Online-Volunteering, so heißt es oft, wäre vor allem etwas für junge Menschen; Engagement 2.0 für Teenager. Als ebensolches hat es auch schon Eingang in die Engagementforschung gefunden (z.B. Begemann et al. 2011). Mit ernüchternden Ergebnissen! Zwar steht das Internet ganz offenbar nicht in Konkurrenz zum freiwilligen Engagement, doch scheinen Teenager — gemessen z.B. am Betreiben eines eigenen Weblogs — nicht sonderlich affin, was das Online-Engagement betrifft (ebd. 5f.).

Nun bietet das Online-Volunteering als freiwilliges Engagement im und über das Internet natürlich noch ein paar mehr Möglichkeiten als sie von Begemann und Kollegen 2011 in Erwägung gezogen wurden (ebd. 14f.). Über die technische und inhaltliche Weiterentwicklung des Internets hinaus sind ja auch Engagements möglich, die vorrangig dem Menschen ‘am anderen Ende der Leitung’ zu Gute kommen — die Gestaltung von Präsentationen oder die Beratung in technischen Fragen, um hier nur zwei Beispiele zu nennen.

Wie es also um das Online-Engagement von Teenagern in Deutschland bestellt ist, war eine meiner ersten Fragen an die Daten des neuen Freiwilligensurveys

Die Findings im Überblick:

  • Relativ gesehen gehören Teenager zu den am wenigsten im Netz engagierten Freiwilligen. Sogar ihre Oma- und Opa-Generation engagieren sich häufiger (auch) im Internet.
  • Internet und Soziale Medien sind im Engagement während der “Nestbauphase” (zwischen 20 und 35) Standard. Twens (den 20- bis 29-Jährigen) engagieren sich am häufigsten online.
  • Im Allgemeinen zeigt sich das Online-Volunteering im Vergleich der Altersgruppen vorrangig als Möglichkeit freiwilliges Engagement räumlich und zeitlich flexibel zu gestalten. 

Online-Volunteering: nur für Erwachsene!

In den Interviews für den Freiwilligensurvey wurden jene, die ein oder mehrere Freiwilligentätigkeiten angaben, recht umfassend zu ihrem zeitaufwändigsten Engagement befragt. Unter anderem werden Sie gefragt, ob sie für ihr Engagement das Internet bzw. das Web 2.0 nutzen und ob ihr Tätigkeit  “ausschließlich”, “überwiegend” oder “nur teilweise” im Internet stattfindet (vgl. Simonson/Vogel/Tesch-Römer 2016: 298f.). Streng genommen sind die Quoten zum Online-Volunteering also etwas zu gering. Eingeschlossen sind hier nur jene Freiwilligen, die angaben, sich in ihrer zeitaufwändigsten Tätigkeit über das Internet engagieren — jene, die (‘nebenher’) weniger zeitaufwändige Engagements über das Internet leisten, wurden nicht mitgezählt. Das soll hier aber nicht weiter stören. Zum einen sollte den Quoten und ihren Nachkommastellen ohnehin nicht zu viel Gewicht beigemessen werden, zum anderen wird das Wesentliche schon in den Grafiken deutlich, was einen zahlenmäßigen Vergleich überflüssig macht.

Online- und Onstige-Engagement in 13 Altersgruppen

Was in der Grafik des Online- und Onsite-Engagements in 13 Altersgruppen zuerst auffällt ist, das die These vom Engagement 2.0 für Teenager ganz offenbar nicht stimmt. Weit über die Hälfte der 14- bis 19-jährigen engagiert sich nicht einmal teilweise über das Internet. Die Erklärung dafür könnte sein, dass Engagementgelegenheiten für Teenager üblicher Weise kein Online-Engagement vorsehen. Abgesehen von Aspekten der Medienbildung und -erziehung müssen sie das auch nicht unbedingt. Die allermeisten Teenager gehen noch zur Schule und sind daher bei ihrem Engagement nicht auf räumliche und zeitliche Flexibilität angewiesen.Das sich die relativ niedrige Internetnutzung im Engagement der Teenager (siehe auch Grafik unten) negativ auf ihr künftiges (Online-)Engagement auswirkt, ist nicht anznehmen, anhand dieses Querschnitts aber auch nicht auszuschließen.

