{"id":2130,"date":"2012-12-15T14:02:42","date_gmt":"2012-12-15T14:02:42","guid":{"rendered":"https:\/\/hannes-jaehnert.de\/wordpress\/?p=2130"},"modified":"2025-07-05T12:20:03","modified_gmt":"2025-07-05T10:20:03","slug":"online-und-micro-volunteering-wer-denkt-sich-sowas-aus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hannes-jaehnert.de\/wordpress\/2012\/12\/15\/online-und-micro-volunteering-wer-denkt-sich-sowas-aus\/","title":{"rendered":"Online- und Micro-Volunteering: Wer denkt sich sowas aus?!"},"content":{"rendered":"<p>Die einen wird es \u00fcberraschen, die anderen nicht: Ich habe mir das Online- und Micro-Volunteering nicht ausgedacht; weder die Begriffe noch das Konzept. Ich versuche nur es aus dem angels\u00e4chsischen Sprachraum in den deutschen zu \u00fcbertragen. In den USA waren Susan J. Ellis und Jayne Cravens die ersten, die das Konzept des Online-Volunteerings auf seine Anwendbarkeit im Freiwilligenmanagement untersucht haben &#8212; <a title=\"Virtual Volunteering Guidebook (PDF)\" href=\"http:\/\/www.serviceleader.org\/sites\/default\/files\/file\/vvguide.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">mit bekanntem Ergebnis<\/a>. Und auch diese beiden Pionierinnen haben sich das Online- und Micro-Volunteering nicht ausgedacht. Eher da war zum Beispiel Michael Hart mit seinem <a title=\"webseite des project guttenberg \" href=\"http:\/\/www.gutenberg.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Project Guttenberg<\/a>, aber das ist eine andere Geschichte.<\/p>\n<p>Auf den ersten Blick gibt es bei der \u00dcbertragung angels\u00e4chsischer Konzepte in den deutschen Sprachraum eigentlich nur zwei M\u00f6glichkeiten: Entweder man beweist einen extrem langen Atem und wartet ab, bis die Zeit reif ist. Oder man versucht das betreffende Konzept selbst an die bestehenden Bedingungen anzupassen. Eigentlich sind diese M\u00f6glichkeiten keine grunds\u00e4tzlich verschiedenen, denn jene, die die erste Strategie fahren, warten ja nicht auf die &#8216;reife Zeit&#8217; sondern auf die Arbeitsergebnisse jener, die die zweite Strategie fahren, wenngleich diese selten selbst von einer Strategie sprechen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Ich f\u00fcr meinen Teil stehe eher f\u00fcr den aktiven Part. Einfach nur warten, ist mir\u00a0 ein bisschen zu langweilig. Und auch von der vermeintlich dritten M\u00f6glichkeit, der multimedialen Blechtrommel, halte ich nicht all zu viel. Sicherlich, mit geschicktem Marketing kann man viel erreichen, die nachhaltigen Ergebnisse &#8212; meint: die Wirkungen \u00fcber den L\u00e4rm hinaus &#8212; halte ich aber f\u00fcr eher mager.<\/p>\n<p>Doch woran soll man sich orientieren, wenn man Neues, das es in Deutschland noch nicht gibt, an die hiesige Kultur anpassen will? Diese Frage habe ich bei meinem <a title=\"Veranstaltungsank\u00fcndigung auf der Webseite der Hochschule Osnabr\u00fcck\" href=\"http:\/\/www.hs-osnabrueck.de\/38870+M53e53f390a7.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Vortrag in Osnabr\u00fcck <\/a>gestellt, zu dem mich die Kolleginnen und Kollegen von <a title=\"Webseite von Sozialer Funke\" href=\"http:\/\/www.sozialer-funke.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Sozialer Funke <\/a>eingeladen haben. Dabei ging es mir eigentlich gar nicht so sehr um das Online- und Micro-Volunteering &#8212; das war &#8216;nur&#8217; das naheliegende Beispiel. Vielmehr wollte ich &#8212; wieder einmal ganz im Sinne der Nachhaltigkeit &#8212; zeigen woran man sich auch bei zuk\u00fcnftig neuen Formen des freiwilligen Engagements orientieren kann.