{"id":1859,"date":"2012-04-26T18:25:24","date_gmt":"2012-04-26T18:25:24","guid":{"rendered":"https:\/\/hannes-jaehnert.de\/wordpress\/?p=1859"},"modified":"2025-08-29T11:14:34","modified_gmt":"2025-08-29T09:14:34","slug":"kulturschock-social-web-soziale-medien-kennen-und-leben-lernen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hannes-jaehnert.de\/wordpress\/2012\/04\/26\/kulturschock-social-web-soziale-medien-kennen-und-leben-lernen\/","title":{"rendered":"Kulturschock Social Web: Soziale Medien kennen und leben lernen"},"content":{"rendered":"<p>Beinahe seit Anbeginn der Debatte um den Social-Media-Einsatz in zivilgesellschaftlichen Organisationen wird von einer <em>Kultur der Sozialen Medien<\/em> gesprochen. Nonprofits, so der Tenor der Debatte, m\u00fcssten diese Kultur des Social Web on- und offline leben, um die Chancen, die das Internet schon heute bietet, k\u00fcnftig auch strategisch nutzen zu k\u00f6nnen. Mit der Kultur des Social Webs werden &#8212; sicher nicht zu Unrecht &#8212; allerlei Demokratie- und Partizipationsanspr\u00fcche verbunden, die f\u00fcr traditionelle Dritt-Sektor-Organisationen aber ganz offensichtlich einige Herausforderungen bereit halten.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re sicher interessant, der Kultur des Social Webs im Einzelnen auf den Grund zu gehen bzw. die Befunde, die bis jetzt dazu publiziert wurden, einmal zu sampeln. Was unterscheidet denn die Kultur des Social Webs objektiv von der \u201aau\u00dferhalb\u2018 desselben? Lassen sich \u00fcberhaupt Grenzen ziehen? Welchen Regeln folgt das allt\u00e4gliche Miteinander im Social Web und wo werden systematisch Missverst\u00e4ndnisse zwischen den \u201aInhabitants\u2018 und den \u201aImmigrants\u2018 provoziert? Wenngleich Antworten auf diese Fragen einiges an Klarheit \u00fcber das Warum der doch weit verbreiteten Verunsicherung unter den <em>\u201eDigital Outsiders\u201c<\/em> bieten w\u00fcrden, w\u00e4re mit einem solchen Sampling doch nur ein Schlaglicht auf die sich rasch wandelnde Kultur des Social Webs geworfen. Aussagen \u00fcber Standardformen (dem Wie), -themen (dem Was) und -techniken (dem Womit) der Netzkultur haben eben nur eine sehr begrenzte Halbwertszeit.<\/p>\n<p>Wenn es nun aber darum geht, diese sich rasch wandelnde Kultur der Sozialen Medien kennen und leben zu lernen, bietet das mit <em>\u201elearning by doing\u201c<\/em> h\u00e4ufig etwas kurz zusammengefasste Erfahrungslernen <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/John_Dewey\">John Deweys<\/a> wohl den Weg mit den geringsten Friktionsverlusten. Analog zur Vorbereitung auf einen l\u00e4ngeren Aufenthalt in einem fremden Land kann man sicher auch B\u00fccher und Studien \u00fcber das Social Web lesen. Man kann Dokumentationen im Fernsehen anschauen und \u00fcber das Internet Kontakt mit \u201aEinheimischen\u2018 aufnehmen. Sobald man aber seinen Alltag in der fremden Kultur zu leben versucht, gehen die Schwierigkeiten los: Hat der Einheimische im Gespr\u00e4ch noch viel M\u00fche darauf verwandt, sich verst\u00e4ndlich zu machen, reden die anderen doch lieber in ihrer eigenen Sprache. Hat man vielleicht gelesen, dass unter den Einheimischen ein rauer Ton herrscht, ist man doch schnell \u00fcber die Art und Weise br\u00fcskiert, wie auch mit einem selbst umgegangen wird. Und hat man in einer Fernseh-Dokumentation vielleicht etwas \u00fcber ganz andere Formen der Kriminalit\u00e4t erfahren, f\u00fchlt man sich angesichts der permanenten Trickserei schnell hilflos. Auch die noch so ausgiebige Lekt\u00fcre aller zur Verf\u00fcgung stehender Informationen sowie die Workshops und Vortr\u00e4ge so genannter Experten sch\u00fctzen also nicht vor dem, was <a title=\"Wikipediaartikel zum Lemma Kalervo Oberg\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kalervo_Oberg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kalervo Oberg<\/a> 1954 als <em><a title=\"Wikipediaartikel zum Lemma Kulturschock\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kulturschock\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eKulturschock\u201c<\/a><\/em> pr\u00e4sentierte.<\/p>\n<h1 style=\"text-align: left;\">Was ist ein Kulturschock?<\/h1>\n<p>Kalervo Oberg spricht beim Kulturschock von etwas, einer (Kinder-)Krankheit \u00e4hnlichem, das f\u00fcr die Anpassung an eine fremde Kultur \u00fcberstanden werden muss. In <em><a title=\"Oberg: &quot;Cultural Shock: Adjustment to New Cultural Enviroments&quot; reprint von 2006 (PDF)\" href=\"http:\/\/www.agem-ethnomedizin.de\/download\/cu29_2-3_2006_S_142-146_Repr_Oberg.pdf?c309bd31734c35b99e5db589267fd36c=0115d0\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eCultural Shock: Adjustment to New Cultural Environments\u201c<\/a><\/em> beschreibt er dementsprechend den Verlauf, die Symptomatik und m\u00f6gliche Therapieans\u00e4tze dieses immer individuell verlaufenden Leidens. Zwar bezieht sich Oberg dabei beinahe ausschlie\u00dflich auf die Migration (oder l\u00e4ngere Aufenthalte) in fremde L\u00e4nder, doch ist das Ph\u00e4nomen des Kulturschocks mitnichten nur auf solche Migrationserfahrungen zu m\u00fcnzen. Zum einen ist allen Deutschen, die die Wendejahre um 1990 bewusst erlebt haben, ein solcher Kulturschock wiederfahren, obwohl sie ihre Heimat vielleicht nie verlassen haben. Zum anderen provoziert auch der kulturelle Wandel, den wir gemeinhin als <em>\u201eFortschritt\u201c<\/em> kennen und der sich seit Anfang des neuen Jahrtausends im und um das Internet vollzieht, \u00e4hnlich verlaufende Schock-Leiden.<\/p>\n<p>Im Zuge der deutsch-deutschen Wiedervereinigung\u00a0 bzw. des Beitritts der DDR zur BRD prallten zwei unterschiedliche Kulturen aufeinander, die fortan ein geeintes Deutschland werden sollten. Angelehnt an den von Oberg beschriebenen Leidensverlaufes zeigte Wolf Wagner <a title=\"Kulturschock Deutschland erste Auflage in der Deutschen Nationalbibliothek\" href=\"https:\/\/portal.dnb.de\/opac.htm?referrer=Wikipedia&amp;method=simpleSearch&amp;query=3880223769\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1996<\/a> das erste, <a title=\"Kulturschock Deutschland. Der zweite Blick - zweite Auflage in der Deutschen Nationalbibliothek\" href=\"https:\/\/portal.dnb.de\/opac.htm;jsessionid=97E931E8998C0B4309CAE1EDED73ED36.prod-worker4?query=%E2%80%9EKulturschock+Deutschland.