{"id":2899,"date":"2013-11-17T16:59:27","date_gmt":"2013-11-17T15:59:27","guid":{"rendered":"https:\/\/hannes-jaehnert.de\/wordpress\/?p=2899"},"modified":"2013-11-17T16:59:27","modified_gmt":"2013-11-17T15:59:27","slug":"blick-ins-buch-die-neue-macht-der-burger-was-motiviert-protestbewegungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hannes-jaehnert.de\/wordpress\/2013\/11\/17\/blick-ins-buch-die-neue-macht-der-burger-was-motiviert-protestbewegungen\/","title":{"rendered":"Blick ins Buch: Die neue Macht der B\u00fcrger &#8212; Was motiviert Protestbewegungen?"},"content":{"rendered":"<p>Windr\u00e4der und Starkstromtrassen, Parks und Wohnquartiere, Bildung, Atomkraft, das politische System und das Internet &#8212; alles Sujets von Protestbewegungen, deren Anh\u00e4nger sich Land auf Land ab f\u00fcr das eine oder gegen das andere engagieren. Franz Walter und seine Kolleg!nnen vom <a href=\"http:\/\/www.demokratie-goettingen.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">G\u00f6ttinger Institut f\u00fcr Demokratieforschung<\/a> haben untersucht, was diese Menschen eigentlich antreibt, wie sie ticken und warum sie tun, was sie tun &#8212; finanziert von British Petrol (BP).<\/p>\n<h2>BP-Gesellschaftsstudie<\/h2>\n<p>British Petrol? Ja, genau! Der \u00d6lkonzern, dessen offshore Borinsel &#8220;Deepwater Horizon&#8221; im April 2010 havarierte und im Golf von Mexiko <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/%C3%96lpest_im_Golf_von_Mexiko_2010\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">eine ziemliche Sauerei<\/a> hinterlie\u00df, hat offenbar Interesse an Grundlagenforschung zum B\u00fcrgerprotest. Naheliegend, <a href=\"https:\/\/www.lobbycontrol.de\/2013\/02\/bp-lasst-burgerproteste-untersuchen-was-steckt-dahinter\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">findet LobbyControl<\/a> und fordert &#8212; was auch sonst &#8212; vollkommene Transparenz:<\/p>\n<ul>\n<li><em>&#8220;Was war der genaue Auftrag f\u00fcr die Studie?&#8221;<\/em> Ist die Forschungsf\u00f6rderung f\u00fcr BP etwa mehr als greenwashing? Geht es vielleicht darum, Strategien zu entwickeln mit denen B\u00fcrgerproteste wirksam eingedeicht und so die eigenen Interessen besser durchsetzt werden k\u00f6nnen? <strong><\/strong><\/li>\n<li><i>&#8220;Wie war BP an der Studie beteiligt?&#8221; <\/i>Hat es vielleicht Einflussnahme auf die Methodik, auf die Fragestellung oder die Auswahl der Interviewpartner!nnen gegeben? Hat BP &#8212; beraten von dubiosen Consulting-Unternehmen wie <a href=\"http:\/\/www.outrage-management.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">kmw outrage management<\/a> &#8212; etwa versucht B\u00fcrgerproteste aus dem glei\u00dfenden Licht \u00f6ffentlicher Verz\u00fcckung zu r\u00fccken, um ihnen so den steten Zulauf abzugraben?<\/li>\n<li><i>&#8220;Welche Ergebnisse erhielt BP aus dem Forschungsprojekt?&#8221; <\/i>Wissen die jetzt etwa mehr als wir &#8212; also ich meine jetzt die paar Leute, die das Buch gelesen haben? Hat BP etwa Zugriff auf die Interviewtranskripte oder gar die pers\u00f6nlichen Daten der Interviewten? Stehen vielleicht bald die Schergen des \u00d6l-Multis vor der T\u00fcr engagierter Aktivisten? Und wenn ja, wurden die \u00fcber die Rolle von BP informiert?