<\/p>\n<h2 style=\"text-align: left;\">Die SINUS-Milieus und das freiwillige Engagement<\/h2>\n<p>Den Ausgangspunkt bildeten hier einmal mehr die <a title=\"Webseite zu den Deutschen SINUS-Milieus\" href=\"http:\/\/www.sinus-institut.de\/loesungen\/sinus-milieus.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">SINUS-Milieus<\/a>. Ich hatte mich <a title=\"&quot; 36% der Deutschen brauchen neue Wege zum freiwilligen Engagement&quot; Beitrag hier im Blog\" href=\"https:\/\/hannes-jaehnert.de\/wordpress\/2011\/05\/25\/36-der-deutschen-brauchen-neue-wege-zum-freiwilligen-engagement-%E2%80%A6\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">schon fr\u00fcher<\/a> auf die sog. Kartoffelgrafik bezogen und die These aufgestellt, dass einige Milieus von Engagementofferten bereits erreicht werden und andere nicht.<\/p>\n<p>Schon damals waren es die unterschiedlichen Bed\u00fcrfnisse und Geschm\u00e4cker, die die einen vor den g\u00e4ngigen Formen freiwilligen Engagements zur\u00fcckschrecken lassen, w\u00e4hrend sich die anderen daf\u00fcr offen zeigen. Folgt man dieser These &#8212; zu mehr hat es bislang nicht gereicht &#8212; hei\u00dft das, (1) dass unterschiedliche Formen und Wege freiwilligen Engagements angeboten werden m\u00fcssen, wenn man Angeh\u00f6rige unterschiedlicher Milieus erreichen will und (2) dass freiwilliges Engagement mit dem sozio\u00f6konomischen Status und der normativen Grundorientierung zusammenh\u00e4ngt. Insbesondere die traditionell Eingestellten erreicht man mit herk\u00f6mmlichen Engagementofferten, die Postmodernen und einige Milieus der Modernen erreicht man damit nicht.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-3450\" src=\"https:\/\/hannes-jaehnert.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/sinus-milieus-2012.jpg\" alt=\"\" width=\"1340\" height=\"941\" srcset=\"https:\/\/hannes-jaehnert.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/sinus-milieus-2012.jpg 1340w, https:\/\/hannes-jaehnert.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/sinus-milieus-2012-300x211.jpg 300w, https:\/\/hannes-jaehnert.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/sinus-milieus-2012-1024x719.jpg 1024w, https:\/\/hannes-jaehnert.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/sinus-milieus-2012-768x539.jpg 768w, https:\/\/hannes-jaehnert.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/sinus-milieus-2012-720x506.jpg 720w, https:\/\/hannes-jaehnert.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/sinus-milieus-2012-580x407.jpg 580w, https:\/\/hannes-jaehnert.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/sinus-milieus-2012-320x225.jpg 320w\" sizes=\"auto, (max-width: 1340px) 100vw, 1340px\" \/><br \/>\nWenngleich ich diese These heute etwas modifizieren w\u00fcrde, bleibt sie doch auch bestehen, wenn man sich die <a title=\"Publikationshinweis im Shop der Bundeszentrale f\u00fcr politische Bildung\" href=\"http:\/\/www.bpb.de\/shop\/buecher\/schriftenreihe\/144893\/wie-ticken-jugendliche-2012\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">neue Studie der SINUS-Milieus<\/a> zu den Teenagern in Deutschland anschaut. Hier haben wir &#8212; m.W. das erste Mal &#8212; eine ausf\u00fchrliche Beschreibung der unterschiedlichen Lebenswelten, die differenziertere Einblicke gew\u00e4hrt als die Kurzbeschreibungen, die \u00fcber deren Webseite SINUS-Milieus einsehbar sind.