Von den Teutonen hatte ich bereits an anderer Stelle berichtet. Im Rahmen einer früheren Runde der NPO-Blogparade berichtete ich von dem witzigen Essay Johan Galtungs über intellektuelle Stile. Der ca. 20-seitige Aufsatz ist zwar schon so alt, wie ich selber bin, hat von an seiner Aktualität aber wenig eingebüßt. Vor allem an den Texten „sachsonischer“ und „teutonischer“ Autorinnen und Autoren lässt sich erkennen, dass es entscheidende Unterschiede im akademischen Gebaren gibt, die den jeweiligen Umgang miteinander prägen. Ein Musterstück eines solchen Textes will ich an dieser Stelle einmal vorstellen. Bevor ich damit aber beginne, muss zunächst die Geschichte dazu erzählt werden.
Der Hintergrund
Ich hatte letztes Semester das ‚Vergnügen‘ zwei Mal in der Woche eine psychoanalytische Supervision über mich ergehen zu lassen. Reflektiert wurde das zweimonatige Praktikum, das ich in Teilzeit über das gesamte Semester hinweg im Zentrum für Technik und Gesellschaft der TU-Berlin absolvierte. Schwerpunktmäßig ging es in diesem Forschungspraktikum um eine Vorstudie zur Personal-, Team- und Organisationsentwicklung an deutschen Hochschulen. Mit einer Methode namens „Scrum“ arbeiteten wir an einer Übersicht zu Hochschulgovernance sowie den Notwendigkeiten und Herausforderungen für eine hochschulinterne Personal- und Organisationsentwicklung.
Wie es eben üblich ist, musste auch das Modul „Praktikum und Supervision“ mit einer benoteten Arbeit abschließen. Wir Teilnehmenden sollten einen Essay von nicht mehr zehn Seiten fabrizieren, in dem wir uns einem bestimmten Aspekt unseres Praktikums herausgreifen und auf entsprechend hohem Niveau (theoriegeleitet) reflektieren sollten. Schon früh beschloss ich mich mit der empirischen Prozesssteuerung in der Wissenschaft – und genauer mit der Methode „Scrum“ – zu beschäftigen, was ich schließlich auch tat.
Mein Essay eröffnete ich mit einem Zitat der amtierenden Präsidentin der deutschen Hochschulrektorenkonferenz Margret Wintermantel, das die Wichtigkeit der Wissenschaft und Forschung für das gesellschaftliche Fortkommen betonen sollte. Hier setzte ich an und bemühte mich schlüssig aufzuzeigen, dass die „Produktion“ von Innovationen die zentrale Aufgabe universitärer Forschung ist. M.E kann die Universität als „Gelertenrepublik“ dieser Aufgabe nicht gerecht werden. Notwendig sind – und darauf wollte ich hinaus – Organisationsentwicklungen, die eine fehlerfreundliche Kultur des Miteinanders ermöglicht.
Als Selbstversuch stellte ich unser Scrum-Projekt vor, wofür ich die Methodik zunächst erläuterte und den Einsatz dieser empirischen Prozesssteuerung schließlich reflektierte – mit dem Ergebnis, dass einiges Mehr als nur guter Wille und gute Tools dazugehören, um produktive Teamarbeit in der Universität garantieren zu können.
Nach dem ich das Thema Scrum in der Supervisionsrunde einmal reflektierte, blieb es bei der verantwortlichen Professorin offenbar im Gedächtnis. Immer wieder kam sie darauf zurück und wirkte dabei sehr interessiert. Sie sagte mir auch, dass sie sich auf meine Arbeit freue und gern mehr über diese Methode erfahren möchte. Offenbar hatte ich einen Nerv getroffen und damit beste Voraussetzungen für einen gelungenen Modulabschluss.