+Der+zweite+Blick%E2%80%9C&amp;method=simpleSearch\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1999<\/a> das zweite und <a title=\"Kulturschock Deutschland -- revisited -- dritte Auflage in der Deutschen Nationalbibliothek\" href=\"https:\/\/portal.dnb.de\/opac.htm?query=%E2%80%9EKulturschock+Deutschland+%E2%80%93+revisited%E2%80%9C&amp;method=simpleSearch\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">2005<\/a> das dritte Mal, dass dieser deutsche Kulturschock bei den Menschen auf beiden Seiten der niedergerissenen Mauer zu wesensgleichen Symptomen f\u00fchrte. Symptome die sich noch zwei Dekaden sp\u00e4ter empirisch nachweisen lassen: Noch immer meinen viele, die <em>\u201eOssis\u201c<\/em> an ihrem Hang zur Gleichmacherei und dem Kuschen vor Autorit\u00e4ten, die <em>\u201eWessis\u201c<\/em> an ihrem Ellenbogenmentalit\u00e4t und der \u00dcberheblichkeit erkennen zu k\u00f6nnen (vgl. <a title=\"Kulturschock Deutschland -- revisited (PDF)\" href=\"http:\/\/www.erato.fh-erfurt.de\/so\/homepages\/wagner\/Zuindex\/Kulturschock%20Deutschland%202005.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wagner 2005: 18ff.<\/a>). Wagners Studien zum <em>\u201eKulturschock Deutschland\u201c<\/em> machen vor allem deutlich, dass ein <em><a title=\"Wikipediaartikel zum Lemma Clash of Culture (EN)\" href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/The_Clash_of_Civilizations\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eClash of Culture\u201c<\/a><\/em> dieses Ausma\u00dfes nicht in kurzer Zeit zu verdauen ist. Insbesondere, wenn es sich um ein massenhaftes Leiden &#8212; wenn man so will eine Epidemie &#8212; handelt, dauert es sehr lange Zeit, die f\u00fcnf Phasen des Kulturschocks zu durchlaufen.<\/p>\n<ol>\n<li><em>\u201eHoneymoon Stage\u201d &#8212; die Phase der Euphorie:<\/em> Die weitgehende Unkenntnis einer fremden Kultur bewirkt zun\u00e4chst eine gro\u00dfe Faszination f\u00fcr all das, was neu und unbekannt erscheint. Euphorisch wird alles begr\u00fc\u00dft, was man selbst als Gut und Sch\u00f6n erachtet &#8212; alles andere ger\u00e4t in dieser Phase noch gar nicht in den Blick.<\/li>\n<li><em>\u201eCrisis in the disease\u201c &#8212; die Phase der Entfremdung: <\/em>Da in der allt\u00e4glichen Realit\u00e4t mit der Zeit immer h\u00e4ufiger Abweichungen von den ignoranten Vorstellungen des Gut und Sch\u00f6n aus der Honeymoon-Phase auftreten, wird das eigene Weltbild in Zweifel gezogen. Da diese Selbstzweifel aber mangels Handlungsf\u00e4higkeit in dem fremden Kulturraum nicht aufzul\u00f6sen sind, geht die Phase der Entfremdung sehr bald in die der Eskalation \u00fcber.<\/li>\n<li><em>\u201eNervouse breakdown\u201c &#8212; die Phase der Eskalation: <\/em>Mangels kultureller Kompetenz ist die reibungslose Verst\u00e4ndigung mit den \u201aanderen\u2018 unm\u00f6glich. Da der Mensch nun aber ein positives Selbst- und ein verl\u00e4ssliches Weltbild braucht, um nicht krank zu werden, reagiert er einerseits mit der Verherrlichung der Ursprungskultur und (damit verbunden) mit einer Selbstaufwertung durch die Abwertung anderer: <em>\u201eInstead of criticizing he jokes about people and even cracks jokes about his or her own difficulties\u201c<\/em> (Oberg 2006: 143).<\/li>\n<li><em>\u201eMisunderstandings\u201c &#8212; die Phase der Missverst\u00e4ndnisse: <\/em>Erst nach \u00dcberstehen der Eskalationsphase ohne kompletten R\u00fcckzug (bzw. Heimkehr) werden die \u201aEinheimischen\u2018 ernst genommen und tats\u00e4chlich versucht ihre Handlungsweisen nachzuvollziehen. Dabei gilt: \u201e<em>For a long time the individuals will understand what the national is saying but he is not always sure what the national means<\/em>\u201c (Oberg ebd.)<em>.