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-3451\" src=\"https:\/\/hannes-jaehnert.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Sinus_Grafik_Jugendliche_Lebenswelten_2012.png\" alt=\"\" width=\"630\" height=\"517\" srcset=\"https:\/\/hannes-jaehnert.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Sinus_Grafik_Jugendliche_Lebenswelten_2012.png 630w, https:\/\/hannes-jaehnert.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Sinus_Grafik_Jugendliche_Lebenswelten_2012-300x246.png 300w, https:\/\/hannes-jaehnert.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Sinus_Grafik_Jugendliche_Lebenswelten_2012-580x476.png 580w, https:\/\/hannes-jaehnert.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Sinus_Grafik_Jugendliche_Lebenswelten_2012-320x263.png 320w\" sizes=\"auto, (max-width: 630px) 100vw, 630px\" \/><\/p>\n<ul>\n<li>Sieben Prozent der deutschen Teenager werden den <strong>\u201ePrek\u00e4ren\u201c<\/strong> zugeordnet. Das sind Jugendliche, die sich um Orientierung und Teilhabe bem\u00fchen aber wegen ihrer schwierigen Startvoraussetzungen eine zuweilen fatale Durchbei\u00dfermentalit\u00e4t entwickeln. Freiwilliges Engagement ist hier nur selten zu finden. Wenngleich man sich untereinander hilft &#8212; eine Frage der Ehre &#8212; ist das organisierte Engagement in dieser Lebenswelt weitgehend unbekannt.<\/li>\n<li>Mit zw\u00f6lf Prozent etwas gr\u00f6\u00dfer ist die Gruppe der <strong>\u201ematerialistischen Hedonisten\u201c<\/strong>. Das sind freizeit- und familienorienierte Jugendliche, die zumeist aus Elternh\u00e4usern der Unterschicht stammen und ausgepr\u00e4gt markenbewusste Konsumw\u00fcnsche aufweisen, die f\u00fcr eine starke Aufstiegsorientierung sprechen. Auch hier findet sich nur ausnahmsweise freiwilliges Engagement. Nicht etwa, weil es als Option der Freizeitgestaltung unbekannt w\u00e4re, sondern weil freiwilliges Engagement f\u00fcr die Befriedigung kostspieliger Interessen ungeeignet ist.<\/li>\n<li>Mit 13 Prozent erstaunlich gro\u00df ist die Gruppe der <strong>\u201ekonservativ B\u00fcrgerlichen\u201c. <\/strong>Das sind ziemlich bodenst\u00e4ndige, familien- und heimatorientierte Jugendliche mit gro\u00dfem Traditionsbewusstsein und Verantwortungsethik: als perfekte Feuerwehrm\u00e4nner und -frauen mittlerweile so etwas wie eine Randgruppe innerhalb der deutschen Jugend.<\/li>\n<li>Mit zehn Prozent erstaunlich klein ist dagegen die Gruppe der <strong>\u201eSozial\u00f6kologischen\u201c<\/strong>. Angeh\u00f6rige dieser Lebenswelt zeichnet sich durch Nachhaltigkeits- und Gemeinwohlorientierung, einer ausgepr\u00e4gt sozialkritischen Grundhaltung und einer gewissen Offenheit f\u00fcr alternative Lebensentw\u00fcrfe aus. Hier finden sich vor allem die high potentials der heutigen Umweltjugend.<\/li>\n<li>Mit 19 Prozent die gro\u00dfe und eher in Mitmach-Ehren\u00e4mtern engagierte b\u00fcrgerliche Mitte unserer Jugend bilden die <strong>\u201eadaptiv Pragmatischen\u201c<\/strong>, einem leistungs- und familienorientierten modernen Mainstream mit hoher Anpassungsbereitschaft. Freiwilliges Engagement ist hier durch aus verbreitet, aber eben vor allem dort anzutreffen, wo der pers\u00f6nliche \u201eReturn on Engagement\u201c stimmt.<\/li>\n<li>Ganz \u00e4hnlich gestrickt, aber wohl nicht f\u00fcr Mitmach-Ehren\u00e4mter zu begeistern, sind die <strong>\u201eExpediven\u201c <\/strong>(20%). Das sind erfolgs- und lifestyleorientierte Networker mit hoher Medienaffinit\u00e4t auf der Suche nach neuen Grenzen und unkonventionellen Erfahrungen. Bei diesen stets auf den eigenen Vorteil bedachten <em>\u201eEgotaktikern\u201c<\/em> handelt es sich wohl vor allem um die Petitionszeichner und Voluntouristen unserer Zeit.