Der Bedarf nach Flexibilität im freiwilligen Engagement ist ab dem 20. Lebensjahr scheinbar ein anderer: In allen Altersgruppen zwischen 20 und 70 Jahren engagieren sich über die Hälfte der Freiwilligen mindestens teilweise über das Internet. Erst bei den älteren Freiwilligen ab 70 Jahren überschreitet das Onsite-Engagement wieder die 50%-Marke. Als Erklärung liegt hier natürlich nahe, dass die über 70-jährigen das WWW und die Sozialen Medien  erst spät in ihrem Leben kennen und nutzen gelernt haben und deshalb in ihrem Engagement weniger darauf zurück greifen. Hier ist ebenso anzunehmen, dass sie das auch nicht unbedingt müssen, weil sie — ähnlich wie die Schüler — nicht so sehr auf räumliche und zeitliche Flexibiliät angewiesen sind. Dass sich zumindest die 70- bis 74-jährigen trotzdem beinahe zur Hälfte auch online engagieren, könnte darauf hindeuten, dass die Engagementgelegenheiten in diesem Alter andere — weniger bevormundende — sind.

Spannend fand ich auch die deutlich höheren Anteile der Twens, die sich mindestens überwiegend über das Internet engagieren. Erklärt werden könnte dies mit der hohen Mobilität junger Erwachsener, die für Ausbildung, Studium und Berufseinstieg häufig den Wohnort wechseln müssen. Anzunehmen ist, dass einige das Engagement, dem sie an ihrem früheren Wohnort nachgegangen sind, — zumindest für gewisse Zeit — über das Internet weiter führen bzw. versuchen mit dem Online-Volunteering die zahlreichen Herausforderungen dieser Lebensphase mit dem freiwilligen Engagement unter einen Hut zu bringen.

Internetnutzung und Web 2.0 im freiwilligen Engagement in 13 Altersgruppen

Eine ganz andere Vermutung zu dem Überhang an mindestens überwiegend im Internet engagierten jungen Erwachsenen ist, dass das Online-Volunteering in der Tat eine Art ‘Nebenprodukt’ verstärkter Web 2.0-Nutzung im Engagement ist. Die 20- bis 35-jährigen sind definitiv die ‘Netizens’ unter den Engagierten — unter den 25- bis 29-Jährigen findet sich gar überhaupt niemand mehr, der sich ganz ohne das Internet engagiert. Und auch die Sozialen Medien stehen hier vergleichsweise hoch im Kurs. Es ist durchaus möglich, dass sich in den Soziotopen des Web 2.0 alternative Engagementgelegentheiten auftun, die aus den genannten Gründen, aber vielleicht auch nach dem Motto ‘etwas neues ausprobieren’, eher von den Twens als anderen Altersgruppen aufgegriffen werden.

Schluss

Sicher darf man die (hoffentlich) ansehnliche Grafiken — und ihnen zu Grunde liegenden Daten — nicht überinterpretieren.Es handelt sich nur um einen Querschnitt durch 13 Altersgruppen, was Aussagen zur Entwicklung im Engagement zu bloßen Vermutungen macht. Relativ sicher lässt sich sagen, dass das Online-Volunteering als Möglichkeit der räumlichen und zeitlichen Flexibilisierung des Engagements recht weit verbreitet ist und ganz besonders dort aufscheint, wo es am sinnvollsten die Integration von Engagement, Beruf, Studium und Familie befördert.

PS: Ich konnte mich nicht entscheiden: Grafiken bunt oder schwarz-weiß? Was meint ihr?