Am Freitag den 23. Juni fand der Kick-Off-Workshop zur fünften Welle des Freiwilligensurveys 2019 in Berlin statt. Das Bundesfamilienministerium (BMFSFJ) hatte im März dazu aufgerufen, Impulspapiere dafür einzureichen. Gemeinsam mit Mike Weber vom Fraunhofer Institut FOKUS reichte ich einen Vorschlag ein, wie die Digitalisierung des Ehrenamts im Freiwilligensurvey künftig besser in den Blick zu nehmen sein könnte. Unser Paper war eins von 18 und wurde von der Vorbereitungskommission mit Vertreterinnen und Vertretern aus BMFSFJ, dem Deutschen Zentrum für Altersfragen (DZA) und dem Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement (BBE) als sehr konkreter Impuls für die Diskussion im Workshop angenommen.

Digitalisierung im Ehrenamt – mehr als Online-Volunteering

Inhaltlich konzentrierten wir uns in unserm gerade zweiseitigen Papier auf Funktionen der Digitalisierung im weiten Feld des freiwilligen Engagements. Mit Fragen nach diesen Funktionen, so unser Ansinnen, könnten planungsrelevante Daten für Bundes- und Landespolitik sowie Vereine und Verbände erhoben werden, die helfen, Bedarfe freiwillig Engagierter in „Delokalen und Digitalisierten Lebenswelten“ (2. Engagementbericht) besser zu adressieren und konzeptionelle Lücken zu schließen. Ganz konkret knüpften wir dabei an den zwei Items an, mit denen im Freiwilligensurvey 2014 bereits die allgemeine Internet- und Social Media Nutzung im Engagement und das Engagement über das Internet (Online-Volunteering) erhoben wurden (mehr dazu im Papier selbst).

Ich denke, dass mit den von uns vorgeschlagenen Ergänzungen zur Information und Vernetzung Ehrenamtlicher, der Nutzung technischer Assistenzsysteme (Künstliche Intelligenz, Internet of Things, Robotik usw.) im Ehrenamt sowie der Konkretisierung des Online-Engagements entlang typischer Tätigkeitsfelder (Produktion, Beratung und Organisation) ein großer Schritt in Richtung tiefer gehender Analysen zum Online-Volunteering in Deutschland getan wäre. Ich bin mir aber natürlich auch im Klaren darüber, dass die Internet- und Social Media Nutzung im Ehrenamt und das Online-Volunteering nur Teilaspekte der Digitalisierung im freiwilligen Engagement sind. Eindrücklich zeigte das – einmal mehr – die Sammlung von Potentialen der Digitalisierung im Ehrenamt, die ich gemeinsam mit Melanie Spreeberg von Kiron in einer Session beim openTransfer CAMP #Digitalisierung am 22. Juni sammelte und diskutierte.

Im Grunde – und auch das hatten Mike Weber und ich in unserem Impulspapier betont – markiert das Schlagwort Digitalisierung einen umfassenden Transformationsprozess sozialer Lebenswelten, der sich vielleicht mit dem Begriff der „Mediatisierung“ (Friedrich Krotz) fassen lässt, im Grunde aber noch sehr unscharf ist.

Nach dem Workshop ist vor dem Workshop

Insofern die Wechselwirkungen zwischen verändertem kommunikativen Handeln und dem Wandel von Alltagskultur im gesellschaftlichen Mainstream für die Engagementforschung sehr relevant sind, halte ich es für sinnvoll, das aktuell allgegenwärtige Schlagwort der Digitalisierung für den neuen Freiwilligensurvey so gut es geht zu schärfen. Und zwar gemeinsam mit zivilgesellschaftlichen Akteuren, die hierfür Fragestellungen aus vielfältigen Perspektiven einbringen können, die in der Engagementforschung bislang weitgehend ausgespart wurden. Welche Rolle könnten zum Beispiel vernetzte Sensoren (IoT), Robotik und künstliche Intelligenz künftig im freiwilligen Engagement spielen? Welche Entwicklungen sind vielleicht im Bereich des informellen Lernens im Engagement mit Blick auf „Medienkompetenz“ (Dieter Baacke) spannend? Welche neuen Formen des Sich-Engagierens und -Organisierens haben bereits an gesellschaftlicher Relevanz gewonnen? Und welche Rolle spielen Vereine, wenn das Engagement vermehrt in posttraditionalen Gemeinschaften (Ronald Hitzler) stattfindet?

Der Vorschlag, den ich in der Runde am 23. Juni also unterbreitete, war der eines anschließenden Workshops mit erfahrenen Akteuren aus dem Feld. Angesichts der vielfältigen Vorschläge zur Erweiterung des Fragebogens scheint es mir nicht zielführend weitere Ergänzungsvorschläge für den Fragebogen des Freiwilligensurveys zu sammeln. Sinnvoller ist es wohl, auf der Grundlage eines gemeinsamen Begriffsverständnisses die bestehenden Items darauf hin zu untersuchen, welche Aussagen zur Digitalisierung im ehrenamtlichen Engagement möglich und sinnvoll sind und wo vielleicht auch andere Erhebungen Lücken schließen müssen.

Chancen der Partizipation in der Engagementforschung

Der Freiwilligensurvey von 2014 hat ob seiner erstaunlich hohen Engagementquote und der beträchlichen Entfernung zu etablierten Denkmodellen der Engagementforschung vor 2016 ein echtes Akzeptanzproblem. Zu meinen eigenen Auswertungen des Freiwilligensurveys werde ich immer wieder gefragt, inwiefern, die Daten überhaupt zu gebrauchen sind, wenn jetzt auch aktives Chorsingen und Fußballspielen schon als ehrenamtliches Engagement gezählt werden. Es macht große Mühe, den Wert, den ich in den Daten sehe – und der hat wenig mit Vergleichbarkeit zu früheren Wellen zu tun – zu erklären, zumal immer wieder auch die Vermutung der politisch motivierten Manipulation der Daten durchscheinen.

Die Manipulation der Daten im Scientific Use File (SUV) halte ich für sehr unwahrscheinlich. Dass allerdings der Bericht zum Freiwilligensurvey 2014 fast zwei Jahre auf sich warten ließ, macht mir die Skepsis zumindest erklärlich. Einer Skepsis, der man im Vorfeld der Erhebung mit partizipatorischen Ansätzen wie gemeinsamen Workshops und Fachgesprächen aber auch mit einer rascheren Bereitstellung der Forschungsdaten und Befunde entgegenwirken könnte. Mein Vorschlag hierzu war, direkt nach der Erstellung des SUV eine Werkstatt mit Interessierten durchzuführen, in der konkrete Fragen unmittelbar an den noch frischen Daten bearbeitet werden können. Expertinnen und Experten, die sich mit entsprechender Analysesoftware auskennen werden dafür sicher zu finden sein.

tl;dr: