzelcampaigning finde ich prinzipiell gut, besser zumindest als Slacktivism-Kampagnen á la „Keine BILD in meinem Briefkasten“[1]. Einerseits wird damit individueller Empörung Raum gegeben, was eben auch (politisches) Engagement anregt. Andererseits geht damit — das hoffe ich zumindest inständig — endlich die Gutmenschen-Rhetorik von der Rettung der Welt zu Ende. Die muss nämlich immer vom bevorstehenden Weltuntergang ausgehen, gegen den es selbstverständlich anzugehen gilt, wobei „Dagegen“ das zentrale Prinzip ist.
Doch zurück zu Change.org, einer Plattform für „alle Menschen überall auf der Welt“, die unter Leitung von Paula Hannemann (vormals Online-Campaignerin beim WWF) nun auch in Deutschland etabliert werden soll. Auf meinen Streifzügen durch die internationalen Blogsphären bin ich bereits das ein oder andere Mal über Change.org gestolpert; zum Beispiel im Coyoteblog von Jayne Cravens. Vor dem Hintergrund ihrer langjährigen Erfahrungen mit dem ‚mission based‘ Interneteinsatz hatte sich Jayne im Januar vergangenen Jahres einmal mit der Frage befasst, ob Online-Campaigning eigentlich funktioniert — meint, ob ePetitionen & Co tatsächlich Impact entfalten können. Ihr zu folge können sie das in der Tat, wenn gewisse Kriterien erfüllt sind:
- Webbasiert — Unterstützende zeichnen via Webseite, nicht über E-Mail. Wenn alles an einem Ort ist, sind die Infos zur Kampagne auch besser auffind- und verbreitbar.
- Verifiziert — Unterstützer zeichnen mit einer gültigen E-Mail-Adresse und bestenfalls mit ihrem Klarnamen.
- Penetrierend — jedes Mal, wenn ein Unterstützer oder eine Unterstützerin eine Petition zeichnet, wird eine E-Mail an das adressierte Unternehmen generiert, die sowohl die Nachricht als auch Namen und die E-Mail-Adresse des Unterstützenden enthält.
- Informiert — die Unterzeichner!nnen bekommen Informationen und Argumentationshilfen für ihre Peer-to-Peer-Kommunikation über das Kampagnenthema.
- Verschränkt – Unterstützende werden zu weiteren Aktivitäten / zu weiterem Engagement angeregt; die Kampagne bleibt nicht nur im Netz.
- Präsent — das Kampagnenthema ist in den Medien (TV, Radio, Zeitung, Blogs etc.) präsent.
Selbstverständlich hängt die Verschränkung von On- und Offline-Aktivitäten vor allem von den Initiierenden der Kampagnen ab. Nur wenn andere über die Mitzeichnung hinaus effektiv in die Kampagne eingebunden werden sollen — was mitnichten selbstvertändlich ist –, kann dies auch geschehen. Nichtsdestotrotz halte ich Change.org als Plattform für webbasiertes Campaigning mit der Möglichkeit zielgenauer und verifizierter Penetration für gut geeignet, Graswurzelcampaigning in Deutschland salonfähig zu machen, zumal es sich hier um einen Big Player mit über 10 Millionen User!nnen weltweit und einem rasanten Wachstum handelt, dem auch die Aufmerksamkeit etablierter Medien hierzulande bald gewiss werden sollte.
Auch wenn die DE-Version von Change.org heute noch eher ‚denglish‘ daher kommt,[2] wurden bereits einige deutsche Campagnen gestartet; darunter eine „Für kindgerechte Ü-Eier“ (2.000 Unterschriften), eine für die Rettung des Berliner Mauerparks (1.000 Unterschriften) und eine gegen die Zwangsbeschneidung von Jungen (2.500 Unterschriften). Es sind sowohl globale als auch lokale Themen, zu denen bereits Kampagnen in deutscher Sprache gestartet wurden, wobe die wirklich nennenswerten Erfolge m.E. eher bei ‚glokalen‘ Themen zu erwarten sind. Mit Kampagnen, die zwar im Kern für etwas eintreten, das viele Menschen betrifft, aber eben doch einen expliziten lokalen Bezug herstellen und entsprechende Geschichten erzählen, lässt sich politisches Engagement m.E. eher mobilisieren als mit abstrakten Themen, die sich nicht direkt im Lebensumfeld der Unterzeichnenden wiederfinden.
Und auch über das politische Engagement hinaus fände es sehr sinnvoll, würde dem freiwilligen Engagement, das häufig hinter der Kampagnenarbeit steht und ihr nicht selten auch nachfolgt, bei Change.org mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Soweit ich es bis jetzt überblicken kann, werden die wichtigsten Kriterien wirkungsvoller Kampagnenarbeit bei Chage.org mit unterschiedlichen Methoden forciert. Regelmäßig wird auf das Medienecho zu den entsprechenden Kampagnen verlinkt, die verifizierte Penetration adressierter Unternehmen ist technisch zumindest angelegt und die Initiator!nnen werden auch dazu aufgefordert Argumente und Informationen zu ihrem Thema einzustellen. Zudem folgen der Unterzeichnung nebst Aufforderung den Direktlink zur Kampagne weiter zu verbreiten auch Updates, die das Thema über die Mitzeichnung hinaus präsent halten. Genau hier könnte allerdings auch Mitarbeit der Unterstützenden angeregt werden, die über den ‚klick-to-share‘ hinaus geht, und die Kampagne zum Produkt vieler und nicht nur weniger werden lässt.
[1] Ich für meinen Teil fand es ziemlich befremdlich als CAMPACT zu „Alle gegen BILD“ aufgerufen hat. Mit all dem Monitoring vom dem beim professionellen Campaigning so oft gesprochen wird, hätte man doch wissen müssen, dass mit dieser Kampagne vor allem die Leute adressiert und erreicht, die ohnehin in hohem Maße BILD-resistent sind. „Keine BILD in meinem Briefkasten“, dem stimmten wohl die allermeisten Unterzeichnenden zu; sowieso vor als auch nach dem 60 Geburtstag der BILD. Wozu denn dann noch mehr tun als bequem von der Couch aus den Axel Springer Spam zu vermeiden?!
[2] Es ist nicht für mich nicht verständlich, warum die allgemeinen Geschäftsbedingungen sowie die Datenschutzbestimmungen nur in englischer Sprache abrufbar sind. Zwar handelt es sich hier um ein US-amerikanisches Unternehmen mit entsprechenden AGBs und Datenschutzbestimmungen, die sicherlich nicht zu 100% mit dem deutschen Recht im Einklang stehen, doch fände ich eine deutsche Übersetzung — auch wenn sie nicht ganz rechtssicher ist — interessierten Nutzer!nnen gegenüber nur fair.
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Jugend in der Zivilgesellschaft: ein Blick in die Sonderauswertung des Freiwilligensurvey 2009
Im Auftrag der Bertelsmann Stiftung hat Sibylle Picot die aktuellen Daten des akutellen Freiwilligensurveys zu Jugend in der Zivilgesellschaft ausgewertet. Im Vordergrund stand die Frage, „wie stark Jugendliche eine Rolle in der Zivilgesellschaft wahrnehmen“ (Picot 2012: 13 | Kurzstudie). Möglich geworden ist diese – im Vergleich zur vorletzten Erhebungswelle des Freiwilligensurveys 2004 (Picot 2005: 202) differenziertere Untersuchung – durch die Finanzierung der Bertelsmann Stiftung sowie die der Generali Zukunftsfonts. Durch die Aufstockung der Stichprobe junger Menschen (14-24 Jahre) um 1000 Interviews durch die BS und die Aufstockung der Gesamtstichprobe (>14 Jahre) um weitere 1000 Interviews durch die Generali ergab sich eine belastbare Stichprobe von 2.815 jungen Menschen, auf deren Grundlage verschiedene statistische Verfahren gerechnet werden konnten.
Die Studie ist in sechs Teile untergliedert, in denen auf unterschiedliche Teilaspekte zivilgesellschaftlicher Aktivität junger Menschen eingegangen wird. Interessante Befunde, die sich nicht ohnehin schon aus dem Hauptbericht des letzten Freiwilligensurveys hätten lesen lassen können, liefert die Studie in beinahe jedem dieser Kapitel.
- „Aktivität und freiwilliges Engagement Jugendlicher im Zeitverlauf“,
- „Wo und wie engagieren sich Jugendliche“
- „Engagement und Lebenslagen Jugendlicher im Wandel“
- „Erklärungsfaktoren für Engagement im Zusammenhang“
- „Motivation und Wertehintergrund des Engagements Jugendlicher“
- „Strukturen des Engagements Jugendlicher“
Sporadisches Freiwilligenengagement?!