<\/li>\n<li>Und schlie\u00dflich haben wir da noch die <strong>\u201eexperimentalistischen Hedonisten\u201c<\/strong> (19%). Das sind die spa\u00df- und szeneorientierten Nonkonformisten mit Fokus auf das Leben im Hier und Jetzt. Das sind die Teenager, die im Jugendzentrum alternative Partys schmei\u00dfen, sich selber das Gitarre-Spielen oder Skate-Tricks beibringen und sicherlich auch hin und wieder mit geltendem (Urheber-) Recht in Konflikt geraten.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Grunds\u00e4tzlich bleibt es also dabei: Die traditionell eingestellten Teens lassen sich eher auf ein freiwilliges Engagement ein als die Postmodernen. Und auch bei den Modernen scheint es zuzutreffen, dass hier eher die adaptiv-pragmatische Mitte als die Sozial\u00f6kologischen angesprochen werden.<\/p>\n<p>Nicht etwa, weil es im sozial\u00f6kologischen Bereich des freiwilligen Engagements nichts zu tun g\u00e4be, sondern, weil Jugendliche mit intellektueller Potenz nicht viel mit dem p\u00e4dagogisierten Jugendengagement anfangen k\u00f6nnen. Sie wollen von den Erwachsenen gern ernst genommen werden, sie wollen Diskussion auf Augenh\u00f6he, statt eine Verl\u00e4ngerung des Schultags.<\/p>\n<p>Soviel also zur Einordnung des freiwilligen Engagement in die SINUS-Milieus: Unterschiedliche Milieus lassen sich unterschiedlich gut f\u00fcr erprobte (traditionelle) Formen des freiwilligen Engagements begeistern. Nur aber weil sich die postmodernen Milieus heute nicht freiwillig Engagieren, hei\u00dft das nicht, dass sie dem organisierten Engagement fern st\u00fcnden. Das ist sicher bei den traditionell eingestellten Prek\u00e4ren der Fall, definitiv aber nicht bei den experimentalistischen Hedonisten, den Sozial\u00f6kologischen und Expediven. Hier sind alternative, &#8216;neue&#8217; Formen des freiwilligen Engagements gefragt.<\/p>\n<h2 style=\"text-align: left;\">Die Theorie der Verbreitung gesellschaftlicher Praktiken<\/h2>\n<p>Doch woher nehmen wenn nicht stehlen? Wenn es um Innovation im freiwilligen Engagement geht, kann es ja niemals nur darum gehen, einfach etwas zu machen, was noch niemals jemand gemacht hat. Vielmehr geht es darum, Wege zu gehen, \u00fcber die sich jene, die bislang nicht erreicht wurden, jetzt erreichen lassen. Der Mehrwert ist der Kern jeder Innovation und damit dem Ph\u00e4nomen der Kreativit\u00e4t, wie es <a title=\"Wikipedia Artikel zum Lemma Mihaly Csikszentmihalyi\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mihaly_Csikszentmihalyi\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Mihaly Csikszentmihalyi<\/a> beschreibt, sehr nah:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: left;\">Kreativit\u00e4t ist eine Form von geistiger Aktivit\u00e4t, ein Erkenntnisvorgang, der in den K\u00f6pfen einiger au\u00dfergew\u00f6hnlicher Menschen stattfindet. Wenn wir unter Kreativit\u00e4t eine Idee oder Handlung verstehen, die neu und wertvoll ist, dann k\u00f6nnen wir die Beurteilung des einzelnen nicht als Ma\u00dfstab f\u00fcr die Existenz der Kreativit\u00e4t akzeptieren. Man kann unm\u00f6glich wissen, ob ein Gedanke neu ist, es sei denn man zieht gewisse Vergleichsma\u00dfst\u00e4be heran, und ob er wohl wertvoll ist, h\u00e4ngt von der Einsch\u00e4tzung der Gemeinschaft ab. Insofern findet Kreativit\u00e4t nicht im Kopf des Individuums statt, sondern in der Interaktion zwischen dem individuellen Denken und einem soziokulturellen Kontext. Sie ist eher ein systematisches denn ein individuelles Ph\u00e4nomen.