<\/li>\n<\/ul>\n<p>Kurzum: Nur mit der Offenlegung aller Vereinbarungen &#8212; bis hin zur letzten m\u00fcndlichen Absprache zwischen Klot\u00fcr und Pissoir &#8212; k\u00f6nnen die von Ulrich M\u00fcller in den Blog von LobbyControl geschriebenen Vorw\u00fcrfe ausger\u00e4umt werden. \u00dcber die als Fragen formulierten Anschuldigungen erst einmal nachzudenken kommt ja gar nicht in die T\u00fcte!!!<br \/>\nKein Wunder, dass sich die <a href=\"http:\/\/www.demokratie-goettingen.de\/blog\/uber-die-eigene-arbeit-und-bp-als-geldgeber-von-grundlagenforschung\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Reaktion des G\u00f6ttinger Autor!nnen-Teams<\/a> etwas gereizt liest. Von &#8220;reflexhaften Misstrauen&#8221; der &#8220;selbsterkl\u00e4rten Anti-Lobbyisten&#8221; ist da die Rede. Man m\u00f6chte lieber die Befunde der Studie diskutieren und \u00fcber die \u00a0Verfasstheit unserer Demokratie nachdenken als sich mit haltlosen Anschuldigungen &#8216;raunender Kritiker&#8217; zu befassen, die nat\u00fcrlich vollkommen danebenliegen.<br \/>\nIch pers\u00f6nlich finde allein die Diskussion zwischen einem Akteur der neuen B\u00fcrgergesellschaft und einem wissenschaftlichen Institut, das sich seit Jahren mit Protestbewegungen befasst, \u00e4u\u00dferst bemerkenswert. Doch was steckt nun dahinter? Ist den Studienergebnissen zu trauen oder sind sie doch zu sehr mit dem Einfluss ihres Finanziers konterminiert? Ich glaube das nicht!<br \/>\nWas Herr M\u00fcller bei seinen Anschuldigungen zun\u00e4chst \u00fcbersieht, ist, dass das Wissenschaftssystem, in dem das G\u00f6ttinger Institut f\u00fcr Demokratieforschung operiert, anders codiert ist als das Politik- und Wirtschaftssystem. Wissenschaftlern &#8212; die viel M\u00fche und nicht selten auch Geld auf Publikationen verwenden, auf die sie ihren Namen schreiben k\u00f6nnen &#8212; geht es nicht um Geld oder Macht. Es geht ihnen um Reputation, um Ansehen und Standing in der Fachwelt. Mit gro\u00dfem Tam-Tam eine Studie zu ver\u00f6ffentlichen, die wissenschaftlichen Anforderungen nicht gen\u00fcgt oder ethischen Grunds\u00e4tzen zu Wider l\u00e4uft, w\u00fcrde bedeuten, diese Reputation auf&#8217;s Spiel zu setzen.<br \/>\nNicht ber\u00fchrt davon bleibt allerdings die Verwendbarkeit der Forschungsergebnisse. Es ist ja durchaus richtig, dass qualitative Studien &#8212; Untersuchungen, die schonungslos in Wunden bohren, Widerspr\u00fcche aufzeigen und Unzul\u00e4nglichkeiten dokumentieren &#8212; den Forschungsgegenstand entzaubern. Es kann durchaus sein, dass BP genau daran ein Interesse hatte. Wenn das so ist, bin ich f\u00fcr meinen Teil mit British Petrol dacore. Wir k\u00f6nnen keine mystischen Erz\u00e4hlungen \u00fcber die rosarote Welt der vielen kleinen w\u00fctenden Davids gebrauchen, wenn sich aus Protestbewegungen antidemokratische Tendenzen ergeben. Das ist das eine.<br \/>\nDas andere ist die Frage im Untertitel des Buches: <i>&#8220;Was motiviert Protestbewegungen?&#8221;<\/i> Vielleicht ist BP tats\u00e4chlich daran interessiert auf der Grundlage wissenschaftlicher Untersuchungen, Strategien zu entwickeln, die Motivation der Wutb\u00fcrger auf irgendeine Weise zu unterminieren, entsprechende Strukturen zu zerschlagen oder Gegenbewegungen gezielt aufzubauen. Gleichwohl das nat\u00fcrlich unglaublich gemein w\u00e4re, ist es aus der Sicht eines \u00d6l-Konzerns durchaus nachvollziehbar. Ber\u00fchrt das aber die Verwendbarkeit der Forschungsergebnisse? Nein! Ich glaube gerade weil BP die Studie finanziert hat, sollte man sie gelesen haben &#8212; das sorgt zumindest ansatzweise f\u00fcr gleiche Verh\u00e4ltnisse.