In Abschnitt 1.3 des ersten Kapitels finden sich zunächst empirische Belege dafür, dass junge Menschen zwar insgesamt weniger Zeit für das Engagement aufwenden als früher, sich in ihrer zeitaufwändigsten Freiwilligentätigkeit vom bundesdeutschen Durchschnitt aber kaum unterscheiden. Über die Hälfte (64%) der engagierten 14 bis 24-jährigen wenden bis zu 20 Stunden im Monat für ihre zeitaufwändigste Tätigkeit auf (Engagierte Insgesamt: 68% | Picot 2012: 28). Dass Sibylle Picot daraus allerdings den Schluss zieht, „für die Flüchtigkeit oder zeitliche Unverbindlichkeit findet sich auch im dritten Freiwilligensurvey kein Beleg“ (ebd. 29f.), kann ohne den Kontext etwas in die Irre führen.
Picot untersucht hier nur die engagierten Jugendlichen, nicht jene noch nicht engagierten Interessierten. Die Feststellung also, jugendliches Engagement sei genauso wenig unverbindlich und fluid wie das Engagement anderer Altersgruppen, steht demnach nicht im Widerspruch zur These der Notwendigkeit neuer Wegen zum freiwilligen Engagement. Sie muss eigentlich als Beleg dafür angesehen werden. Sibylle Picot zeigt hier eigentlich die starke Bindungskraft freiwilligen Engagements auf. Heißt also: Landen junge Menschen einmal im Engagement, verwenden Sie beinahe gleich viel Zeit darauf wie ältere Freiwillige. „Für die engagierten Jugendlichen ist ihr Engagement in aller Regel eine feste Größe“ (Picot 2012: 31).
G8 und Ganztagsschule – Störfaktoren für freiwilliges Engagement?!
Mit der Frage nach der Zeitkonkurrenz, in der jugendliches Engagement steht, beschäftigt sich Picot im Abschnitt 3.1. (ebd.: 69ff.). Hier finden sich m.W. das erste Mal empirisch belastbare Belege für die auch von mir angenommenen negativen Auswirkungen der Ganztagsschule wie auch des G8-Abiturs auf das freiwillige Engagement junger Menschen. Zwar hat sich die Engagementquote der Schülerinnen und Schüler insgesamt nicht nennenswert verändert, doch verwendet diese Gruppe heute wesentlich weniger Zeit auf ihr Engagement als früher. Zudem zeigt ein Blick auf die unterschiedlichen Gruppen von Schülerinnen und Schülern, dass sich Haupt- und Realschüler wesentlich seltener freiwillig engagieren als Gymnasiasten (27% versus 47%), was angesichts der weithin bekannten Abhängigkeit freiwilligen Engagements vom Bildungsstatus nicht überrascht. Unter den unterschiedlichen Gruppen von Schülerinnen und Schülern zeigt sich nun aber auch, dass sich G8-Abiturienten wie auch Ganztagsschüler ebenfalls weniger freiwillig engagieren als ihre Altersgenossen in G9 und Halbtagsschule (G8 zu G9: 41% zu 51%; Halbtags- zu Ganztagsschule: 39% zu 31%).
Nun dürfen aber auch diese offensichtlich negativen Auswirkungen nicht überbewertet werden. Zwar sind Schülerinnen und Schüler, die von der Schule zeitlich stärker in Anspruch genommen werden, deutlich seltener in einem Freiwilligenengagement, doch beziehen sich diese Daten auf ganz Deutschland und werden dementsprechend von den Quoten aus den alten Bundesländern dominiert. „Im Osten, wo das G8 schon länger besteht, lässt sich – bei geringeren Fallzahlen – dieser Effekt [geringeres Engagement Anm. H.J.] nicht nachweisen“ (Picot 2012: 71). So ist also zu vermuten, dass sich mit der Zeit auch im Westen Deutschlands ein Arrangement zwischen Schule und Freiwilligenengagement finden lassen wird.
Nützliche Engagementprofile junger Menschen?!