Feedback zum Essay
Tatsächlich hatte meine Professorin die Arbeit aufmerksam gelesen und anstatt der üblichen drei Zeilen-E-Mail mit der Note ein recht ausführliches Feedbaack-Papier (4 Seiten) geschickt. Schon dass sie sich dazu hat hinreißen lassen, zeigte mir, dass sie sich für das Thema wirklich interessierte. Wie sie sich dann aber mit meinem Essay auseinandersetzte und wie das entsprechende Feedback aussah, fand ich bezeichnend für die deutsche – die teutonische – Art von Spaß und Hingabe.
Zunächst freute es mich natürlich zu lesen, dass sie meine Arbeit „sprachlich sehr klar und verständlich geschrieben“ fand und sie „unter formalen Aspekten“ als „sorgfältig verfasst“ ansah.
Der Aufbau der Arbeit ist ebenfalls gut nachvollziehbar und formal eine gute Lesehilfe. Inhaltlich verführt Ihre Stringenz in der Argumentation Sie aber vielleicht dazu, etwas zu dogmatisch Ihren/den Gedanken durchzubuchstabieren: Innovation ist die Grundlage gesell. Wohlstandes – Forschung ist die Grundlage der Innovation – Für die Forschung ist die Uni zuständig – die funktioniert aber sehr schlecht – die Exportvizeweltmeisterschaft wird verlorengehen, wenn sich die Uni nicht ändert – SCRUM könnte eine Lösung sein Unis zu effektivieren.
„Ja“, dachte ich mir, deutlicher hätte ich mich wohl nicht ausdrücken können – zumindest nicht in einem zehnseitigen Essay. Doch hätte ich das wohl nicht so leichtfertig „durchbuchstabieren“ sollen. Einige meiner Argumente, so wurde nun nämlich moniert, sind nämlich nicht plausibel (das Subjekt des Gegenübers fehlt auch im Original).
Sie halten sich an die Position Wintermantels, einer Hochschulrektorin, die von entsprechend interessierter Seite aus behauptet, Wissenschaft und Forschung seine unstrittig (!?) die Gundlage für die Entwicklung der Wirtschaft und Gesellschaft. – Grundlage ist aber die Dynamik der kapitalistischen Wertschöpfung und die Aneignung des Mehrwerts durch die kapitalistischen Betriebe auf der einen Seite: Sie leisten sich riesige Forschungs- und Entwicklungsabteilungen bzw. kaufen sich Patente und Innovationen aus dem Sektor kleiner innovativer Bastelbuden und Start-Ups ein. Auf der anderen Seite entwickelt sich die Gesellschaft ebenfalls nicht durch die Universitären Institutionen, sondern dadurch, dass sie durch politische Entscheidungen dafür sorgt, dass alle BürgerInnen am produzierten Reichtum durch Umverteilung (Steuern und Soziallohn) partizipieren. Auf diesen Abgaben/dieser Umverteilung von Mehrwertbestandteilen aus der kapitalistischen (Reichtums‑)Produktion basiert (Grundlage!) eine Gesellschaft, die mit Bildung, Infrastruktur für Datentransfer und Verkehr, Medien, Gesundheitsversorgung und sozialer Sicherheit für einen Lebensstandard und eine Produktivität der arbeitenden Bevölkerung sorgt, die ihresgleichen sucht und einen – zumindest in den Jahrzehnten zwischen den 50er und 70er Jahren für einen relativ stabilen Rahmen ihrer Produktionsweise gesorgt hat.