<\/p>\n<h2>Aufbau und Inhalt<\/h2>\n<p>Was steht nun drin in der knapp 350-seitigen Publikation zur Studie? Nach einem kurzen Vorwort von Michael Schmidt (Vorstandsvorsitzender der BP Europa SE) folgt eine Einf\u00fchrung zu &#8220;B\u00fcrger in Bewegung&#8221; von Franz Walter, der sich hier auf das Forschungsinteresse an dem &#8216;schon etwas gesetzteren, nicht so aufregenden Typus&#8217; der deutschen Wutb\u00fcrger konzentriert (S. 9ff.). Es folgt eine Umfangreiche Einf\u00fchrung in das ausgebuffte Forschungsdesign von Stephan Klecha, Stine Marg und Felix Butzlaff (S. 14ff.), bevor dann aus acht unterschiedlichen Feldern b\u00fcrgerschaftlicher Protestbewegungen von unterschiedlichen Autor!nnen-Teams berichtet wird. Den Abschluss bildet eine Kunklusion mit Ausblick von Franz Walter (S.301ff).<\/p>\n<h3><b>Methodik<\/b><\/h3>\n<p>Auch wenn nicht sonderlich beliebt, der Methodenteil geh\u00f6rt zu jeder anst\u00e4ndigen Studie. Bei einfachen Umfragen reichen oft ein paar Stichpunkte. Bei gr\u00f6\u00dfer angelegten Studien ist schon mehr n\u00f6tig, um darzustellen, wie man zu den Ergebnissen gelangte. Hier geht es ja nicht nur um das Rechnen, sondern auch um die zu Grunde liegenden Modelle und das damit einhergehende Erhebungsdesign. Bei qualitativen Studien, wie der vorliegenden, ist der Methodenteil noch mal eine ganz andere Hausnummer.<br \/>\nEs geht hier nicht nur darum, zu beschreiben, wie das Material erhoben und ausgewertet wurde, es gilt auch zu kl\u00e4ren, welcher Zugang zum Feld warum gew\u00e4hlt wurde. Liegen quantitativen Studien n\u00e4mlich schon sehr genaue Vorstellungen \u00fcber das Feld zu Grunde, haben qualitativ Forschende davon bestenfalls eine vage Ahnung. Vorurteile oder diffuse Annahmen \u00fcber den Forschungsgegenstand k\u00f6nnen die Materialsammlung verzerren. Dementsprechend umsichtig m\u00fcssen die Forschenden mit ihren Vorannahmen umgehen und die Methoden darstellen, mit denen sie zu ihren Interpretationen gelangten.<br \/>\nIn der qualitativen Sozialforschung gibt es daf\u00fcr sogenannte kodifizierte Verfahren. Das sind Methodens\u00e4tze wie z.B. \u00a0die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Grounded_Theory\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Grounded Theory<\/a> oder die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Qualitative_Inhaltsanalyse\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">qualitative Inhaltsanalyse<\/a>, \u00fcber die in der wissenschaftlichen Literatur weitgehende Einigkeit ob ihrer <i>intersubjektiven Nachvollziehbarkeit<\/i> &#8212; nicht Objektivit\u00e4t, Reliabilit\u00e4t oder Validit\u00e4t &#8212; besteht. Die unterschiedlichen Methodens\u00e4tze k\u00f6nnen durchaus miteinander kombiniert und an den jeweiligen Bedarf angepasst werden, im Kern m\u00fcssen sie allerdings erhalten bleiben.<br \/>\nIn der vorliegenden Studie wurden viele Methoden miteinander kombiniert, um bei den Einzel- und Gruppeninterviews (S. 21ff. &amp; 25ff.) sowie der teilnehmenden Beobachtung \u00a0(S. 34ff.) zu nachvollziehbaren Ergebnissen zu gelangen. Insgesamt allerdings wurde die Untersuchungen im Stile der Grounded Theory angelegt, f\u00fcr die ein Hin-und-Herpendeln zwischen Materialauswertung und -erhebung kennzeichnend ist (vgl. S. 38).