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Nehmen wir jetzt die eingangs formulierte Feststellung, die Geschichte des Online-Volunteerings w\u00e4re eine Geschichte der Adaption und Anpassung, bringen sie mit der Verortung freiwilligen Engagements in den SINUS-Milieus zusammen und folgen dann auch noch Csikszentmihalyi, f\u00fcr den der Wert eines Gedankens von der Einsch\u00e4tzung der Gemeinschaft abh\u00e4ngt, stellt sich die Frage, ob und wo es bereits Praktiken &#8212; meint beobachtbare, in Handlung \u00fcberf\u00fchrte Gedanken &#8212; gibt, die wir f\u00fcr die Engagementf\u00f6rderung adaptieren k\u00f6nnen, um dann auch der breiten Masse das Online- und Micro-Volunteering zug\u00e4ngig machen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Um diese Frage(n) beantworten zu k\u00f6nnen, lohnt es sich, zu sammeln, was wir schon wissen: Zun\u00e4chst wissen wir relativ sicher, dass das Internet &#8212; ein wesentlicher Faktor beim Online-Volunteering &#8212; unter Jugendlichen recht weit verbreitet ist. Insofern ist die SINUS-Jugendstudie schonmal ein guter Ausgangspunkt.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem vermuten wir, dass sich angeh\u00f6rige postmoderner Milieus eher nicht f\u00fcr traditionelle Formen des freiwilligen Engagements begeistern lassen, was nicht hei\u00dft, dass sie in ihrer Freizeit faul w\u00e4ren. Eher unwahrscheinlich scheint allerdings, dass sich jugendliche postmoderner Grundorientierung in gro\u00dfer Zahl f\u00fcr Projekte und Organisationen in den angels\u00e4chsischen L\u00e4ndern oder in der <a title=\"Portal der United Nation Volunteers zum Online-Volunteering\" href=\"http:\/\/www.onlinevolunteering.org\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">internationalen Entwicklungshilfe<\/a> engagieren.<\/p>\n<p>Wahrscheinlicher ist, dass sie ihr Engagement &#8212; ihre ganze Power &#8212; auf andere Aktivit\u00e4ten richten. Welche zwei (Haupt-) Aktivit\u00e4ten das sind, dazu gibt SINUS-Jugendstudie Auskunft:<\/p>\n<ul>\n<li>Allen voran richten Jugendliche ihre Aktivit\u00e4ten auf die Bew\u00e4ltigung lebensphasenspezifischer Herausforderung. Insbesondere Bildung und das Sammeln n\u00fctzlicher Bildugnszertifikate steht hier im Vordergrund, wobei die Schule zumeist ein Ort ist, an dem man sich nicht l\u00e4nger als n\u00f6tig aufhalten will.<\/li>\n<li>Den Bildungsaufgaben folgt vor allem in den postmodernen Milieus die Inszenierung. W\u00e4hrend die Expedieven vor allem sich selber inszenieren, inszenieren die experimentalistischen Hedonisten ihre Jugendszenen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Es ist schwer, den starken Selbstbezug der Expediven mit freiwilligem Engagement in Verbindung zu bringen. Diesen Jugendlichen &#8212; und \u00fcbrigens auch ihren erwachsenen Pendants &#8212; ist die Abgrenzung von anderen, vom Mainstream, von Szene-Spinnern, von Harzern und auch von Intellektuellen ziemlich wichtig. Diese Latte-Macchiato-Jugend engagiert sich nur dann mit anderen, wenn davon ein Prestige-Gewinn zu erwarten ist. Anders die experimentalistischen Hedonisten! Die inszenieren nicht vorrangig sich selbst, sondern eine Issue-Gemeinschaft, eine Jugendszene. Auch das ist zun\u00e4chst kein freiwilliges Engagement im engeren Sinne, doch gibt es auff\u00e4llige \u00dcberschneidungen.