So fand sie also schon Anstoß in den ersten Zeilen meines Essays, die noch nicht einmal von mir selbst stammten, sondern lediglich als Auftakt zitiert wurden. Vielleicht meint Wintermantel ja wirklich, dass Wissenschaft und Forschung die Grundlage für Wirtschaft und Gesellschaft ist. Aus der Eröffnungsrede einer Fachtagung lässt sich das schwer herauslesen. Ich schrieb jedenfalls das Wissenschaft und Forschung die wichtigste Grundlage (was nicht „die einzige“ heißt) für das nationale Fortkommen ist. Aber sei’s drum! Auf die erste Seite meiner Einleitung passt leider nur eine „unterkomplexe Analyse, die Dynamik wirtschaftlicher Entwicklung den Unis zuzuschreiben“
Genauso eindimensional ist aber auch die Selbstverständlichkeit, mit der Sie fordern, den Status der Exportweltmeisterschaft Deutschlands für die Zukunft fortzuschreiben. Es ist gerade dieses Handelsbilanzdefizit, das andere Länder in wirtschaftliche Schwierigkeiten treibt, in unterentwickelten Ländern gar bis zum völligen Erliegen wirtschaftlicher Entwicklung, in Teilen Afrikas zum Beispiel zur Hungersnot führt, weil die Agrarindustrie Deutschlands Produkte dorthin exportiert, die dann die heimischen Märkte und damit die nationale Agraproduktion in den betroffenen Entwicklungsländern zerstören.
Auch auf die ethische Reflexion wissenschaftlicher Entwicklungen – ob aus F&E-Abteilungen internationaler Konzerne, aus „Bastelbuden und Start-Ups“ oder der universitären Forschung – konnte ich leider nicht ausführlich eingehen. Ich finde es aber etwas kurz gedacht, die „Produktion von Innovation“ allzu wörtlich zu nehmen und nicht auch die Reflexion wissenschaftlicher Erkenntnisse einzubeziehen. Zumindest stimmt mir Frau Professorin darin zu, „dass es vielleicht ja auch sozial- und wirtschaftswissenschaftliche Erkenntnisse/Innovationen sein könnten, die aus dieser Lage herausführen könnten.“ Wenn ich nicht dieses schlagende, ja populistische Argument des Erhalts unseres Wohlstands durch die Reproduktion sozialer Schieflagen genannt hätte, wäre mir wohl nicht nur darin zuzustimmen.
Zum Glück – dachte ich mir beim Lesen – trifft meine Analyse des Wissenschaftssystems zumindest „in Teilen“ zu. Zumindest von der Überrepräsentanz der Pedanterie im Wissenschaftsbetrieb kann ich schließlich Lieder singen. Doch ist es wohl wahr, dass Hochschullehrerinnen und Hochschullehrer nicht zur gesellschaftlichen Elite gehören. „HochschullehrerIn ist ein sozialer Aufstiegsberuf“, die Elite des Landes, das sind andere. Da ich mich aber auf die Hochschule und ganz speziell auf die universitäre Forschung konzentrierte, stimme zumindest ich mir zu, dass Professorinnen und Professoren in diesem gesellschaftlich nicht unwichtigen Teilsystem durch aus die Elite sind. Das Problem, dass ich – übrigens in Anschluss an Wolf Wagner – darin sehe, ist, dass mit dem Verweis auf die Wissenschaftsfreiheit eine fatale Selbstbezüglichkeit reproduziert wird, die der gesellschaftlichen Verantwortung der Universität (s.o) mitnichten gerecht wird.
[Doch] ist die Freiheit von Forschung und Lehre keine hohle Phrase. Die Vereinnahmung der Universität für Ihr eindimensionales und – unter Aspekten des internationalen Friedens und gleichberechtigter Entwicklungschancen aller Nationen und Kontinente ethisch schlecht begründbares – Ziel der Stärkung der Exportwirtschaft durch universitäre Innovationsförderung, käme einem Offenbarungseid der demokratischen Verfassung und Selbstverwaltung unserer Gesellschaft gleich.
Sicher: Wissenschaft allein für die Exportweltmeisterschaft zu verzwecken, kann nicht das Ziel der Weiterentwicklung der Organisation Hochschule sein. Das wäre wirklich eindimensional. Wissenschaftliche Forschung und ihrer Ressourcen aber allein der Reputation von Professorinnen und Professoren zu opfern finde ich auch nicht gerecht und bleibe dabei: In Sachen Effektivität und Effizienz muss sich in der Hochschule etwas tun. Zum Beispiel durch die Einführung moderierter Prozesssteuerungstools wie Scrum.