<\/em><\/li>\n<li><em>\u201eComplete adjustment\u201c &#8212; die Phase der Verst\u00e4ndigung: <\/em>Auf der Grundlage der erworbenen kulturellen Kompetenz ist nunmehr nicht nur ein reibungsloses Miteinander m\u00f6glich. Die neuen Formen des Miteinanders werden auch gesch\u00e4tzt und ggf. vermisst.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Zentrale Elemente des Kulturschocks &#8212; den ich pers\u00f6nlich nicht als zu \u00fcberstehendes Leiden, sondern lieber als (mehr oder weniger) leidvollen Lern- oder Bildungsprozess betrachten w\u00fcrde &#8212; sind demnach <em>kulturelle Kompetenz<\/em> und <em>Zeit<\/em>.<\/p>\n<ul>\n<li>Mit <em>kultureller Kompetenz<\/em> sind hier nicht nur die zur Verf\u00fcgung stehenden Handlungsalternativen gemeint, aus denen man ausw\u00e4hlen kann. Vielmehr zielt dieser Begriff auf die diffuse F\u00e4higkeit, sich unauff\u00e4llig in einem bestimmten Feld, einem bestimmten Kulturraum zu bewegen, also nicht erst aus zur Verf\u00fcgung stehenden Handlungsalternativen ausw\u00e4hlen zu m\u00fcssen, sondern schlicht zu wissen, wann welches Handeln angebracht ist und wann nicht.<\/li>\n<li>Die <em>Zeit <\/em>ist hier freilich relativ. Wie lange die einzelnen Phasen des Kulturschocks andauern ist individuell verschieden; h\u00e4ngt z.B. vom Prestige ab, das der Einzelnen (auch) in einem anderen Kulturraum genie\u00dft. W\u00e4hrend also bspw. die Ignoranz international bekannter Stars und Sternchen noch deren Image zugeschrieben werden kann, k\u00f6nnen \u201aunwichtige\u2018 Menschen nicht auf allgemeines Verst\u00e4ndnis f\u00fcr ihr kulturunsensibles Verhalten hoffen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Damit l\u00e4sst sich der Prozess des Kulturschocks in einem U-f\u00f6rmigen Verlauf zwischen den Achsen <em>\u201ekulturelle Kompetenz\u201c<\/em> und <em>\u201eZeit\u201c<\/em> darstellen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/hannes-jaehnert.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/1024px-Kultscho.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter  wp-image-3604\" src=\"https:\/\/hannes-jaehnert.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/1024px-Kultscho.png\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"599\" srcset=\"https:\/\/hannes-jaehnert.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/1024px-Kultscho.png 1024w, https:\/\/hannes-jaehnert.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/1024px-Kultscho-300x225.png 300w, https:\/\/hannes-jaehnert.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/1024px-Kultscho-768x575.png 768w, https:\/\/hannes-jaehnert.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/1024px-Kultscho-720x539.png 720w, https:\/\/hannes-jaehnert.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/1024px-Kultscho-580x434.png 580w, https:\/\/hannes-jaehnert.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/1024px-Kultscho-320x240.png 320w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><\/p>\n<h1 style=\"text-align: left;\">Social Media als Kulturschock<\/h1>\n<p>Einen Kulturschock bekommt man, wenn man in den Alltag einer fremden Kultur eintaucht. Menschen, die nur kurze Ausfl\u00fcge und Urlaubsreisen machen, kehren viel zu fr\u00fch Heim um auch nur bis zur Phase der Eskalation zu gelangen &#8212; von ernsthafter Auseinandersetzung mit anderen Kulturen, keine Spur. Beliebte Ausflugsziele und gro\u00dfe Urlauberburgen sind derart auf ihre Zielgruppe (zumeist westliche Mittelst\u00e4ndler) zugeschnitten, dass