<\/p>\n<ul>\n<li>Die ineraktiv-symbolische Inszenierung von Jugendszenen (Punk, HipHop, Skating, Gothic, Cosplay <a title=\"Portal f\u00fcr Jugendszenen mit anschaulichen Szeneportraits\" href=\"http:\/\/www.jugendszenen.com\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">usw<\/a>.) findet im \u00f6ffentlichen Raum statt und gestaltet ihn. Nicht umsonst werden z.B. Skateparks gebaut.<\/li>\n<li>Weder die Inszenierung von Jugendszenen noch die Selbstbest\u00e4tigung in der Gemeinschaft funktionieren allein. Vergemeinschaftung ist immer ein Prozess mit Anderen, der mithin auch ephemere Organisationen hervorbringt. Z.B. wenn es darum geht, ein gemeinsames Event zu organisieren.<\/li>\n<li>Und nicht zuletzt sind jugendliche Gemeinschaften nicht prim\u00e4r auf pers\u00f6nlichen Profit ausgerichtet. Sicherlich, manche tr\u00e4umen davon, als gro\u00dfer Star der Szene entdeckt und damit auch reich zu werden, im Vordergrund steht aber die Gemeinschaft.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Damit wird klar, wo wir hinschauen m\u00fcssen, um alternative Engagementformen auszumachen: Es ist die Lebenswelt der experimentalistischen Hedonisten, die in der Jugend als Avantgarde vormachen, was Angeh\u00f6rige anderer Lebenswelten dann peu a peu adaptieren. Und hier kommt die Theorie der Verbreitung gesellschaftlicher Praktiken ins Spiel, die uns einen Hinweis darauf gibt, wie hier eigentlich was von wem adaptiert wird.<\/p>\n<p>Ich hatte diese Theorie schon das eine oder andere Mal hier im Blog erw\u00e4hnt (z.B. <a title=\"&quot;Der Trend geht zur Nahrungsverweigerung&quot; Beitrag hier im Blog\" href=\"https:\/\/hannes-jaehnert.de\/wordpress\/2010\/10\/01\/der-trend-geht-zur-nahrungsverweigerung\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">bei meiner Besch\u00e4ftigung mit Vegetarismus<\/a>). Sie stammt von meinem ehemaligen Professor <a title=\"Wikipedia Artikel zum Lemma Wolf Wagner\" href=\"\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wolf_Wagner\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wolf Wagner<\/a>, der sie bei unterschiedlichen ethnographischen Studien anwandte und damit zeigte, dass sich gesellschaftliche Praktiken nach dem immer gleichen Muster durch die Gesellschaft verbreiten: von der Avantgarde \u00fcber die kulturellen, gesellschaftlichen und \u00f6konomischen Eliten gelangen sie in den Mainstream und schlie\u00dflich irgendwann zu den Armen und Ungebildeten.<\/p>\n<p>Der zentrale Antrieb dabei ist das Streben nach Prestige (<a title=\"Wikipedia Artikel zum Lemma Norbert Elias \" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Norbert_Elias\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Norbert Elias<\/a>) bzw. Kapitalakkumulation (<a title=\"Wikipedia Artikel zum Lemma Pierre Bourdieu\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Pierre_Bourdieu\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Pierre Bourdieu<\/a>), der den Expediven am schwierigsten abzusprechen ist. Aber auch die Sozial\u00f6kologischen lassen deutliche Distinktionsbem\u00fchungen erkennen, wenngleich sie etwas mittleidigiger aber doch auch mit einer verkl\u00e4rten Vorstellung vom Arm-Sein auf die die Prek\u00e4ren herunterschauen. Im Falle der b\u00fcrgerlichen Mitte unserer Jugend sagt schon der in der SINUS-Jugendstudie gew\u00e4hlte Name, dass hier flei\u00dfig Adaptiert wird &#8212; und zwar von den Expediven und den Sozial\u00f6kologischen. Und wenn ich oben bei den materialistischen Hedonisten von einer deutlichen Aufstiegswilligkeit schrieb, sollte nun auch klar sein, wohin man aufsteigen will: Mindestens in die b\u00fcrgerliche Mitte, wenn nicht gleich zu dem b\u00fcrgerlich-konservativen Familienideal. Die Prek\u00e4ren schlie\u00dflich w\u00fcnschen sich nichts anderes, als fort zu kommen, wobei hier wohl st\u00e4rkste Orientierung am Maistream offensichtlich wird.