<br \/>\nAlles in allem wird die Forschungsmethodik detailliert und nachvollziehbar dargestellt. Wer sich f\u00fcr seine eigene Arbeit mal anschauen m\u00f6chte, wie ein Methodenteil aussehen kann, wird hier f\u00fcndig. Als etwas zu pragmatisch empfand ich das Vorgehen bei der Auswahl der Interviewpartner!nnen. Hier hangelten sich die Forschungs-Teams durch Bekanntschaften und pers\u00f6nliche Netzwerke, lie\u00dfen sich also die n\u00e4chsten Interviewpartner!nnen empfehlen anstatt sie selbst zu suchen. Das ist ressourcenschonend, hat aber den Nachteil, dass man wegen der Homogenit\u00e4t der Interviewten eher Material findet, das die gebildeten Hypothesen best\u00e4tigt und seltener auf Widerspr\u00fcche st\u00f6\u00dft.<\/p>\n<h3><b>Galerie des b\u00fcrgerschaftlichen Protests <\/b><\/h3>\n<p>In den acht anschlie\u00dfenden Kapiteln werden unterschiedliche Felder b\u00fcrgerschaftlichen Protests beschrieben. Je nach Interessenlage und Vorkenntnis sind die Kapitel mehr oder weniger spannend. Wer sich z.B. schon l\u00e4ngere Zeit mit dem Internetprotest besch\u00e4ftigt, wird den entsprechenden Darstellungen (S. 267ff.) nicht sonderlich viel Neues entnehmen k\u00f6nnen. Die Kapitel k\u00f6nnen allerdings helfen, die Vorg\u00e4nge im &#8216;eigenen&#8217; Feld zu reflektieren. Darstellungen wiederum von unbekannten Protestfelder &#8212; f\u00fcr mich war das bspw. satirischer Protest (S. 250ff.) &#8212; \u00a0k\u00f6nnen interessante Einblicke geben.<br \/>\nDie acht zentralen Kapitel des Buches sind dementsprechend allesamt lesenswert. Die Darstellungen bauen nicht aufeinander auf, sodass man ruhigen Gewissens durch die vom Autor!nnen-Team kuratierte Galerie des b\u00fcrgerschaftlichen Protests in Deutschland schlendern kann. Nicht in diese Galerie aufgenommen &#8212; weil &#8220;in der Protestgeschichte schon beinahe etabliert&#8221; (S. 18) &#8212; wurden Anti-Neonazi-Proteste und die Aktivit\u00e4ten der Friedens- und Umweltbewegung. Besonders das Fehlen der Antifa-Bewegung finde ich ausgesprochen schade.<\/p>\n<h3><b>Conclusio <\/b><\/h3>\n<p>Am Ende des Buches zieht Franz Walter &#8220;zusammen, wor\u00fcber uns die Einzelstudien zu den Akteuren des Protests informiert haben&#8221; (S. 301f.). Etwas seltsam ist, dass Walter die Befunde behandelt als entstammten sie quantitativen Untersuchungen und als k\u00f6nne man Aussagen \u00fcber ganz Deutschland machen. Das ist nicht der Fall, wie Ansgar Klein im Forschungsjournal Soziale Bewegung (2\/2013: 186f) feststellt. Nichtsdestotrotz sind die allgemeinen Befunde &#8212; jene, die in der Engagementforschung schon l\u00e4nger diskutiert werden &#8212; wie auch die protestspezifische Erkenntnisse interessant.<br \/>\nZu den allgemeinen Befunden geh\u00f6rt zweifelsohne, dass Protest und Engagement Zeit bzw. Zeitsouver\u00e4nit\u00e4t braucht (vgl. auch <a href=\"http:\/\/www.mais.nrw.de\/08_PDF\/005\/Pressemitteilungen\/111223_ehrenamtsstudie_kurzbericht.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Br\u00e4mer et al 2011<\/a>). Wer glaubt, die &#8220;Dagegen-Gesellschaft&#8221; best\u00fcnde ausschlie\u00dflich aus jungen Wilden und Yupies, ist schief gewickelt.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: left;\">In der Tr\u00e4gergruppe des Protests [findet man] auff\u00e4llig viele Hausm\u00e4nner, Teilzeitangestellte, Freiberufler, Sch\u00fcler, Lehrer und &#8212; ganz besonders Vorruhest\u00e4ndler, Rentner und Pension\u00e4re. Sie alle haben entweder reichlich freie Zeit oder doch das Privileg, \u00fcber ihren Zeithaushalt vergleichsweise individuell und autonom disponieren zu k\u00f6nnen (Walter 2013: 302).