ein Kontakt zur einheimischen Alltagskultur nur ausnahmsweise zu Stande kommt. Und mal ehrlich: Vielen Menschen ist das nur Recht. Man bedenke, dass ein Kulturschock nichts Angenehmes ist, was man intuitiv mit Ferien in Verbindung bringen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Obwohl es kaum Urlaubsrefugien f\u00fcr Ausfl\u00fcgler in der Welt der Sozialen Medien gibt, muss hier doch Gleiches gelten. Ausfl\u00fcge enden viel zu fr\u00fch, als dass es zu einer ernsthaften Auseinandersetzung mit dieser fremden Kultur kommen w\u00fcrde. Wer bspw. v\u00f6llig euphorisch einen eigenen Twitter-Account anlegt und anf\u00e4ngt wie verr\u00fcckt \u00fcber Gott und die Welt zu berichten, wird sich bald der Tatsache Gewahr werden, dass diese Berichterstattung (wenn \u00fcberhaupt) nur sehr wenige Menschen interessiert. Infolge dieser Erkenntnis gibt man sich dann selber die Schuld, weil man ja selbst auf die Verhei\u00dfung <em>\u201eMicro-Blogging\u201c<\/em> hereingefallen ist und l\u00e4sst das\u00a0 Twittern wieder bleiben &#8212; eine Account-Leiche mehr im System. Oder man macht einen Ausflug zu Facebook: Alle haben sie jetzt eine Facebook-Seite und riesig viele Fans, die alles kaufen was ihnen angeboten wird. So eine Facebook-Seite will man auch haben! Nach einiger Zeit kommt dann man aber nicht umhin zu bemerken, dass schon ein paar treue Fans &#8212; zu gro\u00dfen Teilen genau die Leute, die man auch schon vorher kannte &#8212; einiges an Arbeit bedeuten. Weil sich die ganze Sache nun also auch nicht lohnt &#8212; sprich: man selbst nicht genug Geld und Geduld hat &#8212; l\u00e4sst man auch die Facebook-Seite wieder ruhen &#8212; noch eine Karteileiche.<\/p>\n<p>Ich k\u00f6nnte jetzt auch noch Ausfl\u00fcge zu Wikis, Blogs und all den anderen verhei\u00dfungsvollen M\u00f6glichkeiten karikieren, die das Internet zweifellos bietet, doch ist, denke ich, schon jetzt klar, was gemeint ist: Ohne Flei\u00df, kein Preis! Ohne eine gewisse Ausdauer, kein Erfolg in der Welt der Sozialen Medien. Ohne klares Profil, keine Aufmerksamkeit und ohne Engagement, Geld <em>und<\/em> Geduld auch keine Community. Die Euphorie m\u00fcndet in Selbstzweifel und f\u00fchrt geradewegs &#8212; und ohne nennenswerte Konsequenzen (!) &#8212; zur\u00fcck zum Ausgangspunkt.<\/p>\n<p>Nun schreiben Menschen wie Annette Mattgey, <a title=\"Mattgey: Zeit der Experimente ist vorbei \" href=\"http:\/\/www.wuv.de\/blogs\/lead_digital\/start\/social_media\/zeit_fuer_experimente_ist_vorbei_zehn_thesen_zur_zukunft_von_social_media\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">die Zeit der f\u00fcr Experimente sei vorbei<\/a> und z\u00e4hlen (mehr oder weniger) \u00fcberzeugende Argumente f\u00fcr ein dauerhaftes Social-Media-Engagement auf. Doch was, wenn die Schwierigkeiten, die schon die kurzen Ausfl\u00fcge beendeten, weiterhin bestehen bleiben? Was, wenn sich Produktentwicklung, Employer Branding und all die anderen Verhei\u00dfungen des Social Webs nicht realisieren lassen, obwohl sie doch f\u00fcr die Social-Media-Kommunikation so zentral sind? Ganz einfach: Dann haben die anderen eben Schuld. Dann ist es eben die ewig daddelnde Jugend, die schlicht kein Interesse an einem Job oder Ehrenamt hat. Dann sind es die Social Networking Dienste, die dem verantwortungsvollen Social-Media-Einsatz einen Strich durch die Rechnung machen und dann hat