<\/p>\n<p>\u00dcbertragen wir diese Theorie nun auf das freiwillige Engagement und seine Vorformen, sehen wir, dass sich hier schon einiges getan hat. Auf der Einstellungsebene sehen wir, dass sich der Individualismus und der gro\u00dfe Drang nach Selbstbestimmung und Anerkennung (allg. \u201eWandel des Ehrenamts\u201c) bereits durch die Milieus verbreitet hat, die man in der Jugend als elit\u00e4r ansehen k\u00f6nnte: den expediven und den sozial\u00f6kologischen.<\/p>\n<p>In die Lebenswelt der adaptiv Pragmatischen ist diese Einstellung noch nicht so stark vorgedrungen, hier ist man auch in Mitmach-Ehren\u00e4mtern engagiert, wenn es denn was bringt (RoE). Auf der Handlungsebene sehen wir, dass die Praktik der (Selbst-) Inszenierung bei den Expediven schon angekommen ist, wobei sie hier aus anderen Gr\u00fcnden praktiziert wird als in der Lebenswelt der experimentalistischen Hedonisten, n\u00e4mlich zur Abgrenzung. \u00c4hnliches gilt auch f\u00fcr die Sozial\u00f6kologischen, die sich durch ihre sozialkritische Grundhaltung auf etwas subtile Weise von anderen abgrenzen. Kurz: Wer etwas auf sich h\u00e4lt, blufft, macht sich zu mehr als wirklich da w\u00e4re. Insofern sind bei den Expediven auch die Engagements beliebt, mit denen man angeben kann. Freiwilligenarbeit in Kapstadt bzw. Einmischung in die Bundes- oder Europapolitik via Online-Petition mit gro\u00dfem Medienecho. Die Sozial\u00f6kologischen dagegen stehen dem traditionellen Engagement schon n\u00e4her, sind aber derma\u00dfen Kritisch, dass es ihnen wohl leichter f\u00e4llt, einen eigenen Verein zu gr\u00fcnden und mit den Mitteln und M\u00f6glichkeiten des Internets zu organisieren, als einen zu suchen, der ihren Anspr\u00fcchen gen\u00fcgt.<\/p>\n<h2 style=\"text-align: left;\">Fazit: eine Genialogie des Online- und Micro-Volunteering (?)<\/h2>\n<p>Wir sehen also, die Theorie der Verbreitung gesellschaftlicher Praktiken ist auch f\u00fcr das freiwillige Engagement anwendbar. Problematisch ist hier allerdings, dass die sich verbreitenden Praktiken niemals eins-zu-eins \u00fcbernommen, sondern immer ein bisschen abgewandelt werden, was hei\u00dft, dass man sie, wenn sie dann in der b\u00fcrgerlichen Mitte angekommen sind, nicht mehr wiedererkennt. Wie ist das nun aber mit dem Online-Volunteering? Wer denkt sich sowas aus?<\/p>\n<p>Ganz genau kann man das nat\u00fcrlich nicht sagen. Sicher ist aber, dass die Angeh\u00f6rigen jener Lebenswelten (ob jugendlich oder nicht) das Online-Engagement zuerst erprobten, die ihre Gemeinschaft vor allem \u00fcber das Internet inszenieren bzw. das Internet nutzen, um gemeinsame Events zu organisieren. Da w\u00e4ren z.B. eher kleinere Jugendszenen wie Cosplay oder Manga, hinter denen internationale Communitys stehen, die dementsprechend auf die Organisation und Koordination \u00fcber das Internet angewiesen sind. Weiterhin sind da auch noch Jugendszenen wie die der Gamer, die ihre Gemeinschaft vorrangig \u00fcber das Inter- oder ein Intranet &#8212; sozusagen im virtuellen Raum &#8212; inszenieren. Wenngleich die Gamer h\u00e4ufig als &#8216;Problemkinder&#8217; in Sachen freiwilliges Engagement gesehen werden, kann man hier doch einiges an Online- und Micro-Volunteering erkennen: Organisation von Online-Meetings (z.B. im Spiel), webbasierte Organisation von Events (z.B. LAN-Partys), Produktion szenespezifischer Artefakte (z.B. Maps bei Counterstrike) usw. Nicht umsonst wurde ich schon von Gamern gefragt, ob sich die <a title=\"Webseite zur ZiviCloud\" href=\"http:\/\/www.zivicloud.