Als ganz besonders Interessant empfand ich die Engagementprofile junger Menschen nach zehn Tätigkeitsfeldern (Picot 2012: 55ff.). Besonders für das Freiwilligenmanagement sind diese Profile interessant, weil sie dem Leser bzw. der Leserin vor Augen führen, wie die jeweilige Zielgruppe eigentlich strukturiert ist – heißt auch, welche Maßnahmen sich zur Werbung Freiwilliger eignen. Jugendliche Freiwillige im Sozial- und Gesundheitsbereich sind bspw. überwiegend weiblich (55%), haben überdurchschnittlich häufig einen niedrigen bis mittleren Bildungsstatus und investieren weit mehr Zeit als der Durchschnitt aller Engagierter. Wer für diesen Bereich also Freiwillige sucht, ist mit der Kommunikation in nerdigen Kanälen wie Twitter und/oder ellenlangen Blogtexten auf dem Holzweg. Viel eher dürfte sich diese Zielgruppe direkt in der Schule oder über virale Medien (z.B. Videos) ansprechen lassen.
Viel wichtiger als die Ansprache dieser Zielgruppe scheinen allerdings die Organisation und das Management ihrer Freiwilligenarbeit. Zum einen heißt weibliche Überrepräsentanz nicht, dass sich Männer für ein Engagement im Sozial-, Gesundheits- und Pflegebereich nicht ansprechen lassen – immerhin 45% der Engagierten sind männlich. Hier müssen Freiwilligenmanagerinnen und -manager eine gewisse Geschlechtersensibilität an den Tag legen und ‚weibliche‘ wie auch ‚männliche’ Engagementangebote formulieren. Der Bildungsstatus, die überdurchschnittliche Zeitinvestition sowie die Tatsache, dass sich Engagierte im Sozial-, Gesundheits- und Pflegebereich nur selten in Führungs- und Leitungsfunktionen engagieren (Picot 2012: 60), verweist zudem auf einen eher dienstleistenden Charakter dieses Engagements. Angesichts des Verhältnisses zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen im Sozial- und Gesundheitsbereich (Krimmer/Priemer 2012: 109) sollte insbesondere Letzteres zwar nicht überbewertet werden, doch scheint die Volunteer-Classification der derzeit in diesem Bereich Engagierten klar.
Mitgliedschaft, Bildungsstatus, Idealismus und Herkunft?!
Mit einer Regressionsanalyse – einem statistischen Verfahren, bei dem ermittelt wird, welche unabhängigen Variablen (bspw. Bildung, Geschlecht, Sozialstatus usw.) eine abhängige Variable (in diesem Fall freiwilliges Engagement) erklären – zeigt Sibylle Picot, dass sich jugendliches Engagement in der Hauptsache aus Mitgliedschaft und Bildungsstatus erklärt (ebd. 2012: 99). Die unabhängige Variable Mitgliedschaft in zivilgesellschaftlichen Assoziationen kann insofern wenig überraschen, als das dies eine der grundlegenden Annahmen des Freiwilligensurveys ist: Nur wer im Interview angibt, zivilgesellschaftlich aktiv zu sein (bspw. im Verein) wird im Folgenden seinem nach freiwilligem Engagement oder Ehrenamt gefragt. Und auch die Bedeutung des Bildungsstatus überrascht nicht. Diese kultur-strukturelle Variable (vgl. dazu Gensicke/Picot/Geiss 2005: 88ff.) meint schließlich nicht nur Schulbildung, sondern – wie PISA zeigt, vor allem in Deutschland – auch ‚geerbtes‘ kulturelles und soziales Kapital.
Auch wenig überrascht, dass sich die Wertorientierung des Idealismus – meint: „die Wertschätzung von Kreativität und Fantasie, von Toleranz gegenüber anderen Meinungen sowie von sozialem Engagement (‚Hilfe für Benachteiligte‘), politischem Engagement und Umweltbewusstsein“ (Picot 2012: 98) – deutlich positiv auf das Engagement auswirkt. Insbesondere im selbst organisierten Engagement für andere, im Engagement in Jugendgruppen und -initiativen, braucht es erfahrungsgemäß einigen Idealismus und Toleranz gegen über der Meinung anderer (älterer) Menschen.
Was in diesem Kapitel nun allerdings überrascht, verbirgt sich in einem Halbsatz auf Seite 94: „… ob man als Jugendlicher in einem westlichen oder östlichen Bundesland zu Hause ist, [hat] praktisch keine Bedeutung mehr.“ Im Gegensatz zum Engagement insgesamt, bei dem die unabhängige Variable ‚neue oder alte Bundesländer‘ noch wirkt, ist die Herkunft für jugendliches Engagement – zumindest statistisch – gleichgültig. Auch hier ist die Engagementförderung gefragt! Nur weil sich insgesamt weniger ‚Ossis‘ als ‚Wessis‘ engagieren, heißt das nicht, dass sich die Jugend in den neuen Bundesländern nicht für ein freiwilliges Engagement ansprechen ließe; wichtig ist es hier vor allem Gelegenheiten im lokalen Umfeld zu schaffen.