selbstverst\u00e4ndlich auch die Regierung, die Konzernleitung oder wer auch immer Schuld, weil ja nicht gen\u00fcgend &#8212; oder nur projektbezogene &#8212; Mittel f\u00fcr die Beziehungsarbeit im Social Web bereitstellt wird. Recht bald kursieren dann Witzeleien \u00fcber hartn\u00e4ckige Bef\u00fcrworter der Sozialen Medien &#8212; diese <em>Nerds<\/em> und <em>adoleszenten Wichtigtuer<\/em> &#8212; und eigentlich sehnt man sich nur noch in die Zeit zur\u00fcck, als noch alles gut war. B\u00fccher und Zeitungen werden als Hoch- oder wahlweise Leitkultur gefeiert und der Rechner nur noch als notwendiges \u00dcbel betrachtet, mit dem all der Mist angefangen hat.<\/p>\n<p>Um hier meinem Fazit schon voraus zu greifen: Ich glaube in genau dieser Phase, der Phase der Eskalation, befinden sich die allermeisten Mitarbeitenden (zivilgesellschaftlicher) Unternehmen und Organisationen. Witzeleien sind an der Tagesordnung und ich mag nicht mehr z\u00e4hlen, wie oft ich schon mit vorwurfsvoller Miene gefragt wurde, wie viel Zeit ich eigentlich <em>in <\/em>Facebook verbringe. Ich kann\u2019s auch langsam nicht mehr h\u00f6ren, wie gut sich doch ein <em>echtes <\/em>Buch anf\u00fchlt und welchen Wert die ausgiebige Lekt\u00fcre gro\u00dfformatiger Wochenzeitungen in der Berliner U-Bahn hat. Das Gerede von der <em>\u201eGeneration 2.0\u201c<\/em> geht mir schon eine ganze Weile auf den Keks, weil ich hier vor allem anderen den Versuch sehe, neue Kulturpraktiken (Web 2.0) unwissenden und damit potentiell devianten Teenagern und Twens zuzuschreiben. Von ernst zu nehmenden Versuchen, das Handeln der <em>\u201eDigital Natives\u201c<\/em> nachzuvollziehen, kann ich leider (noch) nicht berichten.<\/p>\n<p>Eben dieses Verstehen-Wollen m\u00fcsste aber Raum greifen, um in die n\u00e4chste Phase, die Phase der Missverst\u00e4ndnisse, \u00fcberzugehen. Wer sich in dieser Phase befindet, akzeptiert die neue Kultur und ihre Praktiken als gleichwertig; begegnet ihnen sozusagen auf Augenh\u00f6he. Eine Diffamierung als irgendwie \u201aanders\u2018 oder \u201aunnormal\u2018 ist in dieser Phase gar nicht mehr sinnvoll, weil man sich mit den Menschen um sich herum um der Verst\u00e4ndigung Willen zu verst\u00e4ndigen sucht. Man \u201aKommuniziert\u2018 nicht mehr nur, weil es eben notwendig ist oder Profit verspricht, sondern weil man es gerne m\u00f6chte. Problematisch ist hier lediglich, dass man immer noch in Fettn\u00e4pfe tritt und einiges an Humor und Geduld mitbringen muss, um nicht an sich selber zu verzweifeln. Im Gegensatz zur Phase der Entfremdung, die alle Ausfl\u00fcge beendete, ist die Verzweiflung aber nicht all zu nah, weil man hier (mehr oder weniger) bewusst lernt, sich in einer neuen Kultur zu bewegen.<\/p>\n<p>In der Tat kann diese Phase lange Zeit dauern, bevor von Verst\u00e4ndigung der Kulturen &#8212; der letzten Phase des Kulturschocks &#8212; die Rede sein kann. Das Hauptproblem ist dabei die Synchronisation der Beschleunigungssch\u00fcbe. Die Standardthemen, -techniken und -formen \u00e4ndern sich weder im Social Web noch irgendwo sonst stetig. Sie \u00e4ndern sich in Sch\u00fcben mit schon enormer und in Zukunft steigender Geschwindigkeit. Die technische Verbreitung des Internets ist daf\u00fcr anschauliches Beispiel: W\u00e4hrend es 38 Jahre dauerte, bis 50 Millionen Haushalte auf der Welt ein Rundfunkger\u00e4t hatten, dauerte es nur noch 13 Jahre bis in genauso vielen Haushalten ein Fernsehapparat stand. Bis zur Marke von 50 Millionen Internetanschl\u00fcssen dauerte es dann gerade noch vier Jahre. Im Klartext hei\u00dft das, dass die Phase der Missverst\u00e4nsnisse umso l\u00e4nger dauert, je weniger man sich auf dem Laufenden h\u00e4lt.