<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Bemerkenswert ist allerdings, dass sich im Internet- und beim satirischen Protest vor allem junge Menschen tummeln. Hierf\u00fcr findet sich aber eine schl\u00fcssige Erkl\u00e4rung: Die als alternative Protestformen der neuen B\u00fcrgergesellschaft beschriebenen Felder sind zu Hauf von Menschen bev\u00f6lkert, die negative Erfahrungen mit herk\u00f6mmlichen Formen politischer Beteiligung gesammelt haben. So schreiben Geiges, van Dijk und Neef \u00fcber die von ihnen befragten Mitglieder von DIE PARTEI:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: left;\">Anders als die Apfelfront-Aktivisten sind sie in der Vergangenheit vielfach Mitglied von Parteien gewesen &#8212; aktiv in CDU, CSU, FDP. SPD und\/oder Gr\u00fcne sowie bei DKP und den Freien W\u00e4hlern. Heute berichten sie, sich entt\u00e4uscht, auch gelangweilt aus ihren fr\u00fcheren Parteien zur\u00fcckgezogen zu haben (Geiges\/van Dijk\/Neef 2013: 259).<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>\u00c4hnliches ist im Kapitel von Hensel, Klecha und Schmitz zum Internetprotest zu lesen (S. 275f.). Auch hier ist der Befund, dass die gef\u00fchlte Ohnmacht und\/oder die schlechten Aussichten auf Wirkungsmacht alternative Protestformen attraktiver machen, nachvollziehbar. Was die j\u00fcngeren Protestler &#8212; ob nun aus dem Feld des Internetprotests oder der Satire (Front deutscher \u00c4pfel) &#8212; betrifft, die noch gar keine eigenen Erfahrungen mit herk\u00f6mmlicher politische Partizipation sammeln konnten, l\u00e4sst sich schlicht vermuten, dass sie die Geschichten der \u00e4lteren glauben und &#8212; Mythen gleich &#8212; weitererz\u00e4hlen.<br \/>\nEin interessanter protestspezifischer Befund ist, dass die &#8220;neue Macht der B\u00fcrger&#8221; vor allem vom Milieu der Kinderlosen auszugehen scheint.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: left;\">Wenn eine Konstellation die Bereitschaft und F\u00e4higkeit f\u00fcr zielstrebige, kontinuierliche Proteste ausschlie\u00dft, dann ist das diese: Kinder im Vorschulalter, die Eltern unmittelbar nach der Ausbildung ohne bereits fest kalkulierbare Berufsperspektiven (Walter 2013: 303).<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Aus der Engagementforschung ist der umgekehrte Befund bekannt: Die eigenen Kinder bieten zahlreiche Anl\u00e4sse f\u00fcr freiwilliges Engagement in familiennahen Bereichen, weshalb im Freiwilligensurvey &#8212; und nicht nur dort &#8212; auch vom &#8220;Familiengipfel&#8221; zu lesen ist (<a href=\"https:\/\/hannes-jaehnert.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/literatur\/Freiwilligensurvey_2009-lang.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Gensicke\/Geiss 2010: 162<\/a>).<br \/>\nFranz Walter stellt weiterhin die in vielen Protestfeldern offenkundige Neigung zur Expertokratie heraus, die aus der demokratietheoretischen Warte mithin groteske Z\u00fcge annimmt. So schreiben Marg, Hermann, Hambauer und Belle Beck\u00e9 \u00fcber Akteure im Feld des Protests im Zuge der Energiewende:<br \/>\n&gt;&gt;In ihren Augen existiert kein Widerspruch zwischen Demokratie als Entscheidungsprozess durch die Mehrheit und der f\u00fcr sie zwingenden Notwendigkeit, dass sie sich als faktische Minderheit mit ihrem Anliegen durchsetzen. Diese Selbstwahrnehmung k\u00f6nnen sie nur deswegen aufrechterhalten, weil sie keine Differenz zwischen ihren eigenen Werten und denen der Allgemeinheit, der Gesellschaft sehen. Aus ihrer Perspektive verf\u00fcgen sie \u00fcber die &#8216;guten&#8217; und &#8216;richtigen&#8217; Argumente, die es ihnen erlauben, einen moralischen Standpunkt einzunehmen (Marg\/Hermann\/Hambauer\/Belle Beck\u00e9 2013: 122).