Lektüre_Wenn-einer-einen-Antrag-schreibt
"Willst du Innovation, streiche eine Null im Budget." So oder ähnlich klingt Innovationsförderung mit der Brechstange. Die etwas sanftere Methode nennt sich "Kill Your Darlings": Liebgewonnenes aber unsinniges Zeug wie etwa Freigebeschleifen einfach weglassen. Das könnten sich auch Jürgen Howaldt, Miriam Kreibich, Jürgen Streicher und Carolin Thiem gedacht haben, als sie – total innovativ – ihren Sammelband zu Sozialen Innovationen unter Creative Commons Lizenz (BY-NC-ND 4.0) veröffentlichten. Schade nur, dass sie am falschen Ende gespart haben – beim Lektorat.
Ich muss zugeben, dass ich mich darüber s e h r geärgert habe! Das Buch, das immerhin beim Campus-Verlag erschien, ist voller Typos, sprachlicher Ungenauigkeiten und irreführender Referenzen (z.B. im Beitrag von Christmann S. 190 und S. 193). Sogar eine doppelte Textpassage habe ich im Beitrag von Jürgen Howaldt und Christoph Kaletka (S. 25f.) gefunden.
Ich fürchte mit dieser Schlampigkeit haben die Herausgeber!nnen der deutschsprachigen SI-Debatte keinen Gefallen getan. Sie ist geradezu eine Steilvorlage für konservative Kritiker!nnen, die in jedweder Veränderung einen Angriff auf Fachlichkeit und guten Geschmack vermuten. Zumal für die Autorinnen und Autoren, die das Herausgeber!nnen-Team für ihren Band versammelten, im Großen und Ganzen festzustehen scheint: Innovation entsteht außerhalb etablierter Strukturen, in denen sich eben diese Kritiker!nnen nur so tummeln.
Es gibt inzwischen zwar – ausgehend von den konzeptionellen Diskursen – einige Beispiele für die Umsetzung sozialer Innovationen [in der Sozialwirtschaft], dennoch ist vor zu viel Optimismus zu warnen und auch eine gewisse Modewelle ist zu konstatieren (Rolf G. Heinze S. 181).
Wie dem aber auch sei: Wer es schafft über die Unzulänglichkeiten des Bandes hinwegzulesen, wird einige interessante Insights zu lesen bekommen. So etwa bei Georg Mildenberger und Gorgi Krlev, die in ihrem Beitrag zu "Finanzierung von sozialen Innovationen" (S. 289ff) zeigen, dass die "Quasimärkte" der Sozialwirtschaft zu bereits etablierten Lösungen neigen, wenig Spielraum für inkrementelle Innovation lassen und disruptive Veränderungen fast vollständig unterbinden.
Es entsteht die paradoxe Situation einer staatlichen Projektförderung zur Entwicklung neuer Ideen, die dann aber mangels Nachfrage stecken bleiben (S. 298).
Und auch im Beitrag von Jakob Edler, Katrin Ostertag und Johanna Schuler zu missionsorientierter und transformativer Innovationspolitik (S. 39ff) finden sich spannende Anregungen zum Verhältnis von Staat und Zivilgesellschaft oder anders: zur Frage, wer hier eigentlich für wen Dienst tut.
Alles in Allem halten sich in diesem Band ärgerliche Typos und lehrreiche Insights geradeso die Waage. Ein dickes Plus gibt's für den Open Access. Auch für die CC-Lizenz könnte man gnädig noch ein Pünktchen locker machen. Allein, es nützt nichts. Wenn die dringend notwendige Bearbeitung der Texte damit ausgeschlossen wird, bleibt die viel beschworene Power of the Crowd außen vor. Schade!

Und sonst so?

Zwischen den Jahren liefen auf LinkedIn wieder die Jahresendzeit-Reflexionen – wie immer untermalt von Dankbarkeit und Demut. Wer die eigentlich immergleichen Tipps aus der digitalen Selbsthilfe noch nicht kennt, dem empfehle ich gern mein Mashup der Impulse aus der Saison 2020/21. Wer damit nichts anfangen kann, weil er oder sie vielleicht einen Bullshit Job hat, dem sei die ARTE-Doku "Arbeit mit Sinn" dringend ans Herz gelegt. Wenn man schon bis zum Burnout arbeitet (und das tut etwa jeder Zweite), ist es ja mindestens gut zu wissen, dass und warum das System daran schuld ist.
Ansonsten halt das Übliche: Auch ein bisschen empört von den oben beschriebenen Totalausfällen habe ich zwischen den Jahren die Faustregeln für gutes Schreiben von Wolf Schneider († 2022) zu einem Blogbeitrag verarbeitet: "Wenn eine:r einen Antrag schreibt" kann er oder sie diese Tipps gern mit auf den Weg nehmen. Auch sehr lesenswert ist übrigens der Beitrag von Erin Worsham und Kimberly B. Langsam zur Frage, was ihnen bei Förderanträgen besonders wichtig ist oder "Why We Didn’t Fund Your Scaling Plan".

Und jetzt du!

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