<\/p>\n<h1 style=\"text-align: left;\">Was nun?!<\/h1>\n<p>Das Fazit meines ersten Artikels zur abgeschlossenen <a title=\"Initial Post zur NPO-Blogparade &quot;Social Media f\u00fcr die B\u00fcrgergesellschaft&quot;\" href=\"http:\/\/www.cccdeutschland.org\/de\/blog\/buergergesellschaft\/einladung-zur-blogparade-social-media-fuer-die-buergergesellschaft-16-21-ap\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">NPO-Blogparade <em>\u201eSocial Media f\u00fcr die B\u00fcrgergesellschaft\u201c<\/em><\/a> begann ich mit folgender Zusammenfassung: <a title=\"Bridge the Gap - Beitrag hier im Blog\" href=\"https:\/\/hannes-jaehnert.de\/wordpress\/2012\/04\/19\/bridge-the-gap-auf-dem-weg-zu-einer-starken-burgergesellschaft\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201e<em>Es scheint sich ein Graben durch die B\u00fcrger- und Zivilgesellschaft<\/em> <em>zu ziehen: Auf der einen Seite die<\/em> <em>\u201aDigital Outsiders\u2018 auf der anderen die \u201aDigital Natives\u2018<\/em>\u201c<\/a><em>.<\/em> Ich glaube nicht, dass der Schock, den der kulturelle Wandel im und um das Internet im 21. Jahrhundert provoziert, nur die B\u00fcrger- und Zivilgesellschaft betrifft. Was man so h\u00f6rt, greift er auch in Wirtschaftsunternehmen um sich. Insofern kann Folgendes f\u00fcr beide Seiten gelten:<br \/>\nKalervo Oberg schl\u00e4gt als Therapie des Kulturschocks Sprachlernen und gemeinsame Reflexion vor, schreibt zugleich aber:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: left;\">&#8230; the difficulty is that culture shock has not been studied carefully enough for people to help you in an organized manner and you continue to be considered a bit queer &#8212; until you adjust yourself to the new situation. In general, we might say that until an individual has achieved a satisfactory adjustment he is not able to fully play his part on the job or as a member of the community (Oberg 2006: 144).<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Damit ist die \u00dcberwindung des Kulturschocks &#8212; wie jeder andere Prozess des Kompetenzerwerbs auch &#8212; eine individuelle Angelegenheit, die Zeit braucht. Im Moment kenne ich keine ernstzunehmenden Kurse oder B\u00fccher zu <em>\u201eSocial Media Sprech\u201c<\/em>, Reflexion aber kann durchaus angeboten werden. Ich spreche hier nicht von <em>\u201eCoaching\u201c<\/em> \u00e1 la wie kommuniziere ich erfolgreich im Social Web! Ich spreche hier von einer Begleitung durch den zuweilen leidvollen Prozess eines Kulturschocks; ohne gute Ratschl\u00e4ge und ohne konkretere Ziel als das Verst\u00e4ndnis der Netzkultur. Wenn es darum geht diese Kultur der Sozialen Medien kennen und leben zu lernen, ist das der bisher einzige Weg, der uns \u00fcber die frustrierende (und vor allem spaltenden) Phase der Eskalation herausf\u00fchren kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beinahe seit Anbeginn der Debatte um den Social-Media-Einsatz in zivilgesellschaftlichen Organisationen wird von einer Kultur der Sozialen Medien gesprochen. 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