<br \/>\nF\u00fcr Ansgar Klein (ebd.) ist das keineswegs neu. Im Zuge der europ\u00e4ischen Finanzkrise lie\u00dfen sich in den letzten Jahren vermehrt Regierungsbildungen mit technokratischer Orientierung inkl. als &#8216;alternativlos&#8217; dargestellter Strategien des exekutiven Durchregierens beobachten. Dass also im subjektiv als krisenhaft empfundenen Protestengagement \u00e4hnliche Entwicklungen beobachten lassen, ist keineswegs \u00fcberraschend. Bemerkenswert dagegen ist die Bildung interdisziplin\u00e4rer Netzwerke aus B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern, Wissenschaftler!nnen und zivilgesellschaftlichen Akteuren.<br \/>\nUnd auch in dem Befund, die sich wandelnden Protestformen w\u00fcrden die repr\u00e4sentative Demokratie unterminieren, teilt Klein nicht. Sie tun dies nicht mehr als die Mitgliedschaft und das freiwillige Engagement im deutschen Vereinswesen. Klar ist, dass Formen und Wege gefunden werden m\u00fcssen, bislang unterrepr\u00e4sentierte Bev\u00f6lkerungsgruppen in diese Zivilgesellschaft einzubinden, weil sie einen st\u00e4ndigen Vermittlungskanal zwischen der B\u00fcrgerschaft und den Eliten unserer Gesellschaft darstellt. Bei Vermittlung kommen ganz unterschiedliche Strategien und Taktiken zum Einsatz; &#8220;direktdemokratische Anbauten&#8221; wie Volksentscheide sind da nur eine M\u00f6glichkeit von vielen. Insgesamt &#8212; das zeigen die einzelnen Darstellungen &#8212; scheint das pragmatische Arrangement mit den repr\u00e4sentativ-demokratischen Strukturen \u00fcber die unterschiedlichen Protestfelder weit verbreitet.<\/p>\n<h2>Und zum Schluss?<\/h2>\n<p>Ich kann das Buch &#8220;Die neue Macht der B\u00fcrger&#8221;, dass f\u00fcr knapp 17,- EURO im Buchhandel zu haben ist, aus zwei Gr\u00fcnden empfehlen:<\/p>\n<ol>\n<li>Es handelt sich um eine Sammlung sauberer wissenschaftlicher Studien, die aufschlussreiche Einblicke in die Welt der anderen und\/oder eine hilfreiche (Von-Au\u00dfen-) Sicht auf die eigene Lebenswelt bietet. Wer sich also mit dem (eigenen) Protest besch\u00e4ftigen m\u00f6chte und wissen will was Protestbewegungen motiviert ist bei Franz Walter und seinen Kolleg!nnen genau richtig.<\/li>\n<li>British Petrol hat die Studie finanziert und dabei sicher auch an sich selber gedacht. Ganz im Sinne <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Colin_Crouch\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Crouchs<\/a> These von der Postdemokratie, die ja von Lobbyisten gesteuert wird, die wissen, wie das System funktioniert, geben Walter und Co. hier Hinweise darauf, wo &#8216;die Gegner&#8217; der neuen B\u00fcrgergesellschaft Angriffsfl\u00e4che finden k\u00f6nnten.<\/li>\n<\/ol>\n<p><b>tl;dr: <\/b><i>Die neue Macht der B\u00fcrger &#8212; eine interessante Galerie des deutschen B\u00fcrgerprotests mit kritikf\u00e4higer Conclusio. Powered by BP. <\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Windr\u00e4der und Starkstromtrassen, Parks und Wohnquartiere, Bildung, Atomkraft, das politische System und das Internet &#8212; alles Sujets von Protestbewegungen, deren Anh\u00e4nger sich Land auf Land ab f\u00fcr das eine oder gegen das andere engagieren. 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