Maximalisten und Minimalisten – Anpackerinnen und Askten
Eine ebenfalls interessante Typisierung engagierter junger Menschen, die die übliche Dreiteilung der Idealisten, der Konventionellen und der Materialisten (auch bekannt als Hedonisten) mit den Maximalisten und Minimalisten ergänzt, findet sich in Abschnitt 5.3. Die Maximalisten unterscheiden sich dabei von den anderen Typen insofern, als das sie auffällig häufig große Zustimmung (bzw. bei Kontrollfragen Ablehnung) in Sachen bürgerlicher Werte aufweisen. Die Minimalisten dagegen wirken in ihrem Antwortverhalten stark zurückhaltend bzw. differenzierend. Beim Lesen entstand mir der Eindruck, dass es sich bei den Maximalisten um die Anpackerinnen und Anpacker handelt, denen vor allem die Gelegenheit zum Engagement gegeben werden muss. In dieser Gruppe finden sich sehr häufig mittlere Bildungsstatus, überwiegend viele weibliche Befragte und ein vergleichsweise hoher Anteil von jungen Menschen mit Migrationshintergrund.
Hier finden sich also die aufstiegswilligen und vermutlich gut integrierten jungen Migrantinnen und Migranten, die sich in ihrer bürgerlichen Wertorientierung nicht grundsätzlich von der Mehrheit unterscheiden – oder nur insofern, als sie eine besonders starke Wertorientierung und wohl auch hohe Zielstrebigkeit aufweisen (Picot 2012: 114).
Bezüglich der Minimalisten beschlich mich dagegen der Eindruck, es handele sich hier um jugendliche Asketen, die so lange über das Für und Wider ihres Engagements nachdenken, dass, wenn sie einmal zu einer Entscheidung gekommen sind, die Gelegenheit zum anzupacken längst passé ist. In dieser Gruppe finden sich überwiegend männliche, relativ junge, Jugendliche mit einem vergleichsweise hohen Bildungsstatus, was darauf schließen lässt, dass eben aus dieser Gruppe die zukünftigen Führungs- und Leitungspersönlichkeiten mit langen Engagementbiographien rekrutiert werden können.
Fazit
Trotz des leichten Rückgangs jugendlichen Freiwilligenengagements, der im Gegensatz zum Trend insgesamt verläuft, müssen junge Menschen weiterhin als hochaktive Gruppe in der Zivilgesellschaft gelten. Sie sind überdurchschnittlich häufig zivilgesellschaftlich aktiv und bekunden ebenso häufig ihre Bereitschaft zum freiwilligen Engagement. Es scheint so, als wären alle Voraussetzungen für gelingende Engagementförderung gegeben, doch darf nicht vergessen werden, dass jugendliches Engagement – und ganz besonders jenes Engagement der bislang ‚nur‘ Handlungswilligen („bestimmt“ Bereiten) jugendlichen – besserer Strukturierung bedarf. Häufig fehlen schlicht die Engagementgelegenheiten im lokalen Umfeld bzw. das Wissen um die gegebenen Möglichkeiten. Insofern ist es schade, dass Sibylle Picot der Rolle des Internets im freiwilligen Engagement nur ein sehr kurzes Kapitel widmet und dieses auch noch mit unbegründeten Befürchtungen streckt, die elektronische Kontaktpflege könnte zulasten der realen Sozialkontakte gehen (ebd. 2012: 50).
Alles in allem ist der Band zu Jugend in der Zivilgesellschaft aber sehr zu empfehlen. Neben den Engagementforscherinnen und -forschern ist der Band vor allem Interessierten aus dem Bereich der Engagementförderung ans Herz zu legen. Insbesondere die Typisierungen und Profile können dem Freiwilligenmanagement bei der organisationalen Ausrichtung auf neue Zielgruppen gute Dienste leisten. Die 22,- € für 183 Seiten verständlich erklärter empirischer Bildungsforschung sind eine gute Investition.
Veröffentlicht unter Kommentar, Studium, Zivilgesellschaft
Verschlagwortet mit Bertelsmann Stiftung, Forschung, freiwilliges Engagement, Jugend, Zivilgesellschaft
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