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">ZiviCloud<\/a> nicht eventuell auch f\u00fcr solche Zwecke gebrauchen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Adaptiert wurde das Netz-Engagement dann von den Eliten, die sich damit von anderen abgrenzen wollten, in dem sie das, was sie tats\u00e4chlich tun, einfach etwas aufblasen. Expedive zeichnen z.B. Online-Petitionen mit und mischen sich damit in die Bundes- oder Europapolitik ein. Das zumindest denkt der Mainstream, denn tats\u00e4chlich ist die Wirkung von Online-Petitionen sehr beschr\u00e4nkt. Die Sozial\u00f6kologischen zeichnen sicherlich hin und wieder auch eine Petition mit, wobei sie wohl besser informiert ans Werk gehen als die Expediven. Was allerdings das Online- und Micro-Volunteering anbelangt, adaptieren sie es eher, um selbst Gruppen und Initiativen zu organisieren. Das scheint zun\u00e4chst nichts anderes zu sein, als das was die experimentalistischen Hedonisten in ihren Jugendszenen treiben, der Unterschied ist aber, das Szene-Angeh\u00f6rige eine Gemeinschaft gemeinsam inszenieren, w\u00e4hrenddessen die Sozial\u00f6kologischen ihre kleinen Gruppen und Initiativen selbst organisieren und sich damit auch zu kleinen K\u00f6nigen machen, wodurch sie nat\u00fcrlich auch F\u00fchrungs- und Leitungskompetenzen erwerben, die ihnen im sp\u00e4teren Leben helfen.<\/p>\n<p>In den b\u00fcrgerlichen Maistream ist das Online- und Micro-Volunteering noch nicht wirklich vorgedrungen. Das liegt nicht daran, dass das Netz-Engagement nicht f\u00fcr Mitmach-Ehren\u00e4mter geeignet w\u00e4re, sondern dass es noch an dessen Anerkennung als &#8216;echtes&#8217; Engagement fehlt. Es wird zumeist als \u201eVorform\u201c des Engagements &#8212; als so etwas wie eine jugendliche Vor\u00fcbung f\u00fcr das Ehrenamt &#8212; angesehen, wodurch sich der Return on Engagement insbesondere f\u00fcr junge Menschen, die noch vorrangig mit der Sammlung von Bildungszertifikaten befasst sind, nicht als sonderlich attraktiv darstellt.<\/p>\n<p>Und damit haben wir die Antwort auf die eingangs gestellte Frage, woran man sich orientieren muss, wenn man neue Formen freiwilligen Engagements in Deutschland etablieren will: (1) an den konkreten Bed\u00fcrfnissen der jeweiligen Zielgruppe &#8212; wenn es um die breite Etablierung geht ist das vor allem die Mitte der Gesellschaft &#8212; und (2) an bereits erprobten Praktiken, der Avantgarde, denen die gesellschaftlichen Eliten durch Adaption zumindest ein Minimum an Legitimit\u00e4t verleihen (sonst sind sie ja f\u00fcr die adaptive Mitte unattraktiv).<br \/>\nO<em>hne nach der Genialogie dieser Praktik zu fragen hier noch der tl;dr zum twittern:<\/em><\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: left;\">Das #onlinevolunteering ist kein g\u00e4nzlich avantgardistisches Konzept mehr, in der b\u00fcrgerlichen Mitte ist es aber auch noch nicht angekommen.<\/p>\n<\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die einen wird es \u00fcberraschen, die anderen nicht: Ich habe mir das Online- und Micro-Volunteering nicht ausgedacht; weder die Begriffe noch das Konzept. 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