Hartmut Rosas Habilschrift habe ich verschlungen. Seinen Essay mit dem Versuch seine Theorie der Beschleunigung über den Begriff der Entfremdung an die Kritische Theorie der Frankfurter Schule anschlussfähig zu machen auch.
Rosa beschreibt die Beschleunigung in der Moderne als übergreifenden — totalitären — Prozess, der alle anderen Prozesse, etwa die Verständigungs- und Anerkennungsverhältnisse, umschließt. Anhand Habermas’ Kritik der Verständiungsverhältnisse zeigt er z.B., dass deren Beschleunigung die deliberative Willensbildung untergräbt, weil in immer komplexer werdenden Gesellschaften, schlicht keine Zeit dafür bleibt.
Im Ergebnis “bestimmt nicht (mehr) die Kraft des besseren Arguments über den zukünftigen politischen Kurs, sondern der Einfluss von Ressentiments, mehr oder minder irrationalen und oft flüchtigen Bauchgefühlen, suggestiven Metaphern und Bildern.”
Rosa ist ein Düstermaler! Die Schlüsse, die er — recht beschwingt — aus dem Prozess der sozialen Beschleunigung zieht, lassen sich nur mit Galgenhumor verdauen: Das Ende der Welt — atomare Katastrophen, unbändige Naturgewalten, Krieg und Seuchen — werden uns, wenn es soweit ist, kaum noch interessieren, weil wir dann schon alle in tiefe Depression gefallen sind.
Und so endet auch dieser Essay mit dem Fazit, dass wir uns immer mehr vom uns umgebenden Raum, den Dingen, der Zeit, anderen Menschen, ja sogar von unseren Handlungen und schließlich von uns selbst entfremden. Unsere ‘Bubble’ — der Radius unseres Lebens, der uns noch etwas sagt — wird immer kleiner, bis er sich auf einen Punkt in uns konzentriert, den wir ob des ständigen müssens dann auch noch aus dem Blick verlieren.
Rosa, Hartmut (2013): Beschleunigung und Entfremdung. Berlin: Suhrkamp