Gerade hier bleibt Ihre Analyse aber zu sparsam: Dieses Methapher des scrum müsste nun ausinterpretiert werden, das Problem, das sie lösen soll, müsste in Analogie zum Rugby, diesem Spiel und seinen speziellen Regeln (z.B. der bemerkenswerten, dass der Ball immer nur nach hinten abgegeben werden darf!!!) analysiert bzw. dargestellt werden. – Da wäre hilfreich gewesen, wenn Sie die Idee, die an Ihrer Praktikumsstelle verfolgt wurde, plastischer gemacht hätten.
Dabei wäre Sie dann und sind es ja teilweise auch auf die Problematik der Unterfinanzierung und der Destabilisierung der Unis durch diese Unterfinanzierung gestoßen: Teilzeitkräfte, befristete Kräfte, Praktikanten – allein die Einarbeitung dieser MitarbeiterInnen kostet viel Zeit, die dann für die tatsächliche Forschung, bei der es eben auch auf einen langen Atem und auf die Ausbildung der Nachwuchskräfte (den Ball nach hinten abgeben und sich dabei gemeinsam nach vorne bewegen – ein tolles Bild finde ich!) ankommt, fehlt. Dadurch wird der bescheidene Forschungsoutput Besonderheiten des Verhaltens zugeschrieben, wo sie tatsächlich logische Folge schlechter Rahmenbedingungen sind. Gut ausgestattete universitäre Fachgebiete und Institute sind eine überaus lebendige, kommunikative und kreative Angelegenheit. Das macht ja auch die Faszination der Forschung an den Hochschulen aus, sonst hätten wir für diese unsicheren Stellen und bei der über lange Jahre eher mageren Bezahlung (Teilzeitstellen!!!) gar keine InteressentInnen mehr.
Hier lässt sich tatsächlich schwer widersprechen. Schon deshalb nicht, weil sie mir in gewisser Weise zustimmt (oder doch nicht?). Ob das Bild des Scrum nun wirklich weiter auszuinterpretieren sei, bezweifle ich zwar – es ist lediglich eine Metapher für die effektive Zusammenarbeit eines heterogen besetzten Teams – doch ist tatsächlich etwas dran, dass wissenschaftlich Mitarbeitende irgendwas an ihrer faktisch prekären Beschäftigung in universitären Forschungseinrichtungen finden müssen. Würde ich diesem Argument aber konsequent folgen, müsste ich fragen, warum nicht so gut laufenden, nicht so gut ausgestatteten Einrichtungen und Instituten die Mitarbeitenden dann nicht schon lange weg gelaufen sind …
Fazit
Ich habe dieses Beweisstück teutonischer Hingabe am Montagmorgen bekommen und vor lauter Neugier gleich am Frühstückstisch gelesen. Auch wenn es nicht das Anliegen dieses Beitrags war, kam ich doch nicht umhin, meine Gedanken dazu nieder zu schreiben. Ich bin eben auch ein Teutone, der ganz intuitiv auf die (vermeintlichen) Schwachpunkte der Argumentation des Gegenübers achtet und eben auch geneigt ist, entsprechend zu reagieren. Auch wenn ein Gros der Aussagen meiner werten Professorin nicht unbedingt anerkennend klingt, hat mir die Beschäftigung mit diesem Papier doch einiges an Spaß bereitet. Vielleicht ebensolchen Spaß, wie der meiner Gegenüber; Spaß und Hingabe auf teutonisch – nicht ganz alltäglich im Studium.

frisch gebloggt: "Spaß und Hingabe auf teutonisch — nicht ganz alltäglich im Studium" http://ow.ly/1sPtIN
[…] ehemaliger Professor für politische Systeme Dr. Wolf Wagner war so freundlich die von mir als “teutonisch” bezeichnete Rückmeldung auf meine Seminararbeit “Scrum for Science” auf einer Metaebene zu analysieren. Ich […]