… Mal wieder ein theoretisches Problem, dass es für die Diplomarbeit zu lösen gilt: Schon am Ende des letzten Beitrags schrieb ich von begrifflichen Abgrenzungsschwierigkeiten zwischen Freiwilligenarbeit und Bürgerbeteiligung. Zwar vermute ich schon jetzt, dass die Grenzen zwischen Bürgerbeteiliugng und freiwilligem Engagement verschwimmen, doch will ich mich an dieser Stelle einmal auf die Suche nach einer Grenzlinie machen.
Vielleicht könnte man meinen, dass die Suche nach einer Unterscheidung zwischen freiwilligem Engagement und Bürgerbeteiligung Haar- oder Begriffsspalterei ist. Für meine Arbeit, die ja auch einen wissenschaftlichen Anspruch hat, denke ich aber, dass eine — zumindest theoretische — Trennlinie zwischen Bürgerbeteiligung und freiwilligem Engagement gezogen werden muss. Der Untersuchungsgegenstand der Motivationsstrategien zum freiwilligen Online-Engagement währe sonst nichts weiter als ein Formloser “Allerweltsbegriff”, wie ihn Adalbert Evers (2009) schon dem „bürgerschaftlichen Engagement“ in der politischen Diskussion unterstellt (S. 66-79). Ein Begriff also, der alles und damit nichts bezeichnet — ein Begriff ohne Form.
Im Bereich der Freiwilligenarbeit über das Internet stoße ich immer wieder auf Modelle, die irgendwo zwischen Bürgerbeteiligung und Freiwilligenarbeit schweben. Das sog. “Crowdsourcing” ist ein solcher Fall. Die Wikipedia, die Denkprozesse ziemlich erfolgreich der Intelligenz der Masse überlässt — also “crowdsourced” — kann hier stellvertretend für viele andere Mischformen von Bürgerbeteiligung und Freiwilligenarbeit stehen.
Kurt Jansson, Patric Danowski und Jakob Voss definieren in ihrem Artikel “Kreative Anarchie für den freien Informations- und Wissensaustausch” (2006) das Beteiligungstool Wiki als eine Web- Anwendung, bei der zwischen Produzierenden und Rezipierenden nicht unterschieden wird und auch nicht unterschieden werden kann (S. 159ff). Im Grunde kann sich demnach jeder und jede als Wikipedianer bezeichnen, der oder die die Wikipedia in irgendeiner Weise mitgestaltet. Eine Abgrenzung zwischen der Bürgerbeteiligung (dem Einfach-Mal-Seine-Meinung-Auf-Der-Diskussionsseite-Hinterlassen) und der tatsächlichen Freiwilligenarbeit (in der Form der Artikelerstellung und -überarbeitung) gibt es nicht.
Eine solche Abgrenzung ist für die Wikipedia sicherlich auch nicht nötig. Die freie Internet Enzyklopädie ist schließlich als niederschwelliges Community-Projekt angelegt, das niemanden ausschließen soll. Doch stellt sich für mich dann die Frage, ob ich überhaupt irgendwo einen formscharfen Untersuchungsgegenstand im Bereich der Freiwilligenarbeit finden kann, wenn doch jede Form der Bürgerbeteiligung mit freiwilligem Engagement betitelt werden kann.
Der Definition der Enquete-Kommission “Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements” (2002) zu folge ist die (wie auch immer geartete) Beteiligung an Projekten wie der Wikipedia tatsächlich freiwilliges Engagement. Schließlich ist es eine völlig freiwillige, unentgeltliche, vernetzte und öffentliche Tätigkeit die einen Anspruch auf Gemeinnützigkeit erhebt.
Da hier also keine eindeutige Trennlinie zwischen Bürgerbeteiligung und Freiwilligenarbeit zu finden ist, muss es dann wohl doch die wissenschaftliche Brechstange sein, mit der ein formscharfer Begriff aus der Realität gebrochen wird, den man dann auch tatsächlich untersuchen kann.
Wie schon im letzen Beitrag angedeutet, scheint mir dieser formscharfe Begriff das Ehrenamt im Internet zu sein, mit dem eine Abgrenzung zur Bürgerbeteiligung konstruiert werden könnte. Hier ist schließlich auch die Aussage der Enquete-Kommission (2002) eindeutiger:
“Im breiten Feld möglicher Formen des Engagements bezeichnet das Ehrenamt stärker formalisierte, in Regeln eingebundene und dauerhafte Formen des Engagements” (S. 32).
In dieser Definition des ehrenamtlichen Engagements wird der der Freiwilligenarbeit neben einem Zeitfaktor auch die Feststellung angehängt, dass das Ehrenamt kein einfaches Engagement für (irgend)eine Aufgabe ist, sondern eine relativ dauerhafte Einbindung in die Organisation erfordert.
Abstrakt ausgedrückt bezeichnet Freiwilligenarbeit also das (vll. wiederkehrende) punktuelle Engagement für die Erledigung einer Aufgabe und Ehrenamt das dauerhafte Engagement inerhalb der Strukturen (irgend)einer Organisation.
Für eine Untersuchung der Motivationsstrategien zum Online-Engagement müsste ich mich also lediglich auf die ehrenamtlich Engagierten beziehen, wenn ich nicht die Motivationsstrategien zur Bürgerbeteiligung untersuchen will. Diese sind zwar im Sinne der Responsivität eng mit dem Online-Engagement (freiwillig oder ehrenamtlich) verknüpft, allerdings nicht Gegenstand meiner Arbeit.

Hallo Hannes,schauen Sie doch einmal, was eine Organisation zu diesem Thema schreibt.Standards zum freiwilligen Engagement
Danke Herr Schmidt, ich werd’ es mir mal genauer anschauen. Derzeit bin ich mir nicht sicher ob und wie eine PRAKTISCHE Abgrenzung überhaupt möglich ist…